Die Sache(n) mit der Zeit in Daniel 2

Die Geschichte in Daniel 2 ist – besonders in adventistischen Kreisen – relativ gut bekannt. Für gewöhnlich wird der Fokus auf das Standbild, dessen Auslegung und die Tatsache, dass Weltgeschichte schon Jahrhunderte zuvor akkurat vorhergesagt wurde, gelegt. Dies ist durchaus verständlich, da das Standbild und seine Bedeutung ja tatsächlich eine wichtige Rolle in diesem Kapitel spielen. Dennoch ist es wichtig zu erkennen, dass Daniel 2 mehr ist als nur eine Geschichte über ein Standbild und dessen Auslegung. Es ist auch eine Geschichte über Gott, einen heidnischen König und die Frage, wer der wahre Herr über die Zeit ist.

Schauen wir uns einmal die erste Szene in dieser Geschichte an, in welcher der König mit den Wahrsagepriestern, Beschwörern, Zauberern und Sterndeutern spricht (vv. 2-11). Meistens wird vor allem herausgestellt, dass diese Männer unfähig waren, den Traum nachzuerzählen und zu deuten und somit im Gegensatz zu Daniel stehen, der etwas später fähig ist, den Traum nachzuerzählen und zu deuten. Das ist natürlich alles richtig. Trotzdem steckt noch mehr in dieser Szene. Das wird deutlich, wenn wir uns das Gespräch, das in diesen Versen stattfindet, genauer anschauen. Ein wichtiges Thema in diesem Dialog ist Zeit. Der König wirft den Weisen vor, Zeit schinden zu wollen (V. 8) und dass sie sich verabredet hätten, ihn zu belügen, „bis die Zeit sich ändert“ (V. 9). In dieser Szene mit Nebukadnezar und den Weisen spielt das Thema Zeit eine wichtige Rolle. Das ist auch deswegen interessant, weil Zeit auch im Rest des Kapitels ein wichtiges Thema ist. Schließlich geht es beim Standbild und seiner Interpretation auch um Zeit und um den wichtigen Punkt, dass Gott der wahre Herr über die Zeit ist (siehe V. 21!). Daher haben wir hier eigentlich zwei Geschichten: eine „kleine“ Geschichte (Nebukadnezar und die Weisen) und die „große“ Geschichte (Gott, Nebukadnezar und die Geschichte der Welt).

Dass diese beiden Geschichten miteinander verbunden sind, wird außerdem durch den Schlüsselbegriff „Sache“ deutlich, der neun Mal in diesem Kapitel vorkommt (Verse 5, 8, 9, 10, 11, 15, 17, 23). Durch aufmerksames Lesen wird deutlich, dass es mindestens zwei Sachen gibt:

  1. Die Sache Nebukadnezars bezüglich der Weisen (Verse 5, 8).
  2. Die Sache Gottes bezüglich Nebukadnezar, d.h. der Traum und dessen Deutung (z.B. Verse 10, 11)

Ein Vergleich dieser beiden Geschichten ist ziemlich aufschlussreich. Wie oben bereits erwähnt, spielt Zeit eine wichtige Rolle in Beiden. Genauer gesagt ist das zentrale Thema anscheinend die Frage, wer der wahre Herr über die Zeit ist. In der ersten Geschichte ist es Nebukadnezar. Er bestimmt über Zeit, denn er ist es, der entscheidet, ob und wann die Weisen sterben. Sie hoffen ihrerseits, dass sie Zeit gewinnen können und dass die Zeit sich ändert, aber das wird nicht geschehen. Die Sache ist gewiss: entweder erzählen sie den Traum nach, geben seine Deutung und erhalten große Geschenke und Ehre oder sie werden sterben (V. 5-6).

