Gott begegnen in 1. Samuel 3

In einem früheren Post haben wir beobachtet, dass der Autor in den ersten Kapiteln von 1. Samuel ganz bewusst die Familien von Eli und Hanna gegenüberstellt, insbesondere die Söhne von Eli und den Sohn Hannas, Samuel. Vor einiger Zeit habe ich beim Studium von 1. Samuel 3 einen weiteren Aspekt entdeckt, der diesen Eindruck unterstützt.

Gehen wir erst einmal zurück zu 1. Samuel 2. Eine Sache, die wir dort über Elis Söhne erfahren, ist, „dass sie bei den Frauen lagen, die am Eingang des Zeltes der Begegnung Dienst taten“ (V. 22). Das bildet einen interessanten Kontrast zu dem vorherigen Vers (2,21), in dem der Herr Hanna heimsucht und sie schwanger wird und drei Söhne und zwei Töchter gebiert. Während Hannas Begegnung mit Gott das Ergebnis ihres Glaubens und des priesterlichen Segens in 2,20 war, ist die Begegnung der Söhne Elis mit den Frauen am Heiligtum schändlich und zeigt ihre Missachtung des göttlichen Gesetzes. Wir sollten auch festhalten, dass Hannas Begegnung mit Gott Nachkommen hervorbrachte; die Begegnungen der Söhne Elis nicht. Das passt durchaus zu der Gegenüberstellung dieser beiden Familien: Während die Linie Hannas fortgeführt wird und Leben hat, wird die Linie Elis und seiner Söhne nicht weitergehen, sondern ausgerottet werden.

Achten wir auch mal auf die Formulierung in 2,22: Die Söhne Elis „lagen“ bei den Frauen die am „Eingang des Zeltes der Begegnung“ dienten. Indem der Begriff „Zelt der Begegnung“ benutzt wird, erinnert uns der Autor daran, dass das Heiligtum tatsächlich ein Ort der Begegnung war, nämlich der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk. Die fünf Bücher Mose zeigen, dass die Priester eine entscheidende Rolle bei der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk spielten, weil sie die Mittler waren, die Sühnung für die Sünden des Volkes erwirken sollten, so dass Gott weiterhin unter ihnen leben konnte. Bezeichnenderweise sollte dies am Eingang des Zeltes der Begegnung stattfinden (siehe 3. Mo 1,3.5; 3,2; 4,4.7.18; usw.). Wie 1. Samuel 2 deutlich macht, nahmen Elis Söhne ihre Mittleraufgabe nicht ernst, sondern verhinderten durch ihr Handeln sogar, dass Sühnung tatsächlich erwirkt werden konnte (siehe 1. Sam 2,12-17). Statt die Begegnung zwischen Gott und seinem Volk zu ermöglichen, begegneten sie den Frauen, die am Heiligtum dienten. Der Theologe Peter Leithart schreibt in diesem Zusammenhang: „Diese Unzucht hatte auch symbolische Bedeutung. In 3. Mose 18 werden sexuelle Sünden als unzulässiges ‚Aufdecken der Blöße’ beschrieben und die Sprache, die hier benutzt wird, ist dieselbe, die für die Annäherung ans Heiligtum verwendet wird. Es gibt also eine begriffliche Parallele zwischen der Unantastbarkeit des Heiligtums und der Unantastbarkeit einer Frau…Hofni und Pinhas, jedoch, schändeten diese Frauen – ein Zeichen dafür, dass das Heiligtum selbst geschändet wurde (A Son to Me: An Exposition of 1 & 2 Samuel, S. 50). Diese Schändung sollte jedoch nicht unbestraft bleiben. Allein schon die Erwähnung des Eingangs des Heiligtums klingt verhängnisvoll. Das war nämlich genau die Stelle, an der der Herr in 4. Mose 16,19 erschien, um das Gericht über Korah und dessen Nachfolger zu verkünden, die die göttlichen Heiligtumsvorschriften missachteten (4. Mo 16,19).

Im Lichte all dessen ist es nicht überraschend, dass 1. Sam 3 mit der Feststellung beginnt, dass „das Wort des HERRN selten in jenen Tagen [war]; ein Gesicht war nicht häufig.“ Wegen der Bosheit der eingesetzten Mittler war es nicht möglich, dass Gott seinem Volk begegnen konnte. Doch 1. Sam 3,1 lässt auch hoffen, denn dort wird auch erwähnt, dass Samuel dem Herrn vor Eli diente. Gott wollte die Zustände nicht belassen, wie sie waren. Er wollte, dass das Heiligtum ein Ort der Begegnung zwischen ihm und dem Volk sei und deswegen zog er einen treuen Priester heran, der den Platz der bösen Priester einnehmen sollte. Dieser Priester würde nicht den Frauen am Heiligtum begegnen, sondern würde Gott begegnen und dadurch zeigen, wie solch ein Kontakt möglich wird. Diese Begegnung finden wir in 1. Sam 3 und sie wird bewusst der Begegnung der Söhne Elis in 2,22 gegenübergestellt.

