„Im dritten Jahr der Regierung Jojakims…“

Das Buch Daniel beginnt folgendermaßen: „Im dritten Jahr der Regierung Jojakims, des Königs von Juda…“ (Dan 1,1)

Die meisten Leute überspringen diese Einleitung einfach oder sind nur in historischer Hinsicht an ihr interessiert (d.h.: Wann war das dritte Jahr der Regierung Jojakims?). Mit Sicherheit beginnt der Autor das Buch auch deswegen so, damit der Leser weiß, wann sich die Ereignisse in den Versen 1-2 zugetragen haben. Dennoch denke ich, dass das nicht sein einziger (und vielleicht nicht einmal sein Haupt-) Grund dafür war, dieses Buch so zu beginnen. Das wird dann deutlich, wenn wir diesen Teilsatz von einer literarischen Perspektive betrachten.

Der Schlüssel, um die literarische Funktion dieser Einleitung zu verstehen, ist das Prinzip der Wiederholung. Als aufmerksamer Leser bemerkt man, dass das dritte Jahr in Jojakims Regierung nicht das einzige dritte Jahr ist, das in Daniel 1 erwähnt wird.

Laut Vers 5 sollte die Ausbildung Daniels und seiner Freunde drei Jahre dauern. Das bedeutet, die Ereignisse am Kapitelende, eingeleitet mit den Worten „Und am Ende der Tage“ (Vers 18), fanden auch in einem dritten Jahr statt, nämlich im dritten Jahr ihrer Ausbildung. Demnach haben wir zwei dritte Jahre: das dritte Jahr von Jojakim und das dritte Jahr von Daniel und seinen Freunden. In beiden Fällen ist das dritte Jahr ein Jahr des Gerichts. Für Jojakim fällt es negativ aus: er wird in die Hand Nebukadnezars gegeben; Babylon triumphiert also über Juda. Für Daniel und seine Freunde ist es jedoch positiv: sie werden allen Weisen Babylons als zehnfach überlegen befunden; somit triumphiert Juda über Babylon (Achte darauf, wie Gott in den folgenden Kapiteln diesen Sieg nutzt, um Babylon zu erreichen!).

Wenn wir dann auch die Geschichte Jojakims (2. Könige 23,31-24,7 und 2. Chronik 36,1-8) in Betracht ziehen, stellen wir noch weitere Parallelen fest. Jojakim sowie Daniel und seinen Freunden haben folgendes gemeinsam (nicht in chronologischer Reihenfolge):

Jojakim

  • von der königlichen Familie
  • Name wurde geändert
  • nach Babylon geführt
  • Widerstand gegen Nebukadnezar
  • Ein Zeitraum von 3 Jahren – negatives Urteil im dritten Jahr

Daniel und seine Freunde

  • von der königlichen Familie
  • Namen wurden geändert
  • nach Babylon geführt
  • Widerstand gegen Nebukadnezar
  • Ein Zeitraum von 3 Jahren – positives Urteil im dritten Jahr

Diese vielen Parallelen deuten an, dass der Autor das Buch ganz bewusst auf diese Weise beginnt, um den Leser dazu einzuladen, Jojakim mit Daniel und seinen Freunden zu vergleichen und einander gegenüberzustellen. Zwar machen beide Gruppen eine sehr ähnliche Erfahrung, doch es gibt klare Unterschiede zwischen ihnen, besonders wenn es um die Art geht, wie sie sich Nebukadnezar widersetzen. Während sich Jojakim widersetzt, indem er auf menschliche Hilfe vertraut, widersetzen sich Daniel und seine Freunde, indem sie auf göttliche Hilfe bauen (Es ist interessant zu sehen, wie höflich Daniel Widerstand leistet und was für ein Kontrast zur Revolte Jojakims dadurch entsteht). In beiden Fällen führt dies zu einem Geben Gottes – doch das Geben fällt komplett unterschiedlich aus. Gott gab Jojakim in Nebukadnezars Hand (Vers 2). Daniel und seinen Freunden hingegen gab Gott „Kenntnis und Verständnis in jeder Schrift und Weisheit“ (V. 17).

Jojakim sowie Daniel und seine Freunde stehen für zwei Wege, wie man sich Babylon gegenüber verhalten kann. Der Weg Jojakims führt zu Zerstörung und Sklaverei. Der Weg Daniels und seiner Freunde jedoch führt zu Ehre und Erhöhung, was Gott dann in seinem Bemühen nutzt, Babylon zu retten. Das wirft natürlich die Frage auf: welchen Weg wirst du, welchen Weg werde ich wählen im Umgang mit dem endzeitlichen Babylon?

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