In der ersten Geschichte ist es also Nebukadnezar, der der Herr über die Zeit ist. Die entscheidende Frage jedoch lautet: wer ist Herr über die Zeit in der zweiten, in der großen Geschichte? Wie in Daniel 3 deutlich wird, würde Nebukadnezar es am liebsten selbst gern sein. Im Gegensatz zu den Weisen möchte er nicht, dass sich die Zeiten ändern. Doch genauso wie sie möchte er Zeit gewinnen, damit sein Königreich für immer Bestand hat. Das ist ein Grund, warum Gott (in Dan 2) den Traum schickt: damit Nebukadnezar erkennt, dass seine Hoffnungen (ebenso wie die der Weisen) umsonst sind. Die Sache ist gewiss: die Zeiten werden sich ändern und sein Königreich wird nicht für immer bestehen. Dieses Privileg ist nur einem Königreich gegeben, nämlich dem Königreich des Gottes, der der einzig wahre Herr über die Zeit ist. Wie der Rest des Buches Daniel zeigt, wird das Königreich den Heiligen des Höchsten gegeben werden, also denen, die sich entschieden haben, Gott zum Herrn ihres Lebens und demnach auch ihrer Zeit zu machen. Und das ist der zweite Grund für den Traum: damit Nebukadnezar einer dieser Heiligen wird (also Gott als Herr der Zeit annimmt) und eine Ewigkeit (unendliche Zeit!) in Gottes Königreich verbringen kann! Damit wird der unterschiedliche Charakter dieser beiden Herren der Zeit offenbar: während Nebukadnezar bereit ist, seine Macht zu benutzen, um die zu töten, die Zeit gewinnen wollen, benutzt Gott seine Macht mit der Absicht, denjenigen zu retten, der Zeit gewinnen will. Was für ein Gott!

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8. Hinweis: Der Text ist in parallelen Zyklen angeordnet (2. Teil)

Wie ich letztes Mal erwähnt hatte, gibt es interessante Parallelen zwischen einigen der „Exil—Rückkehr-ins-Land“-Zyklen der Bibel. Hier sind zwei Beispiele:

Abram und Israel

Abram

  • Hungersnot im Land (1. Mo 12,10)
  • Geht hinab nach Ägypten (1. Mo 12,10)
  • Erwirbt Schafe und Rinder (1. Mo 12,15)
  • Plagen (1. Mo 12,17)
  • Pharao ruft Abram und sagt: Nimm und geh! (1. Mo 12,18-19)
  • Zieht aus mit Vieh, Silber und Gold (1. Mo 13,2)
  • Lot ging mit ihm (1. Mo 13,1)

Israel

  • Hungersnot im Land (1. Mo 41,54)
  • Gehen hinab nach Ägypten (1. Mo 42ff.)
  • Erwerben Besitz (1. Mo 47,27)
  • Plagen (1. Mo 7-11)
  • Pharao ruft Mose und Aaron und sagt: Nehmt und geht! (2. Mo 12,31-32)
  • Ziehen aus mit Vieh, Silber und Gold (2. Mo 12,35, 38)
  • Viel Mischvolk ging mit ihnen (2. Mo 12,38)

Jakob und David

Jakob

  • Von Esau gehasst (1. Mo 27,41)
  • Verlässt das väterliche Haus (1. Mo 28,10)
  • Im Hause Labans (1. Mo 29-31)
  • Hat Erfolg (1. Mo 30)
  • Rachel wird angeboten, dann zurückgezogen (1. Mo 29,15-30)
  • Wird zum Schwiegersohn (1. Mo 29,21-30)
  • Flieht – Laban verfolgt ihn (1. Mo 31)
  • Rahel lügt – Götzenbild involviert (1. Mo 31,30-35)
  • Laban fragt: Warum hast du mich getäuscht? (1. Mo 31,26)

David

  • Von Eliab gehasst (1. Sam 17,28)
  • Verlässt das väterliche Haus (1.Sam 18,2)
  • Im Hause Sauls (1. Sam 18)
  • Hat Erfolg (1. Sam 18,5.14-15.30)
  • Merab wird angeboten, dann zurückgezogen (1. Sam 18,17-19)
  • Wird zum Schwiegersohn (1. Sam 18,27)
  • Flieht – Saul verfolgt ihn (1. Sam 19-26)
  • Michal lügt – Götzenbild involviert (1. Sam 19,13-17)
  • Saul fragt: Warum hast du mich getäuscht? (1. Sam 19,17)

Durch diese Ähnlichkeiten laden die biblischen Autoren den Leser ein, zwei oder mehr Geschichten miteinander zu verbinden und die in den Zyklen vorkommenden Personen miteinander zu vergleichen und gegenüberzustellen. Gleichzeitig sagen uns diese Ähnlichkeiten auch etwas über Gott: was er für Abram getan hat, wird er auch für Israel tun. Letztendlich aber weisen alle Zyklen auf Jesus hin, der sein Vaterhaus verließ, von seinen Brüdern gehasst wurde, erfolgreich war und dennoch während seines gesamten Dienstes verfolgt wurde, sein Volk in einer Art Exodus aus der Sünde herausführte (siehe Lukas 9,31), was ihn dazu brachte, an einem Kreuz zu sterben, so dass sein Volk letzten Endes die echte Rückkehr in das Land erleben kann.

