5. Hinweis: Der Text arbeitet mit Schlüsselbegriffen (1. Teil)

Nachdem ich eine Weile über die Struktur eines Texts nachgedacht habe, versuche ich, Schlüsselbegriffe (und Schlüsselphrasen) ausfindig zu machen. Schlüsselbegriffe sind ein wichtiger Bestandteil von biblischen Texten. Manchmal erscheint ein Schlüsselbegriff nur einmal in einem bestimmten Text. Oft kommen solche Begriffe jedoch mehrmals in einem Text vor, wobei es manchmal gar nicht so leicht ist, diese Wiederholungen in unseren deutschen Bibeln zu entdecken, da die Übersetzer verschiedene Begriffe/Synonyme benutzen, um ein und denselben Begriff der Originalsprache wiederzugeben. Das ist bedauerlich, denn gerade durch Wiederholungen will der Autor einen Punkt rüberbringen. Um dieses Problem komplett zu beheben, müsste jeder Hebräisch, Aramäisch und Griechisch lernen. Wem das nicht möglich ist, sollte versuchen eine Übersetzung zu verwenden, die so nah wie möglich an der Originalsprache dran ist.

1. Beispiel: 1. Mose 5

1. Mose 5 enthält einen Stammbaum. Viele Leute lesen keine Stammbäume, weil sie sie langweilig finden, nach dem Motto: Das ist eh nur ein Haufen fast unaussprechlicher Namen! Dabei sind Stammbäume durchaus interessant und ein wichtiger Teil des biblischen Texts. Wir müssen uns nur daran erinnern, dass die Erlösung der Menschheit durch den Samen kommen wird (1. Mose 3,15). Das bedeutet, dass die Stammbäume enorm wichtig sind. Sie zeigen nämlich, dass die Linie weitergeführt wird – und dadurch die Hoffnung wach gehalten wird, dass der Erlöser tatsächlich kommt. Beachte, wie Noah am Ende des Kapitels wie eine Art Erlöser dargestellt wird. Die Menschen leiden unter dem Fluch von 1. Mose 3 (beachte die Wortwahl in 1. Mose 5,29) und sehnen sich nach jemandem, der Trost bringen kann. Und im Laufe der Geschichte wird Noah tatsächlich zu einer Art Erlöser, nämlich für diejenigen, die seinem Wort über die kommende Flut glauben und mit ihm in die Arche gehen.

Beim Lesen von 1. Mose 5 werden dir eine ganze Reihe Wiederholungen von Wörtern und Phrasen auffallen. Als Beispiel möchte ich hier nur auf die Phrase „und er starb“ näher eingehen. Im hebräischen Text steht da nur ein einziges Wort. Die Frage ist: Warum wird dieses Wort im gesamten Kapitel immer wieder wiederholt? Vielleicht sagst du jetzt: „Naja, das ist eben das, was passiert ist: sie starben alle. Der Autor berichtet einfach, was passiert ist.“ Bis zu einem gewissen Grad ist das auch richtig. Es ist jedoch interessant, dass dieses Wort in anderen Stammbäumen nicht vorkommt. Schauen wir uns z.B. 1. Mose 11,10-26 an. Alle dort erwähnten Leute starben ebenfalls, doch der Autor teilt uns dies nie explizit mit. Warum also wiederholt er es dann so oft in 1. Mose 5?

Ein Grund dafür scheint die Tatsache zu sein, dass 1. Mose 5 die ersten (natürlichen) Tode erwähnt, die es auf der Erde gab. Das letzte Mal wurde das Verb „sterben“ zuvor in 1. Mose 3,4 erwähnt, wo die Schlange Adam und Eva einredete, dass sie nicht sterben werden, wenn sie von dem Baum essen. 1. Mose 5 zeigt also eindeutig, dass die Schlange gelogen hat – aufgrund der Sünde sterben Menschen, genau wie Gott es in 1. Mose 3,19 vorhergesagt hatte. Der Autor macht deutlich, dass sogar diejenigen starben, die zu Adams Linie (d.h. zu den Gläubigen) gehörten – nicht nur weil sie von anderen getötet wurden (wie Abel), sondern einfach aufgrund des Fluches, der wegen der Sünde gegeben wurde. Obwohl sie viel länger lebten als wir heute, sind sie am Ende trotzdem gestorben. Der Tod wird zur grausamen Realität auf der Erde. Alle sterben.

