Nikodemus im Zusammenhang

Wahrscheinlich kennst du die Geschichte von Nikodemus in Johannes 3. Aber hast du schon einmal auf die Verse geachtet, die unmittelbar vor der Geschichte stehen?

Als er aber zu Jerusalem war, am Passa, auf dem Fest, glaubten viele an seinen Namen, als sie seine Zeichen sahen, die er tat. Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte und nicht nötig hatte, dass jemand Zeugnis gebe von dem Menschen; denn er selbst wusste, was in dem Menschen war. (Johannes 2,23-25)

Johannes teilt seinen Lesern also mit, dass Jesus wusste, was in dem Menschen war. Daher ist es interessant, dass er die Nikodemus-Geschichte folgendermaßen einleitet: „Es war aber ein Mensch aus den Pharisäern…“ Es scheint, als wenn Johannes mit der Wiederholung des Wortes Mensch seine Leser darauf aufmerksam machen will, dass die Nikodemus-Geschichte eine Illustration der letzten Aussage von Kapitel 2 ist. Jesus weiß, was in Nikodemus ist und dass er eine Neugeburt braucht, ungeachtet dessen, dass er ein Pharisäer ist.

Die Ironie liegt darin, dass sich Nikodemus am Beginn der Geschichte als jemand vorstellt, der weiß:

„Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“ (Joh 3,2)

Doch in nur wenigen kurzen Versen zeigt Jesus, wie wenig Nikodemus eigentlich weiß:

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und weißt das nicht? (Joh 3,10)

Interessanterweise nennt Jesus Nikodemus einen „Lehrer“ – der gleiche Begriff, den Nikodemus in Vers 2 für Jesus verwendet hatte. Wir haben hier also ein Gespräch zwischen zwei Lehrern. Einer von beiden behauptet, Wissen zu besitzen, aber er weiß die wichtigste Sache nicht: wie jemand echte Bekehrung erleben kann. Der andere Lehrer hat dieses Wissen und teilt es mit dem, der es nicht besitzt, der aber selbst genau so eine Bekehrung baucht.

Hausaufgabe

Kannst du noch andere Verbindungen zwischen Johannes 3 und seinem unmittelbaren Zusammenhang entdecken?

 

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Wer bist du?

Manchmal kann man einen Bibeltext eine ganze Weile studieren und trotzdem die Bedeutung eines bestimmten Details übersehen. Mir ist das beim Ringen Jakobs in 1. Mose 32 so gegangen. Jahrelang habe ich über diese Geschichte gepredigt. Ich dachte, ich kannte sie. Und doch habe ich erst vor kurzem die Bedeutung von Vers 28 erkannt:

Da sprach er zu ihm: Was ist dein Name? Er sagte: Jakob.

Ein einfacher, uns vertrauter Dialog. Und deswegen kann man es so leicht übersehen, einfach drüber lesen. Moment mal! Wir müssen uns überlegen: Warum nimmt der Autor diesen Dialog in die Geschichte auf? Und warum ist der Dialog überhaupt nötig? Wenn der geheimnisvolle Fremde in der Lage ist, Jakob zu segnen, warum würde er ihm diese Frage stellen? Weiß er nicht bereits, wer Jakob ist? Und warum stellt er diese Frage in exakt diesem Moment. Das sind wichtige Fragen.

Als ich vor einer Weile über diese Geschichte neu nachgedacht habe (es lohnt sich, immer wieder zum gleichen Text zurückzukehren!), habe ich plötzlich angefangen zu verstehen (ein großartiges Gefühl!). Das große Thema im Gespräch zwischen Jakob und dem Fremden ist der Segen. Kein Wunder, denn das war von Anfang an das Problem in der Jakob-Geschichte (es ist auch ein wichtiges Thema in der Geschichte der Menschheit, siehe 1. Mo 1,28). Jakob möchte den Segen, obwohl sein Vater ihn Esau geben will. Und Jakob bekommt den Segen. Doch er kriegt ihn durch Betrug. Deswegen muss er von zu Hause fliehen. Er hat den Segen, und hat ihn doch nicht. Und Jakob weiß das. Als er dann zwanzig Jahre später nach Hause zurückkehrt und der Fremde beginnt, mit ihm zu ringen, hat Jakob nur eine Bitte: Segne mich! (1. Mo 32,27) Eigentlich ist das die gleiche Bitte, mit der er bereits in Kapitel 27 das Zelt seines Vaters betrat. Sobald wir die Verbindung zwischen diesen beiden Kapiteln (1. Mo 27 und 32) erkennen, macht der Dialog in1. Mo 32,28 absolut Sinn. Jakob bittet den Fremden, ihn zu segnen; doch statt ihn zu segnen stellt der Fremde ihm die Frage: Was ist dein Name? Dadurch führt er Jakob zurück zu der Szene in 1. Mo 27, denn genau darum geht es auch dort:

