Anspielungen in 1. Samuel 13 (2. Teil)

Im 1. Teil habe ich versucht zu zeigen, dass 1. Samuel 13 mehrere Anspielungen auf den Auszug aus Ägypten, der Landnahme und der Gideongeschichte enthält. Ein aufmerksamer Leser kann diese Anspielungen problemlos erkennen. Die große Frage jedoch ist, warum der Autor auf genau diese Ereignisse anspielen wollte. Der Grund dafür wird deutlich, wenn wir die Ähnlichkeiten zwischen diesen Begebenheiten erkennen. In jedem dieser Fälle sah sich Israel einem großen feindlichen Heer gegenüber, das sie vernichten wollte. Israels einzige Hoffnung war, sich völlig dem Herrn anzuvertrauen. In jedem dieser Fälle hatte Israel zudem einen Anführer, der Gottes Anweisungen gehorsam befolgte.

Vergleichen wir das einmal mit der Situation in 1. Samuel 13. Hier wird Israel auch von einem Feind bedroht, der dem Volk zahlenmäßig weit überlegen ist. Die Anspielungen erinnern den Leser daran, wie Israel solch eine Bedrohung in der Vergangenheit überstand und werfen die Frage auf, ob das Volk und sein Anführer denselben Glauben an Gott haben werden, der schon vorher in jeder Geschichte, auf die angespielt wird, den Sieg gebracht hat. Wie Kapitel 13 zeigt, haben sie diesen Glauben nicht. Statt auf Gott zu vertrauen, verstecken sie sich oder fliehen aus dem Land. Selbst die, die mit Saul in Gilgal bleiben, zittern vor Angst. Und ihr Anführer ist nicht besser. Wie bei Mose, Josua und Gideon wird auch sein Glaube auf eine harte Probe gestellt, doch im Gegensatz zu ihnen besteht er sie nicht. Deswegen ist er untauglich, Gottes Reich zu regieren (was wiederum eine interessante Parallele zu 1. Mose 3 darstellt!). Stattdessen wird Gott einen Mann nach seinem eigenen Herzen erwählen, der den Glauben haben wird, den Saul nicht besaß. Und obwohl dieser Prinz erst in Kapitel 16 zum ersten Mal erwähnt wird, bekommen wir als Leser bereits einen Vorgeschmack auf ihn durch Jonathan, Sauls Sohn, der genau dieses völlige Gottvertrauen hat, das seinem Vater und auch dem Volk abgeht (siehe Kapitel 14).

Aber was hat das mit uns heute zu tun? Die Versuchung Sauls ist auch unsere Versuchung, die wir gegen die Kräfte des Bösen in dem geistlichen Kampf angehen, den wir kämpfen. Diese Kräfte sind, wie auch in den biblischen Geschichten, viel mächtiger als wir. Die einzige Möglichkeit, zu siegen, liegt im absoluten Glauben an und Vertrauen auf Gott (wie Jonathan und David). Er wird Rettung schenken durch einen Mann nach seinem Herzen, der sein Volk regieren wird (13,14). Dieser treue König ist unser Erlöser und ermöglicht es, dass uns vergeben werden kann, selbst wenn wir – wie Saul – versagt haben. Wichtig ist, dass wir, im Gegensatz zu Saul, unsere Sünde ehrlich bereuen und diesen König als unseren Herrn annehmen, anstatt gegen ihn zu kämpfen, wie Saul es tat.

