Die zweite Struktur von Daniel 2

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich an dieser Stelle einen Post über die chiastische Struktur von Daniel 2 veröffentlicht. Was ich damals noch nicht wusste: es gibt noch eine zweite Struktur dieses Kapitels.  Angeregt durch eine Teilnehmerin des neuen Bibelkurses „Das Wort,“ habe ich mir die Geschichte vor kurzem noch einmal angeschaut und dabei diese zweite Struktur – eine sogenannte Parallelstruktur – entdeckt. Dass ein biblischer Text sowohl eine chiastische als auch eine Parallelstruktur aufweist, ist nicht ungewöhnlich. Es zeigt einmal mehr, welch geniale literarische Kunstwerke die biblischen Texte sind.

Hier also die Parallelstruktur:

A Nebukadnezar träumt (1a)

B Nebukadnezar schlaflos (Unruhe) (1b)

C Die Weisen treten vor Nebukadnezar (2)

D Dialog: Nebukadnezar – die Weisen (3-11)

E (Fehlt!)

F Nebukadnezar wird zornig (12a)

G Befehl alle Weisen zu töten (12b-13)

H Daniel spricht mit Rat und Einsicht (14-15)

I Bitte Daniels (16)

J Drei Freunde namentlich erwähnt (17)

A‘ Daniel träumt (19)

B‘ Daniel schlaflos (Dankbarkeit) (20-23)

C‘ Daniel tritt vor Nebukadnezar (24-25)

D Dialog: Nebukadnezar- Daniel (26-28)

E‘ Traum und Deutung (29-45)

F‘ Nebukadnezar wirft sich nieder (46a)

G‘ Befehl Daniel zu huldigen (46b)

H‘ Nebukadnezar spricht mit Rat und Einsicht (47)

I‘ Bitte Daniels (49a)

J‘ Drei Freunde namentlich erwähnt (49b)

Wie die chiastische Struktur, betont auch die Parallelstruktur den Kontrast zwischen den Weisen und Daniel. Dieser wird vor allem durch das fehlende Element E im ersten Teil sichtbar. Gleichzeitig zeigt die Parallelstruktur aber auch den Kontrast zwischen Nebukadnezar und Daniel auf. Beide träumen, doch ihre Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Im ganzen ersten Teil wirkt Nebukadnezar sehr unruhig und gereizt, was letztlich auf eine große innere Unsicherheit schließen lässt. Daniel dagegen strahlt große Ruhe und Sicherheit aus. Interessant ist aber auch, wie sich Nebukadnezar durch die Begegnung mit Daniel verändert. Im ersten Teil ist er zornig und sieht er sich selbst als das Maß aller Dinge, im zweiten Teil erkennt er demütig die Herrschaft Gottes an. Sein Bekenntnis hört sich ganz ähnlich an, wie das Bekenntnis Daniels in den Versen 20-23. Nebukadnezar wird also durch die Begegnung mit Daniel wie Daniel. Dies ist durchaus interessant, vor allem wenn wir erkennen, dass Daniel auf Jesus hinweist. So wie Daniel hat Jesus Menschen vom Tod errettet, indem er das Geheimnis Gottes (den Erlösungsplan – die Reiche dieser Welt werden vergehen und Gott wird sein Reich aufrichten) verkündigt hat. So wie Nebukadnezar sind wir als Könige geschaffen worden (siehe 1. Mose 1:26-28). Auch wir stehen in der Gefahr diese Macht zu missbrauchen und uns selbst zu erhöhen (was wie bei Nebukadnezar häufig mit Unsicherheit zu tun hat). Die gute Nachricht lautet jedoch: Gott hat sich uns offenbart! Durch die Begegnung mit Jesus und dem Evangelium haben wir die Möglichkeit verändert zu werden und Gott als unseren Herrn anzuerkennen.

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Tiere und Menschen in Daniel 8

Die Vision in Daniel 8 hat Bibelleser seit Jahrhunderten fasziniert. Über die Identität des kleinen Horns und die Bedeutung der 2300 Abend-Morgen wurde schon viel geschrieben. Ohne die Wichtigkeit dieser Themen schmälern zu wollen, möchte ich an dieser Stelle kurz auf einen Aspekt hinweisen, über den meines Wissens noch nicht viel gesagt wurde, nämlich die Art und Weise, wie dieses Kapitel den Kontrast zwischen Tieren und Menschen verdeutlicht – und aufzeigen, warum das von Bedeutung ist.

