4. Hinweis: Der Text hat eine Struktur (2. Teil)

Die andere Hauptstruktur, die von den biblischen Autoren verwendet wird, ist die sogenannte chiastische Struktur. Im Gegensatz zur Parallelstruktur wiederholt der Autor hierbei keine bestimmte Sequenz in der gleichen, sondern in der umgekehrten Reihenfolge. Eine chiastische Struktur kann also entweder so aussehen:

A – B – C – B’ – A’ (ein zentrales Element)

oder so:

A – B – C – C’ – B’ – A’ (zwei zentrale Elemente)

Während die Parallelstruktur eher die Sequenz der Elemente betont und die Beziehung zwischen den parallelen Komponenten hervorhebt, liegt das Hauptaugenmerk beim Chiasmus auf dem zentralen Element (bzw. den beiden zentralen Elementen). Was der Autor im Zentrum der Struktur platziert, hat sehr wahrscheinlich eine wichtige Bedeutung für den gesamten Textabschnitt. Bei biblischen Geschichten stellt das Zentrum der chiastischen Struktur oft auch einen Wendepunkt in der Erzählung dar.

Hier ein paar Beispiele:

1. Beispiel: 1. Mose 11,1-9

Schauen wir uns die bekannte Geschichte vom Turmbau zu Babel an. Beachte die Wiederholungen im Text:

Und die ganze Erde hatte ein und dieselbe Sprache und ein und dieselben Wörter. Und es geschah, als sie von Osten aufbrachen, da fanden sie eine Ebene im Land Schinar und ließen sich dort nieder. Und sie sagten einer zum anderen: Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und hart brennen! Und der Ziegel diente ihnen als Stein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel. Und sie sprachen: Wohlan, wir wollen uns eine Stadt und einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Fläche der Erde zerstreuen! Und der HERR fuhr herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen. Wohlan, lasst uns herabfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass sie einer des anderen Sprache nicht mehr verstehen! Und der HERR zerstreute sie von dort über die ganze Erde; und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. Darum gab man ihr den Namen Babel; denn dort verwirrte der HERR die Sprache der ganzen Erde, und von dort zerstreute sie der HERR über die ganze Erde.

Beim Analysieren der Handlung entdecken wir folgende Elemente:

1)   Einleitende Aussage

2)   Reise zu einem Ort und Besiedelung

3)   Rede über den Bau der Stadt

4)   Gott kommt herab und sieht

5)   Rede über die Verwirrung der Sprache

6)   Örtliche Zerstreuung und Beendung der Bauaktivität

7)   Abschließende Aussage

Wie man sieht, besteht die Geschichte im Wesentlichen aus sieben Teilen, die in chiastischer Form angeordnet werden können. Die Wiederholungen in der Geschichte unterstützen diese Einteilung zusätzlich:

A Einleitende Aussage: Die ganze Erde hatte dieselbe Sprache (v 1)

       B Reise und Besiedlung – Ortsname: Schinar (v 2)

            C Rede der Menschen: Wohlan, lasst uns (vv 3-4)

                 D Gott kommt herab, um zu sehen (v 5)

            C’ Göttliche Rede: Wohlan, lasst uns (vv 6-7)

       B’ Zerstreuung – Ortsname: Babel (vv 8-9a)

A’ Abschließende Aussage: Gott verwirrte die Sprache der ganzen Erde (v 9b)

Es ist wichtig zu beachten, dass die Geschichte nicht nur aus ästhetischen Gründen so angeordnet ist, sondern auch weil diese Gliederung die vielen Umkehrungen hervorhebt, die diese Geschichte kennzeichnen:

  • Am Anfang sprechen alle die gleiche Sprache, am Ende ist die Sprache verwirrt.
  • Am Anfang ziehen die Menschen zu einem Ort und siedeln sich dort an, am Ende werden sie von genau diesem Ort zerstreut.
  • Am Anfang wollen sie eine Stadt bauen, am Ende hören sie auf, die Stadt zu bauen.
  • Am Anfang sprechen die Menschen und Gott schweigt, am Ende schweigen die Menschen und nur Gott spricht.

All diese Umkehrungen beginnen mit dem Eingreifen Gottes, das im Mittelpunkt der Geschichte steht: Gott kommt herab und sieht. Das ist der Wendepunkt der gesamten Geschichte. Davor ergriffen Menschen die Initiative – sie sind es, die reden und alles planen. Nach dem Wendepunkt ergreift Gott die Initiative und deswegen kommt das Handeln der Menschen zum Stillstand.