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Anspielungen in 1. Samuel 13 (1. Teil)

In 1. Samuel 13 wird die Geschichte von Sauls erstem Versagen als König erzählt, als er ein Opfer darbrachte, anstatt auf Samuel zu warten, wie ihm gesagt worden war. Dass seine Sünde eigentlich ein neuer Sündenfall ist, wird durch die folgenden Parallelen zu 1. Mose 3 deutlich gemacht:

  • Der Mann/Mensch sündigt (V.9; vgl. 1. Mo 3,6)
  • Frage: Was hast du getan? (V.11; vgl. 1. Mo 3,13)
  • Ausreden (V.11-12; vgl. 1. Mo 3,10.12.13)
  • Urteilsverkündung (V. 13-14; vgl. 1. Mo 3,14-19)

Neben diesen Ähnlichkeiten zum Fall Adams und Evas enthält 1. Sam 13 auch interessante Anspielungen auf mindestens drei weitere wichtige Ereignisse in der Geschichte Israels:

(1) Der Auszug unter Mose

  • „Saul war der Sohn eines Jahres, als er König wurde…“ (V.1). Dieser Ausdruck kommt an anderer Stelle im AT nur noch in 2. Mo 12,5 in Verbindung mit dem Passahlamm vor.
  • „Die Hebräer sollen es hören!“ (V.3) Der Begriff „Hebräer“ („die, die überqueren“) ist eng mit dem Auszug aus Ägypten (2. Mo 1,15.16.19; 2,6.7.11.13; 3,18; 5,3; 7,16; 9,1.13; 10,3) verbunden.
  • „Israel hat sich bei den Philistern stinkend gemacht…“ (V.4) Derselbe Ausdruck wurde von den israelitischen Vorarbeitern in 2. Mo 5,21 verwendet.
  • „Der Vernichtungstrupp (wörtl.: Verderber) kam aus dem Lager der Philister…“ (V.17). Der Begriff „Verderber” kam zuvor nur in 2. Mo 12,23 vor.

(2) Die Landnahme unter Josua

  • „Da wurde das Volk hinter Saul her nach Gilgal zusammengerufen…“ (V.4) Gilgal spielt nicht nur in Jos 4-5 eine wichtige Rolle, sondern auch in Josuas Kampf gegen die fünf Könige der Amoriter (siehe Jos 10).
  • Die Philister waren „so viel wie der Sand am Ufer des Meeres…“ (V.5). Die exakt selbe Phrase wird vorher nur in Jos 11,4 verwendet, um die feindlichen Heere zu beschreiben, die gegen Israel ausgezogen waren.
  • Die Männer Israels versteckten sich in Höhlen, u.a. (V.6). Die einzige Situation, in der sich Leute zuvor in einer Höhle versteckten, wird in Jos 10 (V.16, 17, 27) berichtet.
  • Eine Abteilung wandte sich Richtung Bet-Horon (V.18). Diese Stadt wird auch in Jos 10 erwähnt (V.10-11).

(3) Der Sieg unter Gideon

  • „Das übrige Volk aber entließ er, einen jeden nach seinen Zelten…“ (V.2). Genau dasselbe tat Gideon auch (Ri 7,8).
  • „und Saul ließ im ganzen Lande in die Posaune stoßen…“ (V.3). Gideon tat dies ebenso (Ri 6,34).
  • Die Philister waren „so viel wie der Sand am Ufer des Meeres…“ (V.5). Dasselbe wird auch von den Midianitern in Ri 7,12 gesagt.
  • Die Männer Israels versteckten sich in Höhlen, u.a. (V.6). Das erinnert an Ri 6,2, wo sich die Söhne Israels wegen den Midianitern selbst Höhlen bauten, etc.
  • Drei Abteilungen gingen von dem Lager der Philister aus (V.17). Gideon teilte seine Armee ebenfalls in drei Abteilungen (Ri 7,16).
  • Eine Abteilung ging in Richtung Ophra (V.17). Ophra war Gideons Heimatstadt (Ri 8,27).

(Fortsetzung folgt)

Hausaufgabe

Warum spielt der Autor von 1. Samuel 13 gerade auf diese Ereignisse an? Wie helfen diese Anspielungen, die Botschaft dieses Kapitels zu verdeutlichen?

Gott begegnen in 1. Samuel 3

In einem früheren Post haben wir beobachtet, dass der Autor in den ersten Kapiteln von 1. Samuel ganz bewusst die Familien von Eli und Hanna gegenüberstellt, insbesondere die Söhne von Eli und den Sohn Hannas, Samuel. Vor einiger Zeit habe ich beim Studium von 1. Samuel 3 einen weiteren Aspekt entdeckt, der diesen Eindruck unterstützt.