Beginnen wir einmal mit der Beobachtung, dass das Kapitel grob in zwei Hauptteile untergliedert werden kann:

  1. Die Vision vom Widder, Ziegenbock und kleinen Horn (V. 1-14)
  2. Die Interpretation der Vision (V. 15-28)

Interessanterweise beginnen beide Teile mit einer Szene, wo sich Daniel am Fluss Ulai befindet (V. 2. 15-16). Der erste Teil des Kapitels fährt dann mit einer Beschreibung der beiden Tiere fort: ein Widder und ein Ziegenbock. Beide Tiere kämpfen gegen andere Tiere und tragen den Sieg davon. Sie sind sogar so stark, dass kein anderes Tier in der Lage ist, vor ihnen zu bestehen und niemand in der Lage ist, die anderen Tiere aus ihrer Hand zu retten (V. 4. 7).

Vergleichen wir das mit der Szene, die in den Versen 15-18 beschrieben wird, dann sehen wir, dass die Hauptpersonen hier keine Tiere sind, sondern Wesen, die mit „menschlichen“ Begriffen („Mann,“ „Menschenstimme,“ „Menschensohn“) beschrieben werden (Verse 15.16.17). Trotzdem enthält dieser Abschnitt eine ganze Reihe begrifflicher Verbindungen zu den Versen 3-7. Zum einen kommt der Schlüsselbegriff „stehen“ in beiden Teilen mehrere Male vor (Verse 3.4.6.7.15.17.18). Auch die Information, dass „er“ zu Daniels Seite kam (V. 17), erinnert den aufmerksamen Leser an V. 7, wo der Ziegenbock an die Seite des Widders kam. In beiden Szenen werden also zwei Parteien dargestellt, die in engen Kontakt miteinander kommen (Szene 1: der Widder und andere Tiere als auch der Widder und der Ziegenbock; Szene 2: Daniel und „er“). In beiden Fällen ist eine Partei stärker als die andere, was dazu führt, dass die schwächere Partei nicht in der Lage ist, vor der stärkeren zu (be)stehen (Verse 4.7.17). In der ersten Szene nutzen beide, der Widder und der Ziegenbock, diesen Vorteil aus, um ihre Gegner zu zerstören und werden danach groß. In der zweiten Szene, jedoch, richtet “er” Daniel auf und ermöglicht ihm, zu stehen (V.18). In der ersten Szene führt das Berühren (V. 7) zur Zerstörung; in der zweiten Szene führt Berührung (V. 18; dasselbe hebräische Wort) zu Wiederherstellung.

Die Bedeutung dessen wird klar, sobald uns bewusst wird, dass die beiden Szenen zwei verschiedene Arten von Reichen darstellen. Wie im gesamten Buch Daniel, so stehen auch in der ersten Szene die Tiere für irdische Reiche (Verse 20-21), wo Macht zur Zerstörung und eigenen Erhöhung benutzt wird. Es überrascht einen also nicht, dass keines dieser Reiche Bestand hat, denn Gewalt und Zerstörung führen nur zu noch mehr Gewalt und noch mehr Zerstörung. Die „Menschen“ hingegen stehen für Gottes Reich und seine Nachfolger (vgl. Kapitel 7!), wo Macht benutzt wird, um andere aufzurichten und wiederherzustellen. Dieses Reich wird nicht vergehen, sondern für immer Bestand haben.

Hausaufgabe

Denk einmal über den Kontrast zwischen Tieren und Menschen im restlichen Buch Daniel nach (besonders in den Kapitel 4 und 7). Wie wird der Mensch zu einem Tier und wodurch nur können wir wieder völlig menschlich werden? Welche Rolle spielt dabei 1. Mose 1-3?

Daniel 5 im Zusammenhang

In Daniel 5 wird die bekannte Geschichte von Belsazar und der Schrift an der Wand erzählt. Die Geschichte beginnt folgendermaßen:

Der König Belsazar machte seinen tausend Gewaltigen ein großes Mahl, und vor den Tausend trank er Wein. Belsazar befahl unter dem Einfluss des Weins, die goldenen und die silbernen Gefäße herbeizubringen, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel in Jerusalem weggenommen hatte, damit der König und seine Gewaltigen, seine Frauen und seine Nebenfrauen daraus tränken. Da brachte man die goldenen Gefäße, die man aus dem Tempel des Hauses Gottes in Jerusalem weggenommen hatte; und der König und seine Gewaltigen, seine Frauen und seine Nebenfrauen tranken daraus. Sie tranken Wein und rühmten die Götter aus Gold und Silber, aus Bronze, Eisen, Holz und Stein.

