Jakob und der verlorene Sohn

Regelmäßige Leser dieses Blogs erinnern sich vielleicht, dass ich vor einiger Zeit einen Post über 1. Mose 32 geschrieben habe, in dem ich erwähnte, dass ich trotz eines längeren Studiums dieses Kapitels erst vor kurzem dessen Verbindung zu 1. Mose 27 entdeckt hatte. Ganz ähnlich ging es mir mit Lukas 15 und dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Vor vielen Jahren hatte ich einmal eine Predigtreihe über dieses Kapitel gehalten. Doch als ich vor einer Weile erneut über dieses Gleichnis nachdachte, kam mir plötzlich die Erleuchtung: ein Vater hat zwei Söhne, der Jüngere will das Erbe und bekommt es auch, verlässt dann das Land für eine lange Zeit, kehrt schließlich zu Vater und Bruder zurück – an was erinnert mich das? Nur eine einzige Geschichte in der Bibel hat all diese Komponenten: die Geschichte Jakobs.

Obwohl die Parallelen allein schon sehr überzeugend schienen, zögerte ich doch und war mir etwas unsicher, ob es tatsächlich berechtigt sei, eine Verbindung zwischen beiden Geschichten herzustellen. Also schaute ich nach, ob schon irgendjemand anders zu einer ähnlichen Schlussfolgerung gelangt war. Nach einer kurzen Onlinesuche stieß ich auf einen Artikel von Kenneth Bailey, einem absoluten Experten was die Geschichte des verlorenen Sohnes angeht. Interessanterweise scheint Bailey ein ganz ähnliches Erlebnis gehabt zu haben wie ich. Er beschreibt es folgendermaßen:

„Etwa vierzig Jahre lang habe ich bisher das Vorrecht gehabt, das 15. Kapitel des Lukasevangeliums eingehend zu untersuchen. Auf diesem großartigen Kapitel lag der Hauptschwerpunkt meiner Doktorarbeit und es war Gegenstand von zwei Büchern sowie drei Artikeln. Bis vor kurzem war ich mir sicher, dass ich alle verfügbaren Deutungsmöglichkeiten entdeckt und ausgelotet hatte. Nun aber, nachdem ich auf einem tieferen Level „gegraben“ habe, habe ich nicht nur einen, sondern zwei „eingebaute Mosaikfußböden“ entdeckt.“ (Kenneth Bailey, „Jacob and the Prodigal Son: A New Identity Story,“ Theological Review 18/1, S. 54; eigene Übersetzung.)

Einer dieser “Mosaikfußböden” war die Erkenntnis, dass die Geschichte Jakobs in 1. Mo 27-35 den Hintergrund für das Gleichnis vom verlorenen Sohn bildet. Bailey fährt dann fort und zählt die folgenden fünfzehn Parallelen zwischen beiden Geschichten auf:

  1. In beiden Geschichten gibt es drei Hauptpersonen: einen Vater und zwei Söhne.
  2. Der Segen/das Erbe spielt in beiden Geschichten eine entscheidende Rolle.
  3. In beiden Geschichten sucht der jüngere Sohn mittels unehrenhafter Methoden sich Vorteile vom Vater zu beschaffen und hat Erfolg.
  4. In beiden Geschichten ist der jüngere Sohn sowohl vom Vater als auch vom älteren Bruder entfremdet.
  5. Bei beiden Geschichten geht der Jüngere in ein weit entferntes Land.
  6. Der ältere Sohn bleibt in beiden Geschichten daheim.
  7. Der Jüngere wird in beiden Geschichten zu einem Hirten in dem fernen Land.
  8. In beiden Geschichten entscheidet sich der jüngere Sohn, nach Hause zurückzukehren, aber fürchtet sich davor, wie er empfangen werden wird.
  9. Beide jüngere Söhne zeigen keine Reue.
  10. In beiden Geschichten kommt Gott zum jüngeren Sohn – der Mann, der mit Jakob ringt und der Vater, der Gott symbolisiert.
  11. In beiden Geschichten wird der Sohn dreifach willkommen geheißen: mit Rennen/Laufen, um-den-Hals-Fallen und Küssen (In der gesamten Bibel kommt diese Trilogie nur in 1. Mo 33,4 und Lukas 15,20 vor!).
  12. In beiden Geschichten ist der ältere Bruder verärgert über die Rückkehr des Jüngeren.
  13. In beiden Geschichten versöhnt sich der Jüngere mit der Familie.
  14. In beiden Geschichten gibt es die Sorge, ob der jüngere Sohn in Frieden zurückkehrt (1. Mo 28,21; Lk 15,27).
  15. Beide Geschichten sind von entscheidender Bedeutung für die Gemeinschaft, die sich an sie erinnert und sie erzählt.

