3. Hinweis: Der Text wiederholt sich (1. Teil)

Jeder, der die Bibel aufmerksam liest, stößt unweigerlich auf eines der wichtigsten sprachlichen Mittel der biblischen Autoren: die Wiederholung. Es wimmelt nur so vor Wiederholungen in diesem Buch! Das fängt bereits ganz am Anfang an – schon das erste Kapitel der Bibel ist voller Wiederholungen. Dieses ständige Wiederholen mag uns seltsam vorkommen, da uns beigebracht wird Wiederholungen zu vermeiden, zumindest wortwörtliche Wiederholung von Worten oder Phrasen. In der Schule lernen wir stattdessen ein Synonym zu verwenden oder Gedanken umzuformulieren. In der Bibel ist es aber genau andersherum. Ganz bewusst wiederholen die biblischen Schreiber bestimmte Worte oder Phrasen in einem Text, um etwas deutlich zu machen. Oder sie wiederholen etwas, bauen dabei aber eine leichte Veränderung ein – eine „Wiederholung mit Variation“ also. Sie tun das nicht, weil es langweilig gewesen wäre das Gesagte wortwörtlich zu wiederholen, sondern weil sie durch die Veränderung, durch die Variation eine bestimmte Aussage machen möchten. Für uns als Leser ist es deshalb sehr wichtig, auf beides zu achten: auf wortwörtliche Wiederholungen als auch auf Wiederholungen mit Variation.

Leider sind viele moderne Übersetzungen nicht sehr hilfreich, wenn es darum geht Wiederholungen zu erkennen. Weil vielen Übersetzern nicht bewusst ist, wie wichtig das sprachliche Mittel der Wiederholung für die biblischen Schreiber ist, benutzen sie oft verschiedene deutsche Worte, um ein bestimmtes hebräisches oder griechisches Wort zu übersetzen, das mehrmals in einem bestimmten Text vorkommt. Das bedeutet, dass im Deutschen die Wiederholung von Worten und Phrasen nicht immer klar erkennbar ist. Deswegen ist es wichtig, die Originalsprachen zu können, in denen die Bibel geschrieben wurde – oder, falls dies nicht möglich ist, eine Übersetzung zu verwenden, die so nah wie möglich an den Originalsprachen dran ist (z.B. die Elberfelder oder Schlachter Übersetzungen). Zugegeben, selbst die originalgetreusten Übersetzungen sind nicht immer konsequent, wenn es um die Wiederholung von Worten oder Phrasen geht. Aber sie sind immer noch besser als andere, freiere Übersetzungen oder Übertragungen.

Hier ist ein Beispiel aus der Josefsgeschichte, das zeigt, wie ein biblischer Schreiber durch gezieltes Wiederholen seine Botschaft vermittelt. (Die drei Beispiele, die ich in den letzten beiden Posts gegeben habe, funktionieren übrigens genauso. In jedem dieser Texte setzt der Autor gezielt Wiederholungen ein, um etwas deutlich zu machen.)

1. Beispiel: 1. Mose 37-39

In 1. Mose 37 lesen wir, wie Josef seine Brüder besucht, in eine Grube geworfen und schließlich in die Sklaverei verkauft wird. Um ihr Verbrechen zu verbergen, tun die Brüder Folgendes:

“Da nahmen sie den Leibrock Josefs und schlachteten einen Ziegenbock und tauchten den Leibrock in das Blut. Dann schickten sie den bunten Leibrock hin und ließen ihn ihrem Vater bringen und sagen: Das haben wir gefunden. Untersuche doch, ob es der Leibrock deines Sohnes ist oder nicht! Da untersuchte er ihn und sagte: Der Leibrock meines Sohnes! Ein böses Tier hat ihn gefressen; zerrissen, zerrissen ist Josef!” (1. Mose 37,31-33)

