6. Hinweis: Der Text steht in einem Zusammenhang (1. Teil)

Sicher kennst du den Spruch “Niemand ist eine Insel”, ein einfacher Satz mit einer tiefen Wahrheit: jeder Mensch ist Teil von etwas Größerem und auf vielfache Weise mit der Welt und anderen Menschen verbunden. Das trifft nicht nur auf Menschen zu, sondern auch auf Texte, ganz besonders biblische Texte. Auch sie sind keine Inseln. Stattdessen wurde jeder Text sorgsam in einen bestimmten Kontext gesetzt und nur wenn dieser Zusammenhang beachtet wird, kann man den Text wirklich verstehen. Deswegen ist es wichtig, sich die Texte, die vor oder nach einem bestimmten Abschnitt stehen, genau anzuschauen. Wer das nicht tut, steht schnell in der Gefahr, einen Text „aus dem Zusammenhang zu reißen“ und etwas herauszulesen, was mit diesem Text überhaupt nicht ausgesagt werden soll! (Leider geschieht das viel öfter, als uns bewusst ist.)

Um die Beziehung eines Textes zu seinem Kontext zu verstehen, ist es wieder hilfreich, auf die Wiederholungen im Text zu achten. Oft enthalten die vorangehenden/nachfolgenden Texte dieselben Worte, Phrasen oder Themen wie der Abschnitt, den man gerade studiert. Hier sind drei Beispiele, die verdeutlichen, wie ein Blick auf den Zusammenhang helfen kann, einen Text richtig zu interpretieren.

1. Beispiel: Daniel 2

Fangen wir mit einem bekannten Beispiel an. Die meisten von uns kennen wahrscheinlich die Geschichte in Daniel 2: König Nebukadnezar sah im Traum ein Standbild. In Vers 2 befiehlt der König, dass die Wahrsagepriester und Beschwörer, die Zauberer und die Sterndeuter vor ihm erscheinen, um ihm seinen Traum mitzuteilen. Da wir wissen, wie wichtig Wiederholungen sind, bemerken wir sofort, dass die ersten beiden Gruppen, nämlich die Wahrsagepriester und Beschwörer, bereits am Ende des ersten Kapitels erwähnt wurden. An jener Stelle befindet Nebukadnezar, dass Daniel und seine Freunde zehnmal klüger sind als diese Leute (1,20). Daniel 1 endet demnach mit der Aussage, dass Daniel und seine Freunde den Wahrsagepriestern und Beschwörern überlegen sind. In Daniel 2 kommen dieselben zwei Gruppen wieder in einer Geschichte vor, welche die Schlussaussage von Daniel 1 nochmal bestätigt. Gleichzeitig betont Kapitel 2, warum Daniel und seine Freunde so überlegen sind: nicht wegen ihrer eigenen Weisheit, sondern aufgrund der Weisheit, die sie von Gott bekommen. Das muss man immer wieder betonen, denn Daniel 2 wird oft auf den Traum und dessen Auslegung reduziert. Der unmittelbare Zusammenhang verweist jedoch darauf, dass es im Kern bei Daniel 2 nicht nur um das Standbild und dessen Deutung geht, sondern um einen geistlichen Kampf zwischen dem wahren Gott und seinen Nachfolgern und den falschen Göttern Babylons und ihren Nachfolgern (dieses Thema wurde schon zu Beginn von Daniel 1 eingeführt). Die Hauptfrage in Daniel 2 ist nicht „Was bedeuten die unterschiedlichen Metalle?“, sondern vielmehr „Wer kann Träume deuten? Wer kann die Zukunft vorhersagen?“. Daniel 2 zeigt, dass nur der wahre Gott des Himmels das kann (2,28). Ein Blick auf Daniel 1 hilft also, die Hauptaussage in Daniel 2 zu erkennen.

Was ist mit Daniel 3? Auch hier hilft es, sich der Wichtigkeit von Wiederholungen bewusst zu sein, denn sowohl Kapitel 2 als auch Kapitel 3 erwähnen ein Standbild. Wenn wir die beiden Standbilder vergleichen, dann stellen wir ziemlich schnell fest, dass Nebukadnezar den Traum (aus Kapitel 2) umdeuten will. Während in Kapitel 2 nur der Kopf aus Gold ist, baut der babylonische König ein Standbild, das völlig aus Gold besteht. Die Botschaft ist eindeutig: Er möchte, dass sein Königreich ewig besteht. Man sieht also, dass Nebukadnezar nicht bereit ist, die Botschaft von Kapitel 2 anzunehmen. Statt anzuerkennen, dass der Gott des Himmels der einzige ist, der ein ewiges Königreich errichten wird, möchte Nebukadnezar selbst ein ewiges Königreich haben und setzt sich damit an die Stelle Gottes. Das überrascht keineswegs, wenn wir bedenken, dass er der König Babylons ist, also des Ortes, wo Leute schon einmal wie Gott sein wollten (1. Mose 11,1-9). Und so geht der geistliche Kampf weiter.

