Was willst du, dass ich dir tun soll? (2. Teil)

Im letzten Post habe ich darauf hingewiesen, dass die Frage „Was möchtest du, dass ich dir/euch tun soll?“ in Markus 10 zweimal (in den Versen 36 und 51) vorkommt und die These aufgestellt, dass Markus die Geschichte von Jakobus’ und Johannes’ Bitte bewusst der Heilungsgeschichte von Bartimäus gegenübergestellt hat. Bleibt nur herauszufinden, warum er das tat. Was wollte der Autor durch die Gegenüberstellung deutlich machen?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir den größeren Zusammenhang des Markusevangeliums beachten. Wenn wir uns den Text genau anschauen, stellen wir fest, dass Markus mindestens drei sehr wichtige Fragen in seinem Evangelium stellt.

1. Wer ist Jesus?

Diese Frage ist in der ersten Hälfte des Evangeliums allgegenwärtig. Obwohl uns Markus bereits im ersten Vers seines Evangeliums mitteilt, wer Jesus ist, fragen sich Menschen in den folgenden Kapiteln immer wieder, wer dieser Mann ist (Markus 1,27; 2,7; 3,21-22; 4,41; 6,2-3). Ironischerweise sind die Einzigen, die genau wissen, wer Jesus ist, die Dämonen (Markus 1,24,34; 3,11; 5,7)!

In Markus 8 wird diese Frage endlich von einem Menschen richtig beantwortet. Petrus bekennt: Du bist der Christus! (8,29) Daraus ergibt sich sofort die zweite Frage, die im zweiten Teil des Evangeliums beantwortet wird:

2. Was bedeutet es, dass Jesus der Christus ist?

Wie relativ schnell deutlich wird, haben die Jünger ein ganz anderes Verständnis davon, was es für Jesus bedeutet, der Christus zu sein, als Jesus selbst das sieht. Sie glauben an einen politischen Christus, der ein irdisches Königreich aufrichten wird, in dem man die besten Positionen bekommt. Anderen zu dienen und dabei möglicherweise sogar zu leiden, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Jesus, jedoch, versucht ihnen zu zeigen, dass er gerade in seinem Leiden und Sterben der Christus ist (beachte, dass unmittelbar nachdem Petrus erkannt hat, wer er wirklich ist, Jesus anfängt, über seinen Tod zu sprechen – Markus 8,31; 9,31; 10,33-34). Dieses Leiden und Sterben ist eine Folge seiner Bereitschaft, sich zu demütigen und anderen zu dienen.

Dieses Missverständnis seitens der Jünger erklärt auch die Bitte von Jakobus und Johannes in Markus 10. Sie haben nicht verstanden, was es für Jesus bedeutet, der Christus zu sein. Deswegen muss Jesus ihnen noch einmal erklären, was seine wahre Identität ausmacht (10,42-45). Beachte, wie Jesus seine eigene Identität eng mit der seiner Nachfolger verbindet. Der Grund dafür liegt in der dritten Frage, die im Markusevangelium behandelt wird:

3. Was bedeutet es, diesem Christus zu folgen?

Die Antwort Jesu auf diese Frage ist eindeutig: ihm nachzufolgen bedeutet, wie er zu sein und sich auch wie er zu demütigen und zu dienen, sogar bis zum Tod. Um das zu illustrieren benutzt Markus das Motiv des „Weges“. Dieses Bild wird besonders in Markus 10 relevant. Vier Mal wird der „Weg“ erwähnt (Verse 17, 32, 46, 52). Es ist der Weg hinauf nach Jerusalem. Natürlich ist es ein buchstäblicher Weg, aber es ist auch der Weg des Leidens, der Weg hin zu Jesu Tod. Auf genau diesem Weg stellen ihm Jakobus und Johannes ihre Frage. Sie befinden sich mit Jesus auf dem Weg, aber sie haben weder die tiefere Bedeutung dieses Weges verstanden noch was dieser Weg für Jesus bedeutet. Und an dieser Stelle kommt Bartimäus ins Bild. Er sitzt am „Weg“ (Vers 46). Wie Jakobus und Johannes bittet auch er Jesus um etwas: er möchte sehen können. Das ist interessant, denn Jesus hat das Motiv der „Blindheit“ und des „Sehens“ bereits zuvor in diesem Evangelium benutzt, um den Mangel an Verständnis aufseiten der Jünger zu illustrieren (Markus 8,18; siehe auch 4,12).