So ging er zu seinem Vater hinein und sagte: Mein Vater! Und er sagte: Hier bin ich. Wer bist du, mein Sohn? (Vers 18)

Wer bist du?, fragt Isaak in 1. Mo 27. Und Jakob antwortet: Ich bin Esau, dein Erstgeborener (V. 19). Und er erhält den Segen. Jetzt, zwanzig Jahre später, möchte er den Segen wieder erhalten – diesmal ohne Betrug. Und der Fremde stellt dieselbe Frage: Wer bist du? Als aufmerksame Leser der Jakobsgeschichte überrascht uns das nicht. Diese Frage muss gestellt werden – und sie muss an diesem Punkt gestellt werden, denn an diesem Punkt hat Jakob in Kapitel 27 versagt. Er bekam den Segen, aber nur, weil er bezüglich seiner Identität gelogen hat. Bevor er also den Segen auf richtigem Weg erhalten kann, muss das Problem seiner wahren Identität gelöst werden. Und diesmal macht Jakob es richtig. Er lügt nicht, sondern gesteht: Ich bin Jakob.

Dieses Geständnis ist wichtig, und das nicht nur weil es der Wahrheit entspricht, sondern auch wegen der Bedeutung des Namens selbst. Im Hebräischen ist der Name Jakob (ya’āqōḇ) mit dem Verb ‘āqaḇ verwandt, was “betrügen” bedeutet. Deswegen kann Esau in 1. Mo 27,36 sagen:

Heißt er darum Jakob, weil er mich nun [schon] zweimal betrogen hat? Mein Erstgeburtsrecht hat er genommen, und siehe, jetzt hat er [auch] meinen Segen genommen!

Jakobs Name ist mit seiner Identität verbunden. Sein Leben lang ist Jakob der Betrüger, der andere Leute übers Ohr haut. Durch Betrug bekommt er das Erstgeburtsrecht (so sieht es zumindest Esau), durch Betrug erhält er den Segen, durch Betrug wird er reich. Das ist seine Identität , eine Identität, die er nicht zugeben will, aber die dennoch in der Geschichte immer wieder verdeutlicht wird. (Achte einmal auf die Ironie in 1. Mo 27: Jakob erhält den Segen indem er bzgl. seiner Identität lügt, während die gesamte Geschichte beweist, dass er zu recht Jakob heißt.) Wenn Jakob dem Fremden in Kapitel 32 seinen Namen nennt, dann sagt er nicht nur die Wahrheit, sondern gesteht auch seine wahre Identität. Er ist der Betrüger; derjenige, der immer versuchte, sich mit eigener Hand zu helfen, anstatt Gott zu vertrauen. Das Schöne jedoch ist: sobald er dies zugibt, wird sein Name (und damit auch seine Identität) verändert! (1. Mo 32,29)

Wie können wir diese Geschichte auf uns anwenden? Indem wir erkennen, dass Jakobs Versuchung auch unsere Versuchung ist. Wie Jakob (und wie Adam und Eva!) verleugnen wir oft unsere wahre Identität (wir sind Menschen, abhängig von Gott) und probieren, den Segen zu erschwindeln – indem wir uns zu Gott machen (falsche Identität) und entscheiden, was gut für uns ist und was nicht. Das Ergebnis ist immer dasselbe: wir leben im Exil der Sünde, schuldbeladen. Aber Gott gibt uns nicht auf. Er kommt und stellt die entscheidende Frage: Wer bist du? Und wenn wir, wie Jakob, bereit sind, unsere wahre Identität zuzugeben (hilflose, sündige Menschen), dann sagt Gott: Jetzt bist du wirklich erfolgreich! Jetzt bist du wirklich am Ziel! Und durch Jesus Christus gibt er uns eine neue Identität. Wir werden, was wir von Anfang an sein sollten. Das ist die gute Nachricht der Erlösung!