Die Struktur betont auch den Gegensatz zwischen den Menschen, die Gott sein wollen, und dem wahren Gott, indem die Aussagen der beiden Hauptdarsteller (Menschen – Gott) einander parallel gegenübergestellt werden (C und C’). Dieser Kontrast wird durch die zentrale Aussage noch zusätzlich hervorgehoben: Während die Menschen einen Turm bauen wollen, der bis an den Himmel reicht, muss Gott herunterkommen, um überhaupt sehen zu können, was sie da machen! Was für eine Ironie!

2. Beispiel: Der Abrahamzyklus

Es gibt auch längere Texte und sogar einige biblische Bücher, die chiastisch angeordnet sind. Wenn wir die Wiederholungen im sogenannten Abrahamzyklus beachten (1. Mo 11,27-22:24), wird z. B. deutlich, dass viele Elemente zweimal auftreten: Abraham lügt zweimal bzgl. Sarah (1. Mo 12,10-20 und 20,1-18), Sodom wird zweimal im Zyklus erwähnt (1. Mo 13-14 und 18-19) und Gott schließt zwei Bünde mit Abraham (1. Mo 15 und 17). Diese Elemente ergeben eine sehr schöne chiastische Struktur:

A Genealogie Terachs (11,27-32)

      B Anfängliche Verheißung, Abrams Reise in das Land – Glaubensprüfung (12,1-9)

C Abram lügt bzgl. Sarah; Gott schützt sie im Palast eines fremden Königs (12,10-20)

                D Lot zieht nach Sodom (13,1-18)

                     E Abram rettet Sodom und Lot (14,1-24)

                        F Bund mit Abram; Geburt Ismaels angekündigt (15,1-16,16)

                        F’ Bund mit Abraham; Geburt Isaaks angekündigt (17,1-18,15)

                    E’ Abraham tritt für Sodom und Lot ein (18,16-33)

               D’ Lot flieht aus Sodom (19,1-38)

C’Abraham lügt bzgl. Sarah; Gott schützt sie im Palast eines fremden Königs  (20,1-18)

     B’ Verheißung erfüllt, Abrahams Reise nach Morija – Glaubensprüfung (21,1-22,19)

A’ Genealogie Nahors (22,20-24)

Diese Struktur hebt mehrere Dinge hervor. Zum einen wird die Bedeutung des Bundes zwischen Gott und Abraham unterstrichen. Wegen dieses Bundes und aufgrund der Treue Gottes wird die am Zyklusbeginn gegebene Verheißung am Ende tatsächlich auch erfüllt. Gleichzeitig verdeutlicht der zentrale Teil der Struktur, wie schwer es Abraham fiel, Gott völlig zu vertrauen. Trotz Gottes Verheißung versuchte Abraham, die Sache in die eigenen Hände zu nehmen. Es ist jedoch erstaunlich, wie Gott mit diesem Scheitern umgeht. Nicht nur, dass er Hagar ein verblüffendes Versprechen macht; nein, er ist auch bereit, den Bund mit Abraham wiederherzustellen. So werden durch die Struktur des Zyklus die Einstellungen der beiden Bundespartner gegenübergestellt: Während die Menschen untreu sind und den Bund brechen, bleibt Gott treu und ist bereit, den Bund zu erneuern.

Trotz allem stellt Gott klar, dass seine Pläne Wirklichkeit werden: nicht der Sohn der menschlichen Anstrengung (Ismael) wird der Erbe sein, sondern der Sohn der göttlichen Verheißung (Isaak). Warum liegt Gott so viel daran? Weil das ganze Thema der Nachkommenschaft (und des Bundes!) mit Erlösung zusammenhängt! Es ist schließlich der Same der Frau, der der Schlange den Kopf zertreten wird (1. Mo 3,15). In 1. Mo 16 versucht Abraham, den Samen/Nachkommen selbst hervorzubringen (Erlösung durch Werke), doch Gott stellt klar, dass der Same/Nachkomme auf übernatürliche Weise hervorgebracht werden wird (Erlösung durch Gnade). Das Zentrum der Struktur weist also letztendlich auf zwei verschiedene Erlösungswege hin: menschengemachte Erlösung oder Erlösung, die von Gott gegeben wird. Und obwohl der Mensch versucht, sich selbst zu retten, hat doch Gott das letzte Wort: Er wird die Menschen durch den Samen/Nachkommen erlösen, den er selbst bereitstellt. Weil er weiß, dass nur dieser Erlösungsweg den Menschen wirklich frei macht. Was für ein Gott!