Damit endet der Theorieteil dieses Blogs. Ich hoffe, dass dir diese Posts geholfen haben. Natürlich könnte man noch sehr viel mehr sagen und entdecken, aber erst mal bin ich so weit gekommen. Ich halte dich auf dem Laufenden, falls ich neue Hinweise entdecken sollte. Von jetzt an werde ich ganz einfach neue Beobachtungen, Einsichten und Entdeckungen von meinem persönlichen Bibelstudium auf diesem Blog teilen. Ich hoffe, sie motivieren dich dazu, die Bibel für dich selbst noch tiefer zu lesen und zu studieren. Es ist das erstaunlichste Buch, das je geschrieben wurde und es lohnt sich immer, es sich genauer anzuschauen.

Hausaufgabe

Schau dir Johannes 18 an. Welche Ereignisse werden in diesem Kapitel erwähnt und was haben sie miteinander zu tun? Wie hilft dir ein Bewusstsein für Wiederholungen und Wiederholungen mit Variation dabei, diese Frage zu beantworten?

8. Hinweis: Der Text ist in parallelen Zyklen angeordnet (1. Teil)

Vielleicht erinnerst du dich daran, dass der erste hier vorgestellte Hinweis besagte, dass Erlösung das Hauptthema jedes biblischen Textes ist. Der letzte Hinweis, den ich betrachten möchte, bringt uns zu demselben Thema zurück. Aufmerksamen Bibelleser muss früher oder später auffallen, dass besonders die Geschichten der Bibel in Zyklen angeordnet sind, in denen die Erlösungsgeschichte quasi in Miniaturform immer wieder durchgespielt wird. Das wird schon in den ersten Kapiteln der Bibel deutlich.

Erinnerst du dich noch an die Struktur von 1. Mose 1-11?

A   Schöpfung, göttlicher Segen (1,1-2:3)

       B   Sünde Adams: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (2,4-3,24)

             C   Keine Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Abel (4,1-16)

                   D   Nachkommen des sündigen Sohnes Kain (4,17-26)

                          E   Nachkommen des erwählten Sohnes Set: 10 Generationen (5,1-32)

                                F   Sünde, die zum Gericht führt: Söhne Gottes (6,1-4)

                                      G   Kurze Einführung: Noah, 3 Söhne (6,5-8)

A’   Flut: Umkehrung der Schöpfung, Neuschöpfung, göttlicher Segen (6,9-9,19)

        B’   Sünde Noahs: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (9,20-29)

               C’   Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Jafet (10,1-5)

                      D’   Nachkommen des sündigen Sohnes Ham (10,6-20)

                          E’   Nachkommen des erwählten Sohnes Sem: 10 Generationen (10,21-32)

                                     F’   Sünde, die zum Gericht führt: Turmbau zu Babel (11,1-9)

                                            G’   Kurze Einführung: Terah, 3 Söhne (11,27-32)

 

Wie wir bereits festgestellt haben ist es recht offensichtlich, dass der Schreiber des 1. Mosebuches sein Material in den ersten elf Kapiteln ganz bewusst in einer Parallelstruktur angeordnet hat. Dadurch wird deutlich, dass die beiden Sequenzen eigentlich die gleiche Geschichte erzählen: Gott erschafft und segnet den Menschen, der Mensch sündigt, die anhaltende Sünde des Menschen führt zu göttlichem Gericht, doch in beiden Sequenzen wird ein Erlöser eingeführt, der das Land verlassen muss, aber später mit denen zurückkehrt, die Gott treu sind. Dieser Zyklus von Exil und Rückkehr in das Land kommt nicht nur hier am Beginn von 1. Mose vor, sondern kann im ganzen Alten und Neuen Testament beobachtet werden. Schau dir nur mal die folgende Liste an:

  • Noah: Exil (Flut) – Rückkehr in das Land
  • Abraham: Exil (Ägypten) – Rückkehr in das Land
  • Jakob: Exil (zu Laban) – Rückkehr in das Land
  • Israel 1/Mose: Exil (Ägypten) – versuchte Rückkehr in das Land
  • Israel 2/Josua: Exil (40 Jahre in der Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Naomi/Ruth/Boas: Exil (Moab) – Rückkehr in das Land
  • David: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Elia: Exil (Bach/Zarpat) – Rückkehr in das Land
  • Elisa: Exil (über dem Jordan) – Rückkehr in das Land
  • Israel 3: Exil (Babylon) – Rückkehr in das Land
  • Jesus: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Gemeinde: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land