Gehen wir erst einmal zurück zu 1. Samuel 2. Eine Sache, die wir dort über Elis Söhne erfahren, ist, „dass sie bei den Frauen lagen, die am Eingang des Zeltes der Begegnung Dienst taten“ (V. 22). Das bildet einen interessanten Kontrast zu dem vorherigen Vers (2,21), in dem der Herr Hanna heimsucht und sie schwanger wird und drei Söhne und zwei Töchter gebiert. Während Hannas Begegnung mit Gott das Ergebnis ihres Glaubens und des priesterlichen Segens in 2,20 war, ist die Begegnung der Söhne Elis mit den Frauen am Heiligtum schändlich und zeigt ihre Missachtung des göttlichen Gesetzes. Wir sollten auch festhalten, dass Hannas Begegnung mit Gott Nachkommen hervorbrachte; die Begegnungen der Söhne Elis nicht. Das passt durchaus zu der Gegenüberstellung dieser beiden Familien: Während die Linie Hannas fortgeführt wird und Leben hat, wird die Linie Elis und seiner Söhne nicht weitergehen, sondern ausgerottet werden.

Achten wir auch mal auf die Formulierung in 2,22: Die Söhne Elis „lagen“ bei den Frauen die am „Eingang des Zeltes der Begegnung“ dienten. Indem der Begriff „Zelt der Begegnung“ benutzt wird, erinnert uns der Autor daran, dass das Heiligtum tatsächlich ein Ort der Begegnung war, nämlich der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk. Die fünf Bücher Mose zeigen, dass die Priester eine entscheidende Rolle bei der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk spielten, weil sie die Mittler waren, die Sühnung für die Sünden des Volkes erwirken sollten, so dass Gott weiterhin unter ihnen leben konnte. Bezeichnenderweise sollte dies am Eingang des Zeltes der Begegnung stattfinden (siehe 3. Mo 1,3.5; 3,2; 4,4.7.18; usw.). Wie 1. Samuel 2 deutlich macht, nahmen Elis Söhne ihre Mittleraufgabe nicht ernst, sondern verhinderten durch ihr Handeln sogar, dass Sühnung tatsächlich erwirkt werden konnte (siehe 1. Sam 2,12-17). Statt die Begegnung zwischen Gott und seinem Volk zu ermöglichen, begegneten sie den Frauen, die am Heiligtum dienten. Der Theologe Peter Leithart schreibt in diesem Zusammenhang: „Diese Unzucht hatte auch symbolische Bedeutung. In 3. Mose 18 werden sexuelle Sünden als unzulässiges ‚Aufdecken der Blöße’ beschrieben und die Sprache, die hier benutzt wird, ist dieselbe, die für die Annäherung ans Heiligtum verwendet wird. Es gibt also eine begriffliche Parallele zwischen der Unantastbarkeit des Heiligtums und der Unantastbarkeit einer Frau…Hofni und Pinhas, jedoch, schändeten diese Frauen – ein Zeichen dafür, dass das Heiligtum selbst geschändet wurde (A Son to Me: An Exposition of 1 & 2 Samuel, S. 50). Diese Schändung sollte jedoch nicht unbestraft bleiben. Allein schon die Erwähnung des Eingangs des Heiligtums klingt verhängnisvoll. Das war nämlich genau die Stelle, an der der Herr in 4. Mose 16,19 erschien, um das Gericht über Korah und dessen Nachfolger zu verkünden, die die göttlichen Heiligtumsvorschriften missachteten (4. Mo 16,19).