Wenn wir jetzt all diese Puzzleteile zusammensetzen, dann scheint Markus die Geschichten von Jakobus, Johannes und Bartimäus ganz bewusst einander gegenüber gestellt zu haben. Er wollte dadurch das mangelnde Verständnis der Jünger hervorheben, aber auch die Lösung dieses Problems präsentieren. Als Jesus Jakobus und Johannes fragt, was er für sie tun soll, bitten sie um Positionen in seinem irdischen Reich. Als Jesus Bartimäus dieselbe Frage stellt, bittet dieser darum, sehen zu können. Markus scheint also anzudeuten, dass die Antwort des Bartimäus genau die Antwort war, die die beiden Brüder hätten geben sollen. Ihre Augen müssen ihnen geöffnet werden, nicht buchstäblich, sondern bildlich und geistlich. Nur dann sind sie tatsächlich in der Lage, Jesus auf seinem Weg zu folgen, wie Bartimäus es in Vers 52 tut. Die buchstäbliche Heilung des Bartimäus wird somit zu Illustration und Beispiel für die geistliche Heilung, die die Jünger und all jene, die Jesus, dem Christus, auf seinem Weg nachfolgen wollen, unbedingt brauchen!

Wenn Jesus heute vor dir stehen und dich fragen würde: Was willst du, dass ich für dich tun soll? – wie würdest du antworten?

Hausaufgabe

Welche anderen Verbindungen gibt es zwischen den beiden Geschichten und wie helfen sie dir, besser zu verstehen, was Markus seinen Lesern vermitteln will?

 

Was willst du, dass ich dir tun soll? (1.Teil)

Wenn Jesus heute vor dir stehen und dich fragen würde: Was willst du, dass ich für dich tun soll? – wie würdest du antworten?

Im Markusevangelium stellt Jesus zweimal diese Frage und beide Male befinden sich interessanterweise recht nah beieinander in Kapitel 10. In den Versen 32-34 hat Jesus den Jüngern gerade zum dritten Mal mitgeteilt, dass er nach Jerusalem geht, um zu sterben. Unmittelbar darauf kommen Jakobus und Johannes mit einer besonderen Bitte zu ihm:

Und es treten zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sagen zu ihm: Lehrer, wir wollen, dass du uns tust, um was wir dich bitten werden. Er aber sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich euch tun soll? Sie aber sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitzen in deiner Herrlichkeit. (Verse 35-37)

Wie wir wissen erfüllt Jesus ihnen ihre Bitte nicht, sondern lehrt sie den Wert echter Größe, die darin besteht, dass man anderen dient, genauso wie auch Jesus kam, um zu dienen und nicht um bedient zu werden – was er durch seinen eigenen Tod am Kreuz in höchstem Maße unter Beweis stellt (Verse 42-45).

Unmittelbar danach folgt in Markus 10 die Heilung des blinden Bartimäus. Hier kommt die eingangs erwähnte Frage ein zweites Mal vor. Als Bartimäus hört, dass Jesus bei ihm vorbeigehen wird, beginnt er zu rufen, dass Jesus sich seiner erbarmen soll.

Und Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn! Und sie rufen den Blinden und sagen zu ihm: Sei guten Mutes! Steh auf, er ruft dich! Er aber warf sein Gewand ab, sprang auf und kam zu Jesus. Und Jesus begann und spricht zu ihm: Was willst du, dass ich dir tun soll? Der Blinde aber sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde. (Verse 49-51)

In diesem Fall erfüllt Jesus den Wunsch und Bartimäus wird sehend und folgt Jesus auf dem Weg nach.

Die Tatsache, dass dieselbe Frage innerhalb weniger Verse zweimal vorkommt, sollte uns als aufmerksame Leser dazu bringen, innezuhalten und über die Bedeutung dieser Wiederholung nachzudenken. Dass die beiden Geschichten direkt nebeneinander stehen, ist höchstwahrscheinlich kein Zufall, sondern deutet darauf hin, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gibt. Was also will uns der Autor sagen?

(Fortsetzung folgt)

 

Bist du’s oder bist du’s nicht?

Du erinnerst dich vielleicht daran, dass ich vor einiger Zeit etwas zu Jesus, Petrus und dem Kohlenfeuer in Johannes 18 und 21 gepostet habe. In jenem Post habe ich darauf hingewiesen, dass Jesus Petrus in Joh 21 zurücknimmt an den Ort, wo Petrus in Joh 18 versagt hatte – und ihm die Chance gibt, eine bessere Entscheidung zu treffen. Ich habe auch gesagt, dass Jesus sogar etwas noch Besseres macht: er geht dorthin, wo wir versagt haben, erlebt dieselbe Versuchung wie wir, bleibt aber siegreich. Deswegen kann er unser Erlöser sein. Es ist interessant, dass dies bereits in Joh 18 angedeutet wird.

Achte mal darauf, wie Joh 18 ständig zwischen Jesus und Petrus hin- und herspringt. Diese beiden sind ganz klar die Hauptpersonen in diesem Kapitel. Interessanterweise werden beide in diesem Kapitel mir der gleichen Versuchung konfrontiert, einer Versuchung, bei der es um die Frage nach ihrer Identität geht. Dies ist relativ einfach zu erkennen, wenn man auf die Wiederholungen und Wiederholungen mit Variation in Joh 18 achtet.