4. Hinweis: Der Text hat eine Struktur (1. Teil)

Inzwischen sollte deutlich geworden sein, dass Wiederholungen eines der Hauptmittel der biblischen Autoren sind, um Sinn zu vermitteln. Das zu wissen ist deswegen so hilfreich, weil das Erkennen von Wiederholungen im Text dabei hilft, die Struktur und die Schlüsselbegriffe dieses Textes zu identifizieren. Außerdem ist es hilfreich, um zu sehen, wie ein bestimmter Text mit seinem unmittelbaren und weiteren Zusammenhang verbunden ist. Und all diese Dinge helfen dir dabei zu entdecken, was der Autor sagen möchte. In den nächsten Posts werde ich mich jedem dieser Aspekte (Struktur, Schlüsselbegriffe, Kontext) einzeln widmen und erklären, wie der Autor sie benutzt, um etwas deutlich zu machen.

Wenn ich anfange einen biblischen Text zu studieren, dann versuche ich meistens als Erstes herauszufinden, wie der Text strukturiert ist. Dazu lese ich den Text erst einmal mehrere Male durch und streiche die Wiederholungen im Text mit Buntstiften an. Dann suche ich nach Mustern, die mir helfen zu sehen, wie der Autor den Text aufgebaut hat. Ich glaube, dass jeder Text sehr bewusst strukturiert wurde. Trotzdem sind manche Strukturen leichter zu finden als andere. Biblische Texte sind meistens auf zwei verschiedene Arten aufgebaut: parallel oder chiastisch.

Schauen wir uns als Erstes die sogenannte Parallelstruktur an. Bei dieser Struktur wird eine bestimmte Sequenz (A – B – C) präsentiert und dann in der gleichen Reihenfolge wiederholt (A’ – B’ – C’). Manchmal sind die Elemente in jeder Sequenz genau dieselben, manchmal gibt es eine leichte Veränderung. Ein sehr schönes Beispiel einer Parallelstruktur findet sich gleich im ersten Kapitel der Bibel.

1. Beispiel: 1. Mose 1

Wer 1. Mose 1 aufmerksam liest, merkt relativ schnell, dass die Wendungen „und Gott sprach“ sowie „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen“ oft wiederholt werden. Diese Satzteile kennzeichnen ganz deutlich die verschiedenen Tage. Nur ein Tag ist anders: der Siebte!

Wenn wir uns die einzelnen Tage genauer ansehen, stellen wir außerdem fest, dass Gott nur an den ersten drei Tagen den Dingen, die er geschaffen hat, einen Namen gibt. Das hebt sie von den anderen Tagen ab. Wenn wir nach weiteren Wiederholungen Ausschau halten, dann stellen wir etwas Interessantes fest: einige Elemente, die in der Beschreibung des 1. Tages zu finden sind, kehren in den Versen zum 4. Tag wieder. Das deutet an, dass es irgendeine Verbindung zwischen diesen Tagen gibt. Dasselbe trifft auch auf die Tage 2 und 5 sowie die Tage 3 und 6 zu. Die Struktur dieser sechs Tage stellt sich also folgendermaßen dar:

A   1. Tag: Licht – Dunkelheit, Tag – Nacht

      B   2. Tag: Wasser – Himmel

             C   3. Tag: Erde, Pflanzen, Bäume, Samen

A’  4. Tag: Licht – Dunkelheit, Tag – Nacht

       B’   5. Tag: Wasser – Himmel

             C‘   6. Tag: Erde, Pflanzen, Bäume, Samen

Welchen Sinn hat diese Anordnung? Zum Einen zeigt sie, dass Gott ein Gott der Ordnung ist. Er erschafft diese Erde in einer geordneten Weise. Zuerst schafft und trennt er verschiedene Sphären: Licht und Dunkelheit, Wasser und Himmel, trockenes Land. In einem zweiten Schritt fügt er dann jeder dieser Sphären etwas hinzu. Lichter, um zwischen Licht und Finsternis zu trennen, Vögel, um am Himmel zu fliegen, Fische, um im Wasser zu schwimmen, Landtiere und Menschen, um auf dem trockenen Land zu leben. Interessanterweise werden durch diese beiden Schritte genau die beiden Probleme gelöst, die in 1. Mose 1,2 angesprochen werden, nämlich, dass die Erde „ungeformt“ und „leer“ ist (Hebräisch: „tohuwabohu“). Das Problem, dass die Erde ungeformt ist, wird an den ersten drei Tagen behoben. Dem Problem, dass die Erde leer ist, widmet sich Gott an den Tagen 4-6.