Im Lichte all dessen ist es nicht überraschend, dass 1. Sam 3 mit der Feststellung beginnt, dass „das Wort des HERRN selten in jenen Tagen [war]; ein Gesicht war nicht häufig.“ Wegen der Bosheit der eingesetzten Mittler war es nicht möglich, dass Gott seinem Volk begegnen konnte. Doch 1. Sam 3,1 lässt auch hoffen, denn dort wird auch erwähnt, dass Samuel dem Herrn vor Eli diente. Gott wollte die Zustände nicht belassen, wie sie waren. Er wollte, dass das Heiligtum ein Ort der Begegnung zwischen ihm und dem Volk sei und deswegen zog er einen treuen Priester heran, der den Platz der bösen Priester einnehmen sollte. Dieser Priester würde nicht den Frauen am Heiligtum begegnen, sondern würde Gott begegnen und dadurch zeigen, wie solch ein Kontakt möglich wird. Diese Begegnung finden wir in 1. Sam 3 und sie wird bewusst der Begegnung der Söhne Elis in 2,22 gegenübergestellt.

Achte einmal darauf, dass das Schlüsselwort „liegen“ in beiden Begegnungen vorkommt. Während Elis Söhne bei den Frauen am Heiligtum lagen und Eli an einem nicht näher bezeichneten Ort lag (3,2), lag Samuel „im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes war“ (3,3). Es ist auch wichtig, dass 3,7 erwähnt, dass „Samuel den Herrn noch nicht erkannt [hatte], und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden,“ denn beide Begriffe („erkennen“ und „offenbaren/aufdecken“) werden in der Bibel mit sexuellen Begegnungen assoziiert. Der Autor scheint also Folgendes anzudeuten: während Elis Söhne unrechtmäßige Begegnungen mit den Frauen am Heiligtum hatte, was liegen, erkennen und offenbaren beinhaltete, hatte Samuel eine rechtmäßige Begegnung mit Gott am Heiligtum, was ebenfalls liegen, erkennen und offenbaren umfasste. Das war die echte Art von Begegnung, die Gott an seinem Heiligtum wollte – nicht ein sexuelles Aufeinandertreffen zur persönlichen Befriedigung, sondern eine Begegnung des gegenseitigen Erkennens in einer sehr tiefen Art und Weise (worum es auch bei der sexuellen Begegnung geht, wie Gott sie für Menschen im Sinn hatte). Das Alte Testament unterstreicht immer wieder, dass das die große Sehnsucht Gottes ist: erkannt zu werden! Aber wie 1. Sam 3 zeigt, ist solch ein Erkennen nur möglich durch hören/gehorchen (im Hebräischen bedeutet das Wort für „hören“ auch „gehorchen“) des Wortes Gottes. Und das war genau das Problem von Elis Söhnen: sie hörten nicht (2,25). Samuel jedoch war bereit zuzuhören und konnte deswegen Gott im Zelt der Begegnung begegnen.

Hausaufgabe

Denk einmal etwas länger über die Tatsache nach, dass Versöhnung am Eingang des Heiligtums vollzogen werden sollte. Was bedeutet dieser besondere Ort? Beziehe in deine Überlegungen auch ein, dass es eindeutige Parallelen zwischen dem Bau des Heiligtums und der Erschaffung der Erde gibt. Wo lebte der Mensch ursprünglich? Was passierte aufgrund von Sünde? Und was ist Gottes Ziel für die Menschheit? Welche Rolle spielt dabei Sühne? Welche Verbindungen bestehen zu dem Gedanken, Gott zu kennen? Und welche Rolle spielt der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen bei all dem?

 

Die Struktur von 1. Samuel 3

1. Samuel 3 hat eine sehr schöne chiastische Struktur:

A Samuel dient dem Herrn – der Herr offenbart sich selten (V. 1)

B Eli und Samuel (V. 2-9)

X Der Herr und Samuel (V. 10-14)

B’ Eli und Samuel (V. 15-18)

A’ Samuel wächst heran – der Herr offenbart sich weiterhin (V. 19-21)

Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Begegnung zwischen dem Herrn und Samuel. Dies ist der Höhepunkt der Geschichte. Hier begreift Samuel endlich, was geschieht, und der Leser erfährt endlich, warum der Herr zu Samuel reden wollte. Die Spannung, die sich während der Geschichte aufgebaut hat, erreicht ihren Höhepunkt und wird aufgelöst.