Die Parallelen zwischen diesen Zyklen sind verblüffend. Denken wir nur einmal an die Ähnlichkeiten zwischen der Geschichte Abrahams und der Geschichte Israels, oder den Geschichten Jakobs und Davids. Diese Parallelen sind eindeutig gewollt. Die große Frage ist: Warum kommt dieses Thema des Exils und der Rückkehr in das Land so häufig vor? Die Antwort ist simpel: weil dadurch immer und immer wieder die große Geschichte der Bibel veranschaulicht wird, die ja eine Geschichte des Exils und der Rückkehr in das Land ist! Weil der Mensch gefallen ist, lebt er jetzt im Exil der Sünde. Doch Gott setzt sich mit all seiner Leidenschaft dafür ein, den Menschen aus dem Exil zu befreien und ihn dorthin zurückzubringen, wo er ursprünglich herkam. 1. Mose 1-4 zeigt, wie Gott den Menschen erschuf und ihn in einen Garten im Land Eden setzte. Aufgrund der Sünde musste der Mensch zuerst den Garten (Adam und Eva) und später auch das Land (Kain) verlassen. Der Rest der Bibel beschreibt letztlich, wie Gott versucht, den Menschen zurück in das Land und zurück in den Garten zu bringen, wo er ihn ursprünglich leben lassen wollte.

Wie schafft Gott das? Indem er einen Erlöser erweckt, der sein Volk wieder in das Land zurückbringt. Das sind die Leute, die zu den verschiedenen Zyklen (s.o.) gehören. Viele von ihnen werden als sogenannte „Typen Jesu“ bezeichnet. Das bedeutet, dass ihre Erlebnisse die Erfahrungen Jesu vorausschatten. (Natürlich sind das nicht die einzigen Erlöserfiguren im AT – es gibt noch viele weitere.) Somit ebnen die einander sehr ähnlichen Zyklen im Alten Testament den Weg für Jesus Christus, der denselben Zyklus durchläuft. Das bedeutet, dass das gesamte Alte Testament auf Jesus vorverweist (siehe Lukas 24,27!). Er geht denselben Weg wie die Menschheit und wie sein Volk Israel, doch er geht ihn ohne zu sündigen. Deswegen hat er das Recht, ihr Erlöser zu sein. Die Gemeinde muss dann in seinen Fußspuren folgen. Er ist das Haupt und wir sind der Leib, deswegen muss seine Erfahrung unsere Erfahrung werden. Kein Wunder, dass uns die Bibel dazu aufruft, wie Jesus zu sein!

Hausaufgabe

Schau dir die Erlebnisse von Abraham und Israel an sowie die Geschichten von Jakob und David. Welche Parallelen entdeckst du?

 

7. Hinweis: Der Text baut auf vorherigen Texten auf (2. Teil)

Die Begebenheit in Richter 19 ist nicht so bekannt wie andere biblische Geschichten, was wahrscheinlich daran liegt, dass sie eine der merkwürdigsten und widerlichsten Geschichten in der ganzen Bibel ist. In dieser Geschichte nimmt sich ein Levit vom Gebirge Ephraim eine Nebenfrau aus Bethlehem. Sie läuft jedoch weg von ihm und kehrt in das Haus ihres Vaters in Bethlehem zurück. Nach vier Monaten geht ihr Mann nach Bethlehem, um sie zurückzuholen. Doch dem Vater der Frau gelingt es, die beiden fünf Tage aufzuhalten. Am Abend des fünften Tages beginnen sie endlich die Rückreise nach Ephraim. Weil es schon spät am Tag ist, schlägt der Knecht dem Ehemann vor, dass man die Nacht in Jebus (Jerusalem) verbringen könne. Der Ehemann will aber in einer Stadt Israels einkehren. Am Ende bleiben sie im Haus eines alten Mannes in der Stadt von Gibea.

Schon an diesem Punkt stellt der aufmerksame Leser etwas fest: Besucher, die am Abend in eine Stadt kommen und eingeladen werden im Haus von jemandem zu übernachten? Woran erinnert einen diese Szene? Die Antwort ist klar: 1. Mose 19 – die Geschichte von Lot und der Zerstörung Sodom und Gomorras. Wenn man sich die beiden Geschichten genauer anschaut, stellt man fest, dass dies nicht die einzigen Parallelen sind:

Als sie nun ihr Herz guter Dinge sein ließen, siehe, da umringten die Männer der Stadt, ruchlose Männer, das Haus, trommelten gegen die Tür und sagten zu dem alten Mann, dem Herrn des Hauses: Führe den Mann, der in dein Haus gekommen ist, heraus, wir wollen ihn erkennen! Da ging der Mann, der Herr des Hauses, zu ihnen hinaus und sagte zu ihnen: Nicht doch, meine Brüder, tut doch nichts Übles! Nach dem dieser Mann in mein Haus gekommen ist, dürft ihr solch eine Schandtat nicht begehen! Siehe, meine Tochter, die noch Jungfrau ist und seine Nebenfrau, sie will ich herausbringen. Ihnen tut Gewalt an und macht mit ihnen, was gut ist in euren Augen. Aber an diesem Mann dürft ihr so eine schwere Schandtat nicht begehen! (Richter 19,22-24)