Wie immer könnte man in diesen Versen auf viele interessante Dinge verweisen, aber ich möchte mich an dieser Stelle erst einmal nur auf den sehr interessanten Kontrast konzentrieren, den diese Verse mit ihrem unmittelbaren Kontext bilden, nämlich mit der letzten Szene in Kapitel 4, also den Versen 31-34.

Und am Ende der Tage erhob ich, Nebukadnezar, meine Augen zum Himmel, und mein Verstand kehrte zu mir zurück. Und ich pries den Höchsten, und ich rühmte und verherrlichte den ewig Lebenden, dessen Herrschaft eine ewige Herrschaft ist und dessen Reich von Geschlecht zu Geschlecht [währt]. Und alle Bewohner der Erde sind wie nichts gerechnet, und nach seinem Willen verfährt er mit dem Heer des Himmels und den Bewohnern der Erde. Und da ist niemand, der seiner Hand wehren und zu ihm sagen könnte: Was tust du? Zu derselben Zeit kehrte mein Verstand zu mir zurück, und zur Ehre meines Königtums kehrten meine Herrlichkeit und mein Glanz zu mir zurück. Und meine Staatsräte und meine Gewaltigen suchten mich auf, und ich wurde wieder in mein Königtum eingesetzt, und außergewöhnliche Größe wurde mir hinzugefügt. Nun rühme ich, Nebukadnezar, und erhebe und verherrliche den König des Himmels, dessen Werke allesamt Wahrheit und dessen Wege Recht sind und der die erniedrigen kann, die in Stolz einhergehen.

Die Verbindung zwischen diesen beiden Szenen wird nicht nur durch die Erwähnung von Nebukadnezar in beiden Passagen hergestellt, sondern auch durch die Wiederholung von mindestens zwei weiteren Schlüsselbegriffen. Achte z.B. einmal darauf, wie in Vers 33 auf die „Gewaltigen“ von Nebukadnezar verwiesen wird, die zu ihm zurückkehrten, als sein Verstand wiederhergestellt war. Interessanterweise kommt derselbe Begriff auch in 5,1 und 5,3 vor, wo Belsazar zusammen mit seinen „Gewaltigen“ von den heiligen Tempelgefäßen trinkt. Laut Dan 5,4 tranken sie Wein und “rühmten” die Götter aus Gold, Silber, Bronze, Eisen, Holz und Stein. Das erinnert uns an 4,31 und 4,34, wo Nebukadnezar den Höchsten „rühmt“. Wir haben hier also zwei sehr ähnliche und doch völlig verschiedene Szenen. In beiden Geschichten sehen wir einen König, der von seinen Gewaltigen umgeben ist und jemanden rühmt. Und doch ist das Objekt ihres Rühmens ganz unterschiedlich. Belsazar rühmt leblose Götzen aus Gold, Silber, Bronze, Eisen, Holz und Stein, während er gleichzeitig den lebendigen Gott verspottet, den sein „Vater“ Nebukadnezar am Ende von Kapitel 4 gepriesen hatte. Das Schicksal der beiden Könige zeigt klar und deutlich, welcher Gott den Lobpreis verdient: während Nebukadnezar als König wiederhergestellt wird, verliert Belsazar sein Königreich und auch sein Leben. Seine Götter konnten ihm nicht helfen gegen denjenigen, „der die erniedrigen kann, die in Stolz einhergehen.“ (4,37). Nebukadnezar hat diese Lektion gelernt; sein „Sohn“ Belsazar nicht. Was uns zu der Frage führt: Werden wir sie lernen?

Hausaufgabe

In Daniel 5,1 heißt es wörtlich: „Der König Belsazar machte seinen tausend Gewaltigen ein großes Brot… .“ Warum ist das von Bedeutung?

Die Struktur von Daniel 2

In meinem letzten Post habe ich versucht aufzuzeigen, dass Gott in Daniel 2 als einzig wahrer Herr über die Zeit dargestellt wird. Es ist interessant, dass selbst die Struktur des Kapitels genau diesen Punkt hervorhebt.