Dieser Mittelteil wird von zwei Abschnitten umrahmt, in denen es um Eli und Samuel geht. Dadurch wird der Kontrast zwischen Eli und Gott deutlich. Auch Eli spricht zu Samuel, aber er sagt ihm mehrmals, dass er ihn nicht gerufen hat. Gott hingegen hat Samuel tatsächlich gerufen und wird mit ihm reden – ironischerweise über Eli. Die Tatsache, dass Eli Samuel zweimal „mein Sohn“ nennt (Verse 6 und 16) legt auch einen Vergleich zwischen Samuel und Elis Söhnen nahe. Samuel hört auf Eli, obwohl Eli ihn nicht gerufen hat, während Elis Söhne nicht auf ihren Vater hören. Man könnte sogar argumentieren, dass Elis Problem darin liegt, dass er sie nicht ruft – im Gegensatz zu Gott, der sowohl ihn als auch Samuel ruft. Samuel hört auf Gott – anders als Eli und seine Söhne.

Ein Blick auf die beiden äußeren Abschnitte (A und A’) zeigt die Entwicklung an, die in diesem Kapitel stattfindet, nämlich von einer Situation, wo die Offenbarungen Gottes selten sind, zu einer Situation, wo sie kontinuierlich auftreten. Diese Entwicklung wird dadurch ermöglicht, dass es jemanden gibt, der bereit ist, auf das zu hören, was der Herr zu sagen hat. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Eli und seinen Söhnen, die nicht hören wollen und dadurch die Situation am Anfang des Kapitels herbeiführen und Samuel, der hören will und dadurch die Situation am Ende des Kapitels herbeiführt.

 

Die Struktur von 1. Samuel 2:27-36

In 1. Samuel 2,27 kommt ein Mann Gottes zu Eli, um ihm Gottes Gericht zu verkünden. Seine Rede (Verse 27-36) kann in fünf Teile aufgeteilt werden, die chiastisch angeordnet sind:

A Aktion: Gott erwählt Aaron und sein Haus als Priester (V. 27-28)

B Reaktion: Die Sünde des Hauses Eli (V. 29)

X Umkehrung des Versprechens – Hauptprinzip (V 30)

B’ Reaktion: Gottes Gericht über Elis Haus (V. 31-34)

A’ Aktion: Gott erweckt einen treuen Priester (V. 35-36)

Im Mittelpunkt der Rede steht Vers 30, wo Gott das Versprechen zurückzieht, das er dem Hause Elis gegeben hatte. Das ist der Wendepunkt des gesamten Abschnitts. Hier findet sich auch das Schlüsselprinzip, das zum einen verdeutlicht, was die eigentliche Sünde des Hauses Elis war (sie verachteten Gott) und zum anderen die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichts offenbart:

„…die mich ehren, werde [auch] ich ehren, und die mich verachten, sollen [wieder] verachtet werden.“

Dieser Mittelteil wird eingerahmt von zwei Aktionen/Handlungen vonseiten Gottes (A und A’) und zwei Reaktionen – eine von einem Menschen und eine von Gott (B und B’).

Teil A

Der erste Teil der Rede konzentriert sich auf das, was Gott für das Haus Eli getan hat. Es werden besonders drei Dinge genannt, von denen das erste als eine Frage formuliert ist:

  1. Habe ich mich nicht dem Hause deines Vaters deutlich geoffenbart in Ägypten? (V. 27)
  2. Ich habe deinen Vater zum Priester erwählt, um auf meinem Altar zu opfern und das Ephod vor mir zu tragen. (V. 28)
  3. Ich gab dem Haus deines Vaters alles Feueropfer der Söhne Israel. (V. 28)

Wir sehen, wie Gott die Initiative ergreift. Er entscheidet sich dafür, sich zu offenbaren und er entschließt, jemanden als Priester zu erwählen, der vor ihm für Israel dient. Warum tut er das? Weil er dafür brennt, Menschen zu retten!