Diejenigen, die Aramäisch können, werden eine weitere interessante Verbindung zwischen Daniel 2 und 3 entdecken. In Daniel 2,49 heißt es:

Und Daniel erbat vom König, dass er Schadrach, Meschach und Abed-Nego über die Verwaltung der Provinz Babel einsetze. Aber Daniel blieb am Hof des Königs.

Zunächst ist es interessant, dass Daniels Freunde über die Provinz Babylon gesetzt werden, also über denselben Ort, wo das Standbild errichtet wird (3,1). Was aber besonders auffällt: das Wort, das meistens mit „Verwaltung“ übersetzt wird (2,49) heißt eigentlich „Arbeit“. Eine wörtliche Übersetzung dieses Verses lautet also:

… dass er Schadrach, Meschach und Abed-Nego über die Arbeit der Provinz Babel einsetze.

Das ist deswegen interessant, weil das Verb in 3,1, das meistens als „machte“ wiedergegeben wird, eigentlich von derselben Wortwurzel wie „arbeiten“ kommt. Eine wörtliche Übersetzung von 3,1 lautet daher:

Der König Nebukadnezar arbeitete ein Bild aus Gold: seine Höhe betrug sechzig Ellen, seine Breite sechs Ellen. Er stellte es auf in der Ebene Dura, in der Provinz Babel.

Nebukadnezar arbeitete also in genau der Provinz, wo Daniels Freunde über die Arbeit gesetzt waren. Es sollte uns also nicht überraschen, dass sie sich weigern vor dem Standbild niederzufallen, welches der König gearbeitet hatte – sie machen nur ihre Arbeit. Als diejenigen, die für Arbeit in der Provinz Babel zuständig sind, stellen sie klar, dass sie Nebukadnezars Arbeit nicht billigen. Welch Ironie, dass sie dafür von genau der Person bestraft werden, die sie überhaupt erst in diese Position gebracht hat!

Hausaufgabe

Nächstes Mal werde ich etwas über die Geschichte der Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde (Johannes 8), posten. Schau dir mal den Zusammenhang dieses Textes an. Wie helfen dir die Verse vor und nach Johannes 8,2-11 dabei, die Geschichte besser zu verstehen? Gibt es Hinweise darauf, dass diese Erzählung ganz bewusst an diese Stelle im Johannesevangelium gesetzt wurde?

5. Hinweis: Der Text arbeitet mit Schlüsselbegriffen (2. Teil)

Hier ist eine weitere Geschichte, die zeigt wie wichtig es ist, Schlüsselbegriffe und –phrasen zu erkennen:

2. Beispiel: 1. Könige 13

Die Geschichte in 1. Könige 13 ist eine der weniger bekannten Erzählungen der Bibel. In diesem Kapitel kommt ein Mann Gottes zu Jerobeam, dem König Israels, der zwei goldene Kälber anfertigen und in Bethel und Dan aufstellen ließ, um die Israeliten davon abzuhalten, zur Anbetung den Tempel in Jerusalem aufzusuchen. In 1. Könige 13 steht Jerobeam auf dem Altar in Bethel um zu opfern, als ein Mann Gottes kommt und gegen den Altar weissagt. Natürlich ärgert sich Jerobeam darüber. Er streckt seine Hand aus und befiehlt die Festnahme des Mannes Gottes. Doch bevor irgendjemand diesen ergreifen kann, verdorrt Jerobeams Hand und der Altar spaltet sich entzwei. Jerobeam fleht den Mann Gottes an, für ihn zu beten, was dieser auch tut – und Jerobeams Hand wird geheilt. Daraufhin möchte Jerobeam den Mann nach Hause einladen, um ihn zu beschenken, doch dieser lehnt ab: er erzählt dem König, dass der Herr ihm befohlen hat, kein Brot zu essen oder Wasser zu trinken und auch nicht auf dem gleichen Weg heimzukehren, auf dem er gekommen war. Besonders der zweite Teil dieses Gebots erscheint eigenartig. Warum sollte der Mann nicht denselben Weg zurückgehen? Ein sorgfältiger Blick auf die Geschichte zeigt, dass die Worte „Weg“ und „zurückkehren“ („zurückbringen“, „zurückführen“) mehrmals wiederholt werden, was darauf hindeutet, dass sie Schlüsselbegriffe sind, die für den Sinn der Geschichte entscheidend sind. Achte einmal auf die Wiederholungen:

7 Und der König redete zu dem Mann Gottes: Komm mit mir ins Haus und stärke dich, und ich will dir ein Geschenk geben! 8 Der Mann Gottes aber sagte zum König: <Selbst> wenn du mir die Hälfte deines Hauses gäbest, so würde ich Nicht mit dir hineingehen. Ich werde an diesem Ort kein Brot essen und kein Wasser trinken. 9 Denn das ist mir geboten durch des HERRN Wort: Du sollst kein Brot essen und kein Wasser trinken und nicht den Weg zurückgehen, den du gekommen bist. 10 Und er ging einen andern Weg und nicht wieder den Weg, den er nach Bethel gekommen war. 11 Es wohnte aber ein alter Prophet in Bethel; zu dem kamen seine Söhne und erzählten ihm alles, was der Mann Gottes getan hatte an diesem Tag in Bethel, und die Worte, die er zum König geredet hatte. 12 Und ihr Vater sprach zu ihnen: Wo ist der Weg, den er gezogen ist? Und seine Söhne zeigten ihm den Weg, den der Mann Gottes gezogen war, der von Juda gekommen war. 13 Er aber sprach zu seinen Söhnen: Sattelt mir den Esel! Und als sie ihm den Esel gesattelt hatten, ritt er auf ihm 14 und zog dem Mann Gottes nach und fand ihn unter einer Eiche sitzen und sprach zu ihm: Bist du der Mann Gottes, der von Juda gekommen ist? Er sprach: Ja. 15 Er sprach zu ihm: Komm mit mir heim und iß Brot mit mir! 16 Er aber sprach: Ich kann nicht mit dir umkehren und mit dir kommen; ich will auch nicht Brot essen noch Wasser trinken mit dir an diesem Ort. 17 Denn es ist zu mir geredet worden durch das Wort des HERRN: Du sollst dort weder Brot essen noch Wasser trinken; du sollst nicht den Weg zurückgehen, den du gekommen bist. 18 Er sprach zu ihm: Ich bin auch ein Prophet wie du, und ein Engel hat zu mir geredet auf das Wort des HERRN hin: Führe ihn wieder mit dir heim, daß er Brot esse und Wasser trinke. Er belog ihn aber. 19 Und er führte ihn wieder zurück, daß er Brot aß und Wasser trank in seinem Hause. 20 Und als sie zu Tisch saßen, kam das Wort des HERRN zum Propheten, der ihn zurückgeführt hatte. 21 Und er rief dem Mann Gottes zu, der von Juda gekommen war: So spricht der HERR: Weil du dem Mund des HERRN ungehorsam gewesen bist und nicht gehalten hast das Gebot, das dir der HERR, dein Gott, geboten hat, 22 und umgekehrt bist, Brot gegessen hast und Wasser getrunken an dem Ort, von dem er dir sagte: Du sollst weder Brot essen noch Wasser trinken -, so soll dein Leichnam nicht in deiner Väter Grab kommen.

23 Und nachdem er gegessen und getrunken hatte, sattelte man für ihn den Esel des Propheten, der ihn zurückgeführt hatte. 24 Und als er seines Weges zog, fand ihn ein Löwe auf dem Wege und tötete ihn. Und sein Leichnam blieb auf dem Wege liegen, und der Esel stand neben ihm, und der Löwe stand neben dem Leichnam. 25 Und als Leute vorübergingen, sahen sie den Leichnam auf dem Wege liegen und den Löwen bei dem Leichnam stehen und kamen und sagten es in der Stadt, in der der alte Prophet wohnte. 26 Als das der Prophet hörte, der ihn zurückgeführt hatte, sprach er: Es ist der Mann Gottes, der dem Mund des HERRN ungehorsam gewesen ist. Darum hat ihn der HERR dem Löwen gegeben; der hat ihn zerrissen und getötet nach dem Wort, das ihm der HERR gesagt hat. 27 Und er sprach zu seinen Söhnen: Sattelt mir den Esel! Und als sie ihn gesattelt hatten, 28 zog er hin und fand den Leichnam auf dem Wege liegen und den Esel und den Löwen neben dem Leichnam stehen. Der Löwe hatte nichts gefressen vom Leichnam und den Esel nicht zerrissen. 29 Da hob der Prophet den Leichnam des Mannes Gottes auf und legte ihn auf den Esel und brachte ihn zurück und kam in seine Stadt, um die Totenklage zu halten und ihn zu begraben.