Noch hatten sie sich nicht niedergelegt, da umringten die Männer der Stadt, die Männer von Sodom, das Haus, vom Knaben bis zum Greis, das ganze Volk von allen Enden der Stadt. Und sie riefen nach Lot und sagten zu ihm: Wo sind die Männer, die diese Nacht zu dir gekommen sind? Führe sie zu uns heraus, daß wir sie erkennen! Da trat Lot zu ihnen hinaus an den Eingang und schloß die Tür hinter sich zu; und er sagte: Tut doch nichts Böses, meine Brüder! Seht doch, ich habe zwei Töchter, die keinen Mann erkannt haben; die will ich zu euch herausbringen. Tut ihnen, wie es gut ist in euren Augen! Nur diesen Männern tut nichts, da sie nun einmal unter den Schatten meines Daches gekommen sind! (1. Mose 19,4-8)

Die klaren Parallelen zwischen diesen beiden Geschichten legen nahe, dass der Autor von Richter 19 die Geschichte ganz bewusst so geschrieben hat, dass der aufmerksame Leser an 1. Mose 19 erinnert wird. Die Frage ist: warum hat er das gemacht? Anscheinend möchte er dem Leser aufzeigen, dass eine Verbindung zwischen diesen beiden Begebenheiten besteht, besonders zwischen den Männern von Sodom und den Männern von Gibea. Beide Gruppen haben dieselbe Einstellung – und genau das soll herausgestellt werden. Am Ende des Richterbuches ist Israel wie Sodom geworden!

Genau genommen ist Israel sogar noch schlimmer als Sodom geworden: in Sodom kam es letztlich zu keiner Vergewaltigung, in Gibea dagegen schon. Wie tief Israel wirklich gefallen ist, wird auch an dem Dialog deutlich, der sich in der Mitte der Geschichte befindet: während der Knecht vorschlägt, in einer fremden Stadt (Jebus) zu übernachten, besteht der Ehemann darauf, in einer Stadt der Söhne Israels zu bleiben (Richter 19,11-12). Dadurch betont der Schreiber noch mehr, dass Gibea eine israelitische Stadt ist – so als ob er sagen möchte: Ist denn das zu glauben? Das Ganze ist nicht in einer Stadt von Fremden geschehen (wo man es hätte erwarten können), sondern in einer Stadt Israels!

Der Vergleich mit Sodom hebt also hervor, wie gottlos Israel geworden war und wie sehr es einen Erlöser brauchte. Das ganze Richterbuch hindurch stehen verschiedene Retter auf, die die Feinde besiegen. Am Ende des Buches jedoch gibt es keine Retter mehr. Israel hat keinen König und jeder tut, was recht ist in seinen Augen – genau wie die Männer von Gibea. Wir müssen bis 1. Samuel 9 warten, bis der Retter erscheint (siehe dort Vers 16: „Der wird mein Volk aus der Hand der Philister erretten“). Interessanterweise kommt dieser aus Gibea und ist, wie sich am Ende herausstellt, nicht viel besser als die Männer seiner Stadt. Deswegen verwirft ihn Gott und beruft einen anderen Retter, der aus Bethlehem kommt – einer Stadt, die in Richter 19 ebenfalls erwähnt wird. Dieser Retter ist ganz anders, ein Mann nach dem Herzen Gottes. Er vollendet die Eroberung Kanaans, welche im Richterbuch unvollständig blieb, und bereitet den Weg für den König des Friedens, Salomo, vor. Salomo ist wie sein Vater ein Typus für den endgültigen Erlöser Israels. Dieser gibt sein Leben, so dass sogar das zu Sodom gewordene Israel gerettet werden kann, wenn es sein Opfer für die eigenen Sünden annimmt!

Hausaufgabe

Schau dir 1. Mose 32,26-29 an. Auf welche vorherige Geschichte wird hier angespielt und warum?