Das Kapitel enthält fünf Szenen:

  1. Nebukadnezar und die Weisen (vv 2-11)
  2. Daniel und Arjoch (vv 14-15)
  3. Daniel und seine Freunde (vv 17-23)
  4. Daniel und Arjoch (vv 24-25)
  5. Nebukadnezar und Daniel (vv 26-47)

Bereits die Tatsache, dass Daniel und Arjoch zweimal (in Szenen 2 und 4) auftreten und dass Nebukadnezar in jeweils anderer Begleitung in Szenen 1 und 5 erscheint, deutet einen chiastischen Aufbau der Geschichte an. Mehrere andere Parallelen in dem Kapitel bestätigen das:

A Die Weisen von Babylon können den Traum weder nacherzählen   noch auslegen, sie sollen getötet werden (vv 1-9)

B „Die Sterndeuter antworteten vor dem König und sagten“ – kein Mensch auf Erden kann das Geheimnis sagen, nur die Götter (vv 10-11)

C Daniel und Arjoch – Daniel geht zum König (vv 14-16)

X Daniel und seine Freunde beten – das Geheimnis wird offenbart – Gott wird gepriesen (vv 17-23)

C‘ Daniel und Arjoch – Daniel geht zum König (vv 24-25)

B‘ „Daniel antwortete vor dem König und sprach“ – kein Mensch kann das Geheimnis sagen, nur Gott (vv 27-28a)

A‘ Daniel kann den Traum nacherzählen und auslegen, er wird belohnt  (vv 28b-49)

Die äußeren Teile des Kapitels (A und A‘) sind parallel, weil beide Nebukadnezar im Gespräch mit Personen zeigen, von denen er hofft, dass sie seinen Traum nacherzählen und auslegen können. Die Weisen versagen und sollen deswegen hingerichtet werden. Daniel jedoch ist in der Lage, den Traum nachzuerzählen und auszulegen und wird daraufhin reich belohnt.

Interessanterweise sind sich Daniel und die Weisen darin einig, dass es für Menschen unmöglich ist, das Geheimnis zu offenbaren. In beiden Fällen werden ihre Aussagen mit der Phrase „X antwortete vor dem König und sprach“ eingeleitet. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass die Weisen die Götter als fähig ansehen, das Geheimnis zu offenbaren. Daniel hingegen ist überzeugt davon, dass nur Gott dazu in der Lage ist. Die Struktur stellt nicht nur die Weisen und Daniel einander gegenüber, sondern auch die Götter und Gott. Und wie das Kapitel zeigt, ist nur Gott fähig, das Geheimnis zu offenbaren. Und weil Daniel eine Beziehung zu diesem Gott hat, ist er wiederum in der Lage, den Traum nachzuerzählen und seine Deutung dem König kundzutun.

In den Teilen C und C‘ sehen wir Daniel und Arjoch. In beiden Fällen führt die Begegnung zwischen diesen beiden dazu, dass Daniel zum König geht: beim ersten Mal bittet er um einen Zeitaufschub (erinnerst du dich an den vorherigen Post?) und beim zweiten Mal, um den Traum auszulegen.

Das bedeutet also, dass die Verse 17-23 die Mitte des Kapitels bilden. Das ist auch nicht überraschend, weil diese Szene den Wendepunkt der Geschichte darstellt. Hier wird Daniel und seinen Freunden das Geheimnis aufgrund ihres Betens offenbart. Daniel beginnt Gott zu preisen (vv 20-23). Diese Verse sind in lyrischer Form geschrieben und bilden sowohl in ihrer Form als auch in ihrem Inhalt den Höhepunkt des Kapitels. Hier nämlich wird Gott unter anderem als der wahre Herr über die Zeit gelobt: „Er ändert Zeiten und Fristen“ (Vers 21).

Die Sache(n) mit der Zeit in Daniel 2

Die Geschichte in Daniel 2 ist – besonders in adventistischen Kreisen – relativ gut bekannt. Für gewöhnlich wird der Fokus auf das Standbild, dessen Auslegung und die Tatsache, dass Weltgeschichte schon Jahrhunderte zuvor akkurat vorhergesagt wurde, gelegt. Dies ist durchaus verständlich, da das Standbild und seine Bedeutung ja tatsächlich eine wichtige Rolle in diesem Kapitel spielen. Dennoch ist es wichtig zu erkennen, dass Daniel 2 mehr ist als nur eine Geschichte über ein Standbild und dessen Auslegung. Es ist auch eine Geschichte über Gott, einen heidnischen König und die Frage, wer der wahre Herr über die Zeit ist.