Das Motiv des Weges und des Zurückkehrens/Nicht-Zurückkehrens fällt in dieser Geschichte ganz klar auf. Die Frage ist: Was bedeutet dieses Motiv? Warum sollte der Mann nicht denselben Weg zurückkehren, den er gekommen war? Der Autor lässt uns bis zum Ende im Unklaren, gibt aber dann den entscheidenden Hinweis, indem er die zwei Schlüsselbegriffe noch einmal erwähnt:

33 Aber nach diesem Geschehnis kehrte Jerobeam nicht um von seinem bösen Wege, sondern bestellte wieder Priester für die Höhen aus allem Volk. Wer da wollte, dessen Hand füllte er, und der wurde Priester für die Höhen.

Jetzt beginnt die Geschichte Sinn zu machen. Der Befehl an den Mann Gottes bzgl. seiner Handlungen sind tatsächlich eine Botschaft an Jerobeam (genauso wie die Episode mit der verdorrten Hand auch eine Botschaft an Jerobeam war – dort erscheint das Wort „zurückkehren“ ebenfalls: in deutschen Übersetzungen wird es oft mit „wieder an sich ziehen“ übersetzt, siehe Verse 5 und 6). Beide – der Mann Gottes als auch Jerobeam – sind auf einem Weg: der Mann Gottes im wörtlichen Sinn und Jerobeam im übertragenen Sinn. Jerobeam befindet sich auf einem bösen Weg, von dem ihn Gott abbringen möchte. Er möchte, dass Jerobeam zurückkehrt, aber nicht auf demselben Weg, den er vorher gegangen ist. Deswegen sind die Anweisungen an den Mann Gottes so streng. Er dient eigentlich als ein lebendes Gleichnis für Jerobeam und soll diesem durch seine Handlungen ein Beispiel geben, welchem der König folgen soll. Als der Mann Gottes dem göttlichen Gebot ungehorsam ist und von dem, was er tun soll, abweicht, bleibt er dennoch ein lebendes Gleichnis – wenn auch in negativer Weise: er stellt dar, was Jerobeam getan hat, nämlich den Weg zu verlassen, den er gehen sollte. Deswegen überrascht es auch nicht, dass das Ende des Mannes Gottes auch das Ende Jerobeams erahnen lässt. Sogar in seinem Tod „spricht“ der Mann Gottes immer noch zu Jerobeam: wenn du auf dem Weg, den du nicht gehen sollst, bleibst, dann wirst du so wie ich sterben.

Diese Geschichte verdeutlicht erneut, wie wichtig es ist, Wiederholungen im Text zu bemerken, um dessen Bedeutung besser zu verstehen. Ohne diesen Schritt bleibt die Geschichte in 1. Könige 13 ein Stück weit rätselhaft. Gleichzeitig muss betont werden, dass in diesem Text noch viel mehr zu finden ist, als ich oben geschrieben habe. Weiteres Studium ist notwendig, um ganz zu verstehen, was der Autor sagen möchte. Das Erkennen der Schlüsselbegriffe „Weg“ und „zurückkehren“ ist jedoch ein wichtiger Schritt, der uns hilft, eine der Hauptfragen der Geschichte zu beantworten. Außerdem wird dadurch der Charakter Gottes noch näher beleuchtet. Er ist nicht nur ein Gott, der es ernst meint mit seinem Wort, sondern auch ein Gott, der verzweifelt versucht, einen bösen König zu erreichen und ihn von seinem schlechten Weg abzubringen.

Hausaufgabe (für alle, die noch ein wenig mehr üben möchten)

Schau dir 1. Mose 4,1-16 an. Welcher Schlüsselbegriff kommt siebenmal in dieser Geschichte vor und was bedeutet diese Wiederholung? Wenn du magst, kannst du deine Antwort gerne als Kommentar hier veröffentlichen.