 

7. Hinweis: Der Text baut auf vorherigen Texten auf (1. Teil)

Inzwischen sollte deutlich geworden sein, dass biblische Texte nicht isoliert für sich alleine stehen, sondern immer Teil von etwas Größerem sind. Das ist nicht wirklich überraschend, wenn wir bedenken, dass die Bibel nicht eine wahllose und ungeordnete Ansammlung von Texten, sondern ein gut durchdachtes literarisches Meisterwerk ist, dass eine große Geschichte erzählt, die in 1. Mose 1 anfängt und in Offenbarung 22 ihren triumphalen Abschluss findet. Und wie bei jeder Geschichte, ist es auch in der Bibel schwierig spätere Teile der Geschichte zu verstehen, wenn man die früheren Teile und vor allem den Anfang der Geschichte nicht kennt. Stell dir vor du würdest einen Roman zur Hand nehmen, den du noch nie zuvor gelesen hast und würdest einfach irgendwo, sagen wir in Kapitel 22 anfangen zu lesen. Wie viel würdest du verstehen? Wahrscheinlich nicht besonders viel. Ohne den Hintergrund der ersten 21 Kapitel würde das, was in Kapitel 22 steht wahrscheinlich nicht besonders viel Sinn machen. Die einzige Möglichkeit, um wirklich zu verstehen, was in Kapitel 22 los ist, ist die ersten 21 Kapitel zu kennen. Dasselbe gilt auch für die Bibel. Man kann beispielsweise einen Text im Buch Josua nicht vollends verstehen, wenn man nicht weiß, was in den fünf Büchern Mose passiert. Genausowenig kann man die Briefe von Paulus vollends verstehen, wenn man das Alte Testament nicht kennt. Warum nicht? Weil Paulus, der Autor des Buches Josua und alle anderen Bibelschreiber sich ständig auf vorherige Texte beziehen und auf sie anspielen. Manchmal tun sie das sehr direkt, indem sie einen vorherigen Text zitieren. Oft tun sie es allerdings auf eher subtile Art und Weise, indem sie ihre Texte so schreiben, dass der aufmerksame Leser unweigerlich an vorherige Texte erinnert wird. Dabei spielt erneut die Wiederholung eine entscheidende Rolle. Indem der Autor bestimmte Wörter, Phrasen, Schauplätze, Motive, etc. wiederholt, möchte er den aufmerksamen Leser dazu animieren, sich die wichtige Frage zu stellen: Woran erinnert mich das? Das funktioniert natürlich nur, wenn der Leser die vorherigen Texte kennt und sich dessen bewusst ist, dass die Bibelschreiber die Angewohnheit haben, auf vorherige Texte anzuspielen. Ansonsten werden die Hinweise, die der Autor im Text hinterlassen hat, schlicht übersehen werden.

Das heißt, wenn wir die Bibel richtig verstehen und auslegen wollen, müssen wir dieses Buch gut kennen. Allermindestens sollten wir ein Grundwissen über den Inhalt der Bibel haben. Die beste Möglichkeit sich dieses Wissen einzueignen, ist ganz einfach die Bibel durchzulesen. Je mehr man liest und desto mehr man mit dem Inhalt vertraut ist, desto leichter ist es zu erkennen auf welche Texte ein Bibelschreiber anspielt und wie diese Anspielungen helfen den Ausgangstext besser zu verstehen. Gib nicht auf, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Es braucht etwas Übung und Zeit, aber es lohnt sich!

Fortsetzung folgt.

6. Hinweis: Der Text steht in einem Zusammenhang (3. Teil)

3. Beispiel: 1. Samuel 18

1. Samuel 18 folgt unmittelbar auf die bekannte Geschichte von David und Goliat in 1. Sam 17. Dieses Kapitel endet mit einer Szene, die beim Erzählen der David-Goliat-Geschichte normalerweise weggelassen wird. Im Bezug auf Kapitel 18 ist diese Szene jedoch sehr wichtig. Im Text heißt es:

55 Als aber Saul sah, wie David dem Philister entgegenging, sagte er zu Abner, dem Heerobersten: Wessen Sohn ist doch dieser junge Mann, Abner? Und Abner antwortete: So wahr du lebst, König, ich weiß es nicht! 56 Und der König sagte: Frage, wessen Sohn der junge Mann ist! 57 Als David zurückkehrte, nachdem er den Philister erschlagen hatte, nahm ihn Abner und brachte ihn vor Saul; und er hatte den Kopf des Philisters in seiner Hand. 58 Und Saul sagte zu ihm: Wessen Sohn bist du, junger Mann? David antwortete: Der Sohn deines Knechtes Isai, des Bethlehemiters. (1. Sam 17,55-58)