Am Beginn von Kapitel 18 wird Jesus von Judas und der Gruppe der Hohenpriesters und der Pharisäer konfrontiert. Die Verse 4-8 beschreiben, was danach passiert:

Jesus nun, der alles wusste, was über ihn kommen würde, ging hinaus und sprach zu ihnen: „Wen sucht ihr?“ Sie antworteten ihm: „Jesus, den Nazoräer.“ Er spricht zu ihnen: „Ich bin es.“ Aber auch Judas, der ihn überlieferte, stand bei ihnen. Als er nun zu ihnen sagte: „Ich bin es“, wichen sie zurück und fielen zu Boden.

Da fragte er sie wieder: „Wen sucht ihr?“ Sie aber sprachen: „Jesus, den Nazoräer.“ Jesus antwortete: „Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr nun mich sucht, so lasst diese gehen!“ (Joh 18,4-8)

Als Jesus mit der Frage nach seiner Identität konfrontiert wird, leugnet er sie nicht, sondern antwortet wahrheitsgemäß: „Ich bin [es].“ Durch diese eigenartige Antwort bezieht er sich ganz offensichtlich auf andere „Ich bin [es]“-Aussagen, die wir im gesamten Johannesevangelium finden und die zeigen, dass Jesus Gott ist (beachte die Anspielung auf 2. Mo 3,14, was von den Juden in Joh 8 erkannt wird und die ihn dafür steinigen wollen). Gleichzeitig haben alle diese Aussagen etwas mit seiner Rolle als Erlöser zu tun.

Vergleichen wir das einmal mit Petrus. Als Jesus in den Hof des Hohenpriesters geführt wird, folgen ihm Petrus und ein anderer Jünger. Beide betreten den Hof, aber der Text konzentriert sich hauptsächlich auf Petrus:

Simon Petrus aber folgte Jesus und ein anderer Jünger. Dieser Jünger aber war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus hinein in den Hof des Hohenpriesters. Petrus aber stand an der Tür draußen. Da ging der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus und sprach mit der Türhüterin und führte Petrus hinein. Da spricht die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist nicht auch du einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sagt: Ich bin’s nicht. Es standen aber die Knechte und die Diener da, die ein Kohlenfeuer gemacht hatten, weil es kalt war, und wärmten sich; Petrus aber stand auch bei ihnen und wärmte sich. (Verse 15-18)

Nachdem er vom Gespräch Jesu mit dem Hohenpriester berichtet hat, kehrt der Autor von Joh 18 zu Petrus zurück:

Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Da sprachen sie zu ihm: „Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern?“ Er leugnete und sprach: „Ich bin’s nicht.“ Es spricht einer von den Knechten des Hohenpriesters, der ein Verwandter dessen war, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: „Sah ich dich nicht in dem Garten bei ihm?“ Da leugnete Petrus wieder; und gleich darauf krähte der Hahn. (Verse 25-27)

So wie Jesus wird auch Petrus mit der Frage nach seiner Identität konfrontiert. Doch anders als Jesus leugnet Petrus seine Identität, indem er lügt: „Ich bin es nicht.“

Das ist ein klassisches Beispiel für Wiederholung mit Variation. Während Jesus mit „Ich bin [es]“ antwortet, sagt Petrus „Ich bin es nicht“. Interessanterweise wird im Text nur zweimal erwähnt, dass Petrus sagt „Ich bin es nicht“, obwohl er Jesus dreimal verleugnet. Das ist ganz bewusst so gemacht, um die Antworten von Jesus und Petrus miteinander zu verbinden, denn Jesus sagt ebenfalls zweimal „Ich bin [es]“.

Worum geht’s hier also? Es geht darum, dass Jesus und Petrus dieselbe Versuchung bezüglich ihrer Identität erleben und dass Jesus dort siegreich bleibt wo Petrus versagt. Während Petrus seine Identität als Jünger Jesu verneint, bekennt Jesus seine wahre Identität als Gott und Erlöser der Welt. Dieses Bekenntnis führte dazu, dass Jesus sein Leben verliert, während Petrus in der Lage ist, sein Leben durch sein Leugnen zu retten. Doch am Ende ist es gerade durch seine Treue zu sich selbst und seiner eigenen Identität bis zum Tod, dass Jesus in der Lage ist, echtes Leben sowohl für Petrus als auch für alle anderen zu erwirken, die ihre eigene Identität verleugnet haben!

Hausaufgabe

Lies 1. Samuel 1,1-3. Warum werden die Söhne Elis in Vers 3 vorgestellt? Was erreicht der Autor damit, dass er sie an diesem Punkt vorstellt und warum ist das von Bedeutung? (Tipp: Schau dir einmal die Namen an, die in diesen drei Versen vorkommen [außer den Namen der Linie Elkanas in Vers 1]. Fällt dir etwas auf?)