8. Hinweis: Der Text ist in parallelen Zyklen angeordnet (2. Teil)

Wie ich letztes Mal erwähnt hatte, gibt es interessante Parallelen zwischen einigen der „Exil—Rückkehr-ins-Land“-Zyklen der Bibel. Hier sind zwei Beispiele:

Abram und Israel

Abram

  • Hungersnot im Land (1. Mo 12,10)
  • Geht hinab nach Ägypten (1. Mo 12,10)
  • Erwirbt Schafe und Rinder (1. Mo 12,15)
  • Plagen (1. Mo 12,17)
  • Pharao ruft Abram und sagt: Nimm und geh! (1. Mo 12,18-19)
  • Zieht aus mit Vieh, Silber und Gold (1. Mo 13,2)
  • Lot ging mit ihm (1. Mo 13,1)

Israel

  • Hungersnot im Land (1. Mo 41,54)
  • Gehen hinab nach Ägypten (1. Mo 42ff.)
  • Erwerben Besitz (1. Mo 47,27)
  • Plagen (1. Mo 7-11)
  • Pharao ruft Mose und Aaron und sagt: Nehmt und geht! (2. Mo 12,31-32)
  • Ziehen aus mit Vieh, Silber und Gold (2. Mo 12,35, 38)
  • Viel Mischvolk ging mit ihnen (2. Mo 12,38)

Jakob und David

Jakob

  • Von Esau gehasst (1. Mo 27,41)
  • Verlässt das väterliche Haus (1. Mo 28,10)
  • Im Hause Labans (1. Mo 29-31)
  • Hat Erfolg (1. Mo 30)
  • Rachel wird angeboten, dann zurückgezogen (1. Mo 29,15-30)
  • Wird zum Schwiegersohn (1. Mo 29,21-30)
  • Flieht – Laban verfolgt ihn (1. Mo 31)
  • Rahel lügt – Götzenbild involviert (1. Mo 31,30-35)
  • Laban fragt: Warum hast du mich getäuscht? (1. Mo 31,26)

David

  • Von Eliab gehasst (1. Sam 17,28)
  • Verlässt das väterliche Haus (1.Sam 18,2)
  • Im Hause Sauls (1. Sam 18)
  • Hat Erfolg (1. Sam 18,5.14-15.30)
  • Merab wird angeboten, dann zurückgezogen (1. Sam 18,17-19)
  • Wird zum Schwiegersohn (1. Sam 18,27)
  • Flieht – Saul verfolgt ihn (1. Sam 19-26)
  • Michal lügt – Götzenbild involviert (1. Sam 19,13-17)
  • Saul fragt: Warum hast du mich getäuscht? (1. Sam 19,17)

Durch diese Ähnlichkeiten laden die biblischen Autoren den Leser ein, zwei oder mehr Geschichten miteinander zu verbinden und die in den Zyklen vorkommenden Personen miteinander zu vergleichen und gegenüberzustellen. Gleichzeitig sagen uns diese Ähnlichkeiten auch etwas über Gott: was er für Abram getan hat, wird er auch für Israel tun. Letztendlich aber weisen alle Zyklen auf Jesus hin, der sein Vaterhaus verließ, von seinen Brüdern gehasst wurde, erfolgreich war und dennoch während seines gesamten Dienstes verfolgt wurde, sein Volk in einer Art Exodus aus der Sünde herausführte (siehe Lukas 9,31), was ihn dazu brachte, an einem Kreuz zu sterben, so dass sein Volk letzten Endes die echte Rückkehr in das Land erleben kann.

Damit endet der Theorieteil dieses Blogs. Ich hoffe, dass dir diese Posts geholfen haben. Natürlich könnte man noch sehr viel mehr sagen und entdecken, aber erst mal bin ich so weit gekommen. Ich halte dich auf dem Laufenden, falls ich neue Hinweise entdecken sollte. Von jetzt an werde ich ganz einfach neue Beobachtungen, Einsichten und Entdeckungen von meinem persönlichen Bibelstudium auf diesem Blog teilen. Ich hoffe, sie motivieren dich dazu, die Bibel für dich selbst noch tiefer zu lesen und zu studieren. Es ist das erstaunlichste Buch, das je geschrieben wurde und es lohnt sich immer, es sich genauer anzuschauen.

Hausaufgabe

Schau dir Johannes 18 an. Welche Ereignisse werden in diesem Kapitel erwähnt und was haben sie miteinander zu tun? Wie hilft dir ein Bewusstsein für Wiederholungen und Wiederholungen mit Variation dabei, diese Frage zu beantworten?

8. Hinweis: Der Text ist in parallelen Zyklen angeordnet (1. Teil)

Vielleicht erinnerst du dich daran, dass der erste hier vorgestellte Hinweis besagte, dass Erlösung das Hauptthema jedes biblischen Textes ist. Der letzte Hinweis, den ich betrachten möchte, bringt uns zu demselben Thema zurück. Aufmerksamen Bibelleser muss früher oder später auffallen, dass besonders die Geschichten der Bibel in Zyklen angeordnet sind, in denen die Erlösungsgeschichte quasi in Miniaturform immer wieder durchgespielt wird. Das wird schon in den ersten Kapiteln der Bibel deutlich.

Erinnerst du dich noch an die Struktur von 1. Mose 1-11?