Wenn wir die Wiederholungen in diesen Versen beachten, sehen wir ganz klar, was das Hauptproblem in diesen abschließenden Versen von Kapitel 17 ist. Die große Frage am Ende dieses Abschnitts lautet: Wessen Sohn ist David? Und obwohl David in Vers 58 eine Antwort darauf gibt, bleibt die Frage immer noch wichtig für das, was in Kapitel 18 folgt. Zum Beispiel ist es interessant, dass am Anfang von Kapitel 18 die enge Beziehung zwischen David und Sauls Sohn Jonathan erwähnt wird. In Vers 2 erfahren wir, dass Saul David zu sich nimmt und ihn nicht mehr zu seinem Vaterhaus zurückkehren lässt. Es scheint, dass David Teil von Sauls Familie wird. Dieser Eindruck wird durch Vers 4 noch verstärkt: Jonathan gibt David sogar sein eigenes Gewand und seine Rüstung. Diese Übergabe der Kleidung und Waffen lässt vermuten, dass David die Stelle Jonathans einnimmt und in gewisser Weise zu Sauls Sohn wird. Aber stimmt das wirklich?

Wieder ist es hilfreich, sich den Zusammenhang anzusehen. Wer den Text aufmerksam liest, wird sich daran erinnern, dass 18,4 nicht die erste Stelle ist, wo eine solche Übergabe von Kleidung und Waffen erwähnt wird. Bereits in 1. Sam 17 versucht Saul, David seine Kleider und Waffen zu geben, doch David entscheidet sich, diese wieder auszuziehen. In Kapitel 17 lehnt David also Sauls Kleider und Waffen ab, wohingegen er die von Jonathan in Kapitel 18 annimmt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Schreiber diese Übergabeszenen nicht einfach aus Spaß berichtet. Vielmehr scheint es, dass er ganz bewusst davon erzählt, um eine tiefere Wahrheit zu vermitteln: David kann sich Goliat nicht in Sauls Kleidung und Waffen entgegenstellen, weil er nicht wie Saul ist. Saul wäre eigentlich derjenige gewesen, der in Kapitel 17 gegen Goliat hätte kämpfen sollen; schließlich war er einen Kopf größer als der Rest der Israeliten (1. Sam 9,2) und damit der Riese Israels. Doch Saul hatte Angst, denn der Geist des Herrn hatte ihn verlassen (1. Sam 16,14). David hingegen war erfüllt von Gottes Geist (1. Sam 16,13) und vertraute völlig darauf, dass Gott ihm den Sieg geben würde. David war also nicht wie Saul und konnte auch dessen Gewänder und Waffen nicht annehmen. David war wie Jonathan (vgl. 1. Sam 14!), weswegen es nicht überrascht, dass er Jonathans Kleidung und Waffen annimmt. Und obwohl David in Kapitel 18 in gewisser Weise die Rolle Jonathans einnimmt, bedeutet das nicht, dass er der „Sohn“ Sauls geworden ist; Kapitel 16 und 17 haben gezeigt, dass sich David in seiner Einstellung und seinem geistlicher Zustand stark von Saul unterscheidet.

Ungeachtet dessen versucht Saul später in Kapitel 18 David zu seinem Schwiegersohn zu machen. Ironischerweise will Saul David zum Sohn machen, um ihn umzubringen – ein Plan, der den großen Gegensatz zwischen beiden umso stärker hervorhebt. Am Ende des Kapitels ist David tatsächlich zu Sauls Sohn geworden – im rechtlichen Sinne. In Wirklichkeit ist er kein Sohn Sauls, denn 1. Sam 18,29 berichtet uns, dass David Sauls Feind geworden war. Die Frage vom Ende des 17. Kapitels ist also noch einmal beantwortet worden: David mag zwar Jonathan nahe stehen und sogar rechtlich zur Familie Sauls gehören, aber er ist nicht Sauls Sohn. Durch Heirat ist er mit Saul verwandt, doch sein Charakter ist ganz anders. Eines Tages wird David König sein, aber nicht so ein König wie Saul. Vielmehr wird er zu einem König, der dem Herrn völlig vertraut – ein Mann nach dem Herzen Gottes.

Hausaufgabe

Schau dir Markus 3,1-6 an. Welche Verbindungen siehst du zwischen dieser Geschichte und dem vorausgehenden Text in 2,23-28? Wie hängen beide Geschichten zusammen? Inwieweit wird die zweite Geschichte durch die erste verständlicher?

6. Hinweis: Der Text steht in einem Zusammenhang (2. Teil)

2. Beispiel: Johannes 8,2-11

Schauen wir uns die bekannte Geschichte der Ehebrecherin in Johannes 8 an. Direkt vor dieser Geschichte findet sich ein Abschnitt, in dem verschiedene Menschen sagen, für wen sie Jesus halten (Joh 7,40-53). Wenn man bedenkt, was in Joh 8 folgt, dann sind zwei Aussagen in diesen Versen besonders interessant. Beide enthalten das Wort „Gesetz“, welches auch in 8,5 vorkommt. Die erste Aussage steht in Vers 49:

Diese Volksmenge aber, die das Gesetz nicht kennt, sie ist verflucht!

