Tu uns den Gefallen und geh mit deinen Knechten! (2. Teil)

(Fortsetzung des vorherigen Posts)

Wie bereits festgestellt, besteht das Problem im ersten Teil der Geschichte darin, dass der Ort, wo die Söhne der Propheten vor Elisa wohnen, zu klein geworden ist. Und die Männer scheinen eine durchaus vernünftige Lösung vorzuschlagen. Sie werden zum Jordan gehen, jeder wird einen Holzbalken von dort holen und sie werden einen Ort zum Wohnen herrichten. Was sie eigentlich vorschlagen, ist, dass sie von einem Ort (vor Elisa wohnen) zu einem anderen Ort (am Jordan wohnen) ziehen. Und Elisa scheint damit kein Problem zu haben (V. 2). An dieser Stelle könnte die Geschichte ganz schnell vorbei sein, indem gesagt wird, dass sie es genauso taten, wie geplant. Doch so geht die Begebenheit nicht weiter. Einer der Männer äußert nämlich eine entscheidende Bitte: er bittet Elisa, mit ihnen zu gehen (V. 3). Das ist interessant, wenn man bedenkt, dass der Text den ersten Wohnort nur als „wo wir vor dir wohnen“ (V. 1) beschreibt. In der Beschreibung des zweiten Wohnorts wird diese Wendung „vor dir“ nicht erwähnt (V. 2). Die Gegenwart Elisas bei den Söhnen der Propheten scheint daher ein Schlüsselaspekt in dieser Geschichte zu sein. Am ersten Wohnort sind sie in seiner Gegenwart; vom zweiten Wohnort wird das so deutlich nicht gesagt. Das macht die Bitte des Mannes in V. 3 umso bedeutsamer.

Wenn wir zum zweiten Teil der Geschichte gehen, stellen wir fest, dass die Lösung für das erste Problem (also das Bäumefällen) ironischerweise zum zweiten Problem (dem Verlust des Axtkopfes) führt. In dieser Situation wird nun die Gegenwart Elisas enorm wichtig. Weil er bei ihnen ist, wird das zweite Problem gelöst und der Axtkopf taucht wieder auf. Wenn sie allein gegangen wären – wie sie es anfangs augenscheinlich vorhatten – dann wäre das zweite Problem sehr wahrscheinlich nicht gelöst worden. Interessanterweise hilft Elisa jedoch nicht sofort, sondern erst nachdem er von dem Mann angesprochen wird (V. 5). Das erinnert uns an den ersten Teil der Geschichte, wo Elisa auch von einem der Männer angesprochen wird. (V. 3) (Im Hebräischen werden interessanterweise beide Männer mit „einer“ bezeichnet, wodurch die Verbindung zwischen ihnen deutlich gemacht wird.) Weil der erste Mann Elisa bat, mit ihnen zu gehen, kann der zweite Mann Elisa um Hilfe bitten und das zweite Problem wird gelöst. Die Gegenwart Elisas am zweiten Ort löst also das zweite Problem. In Bezug auf das erste Problem wird dadurch klar, dass das Wichtigste nicht ist, dass die Prophetensöhne ein neues Gebäude haben, sondern dass sie sich, wo immer sie auch sind, in Elisas Gegenwart befinden, denn überall wird Elisa („mein Gott rettet“) sie aus ihren Nöten retten. (Beachte, wie dieses Thema in der nächsten Geschichte weitergeführt wird: die Anwesenheit Elisas beim König Israels trägt zur Rettung Israels bei, weil sie wissen, an welchen Orten (!) sie vorsichtig sein müssen.) Der zweite Teil der Geschichte zeigt also den Männern im ersten Teil der Geschichte, wie wichtig Elisas Anwesenheit bei ihnen ist.