Diese vielen Parallelen deuten darauf hin, dass es tatsächlich eine Verbindung zwischen den beiden Geschichten gibt. Daher scheint es, dass Jesus das Gleichnis vom verlorenen Sohn ganz bewusst so erzählt, dass es den aufmerksamen Hörer (Leser) an die Jakobsgeschichte erinnert. Das wirft natürlich die Frage auf, warum er das tut.

Meiner Meinung nach möchte Jesus unter anderem die Juden an ihre eigene Geschichte erinnern. Einer ihrer eigenen Gründerväter erlebte etwas ganz Ähnliches wie der jüngere Sohn im Gleichnis und die Geschichte dieses Vorvaters schattet interessanterweise die Geschichte Israels voraus (es ist kein Zufall, dass Vorvater und Volk den gleichen Namen tragen: Israel!). Wie Jakob, so verlässt auch das Volk Israel seinen Vater und geht daraufhin in ein fremdes Land, nur um später nach Hause zurückzukehren, wo es vom Vater willkommen geheißen wird. Demnach war die Geschichte des verlorenen Sohnes die Geschichte Israels.Wie der jüngere Sohn, so hatte auch Israel Gnade empfangen, war aber nicht bereit, diese an Sünder in seiner Mitte weiterzugeben. Genau hier liegt eines der Hauptprobleme aller „älteren Söhne“, früher wie heute: sie haben vergessen, dass sie selbst einmal der jüngere Sohn waren!

Gleichzeitig fragt man sich bei der Einstellung der Juden, ob sie wirklich nach Hause zurückgekehrt sind. Indem sie sich weigern, Jesus und die Gnade, die er Sündern zuteil werden lässt, anzunehmen, zeigen sie, dass sie wie der ältere Sohn in der Geschichte sind: physisch gesehen sind sie zu Hause, aber eigentlich befinden sie sich noch im Exil – sie sind Fremde im Haus des eigenen Vaters! Stattdessen sind die Sünder, welche sie verachten, diejenigen, die wahrhaft nach Hause gekommen sind und die Vorzüge der Sohnschaft genießen.

Hausaufgabe

Es gibt nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch eine Reihe Unterschiede zwischen der Jakobsgeschichte und dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Was sind die Unterschiede und welche Bedeutung haben sie?

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3 Gedanken zu „Jakob und der verlorene Sohn

  1. Danke für diesen interessanten Beitrag. Die Bezugnahme auf die Jakobserzählung war mir bislang nicht bewusst. Allerdings scheint mir Punkt 12 nur eine sehr unvollkommene Parallele zu sein. Ich würde das Verhalten des älteren Bruders eher zu den Unterschieden zählen. Der „Clou“ in der Jakobserzählung dürfte doch sein, dass Gott das Herz Esaus gewandelt hat, worauf ja gerade der Punkt 11 abhebt.

    • Danke für den Kommentar! Ich sehe es ähnlich. Ich nehme an, Bailey geht davon aus, dass Esau keine guten Absichten hatte, als er mit 400 Mann losmarschierte. Darüber wird im Text jedoch nichts gesagt. Deshalb muss man bei dieser Parallele vorsichtig sein. Ich denke auch, dass ein wichtiger Punkt der Kontrast zwischen Esau und dem älteren Bruder ist. Man kann aus dem Vergleich zwischen den beiden Geschichten sicher noch einiges rausholen.

  2. Was sicher auch noch ein wesentlicher Unterschied ist, dass Jakob mit großem Besitz zurückkehrte und sowohl Herden als auch Frau und Kinder hatte-> alles damals ein Zeichen von großem Reichtum. Der verlorene Sohn kam hungrig und mittelos zurück. Vielleicht ein Zeichen das Gott zwar Israel lange segnete als Volk aber es auch Zeiten geben wird wo sie geistig arm sind ( und dies könnte man in vielen Zeiten sagen ),Aber auch Zeiten in denen all ihr Besitz verspielt ist da sie unverantwortlich mit Gottes Erbe umgingen und ihn verließen -> Wegführung Israels. Ich denke dies ist auch ein wichtiger Aspekt des Vergleiches der deutlich macht wie wichtig es ist bei Gott unserem Vater zu bleiben und Gott zu vertrauen, denn ohne ihn leiden wir Mangel und in Beziehung mit ihm werden wir selbst im Exil reich gesegnete werden wie Jakob.

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