Die Volksmenge wird hier von den Pharisäern beschuldigt, das Gesetz nicht zu kennen. Ironischerweise wird durch Joh 8,2-11 gezeigt, dass sie selbst, die Pharisäer, das Gesetz nicht kennen (oder nicht kennen wollen). In Vers 4 berufen sie sich auf das durch Mose gegebene Gesetz, um Jesus zu überzeugen, dass die Frau gesteinigt werden muss. Das Gesetz besagt jedoch, dass nicht nur die Frau, sondern auch der Mann, der die Ehe gebrochen hat, gesteinigt werden muss (3. Mo 20,10; 5.Mo 22,22). Die Pharisäer hingegen erwähnen den Mann überhaupt nicht. Es ist klar, dass sie nicht am Gesetz interessiert sind. Das wird auch durch die Frage deutlich, die Nikodemus ihnen in 7,51 stellt:

Richtet denn unser Gesetz den Menschen, ehe es vorher von ihm selbst gehört und erkannt hat, was er tut?

Ganz offensichtlich redet Nikodemus hier von Jesus, doch die Nähe dieser Frage zu Joh 8, 2-11 lädt uns regelrecht dazu ein, sie auch auf die Frau anzuwenden. (Die Geschichte der Frau dient in so mancher Hinsicht als Illustration der größeren Geschichte über Jesus und seine Ankläger). Dem mosaischen Gesetz nach sollten Angeklagte immer in einem Gericht angehört werden (5. Mo 1,16-17). In Joh 8 jedoch erlauben die Pharisäer der Frau nicht mal zu sprechen; sie geben ihr kein faires Verfahren. Der unmittelbare Zusammenhang von Joh 8,2-11 verdeutlicht also noch mehr, wie ungerecht das ganze Vorgehen in dieser Geschichte ist. Das Gesetz wird nicht ernst genommen. Ironischerweise befinden sich die Pharisäer hier in der Gegenwart des Gesetzgebers persönlich (beachte, dass Jesus mit seinem Finger schreibt, genau wie JHWH die Gebote mit seinem Finger schrieb [2. Mo 31,18]). Am Ende der Geschichte stehen die Pharisäer selbst als Angeklagte da. (Allerdings legt Jesus – anders als sie es taten – ihre Sünden nicht offen dar!) Dadurch wird eine andere Ironie sichtbar: diejenigen, die die Frau anklagen, haben dazu überhaupt kein Recht, denn sie sind selbst sündig. Doch der, der ohne Sünde ist und das Recht zur Anklage hätte, erhebt keine. Was für ein Kontrast!

Genauso interessant ist es, sich die Verse nach Joh 8,2-11 anzusehen. In Vers 12 beginnt Jesus mit den Pharisäern ein Gespräch, in dem die Gerichtsthematik weitergeführt wird. In Vers 13 beschuldigen sie ihn, dass er von sich selbst Zeugnis ablegt und meinen, dass dieses Zeugnis nicht wahr ist. Den Hintergrund für dieses Gespräch bildet wieder das mosaische Gesetz, welches besagt, dass zwei oder drei Zeugen nötig seien, um die Wahrheit einer Zeugenaussage zu bestätigen (5. Mo 19,15-16). Ganz plötzlich halten sich die Pharisäer sehr genau an das Gesetz. Aber aufgrund der vorherigen Szene wissen wir, dass sie sehr selektiv auswählen, wann sie das Gesetz anwenden und wann nicht. Als Antwort darauf sagt ihnen Jesus, dass sie dem Fleisch nach richten, er aber richtet niemanden (8,15). Und wieder wissen wir, bezogen auf die vorherige Geschichte, dass er Recht hat: sie richteten die Frau nach dem Fleisch, aber er richtete sie gar nicht. Die vorangegangene Geschichte dient also dazu, die Wahrhaftigkeit von Jesu Aussage zu bestätigen.

Hausaufgabe

Schau dir 1. Samuel 17,55-58 an. Dies sind die letzten Verse der David-und-Goliath-Geschichte (Ja, diese Verse sind tatsächlich Teil dieses Texts J). Wie bereiten diese Verse den Leser auf das vor, was in 1. Sam 18 passiert? Welche wichtige Frage wird hier aufgeworfen, die dann im nächsten Kapitel behandelt wird?