Teil B

In Vers 29 wendet sich die Rede dem zu, was das Haus Eli im Gegenzug an Gott getan hat. Wieder werden drei Dinge erwähnt, wobei das erste wieder als Frage formuliert ist:

  1. Warum tretet ihr meine Opfer mit Füßen? (Vers 29)
  2. Du ehrst deine Söhne mehr als mich (Vers 29)
  3. Ihr mästet euch von den Erstlingen aller Opfergaben Israels (Vers 29)

Krass, oder? Da erwählt sich Gott Leute, die am Heiligtum dienen soll, doch diese Leute tun dies in einer Weise, die klar den mangelnden Respekt (und sogar Verachtung) für diesen Ort und die von Gott eingesetzten Zeremonien erkennen lässt. Dadurch wird der Dienst am Heiligtum bedeutungslos, Erlösung falsch dargestellt und das Heil aller in Gefahr gebracht. Kein Wunder, dass Gott so heftig reagiert!

Teil B’

Der vierte Teil der Rede verläuft parallel zum zweiten Teil und beschreibt die Reaktion Gottes auf das, was das Haus Eli getan hat: er wird Gericht über sie bringen, indem er den Arm Elis und den Arm des Hauses seines Vaters abhaut, so dass alle Nachkommen seines Hauses – inklusive seiner zwei Söhne – sterben werden (Verse 31-34). Trotzdem wird nicht jeder von Elis Haus ausgerottet werden (Vers 33).

Teil A’

Der letzte Teil der Rede verläuft parallel zum ersten Teil: Gott wird wieder die Initiative ergreifen und sich einen treuen Priester erwecken. Das ist eine gute Nachricht, denn es zeigt, dass Gott seine Pläne erfüllen wird – trotz des Versagens sündiger Menschen. Er wird sicherstellen, dass vor ihm ein beständiger Priester dient, so dass der Dienst im Heiligtum ordnungsgemäß vonstatten geht und jeder Sünder, der versagt hat, errettet werden kann!

Hausaufgabe

Lies Markus 1,40-45. Achte einmal darauf, was ganz am Ende der Geschichte über Jesus gesagt wird. Warum ist das interessant? Wen hat Jesus gerade geheilt? Was wird hier angedeutet?

 

1. Samuel 1 im Zusammenhang

In der hebräischen Bibel folgen die beiden Samuelbücher direkt auf das Buch Richter. In der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, kommt dazwischen noch das Buch Rut. Dies ist auch die Reihenfolge in unseren deutschen Bibeln. Dass beide Anordnungen Sinn machen, zeigen bereits die interessanten Verbindungen zwischen 1. Samuel 1 und verschiedenen Stellen in Richter und Rut. 1. Samuel 1 erscheint nicht aus dem Nichts, sondern führt die Geschichten von Richter und Rut weiter.

Verbindungen zu Richter 13

Achte zum Beispiel darauf, wie die Geschichte von Simson in Richter 13 beginnt:

Da war nun ein Mann aus Zora, von einer Sippe der Daniter, sein Name war Manoach. Seine Frau aber war unfruchtbar und gebar nicht. (Ri 13,2)

Im weiteren Verlauf der Geschichte wird berichtet wie der Engel des Herrn Manoachs Frau besucht und ihr sagt, dass ihr Sohn lebenslang ein Nasiräer sein wird.

Vergleichen wir das einmal mit dem Anfangsvers in 1. Samuel:

Es war ein Mann von Ramatajim-Zofim, vom Gebirge Ephraim, und sein Name war Elkana, ein Sohn des Jeroham, des Sohnes Elihus, des Sohnes Tohus, des Sohnes Zufs, ein Ephraimiter. (1. Sam 1,1)

Es ist sicherlich kein Zufall, dass dies die einzigen beiden Verse in der gesamten Bibel sind, die mit „Es war ein Mann…“ beginnen (im hebräischen Text ist die Formulierung in beiden Versen identisch). Interessanterweise ist Elkanas Frau auch unfruchtbar und ihr Sohn wird lebenslang ein Nasiräer sein, genau wie Simson.

