6. Hinweis: Der Text steht in einem Zusammenhang (2. Teil)

2. Beispiel: Johannes 8,2-11

Schauen wir uns die bekannte Geschichte der Ehebrecherin in Johannes 8 an. Direkt vor dieser Geschichte findet sich ein Abschnitt, in dem verschiedene Menschen sagen, für wen sie Jesus halten (Joh 7,40-53). Wenn man bedenkt, was in Joh 8 folgt, dann sind zwei Aussagen in diesen Versen besonders interessant. Beide enthalten das Wort „Gesetz“, welches auch in 8,5 vorkommt. Die erste Aussage steht in Vers 49:

Diese Volksmenge aber, die das Gesetz nicht kennt, sie ist verflucht!

Die Volksmenge wird hier von den Pharisäern beschuldigt, das Gesetz nicht zu kennen. Ironischerweise wird durch Joh 8,2-11 gezeigt, dass sie selbst, die Pharisäer, das Gesetz nicht kennen (oder nicht kennen wollen). In Vers 4 berufen sie sich auf das durch Mose gegebene Gesetz, um Jesus zu überzeugen, dass die Frau gesteinigt werden muss. Das Gesetz besagt jedoch, dass nicht nur die Frau, sondern auch der Mann, der die Ehe gebrochen hat, gesteinigt werden muss (3. Mo 20,10; 5.Mo 22,22). Die Pharisäer hingegen erwähnen den Mann überhaupt nicht. Es ist klar, dass sie nicht am Gesetz interessiert sind. Das wird auch durch die Frage deutlich, die Nikodemus ihnen in 7,51 stellt:

Richtet denn unser Gesetz den Menschen, ehe es vorher von ihm selbst gehört und erkannt hat, was er tut?

Ganz offensichtlich redet Nikodemus hier von Jesus, doch die Nähe dieser Frage zu Joh 8, 2-11 lädt uns regelrecht dazu ein, sie auch auf die Frau anzuwenden. (Die Geschichte der Frau dient in so mancher Hinsicht als Illustration der größeren Geschichte über Jesus und seine Ankläger). Dem mosaischen Gesetz nach sollten Angeklagte immer in einem Gericht angehört werden (5. Mo 1,16-17). In Joh 8 jedoch erlauben die Pharisäer der Frau nicht mal zu sprechen; sie geben ihr kein faires Verfahren. Der unmittelbare Zusammenhang von Joh 8,2-11 verdeutlicht also noch mehr, wie ungerecht das ganze Vorgehen in dieser Geschichte ist. Das Gesetz wird nicht ernst genommen. Ironischerweise befinden sich die Pharisäer hier in der Gegenwart des Gesetzgebers persönlich (beachte, dass Jesus mit seinem Finger schreibt, genau wie JHWH die Gebote mit seinem Finger schrieb [2. Mo 31,18]). Am Ende der Geschichte stehen die Pharisäer selbst als Angeklagte da. (Allerdings legt Jesus – anders als sie es taten – ihre Sünden nicht offen dar!) Dadurch wird eine andere Ironie sichtbar: diejenigen, die die Frau anklagen, haben dazu überhaupt kein Recht, denn sie sind selbst sündig. Doch der, der ohne Sünde ist und das Recht zur Anklage hätte, erhebt keine. Was für ein Kontrast!

Genauso interessant ist es, sich die Verse nach Joh 8,2-11 anzusehen. In Vers 12 beginnt Jesus mit den Pharisäern ein Gespräch, in dem die Gerichtsthematik weitergeführt wird. In Vers 13 beschuldigen sie ihn, dass er von sich selbst Zeugnis ablegt und meinen, dass dieses Zeugnis nicht wahr ist. Den Hintergrund für dieses Gespräch bildet wieder das mosaische Gesetz, welches besagt, dass zwei oder drei Zeugen nötig seien, um die Wahrheit einer Zeugenaussage zu bestätigen (5. Mo 19,15-16). Ganz plötzlich halten sich die Pharisäer sehr genau an das Gesetz. Aber aufgrund der vorherigen Szene wissen wir, dass sie sehr selektiv auswählen, wann sie das Gesetz anwenden und wann nicht. Als Antwort darauf sagt ihnen Jesus, dass sie dem Fleisch nach richten, er aber richtet niemanden (8,15). Und wieder wissen wir, bezogen auf die vorherige Geschichte, dass er Recht hat: sie richteten die Frau nach dem Fleisch, aber er richtete sie gar nicht. Die vorangegangene Geschichte dient also dazu, die Wahrhaftigkeit von Jesu Aussage zu bestätigen.

Hausaufgabe

Schau dir 1. Samuel 17,55-58 an. Dies sind die letzten Verse der David-und-Goliath-Geschichte (Ja, diese Verse sind tatsächlich Teil dieses Texts J). Wie bereiten diese Verse den Leser auf das vor, was in 1. Sam 18 passiert? Welche wichtige Frage wird hier aufgeworfen, die dann im nächsten Kapitel behandelt wird?