Nachdem Jakobs Trauer über den vermeintlichen Tod seines Sohns beschrieben wurde, wird am Ende von Kapitel 27 kurz berichtet, dass Josef in Ägypten an Potifar verkauft wurde. Im nächsten Kapitel wird plötzlich zu einer Geschichte über Juda geschwenkt. Erst in 1. Mose 39 kehrt die Erzählung zu Josef zurück. Dieser Wechsel in Kapitel 38 hat schon viele Leser verwirrt. Warum dieses Zwischenspiel über Juda? Warum geht der Schreiber nicht sofort zu Kapitel 39 über? Viele Theologen haben keinen guten Grund für diesen Wechsel gefunden und deswegen gefolgert, dass Kapitel 38 später hinzugefügt worden sein muss. Wenn man den Text jedoch aufmerksam liest, stellt man fest, dass Kapitel 38 aus gutem Grund zwischen Kapitel 37 und 39 platziert wurde.

Zunächst muss uns die Wichtigkeit Judas in der „Josefgeschichte“ bewusst werden, also seine Rolle in 1. Mose 37-50. Nicht nur Josef, sondern auch Juda spielt in diesen Kapiteln eine entscheidende Rolle. Zum Einen ist es Juda, der Josef das Leben rettet, indem er seinen Brüdern vorschlägt, Josef an die Ismaeliter zu verkaufen (1. Mo 37,26-27). Später ist es Juda, der im Auftrag seiner Brüder spricht, als sie vor Josef in Ägypten stehen. Angesichts Judas wesentlicher Rolle in der großen Geschichte als solche, sollte es uns nicht überraschen, dass ein ganzes Kapitel in dieser Geschichte einer Episode aus seinem Leben gewidmet ist. Warum aber ist diese Episode genau an diese Stelle in der Geschichte gesetzt worden?

Zum Einen, um Juda und Josef miteinander zu vergleichen. Eine Gegenüberstellung von Kapitel 38 und Kapitel 39 macht dies deutlich. Beachte, dass sowohl Juda als auch Josef sich von ihren Brüder trennen, hinabgehen und zu einem Mann kommen, bei dem sie sehr erfolgreich werden (38,1; 39,1). Während Juda sich jedoch im weiteren Verlauf von Kapitel 38 der sexuellen Versuchung hingibt, flieht Josef in Kapitel 39 davor. Dort wo Juda fällt ist Josef treu. Beachte auch, dass in beiden Fällen Gegenstände zurückgelassen werden, die als Beweismittel dienen.

Aber was ist mit Kapitel 37? Was hat dieses Kapitel mit Kapitel 38 zu tun?

Das Problem in Kapitel 38 ist Folgendes: Judas Schwiegertochter Tamar sollte mit Judas jüngstem Sohn Schela verheiratet werden, nachdem ihre ersten zwei Ehemänner (Schelas ältere Brüder) nacheinander gestorben waren. Diese Verbindung, die als Schwagerehe bezeichnet wird, stellte sicher, dass der Name des Mannes, der starb ohne Nachkommen zu hinterlassen, nicht ausstirbt (siehe 5. Mo 25,5-10). Weil Tamar Schela allerdings nicht zum Ehemann erhält, verkleidet sie sich und setzt sich an den Weg. Juda sieht sie, denkt, sie sei eine Prostituierte und sagt ihr, dass er mit ihr schlafen möchte. Als Zahlung verspricht er, ihr ein Ziegenböckchen von seiner Herde zu schicken. Sie möchte aber ein Pfand, bis er ihr das Tier schickt und so gibt er ihr seinen Siegelring sowie seine Schnur und seinen Stab. Nachdem er mit ihr geschlafen hat, wird sie schwanger. Dann geht die Geschichte folgendermaßen weiter:

„Und es geschah nach etwa drei Monaten, da wurde dem Juda berichtet: Deine Schwiegertochter Tamar hat Hurerei getrieben, und siehe, sie ist sogar schwanger von Hurerei. Da sagte Juda: Führt sie hinaus, sie soll verbrannt werden! Als sie nun hinausgeführt wurde, da sandte sie zu ihrem Schwiegervater und ließ <ihm> sagen: Von einem Mann, dem dies gehört, bin ich schwanger. Und sie sagte: Untersuche doch, wem dieser Siegelring und diese Schnur und dieser Stab gehört! Da untersuchte es Juda und sagte: Sie ist im Recht mir gegenüber, deswegen weil ich sie meinem Sohn Schela nicht gegeben habe. Und er erkannte sie künftig nicht mehr.“ (1. Mo 38,24-26)

Ist dir etwas aufgefallen? Woran erinnert dich diese Szene? An dieser Stelle ist es sehr hilfreich auf die Wiederholungen zu achten. Dann muss einem nämlich auffallen, wie ähnlich diese Szene der oben erwähnten Situation am Ende von Kapitel 37 ist. In beiden Szenen wird einer Person etwas gebracht – mit der Bitte, es zu identifizieren. In beiden Fällen erkennt die Person das Gebrachte und macht dann eine Aussage. Diese Parallelen scheinen kein Zufall zu sein. Stattdessen hat der biblische Schreiber diese Geschichte in Kapitel 38 ganz bewusst direkt nach Kapitel 37 gesetzt, um unter anderem zu zeigen, dass Juda genau so ausgenutzt und getäuscht wird, wie er und seine Brüder ihren Vater ausgenutzt und getäuscht haben. Was er anderen angetan hat, wird nun ihm angetan. Judas Reaktion am Ende von Kapitel 38 deutet jedoch schon auf den Wandel hin, der sich in seinem Leben im Laufe der großen Geschichte vollzieht. Kapitel 38 ist somit ein wichtiger Teil der Josefsgeschichte und genau an der richtigen Stelle platziert worden

2. Hinweis: Alles ist wichtig (2. Teil)

Wie versprochen kommen hier zwei weitere Beispiele, die zeigen, wie wichtig es ist, auf Details im Text zu achten.

2. Beispiel: 1. Mose 28

In 1. Mose 28 hat Jakob gerade sein Zuhause in Beerscheba verlassen, nachdem er sich den Segen von seinem Vater erschlichen hat.

In Vers 11 heißt es:

„Und er gelangte an eine Stätte und übernachtete dort; denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen von den Steinen der Stätte und legte ihn an sein Kopfende und legte sich nieder an jener Stätte.“

Auch über diesen Vers könnte man wieder viel sagen. Ich möchte jedoch an dieser Stelle nur auf den Nebensatz „denn die Sonne war untergegangen“ aufmerksam machen. Diese Information scheint wieder unnötig zu sein. Doch als verständige Leser wissen wir, dass der Autor solche Details nicht einfach nur zum Spaß erwähnt. Warum erwähnt er ausdrücklich, dass die Sonne untergangen war?

Kapitel 28 gibt uns auf diese Frage nicht wirklich eine Antwort. Daher bleibt uns nichts anderes übrig, als einfach weiterzulesen. Also lesen wir Kapitel 29. Immer noch keine Antwort. Kapitel 30. Kapitel 31. Wieder nichts. Erst wenn wir Kapitel 32 aufmerksam lesen, scheint sich eine Antwort anzudeuten. In diesem Kapitel befindet sich Jakob auf dem Weg zurück nach Hause. Er geht also in die entgegengesetzte Richtung als noch in Kapitel 28. Als er hört, dass ihm sein Bruder Esau mit 400 Mann entgegenkommt, schickt er ihm Geschenke, teilt seine Familie und seinen Besitz in verschiedene Gruppen auf, betet und kämpft dann die ganze Nacht mit einem geheimnisvollen Fremden. Nachdem der Fremde ihn segnet, heißt es in Vers 32:

„Und die Sonne ging ihm auf, als er an Pnuël vorüberkam; und er hinkte an seiner Hüfte.“