Außerdem hebt diese Gliederung den siebten Tag hervor. Er hat kein Gegenstück, sondern steht allein. Dadurch zeigt bereits die Struktur der Schöpfungsgeschichte, dass dieser Tag anders ist.

2. Beispiel: 1. Mose 1-11

Parallelstrukturen kommen nicht nur in einzelnen Passagen vor, sondern auch in längeren Abschnitten, die mehrere Kapitel oder sogar ganze biblische Bücher umfassen. Beachte z.B., wie 1. Mose 1-11 strukturiert ist:

A   Schöpfung, göttlicher Segen (1,1-2:3)

       B   Sünde Adams: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (2,4-3,24)

             C   Keine Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Abel (4,1-16)

                   D   Nachkommen des sündigen Sohnes Kain (4,17-26)

                          E   Nachkommen des erwählten Sohnes Set: 10 Generationen (5,1-32)

                                F   Sünde, die zum Gericht führt: Söhne Gottes (6,1-4)

                                      G   Kurze Einführung: Noah, 3 Söhne (6,5-8)

A’   Flut: Umkehrung der Schöpfung, Neuschöpfung, göttlicher Segen (6,9-9,19)

        B’   Sünde Noahs: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (9,20-29)

               C’   Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Jafet (10,1-5)

                      D’   Nachkommen des sündigen Sohnes Ham (10,6-20)

                       E’   Nachkommen des erwählten Sohnes Sem: 10 Generationen                                    (10,21-32)

                                     F’   Sünde, die zum Gericht führt: Turmbau zu Babel (11,1-9)

                                            G’   Kurze Einführung: Terah, 3 Söhne (11,27-32)

Und wieder stellt sich die Frage: wozu diese Anordnung? Zum Einen zeigt sie, dass die Flut nicht alles veränderte. Obwohl Gott die Welt nach der Flut quasi neu erschafft, bleibt das Sündenproblem weiter bestehen und wird sogar noch schlimmer, genau wie vor der Flut. Es wird immer noch ein Erlöser gebraucht. Daher ist es interessant zu sehen, dass am Ende einer jeden Sequenz eine Erlöserfigur eingeführt wird: Noah, der seine Familie vor der Flut rettet und Abraham, durch den alle Nationen der Erde gesegnet werden. Letztendlich jedoch sind nicht einmal diese beiden Männer in der Lage, die Menschheit von der Sünde zu retten. Die Struktur weißt daher auch auf die Notwendigkeit eines Erlösers hin, der größer ist als Noah und Abraham.

Eine Parallelstruktur ermöglicht es uns auch, parallele Elemente in den beiden Sequenzen miteinander zu vergleichen. Das kann uns helfen einen bestimmten Teil des Textes besser zu verstehen. So ist zum Beispiel Noahs Nacktheit in Teil B’ ganz offensichtlich der Nacktheit von Adam und Eva in Element B gegenübergestellt. Dadurch wird deutlich, dass Noahs Nacktheit als ein neuer Sündenfall verstanden werden muss. In gleicher Weise muss das Handeln von Noahs Söhnen in Element B’ (die Nacktheit sehen vs. die Nacktheit bedecken) im Licht des göttlichen Handelns in Element B (Nacktheit bedecken) interpretiert werden. Somit erhellen und interpretieren die parallelen Elemente sich gegenseitig.

Fortsetzung folgt.

3. Hinweis: Der Text wiederholt sich (2. Teil)

Hier ein Beispiel, das zeigt, wie die biblischen Autoren Wiederholung mit Variation verwenden, um ihre Botschaft zu vermitteln.

2. Beispiel: 1. Könige 21

In 1. Könige 21 kommt König Ahab zu einem Mann namens Nabot und fordert ihn auf, ihm seinen Weinberg zu geben.