Was bedeutet das für uns? Elisa lebt heute nicht mehr – aber der Eine, den er vorausschattete, ist lebendig. Wie das Neue Testament und Jesus selbst deutlich machen, war Johannes der Täufer der neue Elia (Mt 11,14). Das lässt vermuten, dass Jesus (der Nachfolger von Johannes dem Täufer) der neue Elisa war. Interessanterweise gibt es in der Tat eine ganze Reihe Ähnlichkeiten zwischen dem Wirken von Elisa und Jesus. (Vergleiche z.B. nur einmal die Speisung der einhundert in 2. Kön 4,42-44 mit der Speisung der viertausend und fünftausend in den Evangelien.) Wenn das stimmt und Jesus tatsächlich der neue und wahre Elisa („mein Gott rettet“) ist, dann ist die Anwendung von 2. Kön 6,1-7 für unser Leben klar: genauso wie die Prophetensöhne müssen wir erkennen, dass die Gegenwart Elisas in unserem Leben das Wichtigste überhaupt ist, denn durch seine Anwesenheit können wir die Hilfe und Erlösung erfahren, die wir so dringend brauchen. Wie in der Geschichte wird unser Problem für uns gelöst. Alles, was wir tun müssen, ist die Hand auszustrecken und zuzugreifen (V. 7). Sollte angesichts dessen nicht die Bitte des Mannes in V. 3 auch unsere (tägliche) Bitte sein: “Tu uns den Gefallen und geh mit deinen Knechten”?

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Tu uns den Gefallen und geh mit deinen Knechten! (1. Teil)

Die kurze Episode in 2. Könige 6,1-7 gehört zu den weniger bekannten Geschichten im Alten Testament. Beim schnellen Drüberlesen scheint sie einfach eine simple Wundergeschichte zu sein. Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass da mehr ist.

Und die Söhne der Propheten sagten zu Elisa: Sieh doch, der Raum, wo wir vor dir wohnen, ist zu eng für uns. Lass uns doch an den Jordan gehen und von dort jeder einen Balken holen und uns hier einen Ort herrichten, um dort zu wohnen! Und er sagte: Geht hin! Und einer sagte: Tu uns den Gefallen und geh mit deinen Knechten! Und er sagte: Ich will mitgehen. So ging er mit ihnen. Und sie kamen an den Jordan und hieben die Bäume um. Es geschah aber, als einer einen Balken fällte, da fiel das Eisen ins Wasser. Und er schrie auf und sagte: Ach, mein Herr! Und [dabei] ist es doch geliehen! Der Mann Gottes aber sagte: Wohin ist es gefallen? Und er zeigte ihm die Stelle. Da schnitt er ein [Stück] Holz ab und warf es hinein und brachte das Eisen zum Schwimmen. Und er sagte: Hole es dir heraus! Da streckte er seine Hand aus und nahm es.

Schauen wir uns zuerst die Struktur der Geschichte an. Wenn wir genauer hinschauen, stellen wir fest, dass wir es hier nicht nur mit einer Geschichte zu tun haben, sondern mit zwei. Die erste Geschichte umfasst die Verse 1-4 und behandelt das erste Problem: der Ort, wo die Söhne der Propheten vor Elisa wohnen, ist zu klein. Die zweite Geschichte findet sich in den Versen 5-7 und erzählt von dem zweiten Problem: der Axtkopf von einem der Männer, der Holz schlägt, fällt in den Jordan. Es ist interessant, dass die Männer in der ersten Geschichte vorschlagen, Balken zu holen (V. 2), um das erste Problem zu lösen, während es in der zweiten Geschichte genau dieses Schlagen von Balken (V. 5) ist, was das zweite Problem verursacht. Die erste Geschichte endet damit, dass die Männer Bäume fällen (V. 4). Die zweite endet mit Elisa, der ein Stück Holz abschneidet (V. 6). Interessant ist, dass das in V. 6 benutzte hebräische Wort, das mit „Holz“ übersetzt wird, die Singularform des Wortes ist, das in V. 4 mit „Bäumen“ wiedergegeben wird. Eine weitere terminologische Verbindung zwischen beiden Geschichten ist das Wort „Ort“. Die Söhne der Propheten wollen einen „Ort“ herrichten (V. 2), denn der „Ort“ (V.1) wo sie derzeit wohnen, ist zu klein für sie. Als der Axtkopf in den Jordan fällt, fragt Elisa, wohin er gefallen ist und der Mann zeigt ihm den „Ort“ (V. 6). Wir haben hier also zwei Geschichten, die sich mit zwei Problemen an zwei Orten beschäftigen. Die Frage, die sich stellt, lautet: was haben diese beiden Geschichten, über die offensichtlichen Gemeinsamkeiten hinweg, miteinander zu tun? Was soll dadurch ausgesagt werden?

(Fortsetzung folgt)

Hausaufgabe

Welche Komplikation tritt in der ersten Geschichte auf und welche Bedeutung hat das auftretende Problem für beide Geschichten?