Indem er ganz bewusst auf Richter 13 anspielt, lädt uns der Autor von 1. Samuel dazu ein, Samuel als Nachfolger für Simson zu sehen. Beide werden von ehemals unfruchtbaren Frauen empfangen, beide sind Nasiräer, beide sind Richter. Doch trotz dieser Gemeinsamkeiten sind ihre Geschichten sehr verschieden. Simson bricht sein Gelübde, Samuel nicht. Simson handelt hauptsächlich in Eigeninteresse, Samuel dient hingegen dem Herrn als auch dem Volk. In mancher Hinsicht wirkt Samuel wie eine Kontrastfigur für Simson: er zeigt den positiven Einfluss, den jemand auf Gottes Volk haben kann, wenn er dem Herrn nicht nur in Wort, sondern auch in Tat völlig hingegeben ist.

Verbindungen zu Richter 17-21

Beachte auch, dass Elkana vom Gebirge Ephraim ist. Obwohl es in 1. Samuel nicht explizit erwähnt wird, wissen wir doch aus 1. Chr 6, dass Elkana ein Levit ist. Das ist deswegen interessant, weil das Buch Richter mit zwei Geschichten über Leviten endet, die im Gebirge Ephraim leben (Ri 17,1.6; 19,1). Beide Männer werden nicht gerade in einem guten Licht dargestellt. Statt dass sie am wahren Heiligtum dienen, wie sie es eigentlich sollten, dient einer der Leviten als Priester im Hause Michas (17,10-13), während der andere seine Konkubine den Männern von Gibea übergibt, die diese die ganze Nacht hindurch vergewaltigen, so dass sie bis zum Morgen stirbt. Als Ergebnis dieser Greueltat beginnt ein Bürgerkrieg in Israel, im Zuge dessen fast der gesamte Stamm Benjamin ausradiert wird. Es überrascht nicht, dass das Richterbuch folgendermaßen endet:

In jenen Tagen war kein König in Israel. Jeder tat, was recht war in seinen Augen. (Ri 21, 25)

Im Gegensatz dazu tut der Levit Elkana vom Gebirge Ephraim was recht ist in den Augen des Herrn, indem er jedes Jahr zum wahren Heiligtum geht, um dem Herrn dort zu opfern. Das lässt hoffen, dass dies eine positivere Geschichte sein wird, als die Geschichten der zwei Leviten am Ende des Richterbuch, und dass es für Israel als Ganzes vielleicht noch Hoffnung gibt.

Verbindungen zu Rut

Obwohl das Buch Rut in der hebräischen Bibel nicht zwischen Richter und 1. Samuel steht, dient es ebenso als Kontext für 1. Samuel, weil sich die Geschichte von Rut während der Zeit der Richter abspielt (Rut 1,1). Und wieder gibt es interessante Verbindungen zu 1. Samuel 1. Zum Einen ist Elimelech (Mein Gott ist König) genauso ein Efratiter wie Elkana (1. Samuel 1,1). Zum anderen gibt es in beiden Geschichten Frauen, die keine Kinder bekommen können. Trotzdem wird in beiden Fällen schließlich ein Kind geboren, weil eine Frau die Initiative ergreift. In Rut wird das Kind gar als ein Erlöser dargestellt:

Da sagten die Frauen zu Noomi: Gepriesen sei der HERR, der es dir heute nicht an einem Löser hat fehlen lassen! Sein Name werde gerühmt in Israel! Und er wird dir ein Erquicker der Seele sein und ein Versorger deines Alters! Denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn geboren, sie, die dir mehr wert ist als sieben Söhne. (Rut 4,14-15)