Alle? Nein! Ein weiterer Grund, warum der Autor von 1. Mose 5 die Worte “und er starb” wiederholt, liegt in seinem Wunsch, die eine Stelle hervorzuheben, wo diese Worte fehlen – in 1. Mose 5,23-24. Beachte, wie sich diese Verse vom restlichen Stammbaum unterscheiden. Über alle anderen Personen wird gesagt:

X lebte Y Jahre und zeugte Z. Und X lebte, nachdem er Z gezeugt hatte, W Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Und alle Tage von X betrugen V Jahre, dann starb er.

Über Henoch hingegen heißt es:

X lebte Y Jahre und zeugte Z. Und X wandelte mit Gott, nachdem er Z gezeugt hatte, W Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Und alle Tage von X waren V. Und X wandelte mit Gott; und er war nicht mehr da, denn Gott nahm ihn hinweg.

Hier haben wir erneut ein klassisches Beispiel einer Wiederholung mit Variation, durch die der Autor den Unterschied zwischen Henoch und den anderen Menschen deutlich machen möchte. Beachte, welche Elemente anders sind: alle anderen lebten – Henoch wandelte mit Gott. Alle anderen starben – Henoch wurde von Gott hinweggenommen.

Das bedeutet: nicht jeder stirbt! Es gibt mindestens eine Person, die nicht stirbt. Inmitten all dieser Todesfälle in diesem Stammbaum gibt es Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort haben wird.

Dies ist auch interessant angesichts der Ähnlichkeiten zwischen den Stammbäumen in 1. Mose 4 (Linie der Ungläubigen) und 1. Mose 5 (Linie der Gläubigen). Achte einmal darauf, wie ähnlich die Namen in beiden Linien sind. Beachte auch den Kontrast zwischen der 7. Person (Lamech) in 1. Mose 4 und der 7. Person (Henoch) in 1. Mose 5. Lamech ist ein Mörder, Henoch wandelte mit Gott. Aufgrund der Gottlosigkeit von Lamech und Co. fingen die Menschen an, den Namen Gottes anzurufen (1. Mose 4,26). Ein genaues Studium des Namens Gottes im Alten Testament zeigt, dass er eng mit Erlösung und Gericht verbunden ist (siehe z.B. 2. Mose 34,6-7). Wenn die Menschen also anfangen, den Namen Gottes anzurufen, dann rufen sie nach Erlösung von der Sünde, welche mit dem Gericht an Leuten wie Lamech verbunden ist. Direkt nach diesem Anrufen kommt also Kapitel 5, in welchem die Linie der Gläubigen dargestellt wird. Sie sterben auch, aber einer nicht! Zusätzlich gibt es in dieser Abfolge auch einen Lamech (Nr. 9). Der Lamech von 1. Mose 4 hatte drei Söhne, die die Väter der weltlichen Kultur wurden. Der Lamech in 1. Mose 5 hat einen Sohn, der beim Gericht über diejenigen, die wie der Lamech von 1. Mose 4 lebten, zum Retter der Menschheit wurde.

Siehst du, wie genial die Bibel ist, wenn man sie sich ein wenig genauer ansieht und wie hilfreich es ist, wenn man Wiederholungen ernst nimmt? Und wie sich der Text ganz konsequent immer wieder um das Thema Erlösung dreht? Ich persönlich finde das absolut faszinierend!

Fortsetzung folgt…

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