Als Jakob das Land verlässt, geht die Sonne unter. Als er in das Land zurückkehrt, geht die Sonne auf. Der Schreiber hat diese Information ganz bewusst an diesen beiden Stellen in der Geschichte platziert, um etwas über die Zeit zu sagen, in welcher Jakob vom verheißenen Land entfernt lebt: es ist eine Zeit der Dunkelheit. Jakob hat seine Familie betrogen und verlässt sein Zuhause mit einem schlechten Gewissen. Als er das Land verlässt, geht die Sonne unter. Und, im Bilde gesprochen, bleibt die Sonne die nächsten zwanzig Jahre unten. Erst als er in das Land zurückkehrt, den Segen auf angemessene Weise empfängt und sich mit seiner Familie versöhnt, geht die Sonne wieder auf. Der Sonnenunter- und aufgang wird in der Geschichte also sehr bewusst erwähnt, um das Erlebnis Jakobs feinsinnig zu kommentieren.

3. Beispiel: 1. Mose 16

1. Mose 16 erzählt, wie Abram und Sarai versuchen, durch ihre Magd Hagar ein Kind zu bekommen. Beachte, wie die Geschichte beginnt:

„Und Sarai, Abrams Frau, gebar ihm keine Kinder…“

Als aufmerksame Leser muss uns sofort auffallen, dass Sarai hier als Abrams Frau vorgestellt wird. Das ist wichtig, denn der Autor hätte dieses kleine Detail nicht einfügen müssen. Wir wissen nämlich schon von vorherigen Begebenheiten, dass Sarai Abrams Frau ist, weshalb der erste Satz in 1. Mose 16 theoretisch auch ohne diese Information funktionieren würde. Interessanterweise wird dasselbe in Vers 3 noch einmal erwähnt:

„Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre Magd, die Ägypterin Hagar, nachdem Abram zehn Jahre im Land Kanaan gewohnt hatte, und gab sie Abram, ihrem Mann, ihm zur Frau.“

Beachte, wie hier nicht nur wiederholt wird, dass Sarai Abrams Frau ist, sondern auch extra erwähnt wird, dass Abram ihr Mann ist. Dies scheint wirklich unnötig und überflüssig zu sein. Es gibt viele andere Geschichten über Abram und Sarai, wo das nicht erwähnt wird. Warum also hier?

Ich glaube, dass einer der Hauptgründe darin liegt, dass in dieser Geschichte die gesellschaftliche Stellung und die Beziehung der verschiedenen Personen zueinander eine entscheidende Rolle spielen. Sarai ist Abrams Frau und Abram ist ihr Mann, während Hagar nur eine Magd ist. Es besteht also ein sehr scharfer Kontrast zwischen Sarai und Hagar, der durch die wiederholte Erinnerung, dass Sarai Abrams Frau ist, hergestellt wird. Doch es ist eben genau diese Ehefrau von Abram, die dem eigenen Mann ihre Magd zur Frau gibt! Hagar wird allerdings niemals als „Abrams Frau“ bezeichnet, genauso wenig wie Abram „ihr Mann“ genannt wird. Dadurch macht der Schreiber deutlich, dass die einzig legitime Ehe die zwischen Sarai und Abram ist. Das deutet auch darauf hin, dass das, was Sarai und Abram hier machen, nicht richtig ist. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass bestimmte Formulierungen in 1. Mose 16,3 sehr an 1. Mose 3,6 erinnern. Die Parallelen sind offensichtlich:

„Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert war, Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.“ (1. Mose 3,6)

„Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre Magd, die Ägypterin Hagar, nachdem Abram zehn Jahre im Land Kanaan gewohnt hatte, und gab sie Abram, ihrem Mann, ihm zur Frau.“ (1. Mose 16,3)

Beachte auch, dass der Mann in beiden Fällen auf die Stimme seiner Frau hört:

Und zu Adam sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und gegessen hast von dem Baum“ (1. Mose 3,17)

„Und Abram hörte auf Sarais Stimme“. (1. Mose 16,2)

Indem er die Geschichte in 1. Mose 16 so schreibt, dass der aufmerksame Leser an 1. Mose 3 erinnert wird, scheint der Autor anzudeuten, dass Sarai eine neue Eva ist und Abrams Verbindung zu Hagar ein neuer Sündenfall. Obwohl das, was in der Geschichte passiert, nie offen und direkt bewertet wird, finden sich somit dennoch subtile Hinweise im Text, die zeigen, wie das, was Abram und Sarai tun, einzuordnen ist.