A   Schöpfung, göttlicher Segen (1,1-2:3)

       B   Sünde Adams: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (2,4-3,24)

             C   Keine Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Abel (4,1-16)

                   D   Nachkommen des sündigen Sohnes Kain (4,17-26)

                          E   Nachkommen des erwählten Sohnes Set: 10 Generationen (5,1-32)

                                F   Sünde, die zum Gericht führt: Söhne Gottes (6,1-4)

                                      G   Kurze Einführung: Noah, 3 Söhne (6,5-8)

A’   Flut: Umkehrung der Schöpfung, Neuschöpfung, göttlicher Segen (6,9-9,19)

        B’   Sünde Noahs: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (9,20-29)

               C’   Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Jafet (10,1-5)

                      D’   Nachkommen des sündigen Sohnes Ham (10,6-20)

                          E’   Nachkommen des erwählten Sohnes Sem: 10 Generationen (10,21-32)

                                     F’   Sünde, die zum Gericht führt: Turmbau zu Babel (11,1-9)

                                            G’   Kurze Einführung: Terah, 3 Söhne (11,27-32)

 

Wie wir bereits festgestellt haben ist es recht offensichtlich, dass der Schreiber des 1. Mosebuches sein Material in den ersten elf Kapiteln ganz bewusst in einer Parallelstruktur angeordnet hat. Dadurch wird deutlich, dass die beiden Sequenzen eigentlich die gleiche Geschichte erzählen: Gott erschafft und segnet den Menschen, der Mensch sündigt, die anhaltende Sünde des Menschen führt zu göttlichem Gericht, doch in beiden Sequenzen wird ein Erlöser eingeführt, der das Land verlassen muss, aber später mit denen zurückkehrt, die Gott treu sind. Dieser Zyklus von Exil und Rückkehr in das Land kommt nicht nur hier am Beginn von 1. Mose vor, sondern kann im ganzen Alten und Neuen Testament beobachtet werden. Schau dir nur mal die folgende Liste an:

  • Noah: Exil (Flut) – Rückkehr in das Land
  • Abraham: Exil (Ägypten) – Rückkehr in das Land
  • Jakob: Exil (zu Laban) – Rückkehr in das Land
  • Israel 1/Mose: Exil (Ägypten) – versuchte Rückkehr in das Land
  • Israel 2/Josua: Exil (40 Jahre in der Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Naomi/Ruth/Boas: Exil (Moab) – Rückkehr in das Land
  • David: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Elia: Exil (Bach/Zarpat) – Rückkehr in das Land
  • Elisa: Exil (über dem Jordan) – Rückkehr in das Land
  • Israel 3: Exil (Babylon) – Rückkehr in das Land
  • Jesus: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Gemeinde: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land

Die Parallelen zwischen diesen Zyklen sind verblüffend. Denken wir nur einmal an die Ähnlichkeiten zwischen der Geschichte Abrahams und der Geschichte Israels, oder den Geschichten Jakobs und Davids. Diese Parallelen sind eindeutig gewollt. Die große Frage ist: Warum kommt dieses Thema des Exils und der Rückkehr in das Land so häufig vor? Die Antwort ist simpel: weil dadurch immer und immer wieder die große Geschichte der Bibel veranschaulicht wird, die ja eine Geschichte des Exils und der Rückkehr in das Land ist! Weil der Mensch gefallen ist, lebt er jetzt im Exil der Sünde. Doch Gott setzt sich mit all seiner Leidenschaft dafür ein, den Menschen aus dem Exil zu befreien und ihn dorthin zurückzubringen, wo er ursprünglich herkam. 1. Mose 1-4 zeigt, wie Gott den Menschen erschuf und ihn in einen Garten im Land Eden setzte. Aufgrund der Sünde musste der Mensch zuerst den Garten (Adam und Eva) und später auch das Land (Kain) verlassen. Der Rest der Bibel beschreibt letztlich, wie Gott versucht, den Menschen zurück in das Land und zurück in den Garten zu bringen, wo er ihn ursprünglich leben lassen wollte.

Wie schafft Gott das? Indem er einen Erlöser erweckt, der sein Volk wieder in das Land zurückbringt. Das sind die Leute, die zu den verschiedenen Zyklen (s.o.) gehören. Viele von ihnen werden als sogenannte „Typen Jesu“ bezeichnet. Das bedeutet, dass ihre Erlebnisse die Erfahrungen Jesu vorausschatten. (Natürlich sind das nicht die einzigen Erlöserfiguren im AT – es gibt noch viele weitere.) Somit ebnen die einander sehr ähnlichen Zyklen im Alten Testament den Weg für Jesus Christus, der denselben Zyklus durchläuft. Das bedeutet, dass das gesamte Alte Testament auf Jesus vorverweist (siehe Lukas 24,27!). Er geht denselben Weg wie die Menschheit und wie sein Volk Israel, doch er geht ihn ohne zu sündigen. Deswegen hat er das Recht, ihr Erlöser zu sein. Die Gemeinde muss dann in seinen Fußspuren folgen. Er ist das Haupt und wir sind der Leib, deswegen muss seine Erfahrung unsere Erfahrung werden. Kein Wunder, dass uns die Bibel dazu aufruft, wie Jesus zu sein!

Hausaufgabe

Schau dir die Erlebnisse von Abraham und Israel an sowie die Geschichten von Jakob und David. Welche Parallelen entdeckst du?