Achte einmal darauf, dass das Schlüsselwort „liegen“ in beiden Begegnungen vorkommt. Während Elis Söhne bei den Frauen am Heiligtum lagen und Eli an einem nicht näher bezeichneten Ort lag (3,2), lag Samuel „im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes war“ (3,3). Es ist auch wichtig, dass 3,7 erwähnt, dass „Samuel den Herrn noch nicht erkannt [hatte], und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden,“ denn beide Begriffe („erkennen“ und „offenbaren/aufdecken“) werden in der Bibel mit sexuellen Begegnungen assoziiert. Der Autor scheint also Folgendes anzudeuten: während Elis Söhne unrechtmäßige Begegnungen mit den Frauen am Heiligtum hatte, was liegen, erkennen und offenbaren beinhaltete, hatte Samuel eine rechtmäßige Begegnung mit Gott am Heiligtum, was ebenfalls liegen, erkennen und offenbaren umfasste. Das war die echte Art von Begegnung, die Gott an seinem Heiligtum wollte – nicht ein sexuelles Aufeinandertreffen zur persönlichen Befriedigung, sondern eine Begegnung des gegenseitigen Erkennens in einer sehr tiefen Art und Weise (worum es auch bei der sexuellen Begegnung geht, wie Gott sie für Menschen im Sinn hatte). Das Alte Testament unterstreicht immer wieder, dass das die große Sehnsucht Gottes ist: erkannt zu werden! Aber wie 1. Sam 3 zeigt, ist solch ein Erkennen nur möglich durch hören/gehorchen (im Hebräischen bedeutet das Wort für „hören“ auch „gehorchen“) des Wortes Gottes. Und das war genau das Problem von Elis Söhnen: sie hörten nicht (2,25). Samuel jedoch war bereit zuzuhören und konnte deswegen Gott im Zelt der Begegnung begegnen.

Hausaufgabe

Denk einmal etwas länger über die Tatsache nach, dass Versöhnung am Eingang des Heiligtums vollzogen werden sollte. Was bedeutet dieser besondere Ort? Beziehe in deine Überlegungen auch ein, dass es eindeutige Parallelen zwischen dem Bau des Heiligtums und der Erschaffung der Erde gibt. Wo lebte der Mensch ursprünglich? Was passierte aufgrund von Sünde? Und was ist Gottes Ziel für die Menschheit? Welche Rolle spielt dabei Sühne? Welche Verbindungen bestehen zu dem Gedanken, Gott zu kennen? Und welche Rolle spielt der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen bei all dem?

 

Die Struktur von 1. Samuel 3

1. Samuel 3 hat eine sehr schöne chiastische Struktur:

A Samuel dient dem Herrn – der Herr offenbart sich selten (V. 1)

B Eli und Samuel (V. 2-9)

X Der Herr und Samuel (V. 10-14)

B’ Eli und Samuel (V. 15-18)

A’ Samuel wächst heran – der Herr offenbart sich weiterhin (V. 19-21)

Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Begegnung zwischen dem Herrn und Samuel. Dies ist der Höhepunkt der Geschichte. Hier begreift Samuel endlich, was geschieht, und der Leser erfährt endlich, warum der Herr zu Samuel reden wollte. Die Spannung, die sich während der Geschichte aufgebaut hat, erreicht ihren Höhepunkt und wird aufgelöst.

Dieser Mittelteil wird von zwei Abschnitten umrahmt, in denen es um Eli und Samuel geht. Dadurch wird der Kontrast zwischen Eli und Gott deutlich. Auch Eli spricht zu Samuel, aber er sagt ihm mehrmals, dass er ihn nicht gerufen hat. Gott hingegen hat Samuel tatsächlich gerufen und wird mit ihm reden – ironischerweise über Eli. Die Tatsache, dass Eli Samuel zweimal „mein Sohn“ nennt (Verse 6 und 16) legt auch einen Vergleich zwischen Samuel und Elis Söhnen nahe. Samuel hört auf Eli, obwohl Eli ihn nicht gerufen hat, während Elis Söhne nicht auf ihren Vater hören. Man könnte sogar argumentieren, dass Elis Problem darin liegt, dass er sie nicht ruft – im Gegensatz zu Gott, der sowohl ihn als auch Samuel ruft. Samuel hört auf Gott – anders als Eli und seine Söhne.

Ein Blick auf die beiden äußeren Abschnitte (A und A’) zeigt die Entwicklung an, die in diesem Kapitel stattfindet, nämlich von einer Situation, wo die Offenbarungen Gottes selten sind, zu einer Situation, wo sie kontinuierlich auftreten. Diese Entwicklung wird dadurch ermöglicht, dass es jemanden gibt, der bereit ist, auf das zu hören, was der Herr zu sagen hat. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Eli und seinen Söhnen, die nicht hören wollen und dadurch die Situation am Anfang des Kapitels herbeiführen und Samuel, der hören will und dadurch die Situation am Ende des Kapitels herbeiführt.