Die Sache(n) mit der Zeit in Daniel 2

Die Geschichte in Daniel 2 ist – besonders in adventistischen Kreisen – relativ gut bekannt. Für gewöhnlich wird der Fokus auf das Standbild, dessen Auslegung und die Tatsache, dass Weltgeschichte schon Jahrhunderte zuvor akkurat vorhergesagt wurde, gelegt. Dies ist durchaus verständlich, da das Standbild und seine Bedeutung ja tatsächlich eine wichtige Rolle in diesem Kapitel spielen. Dennoch ist es wichtig zu erkennen, dass Daniel 2 mehr ist als nur eine Geschichte über ein Standbild und dessen Auslegung. Es ist auch eine Geschichte über Gott, einen heidnischen König und die Frage, wer der wahre Herr über die Zeit ist.

Schauen wir uns einmal die erste Szene in dieser Geschichte an, in welcher der König mit den Wahrsagepriestern, Beschwörern, Zauberern und Sterndeutern spricht (vv. 2-11). Meistens wird vor allem herausgestellt, dass diese Männer unfähig waren, den Traum nachzuerzählen und zu deuten und somit im Gegensatz zu Daniel stehen, der etwas später fähig ist, den Traum nachzuerzählen und zu deuten. Das ist natürlich alles richtig. Trotzdem steckt noch mehr in dieser Szene. Das wird deutlich, wenn wir uns das Gespräch, das in diesen Versen stattfindet, genauer anschauen. Ein wichtiges Thema in diesem Dialog ist Zeit. Der König wirft den Weisen vor, Zeit schinden zu wollen (V. 8) und dass sie sich verabredet hätten, ihn zu belügen, „bis die Zeit sich ändert“ (V. 9). In dieser Szene mit Nebukadnezar und den Weisen spielt das Thema Zeit eine wichtige Rolle. Das ist auch deswegen interessant, weil Zeit auch im Rest des Kapitels ein wichtiges Thema ist. Schließlich geht es beim Standbild und seiner Interpretation auch um Zeit und um den wichtigen Punkt, dass Gott der wahre Herr über die Zeit ist (siehe V. 21!). Daher haben wir hier eigentlich zwei Geschichten: eine „kleine“ Geschichte (Nebukadnezar und die Weisen) und die „große“ Geschichte (Gott, Nebukadnezar und die Geschichte der Welt).

Dass diese beiden Geschichten miteinander verbunden sind, wird außerdem durch den Schlüsselbegriff „Sache“ deutlich, der neun Mal in diesem Kapitel vorkommt (Verse 5, 8, 9, 10, 11, 15, 17, 23). Durch aufmerksames Lesen wird deutlich, dass es mindestens zwei Sachen gibt:

  1. Die Sache Nebukadnezars bezüglich der Weisen (Verse 5, 8).
  2. Die Sache Gottes bezüglich Nebukadnezar, d.h. der Traum und dessen Deutung (z.B. Verse 10, 11)

Ein Vergleich dieser beiden Geschichten ist ziemlich aufschlussreich. Wie oben bereits erwähnt, spielt Zeit eine wichtige Rolle in Beiden. Genauer gesagt ist das zentrale Thema anscheinend die Frage, wer der wahre Herr über die Zeit ist. In der ersten Geschichte ist es Nebukadnezar. Er bestimmt über Zeit, denn er ist es, der entscheidet, ob und wann die Weisen sterben. Sie hoffen ihrerseits, dass sie Zeit gewinnen können und dass die Zeit sich ändert, aber das wird nicht geschehen. Die Sache ist gewiss: entweder erzählen sie den Traum nach, geben seine Deutung und erhalten große Geschenke und Ehre oder sie werden sterben (V. 5-6).

In der ersten Geschichte ist es also Nebukadnezar, der der Herr über die Zeit ist. Die entscheidende Frage jedoch lautet: wer ist Herr über die Zeit in der zweiten, in der großen Geschichte? Wie in Daniel 3 deutlich wird, würde Nebukadnezar es am liebsten selbst gern sein. Im Gegensatz zu den Weisen möchte er nicht, dass sich die Zeiten ändern. Doch genauso wie sie möchte er Zeit gewinnen, damit sein Königreich für immer Bestand hat. Das ist ein Grund, warum Gott (in Dan 2) den Traum schickt: damit Nebukadnezar erkennt, dass seine Hoffnungen (ebenso wie die der Weisen) umsonst sind. Die Sache ist gewiss: die Zeiten werden sich ändern und sein Königreich wird nicht für immer bestehen. Dieses Privileg ist nur einem Königreich gegeben, nämlich dem Königreich des Gottes, der der einzig wahre Herr über die Zeit ist. Wie der Rest des Buches Daniel zeigt, wird das Königreich den Heiligen des Höchsten gegeben werden, also denen, die sich entschieden haben, Gott zum Herrn ihres Lebens und demnach auch ihrer Zeit zu machen. Und das ist der zweite Grund für den Traum: damit Nebukadnezar einer dieser Heiligen wird (also Gott als Herr der Zeit annimmt) und eine Ewigkeit (unendliche Zeit!) in Gottes Königreich verbringen kann! Damit wird der unterschiedliche Charakter dieser beiden Herren der Zeit offenbar: während Nebukadnezar bereit ist, seine Macht zu benutzen, um die zu töten, die Zeit gewinnen wollen, benutzt Gott seine Macht mit der Absicht, denjenigen zu retten, der Zeit gewinnen will. Was für ein Gott!