Ich könnte hier noch viele weitere Beispiele anführen, die zeigen, dass die biblischen Schreiber sich sehr genau überlegt haben, was sie in ihren Texten erwähnen und was nicht. Deswegen müssen wir auf jedes Detail achten und uns immer die Frage stellen: warum wird das hier erwähnt? Die Antwort darauf wird nicht immer sofort offensichtlich sein, aber gib nicht auf! Lies weiter, denke über das Gelesene nach und du wirst Faszinierendes entdecken!

Fortsetzung folgt.

2. Hinweis: Alles ist wichtig (1. Teil)

Im Gegensatz zu vielen modernen Autoren, gehen die biblischen Schreiber sehr sparsam mit Worten um. Die biblischen Geschichten, z. B., enthalten keine ausführlichen Berichte der Ereignisse, die sie beschreiben. Stattdessen hat der Autor sehr bewusst entschieden, was er erwähnt (und was er weglässt) und wie er die Geschichte erzählt. Viele Dinge, die uns brennend interessieren würden (wie Menschen oder Orte aussahen, was Leute gefühlt oder gedacht haben, etc.) werden im Text oft nicht erwähnt. Es scheint als ob der Autor nur die Dinge erwähnt, die für das Erzählen der Geschichte wichtig sind, sowie für den Punkt, den er machen möchte. Deswegen sind sowohl die Dinge, die er erwähnt, als auch die Art und Weise wie er sie erwähnt, sehr wichtig. Nichts ist einfach nur niedergeschrieben, weil es gut aussieht oder toll klingt. Alles ist von Bedeutung, auch jene Details, die nicht wichtig zu sein scheinen. Deswegen müssen wir sehr aufmerksam lesen und sehr genau darauf achten, welche Details der Autor uns mitteilt und wie er seinen Text aufgebaut hat. (Das ist auch der Hauptgrund warum es so wichtig ist, den Text entweder in den Originalsprachen zu lesen oder eine Übersetzung zu verwenden, die die Originalsprachen treu wiedergibt.)

Das folgende Beispiel aus dem Johannesevangelium soll das verdeutlichen.

  1. Beispiel: Johannes 18

In Johannes 18 wird Jesus gefangen genommen und vor Hannas gebracht. Petrus und ein anderer Jünger folgen Jesus bis in den Hof des Hohepriesters. Ab Vers 16 konzentriert sich die Geschichte auf Petrus:

Petrus aber stand an der Tür draußen. Da ging der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus und sprach mit der Türhüterin und führte Petrus hinein. Da spricht die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist nicht auch du einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sagt: Ich bin’s nicht. Es standen aber die Knechte und die Diener da, die ein Kohlenfeuer gemacht hatten, weil es kalt war, und wärmten sich; Petrus aber stand auch bei ihnen und wärmte sich. (vv 16-18)

In diesen drei Versen gibt es viele interessante Dinge, auf die man achten könnte, aber ich möchte mich an dieser Stelle nur auf ein interessantes Detail beschränken, das der Autor erwähnt, nämlich dass es im Hof ein Kohlenfeuer gab. Dieses Detail wird oft übersehen. Doch als aufmerksame Leser müssen wir uns die Frage stellen: Warum hat sich der Autor entschieden, diese Kleinigkeit zu erwähnen? Schließlich würde die Geschichte auch ohne dieses Kohlenfeuer funktionieren. Der Autor hätte uns auch nur darüber informieren können, dass die Knechte und Diener im Hof standen und dass Petrus bei ihnen war. Warum ist das Feuer wichtig? Kapitel 18 scheint auf diese Frage keine Antwort zu geben. Auch in Kapitel 19 und 20 erfahren wir nichts darüber. Erst wenn wir ins Kapitel 21 kommen beginnen wir zu verstehen, warum das Kohlenfeuer in Kapitel 18 erwähnt wurde.

