Eine Geschichte zweier Familien (1. Teil)

Gleich zu Beginn des ersten Samuelbuches wird eine Familie vorgestellt:

„Es war ein Mann von Ramatajim-Zofim, vom Gebirge Ephraim, und sein Name war Elkana, ein Sohn des Jeroham, des Sohnes Elihus, des Sohnes Tohus, des Sohnes Zufs, ein Ephraimiter. Und er hatte zwei Frauen: der Name der einen war Hanna und der Name der anderen Peninna; Peninna hatte Kinder, aber Hanna hatte keine Kinder.“ (1. Samuel 1,1-2)

Interessanterweise wird bereits im nächsten Vers eine weitere Familie eingeführt:

Und dieser Mann ging Jahr für Jahr aus seiner Stadt hinauf, um den HERRN der Heerscharen anzubeten und ihm in Silo zu opfern. Dort aber waren die beiden Söhne Elis, Hofni und Pinhas, Priester des HERRN. (1. Samuel 1,3)

Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass der Schreiber die zweite Familie nicht unbedingt an dieser Stelle hätte vorstellen müssen. Eigentlich wirken diese drei Personen an diesem Punkt eher fehlplatziert, denn das Hauptaugenmerk der Geschichte liegt bei der ersten Familie – und das bleibt auch für die nächsten Verse so. Trotzdem hat der Autor die Namen in Vers 3 ganz bewusst an dieser Stelle eingefügt, so dass sie unmittelbar auf die Beschreibung der ersten Familie folgen. Dadurch lädt er den Leser ein, die beiden Familien zu vergleichen. Es ist interessant, dass beide Familien aus drei (namentlich erwähnten) Personen bestehen, von denen zwei dieselbe Beziehung zur dritten Person haben. Außerdem haben die Namen in beiden Familien gewisse Ähnlichkeiten:

Elkana (Ehemann),  Hanna (Ehefrau) + Peninna (Ehefrau)

Eli (Vater), Hofni (Sohn) + Pinhas (Sohn)

Der Autor stellt uns also am Beginn seines Buches zwei drei-Personen-Familien vor, die sehr ähnliche Namen haben. Beide Familien spielen in den nachfolgenden Kapiteln eine Schlüsselrolle. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird deutlich, dass beide Familien trotz der anfänglichen Ähnlichkeiten sehr unterschiedlich sind. Während die eine Familie Gott treu am Heiligtum anbetet und von ihm mit Nachkommen gesegnet wird, missbraucht die andere Familie den Heiligtumsdienst und wird von Gott verflucht, der ankündigt, dass alle Nachfahren dieser Familie aus dem Volk ausgerottet werden. Ihre Stelle wird von keinem geringeren als einem Nachfahren der ersten Familie übernommen, der im Gegensatz zu ihnen ein Leiter sein wird, der Gott treu ist.

Die beiden Familien bewegen sich demnach in völlig entgegengesetzte Richtungen, wobei die erste Familie den Platz der zweiten Familie einnehmen wird.

Die Unterschiede zwischen den beiden Familien werden an verschiedenen Stellen der Geschichte hervorgehoben, indem einzelne Mitglieder der beiden Familien miteinander verglichen und einander gegenübergestellt werden.

Eli und Hanna

Die beiden Familien treffen zum ersten Mal in der Szene, die in 1. Samuel 1,9-19 beschrieben wird, aufeinander. In dieser Szene wechselt der Autor ständig zwischen Hanna und Eli hin und her und lädt den Leser dadurch ein, die beiden Personen miteinander zu vergleichen und einander gegenüberzustellen. Diese Dynamik beginnt bereits in Vers 9:

Da stand Hanna auf, nachdem sie in Silo gegessen und getrunken hatten. Der Priester Eli aber saß auf einem Stuhl am Türpfosten des Tempels des HERRN. (1. Sam 1,9)

Achte einmal darauf, wie der Autor Eli erneut einführt, bevor der Priester überhaupt in der Geschichte in Erscheinung tritt. Dies ermöglicht es ihm Hannas Aufstehen mit dem Sitzen Elis zu vergleichen. Während sie die Initiative ergreift, um ihre Situation zu verändern, erscheint Eli passiv zu sein – genau so, wie er später in der Geschichte auch direkt charakterisiert wird. Im Laufe der Szene wird der Kontrast sogar noch deutlicher. Während Hanna dem Herrn ein Gelübde ablegt, das Abstinenz von Wein und Rauschgetränken beinhaltet (siehe 4. Mose 4,3; vgl. 1. Sam 1,15 und Richter 13,4), denkt Eli, dass sie betrunken ist. Der Hohepriester an Gottes Heiligtum verwechselt also eine echte und treue Anbeterin mit einer Betrunkenen! Der Grund für dieses Missverständnis ist, dass Eli auf ihren Mund schaut (V. 12), während Hanna in ihrem Herzen spricht (V. 13). Eli sieht nur, was äußerlich sichtbar ist, aber achtet nicht auf das Herz (vgl. 1. Sam 16,7 – das Motiv, falsche Schlussfolgerungen zu ziehen, weil man nur auf Äußerlichkeiten achtet, beginnt bereits in 1. Samuel 1!). Hanna muss ihren Rausch nicht loswerden (V. 14), sie hat lediglich ihre Seele dem Herrn ausgeschüttet (V. 15). Deswegen sollte Eli sie nicht als eine ehrlose Frau ansehen (V. 16). Wörtlich heißt es im Text, dass er sie nicht als „Tochter Belials“ ansehen soll. So wird die Ironie deutlich: während Eli Hanna nicht als eine Tochter Belials ansehen soll (was impliziert, dass er genau das gemacht hat, als er sie für betrunken hielt), werden seine eigenen Söhne als „Söhne Belials“ (2,12) bezeichnet! Der Text zeigt uns somit einen Eli, der stärker auf ein scheinbares Fehlverhalten (das in Wirklichkeit wahre Anbetung ist!) bedacht ist, als auf das ganz offensichtliche und reale Fehlverhalten seiner eigenen Söhne.

(Fortsetzung folgt)

Hausaufgabe

Welche anderen Personen werden in den ersten Kapiteln des 1. Buches Samuel verglichen und einander gegenübergestellt?