Schauen wir uns einmal die erste Szene in dieser Geschichte an, in welcher der König mit den Wahrsagepriestern, Beschwörern, Zauberern und Sterndeutern spricht (vv. 2-11). Meistens wird vor allem herausgestellt, dass diese Männer unfähig waren, den Traum nachzuerzählen und zu deuten und somit im Gegensatz zu Daniel stehen, der etwas später fähig ist, den Traum nachzuerzählen und zu deuten. Das ist natürlich alles richtig. Trotzdem steckt noch mehr in dieser Szene. Das wird deutlich, wenn wir uns das Gespräch, das in diesen Versen stattfindet, genauer anschauen. Ein wichtiges Thema in diesem Dialog ist Zeit. Der König wirft den Weisen vor, Zeit schinden zu wollen (V. 8) und dass sie sich verabredet hätten, ihn zu belügen, „bis die Zeit sich ändert“ (V. 9). In dieser Szene mit Nebukadnezar und den Weisen spielt das Thema Zeit eine wichtige Rolle. Das ist auch deswegen interessant, weil Zeit auch im Rest des Kapitels ein wichtiges Thema ist. Schließlich geht es beim Standbild und seiner Interpretation auch um Zeit und um den wichtigen Punkt, dass Gott der wahre Herr über die Zeit ist (siehe V. 21!). Daher haben wir hier eigentlich zwei Geschichten: eine „kleine“ Geschichte (Nebukadnezar und die Weisen) und die „große“ Geschichte (Gott, Nebukadnezar und die Geschichte der Welt).

Dass diese beiden Geschichten miteinander verbunden sind, wird außerdem durch den Schlüsselbegriff „Sache“ deutlich, der neun Mal in diesem Kapitel vorkommt (Verse 5, 8, 9, 10, 11, 15, 17, 23). Durch aufmerksames Lesen wird deutlich, dass es mindestens zwei Sachen gibt:

  1. Die Sache Nebukadnezars bezüglich der Weisen (Verse 5, 8).
  2. Die Sache Gottes bezüglich Nebukadnezar, d.h. der Traum und dessen Deutung (z.B. Verse 10, 11)

Ein Vergleich dieser beiden Geschichten ist ziemlich aufschlussreich. Wie oben bereits erwähnt, spielt Zeit eine wichtige Rolle in Beiden. Genauer gesagt ist das zentrale Thema anscheinend die Frage, wer der wahre Herr über die Zeit ist. In der ersten Geschichte ist es Nebukadnezar. Er bestimmt über Zeit, denn er ist es, der entscheidet, ob und wann die Weisen sterben. Sie hoffen ihrerseits, dass sie Zeit gewinnen können und dass die Zeit sich ändert, aber das wird nicht geschehen. Die Sache ist gewiss: entweder erzählen sie den Traum nach, geben seine Deutung und erhalten große Geschenke und Ehre oder sie werden sterben (V. 5-6).

In der ersten Geschichte ist es also Nebukadnezar, der der Herr über die Zeit ist. Die entscheidende Frage jedoch lautet: wer ist Herr über die Zeit in der zweiten, in der großen Geschichte? Wie in Daniel 3 deutlich wird, würde Nebukadnezar es am liebsten selbst gern sein. Im Gegensatz zu den Weisen möchte er nicht, dass sich die Zeiten ändern. Doch genauso wie sie möchte er Zeit gewinnen, damit sein Königreich für immer Bestand hat. Das ist ein Grund, warum Gott (in Dan 2) den Traum schickt: damit Nebukadnezar erkennt, dass seine Hoffnungen (ebenso wie die der Weisen) umsonst sind. Die Sache ist gewiss: die Zeiten werden sich ändern und sein Königreich wird nicht für immer bestehen. Dieses Privileg ist nur einem Königreich gegeben, nämlich dem Königreich des Gottes, der der einzig wahre Herr über die Zeit ist. Wie der Rest des Buches Daniel zeigt, wird das Königreich den Heiligen des Höchsten gegeben werden, also denen, die sich entschieden haben, Gott zum Herrn ihres Lebens und demnach auch ihrer Zeit zu machen. Und das ist der zweite Grund für den Traum: damit Nebukadnezar einer dieser Heiligen wird (also Gott als Herr der Zeit annimmt) und eine Ewigkeit (unendliche Zeit!) in Gottes Königreich verbringen kann! Damit wird der unterschiedliche Charakter dieser beiden Herren der Zeit offenbar: während Nebukadnezar bereit ist, seine Macht zu benutzen, um die zu töten, die Zeit gewinnen wollen, benutzt Gott seine Macht mit der Absicht, denjenigen zu retten, der Zeit gewinnen will. Was für ein Gott!