In Johannes 21 gehen einige Jünger zurück zu ihrer früheren Tätigkeit als Fischer. Am Morgen erscheint Jesus am Ufer, sagt ihnen, dass sie ihr Netz auf der rechten Bootseite ins Wasser werfen sollen, woraufhin sie viele Fische fangen.

Vers 9 teilt uns mit, was passiert, als sie ans Ufer kommen.

Als sie nun ans Land ausstiegen, sehen sie ein Kohlenfeuer liegen und Fisch daraufliegen und Brot.

Der aufmerksame Leser von Johannes 21,9 wird sofort bemerken, dass der Autor wieder ein Kohlenfeuer erwähnt. Tatsächlich sind Johannes 18,18 und 21,9 die einzigen beiden Stellen im ganzen Johannesevangelium, wo ein Kohlenfeuer erwähnt wird. Das ist mit Sicherheit kein Zufall! Stattdessen hat der Autor das Kohlenfeuer sehr bewusst in diesen Versen erwähnt, um diese zwei Szenen miteinander zu verbinden. In Johannes 18 verrät Petrus Jesus drei Mal an einem Kohlenfeuer. In Johannes 21 fragt Jesus Petrus drei Mal, ob er ihn liebt – an einem Kohlenfeuer. Mit anderen Worten: Jesus nimmt Petrus quasi zurück in die Szene in Kapitel 18, zurück an den Ort wo Petrus ihn verraten hat und fragt ihn dort: wie stehst du wirklich zu mir? Und so gibt Jesus ihm die Möglichkeit, die Szene im Hof noch einmal zu durchleben und eine andere Entscheidung zu treffen.

So ist Gott: er bringt uns zurück an den Punkt, wo wir gefallen ist, und gibt uns die Möglichkeit, neu zu beginnen. Und er tut sogar noch etwas Besseres. Er selbst wird Mensch, geht an den Punkt zurück, wo wir gefallen sind, erlebt dieselben Versuchungen, die wir erleben, und bleibt siegreich. (Dies wird übrigens in Joh 18 sehr schön aufgezeigt – mehr dazu in einem späteren Post.) Er lebt das Leben, das auch wir leben, ohne jedoch zu sündigen – und stirbt dann den Tod, den wir verdient haben – wodurch wir das Leben zurückerhalten können, das wir einst hatten. Was für ein Gott!

Fortsetzung folgt!

1. Hinweis: Es geht um Erlösung

Du erinnerst dich vielleicht an meine Aussage in einem früheren Post, dass ein Problem beim Interpretieren eines Textes oft die schlichte Tatsache ist, dass uns der Autor nicht direkt sagt, was er durch seinen Text sagen oder bewirken will. Es gibt jedoch einige Ausnahmen.

Eine der vielleicht bekanntesten dieser Ausnahmen ist Johannes 20,30-31, wo uns Johannes mitteilt, was er durch sein Evangelium bewirken möchte:

Auch viele andere Zeichen hat nun zwar Jesus vor den Jüngern getan, die nicht in diesem Buch geschrieben sind. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.

Laut diesen Versen hat das Johannesevangelium also einen doppelten Zweck:

  1. Menschen zum Glauben an Jesus als den Christus, den Sohn Gottes, zu führen,

    so dass

  2. diese Menschen das Leben haben in seinem Namen.

Auch Lukas 24 sagt uns etwas darüber, was die Bedeutung bestimmter Texte ist. Auf dem Weg nach Emmaus spricht Jesus mit zwei seiner Jünger über die Ereignisse, die nur wenige Tage zuvor in Jerusalem stattgefunden hatten.