„Und Ahab redete zu Nabot und sagte: Gib mir deinen Weinberg! Er soll mein Gemüsegarten werden, denn er ist nahe bei meinem Haus. Ich gebe dir dafür einen besseren Weinberg als den hier. Oder wenn es besser ist in deinen Augen, gebe ich dir Geld als Kaufpreis für ihn. Aber Nabot sagte zu Ahab: Das lasse der HERR fern von mir sein, dass ich dir das Erbe meiner Väter gebe!“ (1. Könige 21,2-3)

Ein paar Verse später lesen wir, wie Ahab mit seiner Frau Isebel redet und ihr berichtet, was passiert ist. Achte genau auf das, was Ahab sagt:

„Da kam seine Frau Isebel zu ihm hinein und sagte zu ihm: Warum denn ist dein Geist missmutig, und warum isst du nichts? Er sagte zu ihr: Weil ich zu dem Jesreeliter Nabot geredet und ihm gesagt habe: Gib mir deinen Weinberg für Geld, oder wenn es dir gefällt, will ich dir stattdessen einen anderen Weinberg geben! Er aber sagte: Ich gebe dir meinen Weinberg nicht.”

Ist dir etwas aufgefallen? Ahabs Bericht stimmt nicht genau mit dem überein, was tatsächlich passiert ist. In Vers 2 sagt er zu Nabot, dass er ihm für den Weinberg einen besseren Weinberg oder Geld geben wird. Aber als er die Geschichte seiner Frau erzählt, dreht er die Reihenfolge um. Noch entscheidender ist jedoch, dass er Nabots Antwort verändert. Nabot weigert sich, Ahab „das Erbe meiner Väter“ zu geben, doch Ahab ändert dies ab zu „meinen Weinberg“. Warum ist das von Bedeutung?

Ahab stellt es so dar, als ob ihm Nabot seinen Weinberg einfach nicht geben möchte. In Ahabs Version ist Nabot ein Sturkopf, der ein gutes Geschäft ausschlägt. In Wirklichkeit ist Nabot jedoch nicht stur, sondern dem Gesetz Gottes treu. Gemäß 3. Mo 25,23 sollten die Israeliten ihr Land nämlich nicht verkaufen, außer im Fall von Armut – und selbst dann sollte das Land nur für eine bestimmte Zeit verkauft werden. Alles sollte dafür getan werden, dass das Land im Besitz der Familie bleibt. Durch dieses Gesetz sollten die Israeliten ständig daran erinnert werden, dass das Land nicht ihnen, sondern Gott gehört. Indem er den Weinberg „das Erbe meiner Väter“ nennt, stellt Nabot klar, dass der Weinberg ein Stück Land ist, das der Familie gehört und somit nicht verkauft werden kann (dies wird noch zusätzlich hervorgehoben durch die wiederholte Bezeichnung Nabots als „Jesreeliter“, der einen Weinberg in Jesreel besaß). Die Tatsache, dass Ahab die Wortwahl Nabots zu „mein Weinberg“ verändert, lässt vermuten, dass Ahab entweder nichts von dem göttlichen Gesetz wusste, oder – was wahrscheinlicher ist – sich nicht darum scherte. Das ist nicht überraschend, angesichts der Tatsache, dass Ahabs eigener Vater Omri dasselbe Gesetz brach, als er den Berg von Samaria einem Mann namens Schemer abkaufte (siehe 1. Könige 16,24). Interessanterweise scheint der Autor von 1. Könige genau auf diese Geschichte anzuspielen, indem er Ahab in 1. Könige 21,1 als „König von Samaria“ bezeichnet (Dies ist übrigens das einzige Mal, dass dieser Titel für Ahab verwendet wird!). Hier verlangt also ein König, dessen Familie das Gesetz in 3. Mose 25,23 gebrochen hat, von Nabot dasselbe zu tun.

Dieses Beispiel zeigt, wie der Autor von 1. Könige 21 Wiederholung mit Variation benutzt, um dem aufmerksamen Leser den Charakter und die Motive Ahabs zu verdeutlichen.

Wie du siehst, spielen Wiederholungen eine wichtige Rolle in der Bibel. Diese Erkenntnis ist für mein persönliches Bibelstudium sehr hilfreich gewesen. Wenn ich einen Text in der Bibel studiere, markiere ich immer gleich am Anfang die Wiederholungen mit Buntstiften und versuche dann Muster zu erkennen. Das hat schon zu einigen faszinierenden Entdeckungen geführt. Vielleicht hast du ja Lust bekommen, es auch einmal auszuprobieren. Sei nicht entmutigt, wenn du nicht sofort etwas Faszinierendes entdeckst. Wie bei anderen Dingen auch, braucht es Übung, um ein intelligenter Leser der Bibel zu werden.