„Im dritten Jahr der Regierung Jojakims…“

Das Buch Daniel beginnt folgendermaßen: „Im dritten Jahr der Regierung Jojakims, des Königs von Juda…“ (Dan 1,1)

Die meisten Leute überspringen diese Einleitung einfach oder sind nur in historischer Hinsicht an ihr interessiert (d.h.: Wann war das dritte Jahr der Regierung Jojakims?). Mit Sicherheit beginnt der Autor das Buch auch deswegen so, damit der Leser weiß, wann sich die Ereignisse in den Versen 1-2 zugetragen haben. Dennoch denke ich, dass das nicht sein einziger (und vielleicht nicht einmal sein Haupt-) Grund dafür war, dieses Buch so zu beginnen. Das wird dann deutlich, wenn wir diesen Teilsatz von einer literarischen Perspektive betrachten.

Der Schlüssel, um die literarische Funktion dieser Einleitung zu verstehen, ist das Prinzip der Wiederholung. Als aufmerksamer Leser bemerkt man, dass das dritte Jahr in Jojakims Regierung nicht das einzige dritte Jahr ist, das in Daniel 1 erwähnt wird.

Laut Vers 5 sollte die Ausbildung Daniels und seiner Freunde drei Jahre dauern. Das bedeutet, die Ereignisse am Kapitelende, eingeleitet mit den Worten „Und am Ende der Tage“ (Vers 18), fanden auch in einem dritten Jahr statt, nämlich im dritten Jahr ihrer Ausbildung. Demnach haben wir zwei dritte Jahre: das dritte Jahr von Jojakim und das dritte Jahr von Daniel und seinen Freunden. In beiden Fällen ist das dritte Jahr ein Jahr des Gerichts. Für Jojakim fällt es negativ aus: er wird in die Hand Nebukadnezars gegeben; Babylon triumphiert also über Juda. Für Daniel und seine Freunde ist es jedoch positiv: sie werden allen Weisen Babylons als zehnfach überlegen befunden; somit triumphiert Juda über Babylon (Achte darauf, wie Gott in den folgenden Kapiteln diesen Sieg nutzt, um Babylon zu erreichen!).

Wenn wir dann auch die Geschichte Jojakims (2. Könige 23,31-24,7 und 2. Chronik 36,1-8) in Betracht ziehen, stellen wir noch weitere Parallelen fest. Jojakim sowie Daniel und seinen Freunden haben folgendes gemeinsam (nicht in chronologischer Reihenfolge):

Jojakim

  • von der königlichen Familie
  • Name wurde geändert
  • nach Babylon geführt
  • Widerstand gegen Nebukadnezar
  • Ein Zeitraum von 3 Jahren – negatives Urteil im dritten Jahr

Daniel und seine Freunde

  • von der königlichen Familie
  • Namen wurden geändert
  • nach Babylon geführt
  • Widerstand gegen Nebukadnezar
  • Ein Zeitraum von 3 Jahren – positives Urteil im dritten Jahr

Diese vielen Parallelen deuten an, dass der Autor das Buch ganz bewusst auf diese Weise beginnt, um den Leser dazu einzuladen, Jojakim mit Daniel und seinen Freunden zu vergleichen und einander gegenüberzustellen. Zwar machen beide Gruppen eine sehr ähnliche Erfahrung, doch es gibt klare Unterschiede zwischen ihnen, besonders wenn es um die Art geht, wie sie sich Nebukadnezar widersetzen. Während sich Jojakim widersetzt, indem er auf menschliche Hilfe vertraut, widersetzen sich Daniel und seine Freunde, indem sie auf göttliche Hilfe bauen (Es ist interessant zu sehen, wie höflich Daniel Widerstand leistet und was für ein Kontrast zur Revolte Jojakims dadurch entsteht). In beiden Fällen führt dies zu einem Geben Gottes – doch das Geben fällt komplett unterschiedlich aus. Gott gab Jojakim in Nebukadnezars Hand (Vers 2). Daniel und seinen Freunden hingegen gab Gott „Kenntnis und Verständnis in jeder Schrift und Weisheit“ (V. 17).

Jojakim sowie Daniel und seine Freunde stehen für zwei Wege, wie man sich Babylon gegenüber verhalten kann. Der Weg Jojakims führt zu Zerstörung und Sklaverei. Der Weg Daniels und seiner Freunde jedoch führt zu Ehre und Erhöhung, was Gott dann in seinem Bemühen nutzt, Babylon zu retten. Das wirft natürlich die Frage auf: welchen Weg wirst du, welchen Weg werde ich wählen im Umgang mit dem endzeitlichen Babylon?