Die Gemeinsamkeiten zu Rut bergen die Frage, ob das Kind in 1. Samuel 1 eine ähnliche Rolle haben wird. Im Laufe der Geschichte wird deutlich, dass das tatsächlich der Fall ist. Das Kind, welches geboren wurde, ist ein neuer Mose, der Israel auf einem neuen Exodus aus der Sünde herausführen wird. Daher überrascht es nicht, dass er auch mit Worten beschrieben wird, wie sie später für Israels ultimativen Erlöser verwendet werden:

Der Junge Samuel aber nahm immer mehr zu an Alter und Gunst bei dem HERRN und bei den Menschen. (1. Sam 2,26; vgl. Lk 2,52)

Hausaufgabe

Welche Ähnlichkeiten zwischen Mose und Samuel fallen dir ein? Welche anderen Verbindungen gibt es zwischen 1. Samuel 1 und den Büchern Richter und Rut?

 

Eine Geschichte zweier Familien (2. Teil)

Samuel und die Söhne Elis

Ab 1. Samuel 2,11 beginnt der Autor, Samuel und die Söhne Elis zu vergleichen und einander gegenüberzustellen. Dies tut er, indem er zwischen diesen Personen hin- und herwechselt.

2,11                 Samuel

2,12-17            Söhne Elis

2,18-21            Samuel

2,22-25            Söhne Elis

2,26                 Samuel

Sowohl Samuel als auch die Söhne Elis werden als Priester dargestellt, die am Heiligtum dienen. Doch bereits von Anfang an wird ein klarer Gegensatz deutlich: während Samuel dem Herrn dient (2,11), kennen die Söhne Elis den Herrn nicht (2,12). Sie sind böse Männer, die nicht hören (2,25), sondern den Heiligtumsdienst missbrauchen. Deswegen ist Gott entschlossen sie zu töten (2,25). Samuel hingegen ist ein treuer Priester, der hört (3,10) und an Alter und Gunst bei dem Herrn zunimmt (2,26).

Samuel und Eli

Am deutlichsten wird der Vergleich und Kontrast zwischen Samuel und Eli natürlich in 1. Sam 3, aber es beginnt schon am Ende von Kapitel 2. In Vers 27 kommt ein Mann Gottes zu Eli mit der Botschaft vom Herrn, dass Elis Haus ausgerottet werden wird. Es wird nicht erwähnt, wie Eli darauf reagiert. In Kapitel 3 erhält auch Samuel eine Nachricht von Gott, die dessen Gericht über das Haus Eli bestätigt.

In Kapitel 3 wird der Kontrast zwischen Eli und Samuel bereits durch ihre jeweiligen Aufenthaltsorte angedeutet. Während Eli an seinem Ort lag (V. 2), lag Samuel an seinem Ort (V. 9), nämlich „im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes war“ (V. 3). Die ersten Verse enthalten außerdem zwei kurze Einschübe, die uns Hintergrundinformationen zu Eli und Samuel geben. Eli wird als jemand dargestellt, der bereits abbaut („seine Augen aber hatten angefangen, schwach zu werden, so dass er nicht [mehr] sehen konnte“ V. 2). Samuel hingegen macht eine positive Entwicklung durch („Samuel aber hatte den Herrn noch nicht erkannt, und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden“ V. 7 – es wird angedeutet, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bevor dies geschieht). Elis abnehmende Sehkraft scheint mit seiner versagenden geistlichen „Sehkraft“ verbunden zu sein. Eli nimmt geistlich gesehen also ab, während Samuel geistlich zunimmt und wächst.

Der Hauptgegensatz zwischen Eli und Samuel in Kapitel 3 ist offensichtlich die Tatsache, dass Gott zu Samuel spricht und nicht zu Eli. Der Grund dafür liegt anscheinend darin, dass Samuel – im Gegensatz zu Eli – bereit ist, zu hören. Elis Rat für Samuel erscheint daher umso ironischer: „…antworte: Rede, Herr, denn dein Knecht hört!“ Genau das hat Gottes Knecht Eli nicht getan, weshalb Gott nun zu seinem Knecht Samuel spricht, der hören wird.