1. Samuel 1 im Zusammenhang

In der hebräischen Bibel folgen die beiden Samuelbücher direkt auf das Buch Richter. In der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, kommt dazwischen noch das Buch Rut. Dies ist auch die Reihenfolge in unseren deutschen Bibeln. Dass beide Anordnungen Sinn machen, zeigen bereits die interessanten Verbindungen zwischen 1. Samuel 1 und verschiedenen Stellen in Richter und Rut. 1. Samuel 1 erscheint nicht aus dem Nichts, sondern führt die Geschichten von Richter und Rut weiter.

Verbindungen zu Richter 13

Achte zum Beispiel darauf, wie die Geschichte von Simson in Richter 13 beginnt:

Da war nun ein Mann aus Zora, von einer Sippe der Daniter, sein Name war Manoach. Seine Frau aber war unfruchtbar und gebar nicht. (Ri 13,2)

Im weiteren Verlauf der Geschichte wird berichtet wie der Engel des Herrn Manoachs Frau besucht und ihr sagt, dass ihr Sohn lebenslang ein Nasiräer sein wird.

Vergleichen wir das einmal mit dem Anfangsvers in 1. Samuel:

Es war ein Mann von Ramatajim-Zofim, vom Gebirge Ephraim, und sein Name war Elkana, ein Sohn des Jeroham, des Sohnes Elihus, des Sohnes Tohus, des Sohnes Zufs, ein Ephraimiter. (1. Sam 1,1)

Es ist sicherlich kein Zufall, dass dies die einzigen beiden Verse in der gesamten Bibel sind, die mit „Es war ein Mann…“ beginnen (im hebräischen Text ist die Formulierung in beiden Versen identisch). Interessanterweise ist Elkanas Frau auch unfruchtbar und ihr Sohn wird lebenslang ein Nasiräer sein, genau wie Simson.

Indem er ganz bewusst auf Richter 13 anspielt, lädt uns der Autor von 1. Samuel dazu ein, Samuel als Nachfolger für Simson zu sehen. Beide werden von ehemals unfruchtbaren Frauen empfangen, beide sind Nasiräer, beide sind Richter. Doch trotz dieser Gemeinsamkeiten sind ihre Geschichten sehr verschieden. Simson bricht sein Gelübde, Samuel nicht. Simson handelt hauptsächlich in Eigeninteresse, Samuel dient hingegen dem Herrn als auch dem Volk. In mancher Hinsicht wirkt Samuel wie eine Kontrastfigur für Simson: er zeigt den positiven Einfluss, den jemand auf Gottes Volk haben kann, wenn er dem Herrn nicht nur in Wort, sondern auch in Tat völlig hingegeben ist.

Verbindungen zu Richter 17-21

Beachte auch, dass Elkana vom Gebirge Ephraim ist. Obwohl es in 1. Samuel nicht explizit erwähnt wird, wissen wir doch aus 1. Chr 6, dass Elkana ein Levit ist. Das ist deswegen interessant, weil das Buch Richter mit zwei Geschichten über Leviten endet, die im Gebirge Ephraim leben (Ri 17,1.6; 19,1). Beide Männer werden nicht gerade in einem guten Licht dargestellt. Statt dass sie am wahren Heiligtum dienen, wie sie es eigentlich sollten, dient einer der Leviten als Priester im Hause Michas (17,10-13), während der andere seine Konkubine den Männern von Gibea übergibt, die diese die ganze Nacht hindurch vergewaltigen, so dass sie bis zum Morgen stirbt. Als Ergebnis dieser Greueltat beginnt ein Bürgerkrieg in Israel, im Zuge dessen fast der gesamte Stamm Benjamin ausradiert wird. Es überrascht nicht, dass das Richterbuch folgendermaßen endet:

In jenen Tagen war kein König in Israel. Jeder tat, was recht war in seinen Augen. (Ri 21, 25)

Im Gegensatz dazu tut der Levit Elkana vom Gebirge Ephraim was recht ist in den Augen des Herrn, indem er jedes Jahr zum wahren Heiligtum geht, um dem Herrn dort zu opfern. Das lässt hoffen, dass dies eine positivere Geschichte sein wird, als die Geschichten der zwei Leviten am Ende des Richterbuch, und dass es für Israel als Ganzes vielleicht noch Hoffnung gibt.

Verbindungen zu Rut

Obwohl das Buch Rut in der hebräischen Bibel nicht zwischen Richter und 1. Samuel steht, dient es ebenso als Kontext für 1. Samuel, weil sich die Geschichte von Rut während der Zeit der Richter abspielt (Rut 1,1). Und wieder gibt es interessante Verbindungen zu 1. Samuel 1. Zum Einen ist Elimelech (Mein Gott ist König) genauso ein Efratiter wie Elkana (1. Samuel 1,1). Zum anderen gibt es in beiden Geschichten Frauen, die keine Kinder bekommen können. Trotzdem wird in beiden Fällen schließlich ein Kind geboren, weil eine Frau die Initiative ergreift. In Rut wird das Kind gar als ein Erlöser dargestellt:

Da sagten die Frauen zu Noomi: Gepriesen sei der HERR, der es dir heute nicht an einem Löser hat fehlen lassen! Sein Name werde gerühmt in Israel! Und er wird dir ein Erquicker der Seele sein und ein Versorger deines Alters! Denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn geboren, sie, die dir mehr wert ist als sieben Söhne. (Rut 4,14-15)

Die Gemeinsamkeiten zu Rut bergen die Frage, ob das Kind in 1. Samuel 1 eine ähnliche Rolle haben wird. Im Laufe der Geschichte wird deutlich, dass das tatsächlich der Fall ist. Das Kind, welches geboren wurde, ist ein neuer Mose, der Israel auf einem neuen Exodus aus der Sünde herausführen wird. Daher überrascht es nicht, dass er auch mit Worten beschrieben wird, wie sie später für Israels ultimativen Erlöser verwendet werden:

Der Junge Samuel aber nahm immer mehr zu an Alter und Gunst bei dem HERRN und bei den Menschen. (1. Sam 2,26; vgl. Lk 2,52)

Hausaufgabe

Welche Ähnlichkeiten zwischen Mose und Samuel fallen dir ein? Welche anderen Verbindungen gibt es zwischen 1. Samuel 1 und den Büchern Richter und Rut?

 

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