In Vers 27 heißt es:

Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.

Und in Vers 44:

Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.

Aus diesen vier Versen kann man unter anderem Folgendes schließen:

  1. Der biblische Text ist anscheinend nicht nur geschrieben, um Informationen zu vermitteln, sondern um den Leser von einer bestimmten Wahrheit zu überzeugen.
  2. Der biblische Text hat offensichtlich etwas mit Glauben, Leben (Erlösung) und besonders mit Jesus Christus zu tun. Diese Dinge sind in der Tat miteinander verbunden, denn Leben (Erlösung) = Glauben an Jesus Christus. Dieser Gedanke scheint eine relativ zentrale Rolle in der Bibel zu spielen, denn immerhin wird in Lukas 24 das gesamte Alte Testament mit Jesus Christus in Verbindung gebracht.

Es ist daher nicht überraschend, dass Ellen White in ihrem Buch Erziehung den Erlösungsplan als das zentrale Thema der Bibel bezeichnet:

„Zentrales Thema der Bibel ist der Erlösungsplan, die Wiederherstellung des Ebenbildes Gottes im Menschen. Dem ordnet sich alles andere unter. Von der ersten Andeutung eines kommenden Erlösers bis hin zu dem konkreten Versprechen: “Sie werden Gott sehen, wie er wirklich ist, und seinen Namen werden sie auf ihrer Stirn tragen” geht es in jedem Buch der Bibel um die Botschaft von der Wiederherstellung des Menschen durch die Kraft Gottes.“ Erziehung, S. 129

„Die Bibel legt sich selbst aus. Deshalb sollten Schriftstellen miteinander verglichen werden. Wer sich mit der Bibel befasst, muss lernen, Gottes Wort als Ganzes zu erfassen und die Beziehung der einzelnen Abschnitte zueinander zu erkennen. Er sollte alles Nötige über das zentrale Thema der Heiligen Schrift erfahren: Gottes ursprüngliche Absicht mit der Welt, das Drama des großen Kampfes zwischen Licht und Finsternis und den Erlösungsplan.“ Erziehung, S. 199

Für mich bedeutet das, dass ich dieses Thema beim Lesen des biblischen Textes immer im Hinterkopf habe und versuche zu sehen, wie der Text es deutlich macht. Bitte beachte, dass dies nicht nur das Thema der Evangelien oder des Neuen Testaments ist, sondern auch des Alten Testaments. Jesus sagt ausdrücklich, dass das Alte Testament von ihm spricht. Deswegen müssen wir das Alte Testament auch so lesen.

Durch mein persönliches Studium habe ich festgestellt, dass Johannes, Jesus und Ellen White völlig Recht haben. Je tiefer ich die Bibel studiere, umso klarer sehe ich, dass das Thema der Erlösung überall ist! Jesus ist überall! Wir müssen nur wissen, wie wir ihn finden können. Ich hoffe, dass die weiteren Hinweise, auf die ich in den nächsten Posts aufmerksam machen möchte, genau dabei helfen. Denn am Ende ist das alles, was zählt. Wenn uns unser Bibelstudium nicht permanent zu der einfachen, und doch tiefgründigen Wahrheit der Erlösung durch Jesus Christus führt (in all ihren Facetten), dann geht es am Eigentlichen vorbei und wird bedeutungslos. Deswegen möchte ich dich ermutigen, nach diesem Thema Ausschau zu halten, wenn du deine Bibel studierst. Wenn du ein Pastor bist, dann möchte ich dich darin bestärken, so oft wie möglich (aus dem Text heraus) über dieses Thema zu predigen. Wenn du am Text bleibst und ihn sorgfältig studierst, dann wird er dich sowieso in diese Richtung führen. Ich kann persönlich bezeugen, dass der Heilige Geist mit einer besonderen Kraft am Wirken ist, wenn das Thema der Erlösung durch Jesus Christus verkündet wird.