Die Sache(n) mit der Zeit in Daniel 2

Die Geschichte in Daniel 2 ist – besonders in adventistischen Kreisen – relativ gut bekannt. Für gewöhnlich wird der Fokus auf das Standbild, dessen Auslegung und die Tatsache, dass Weltgeschichte schon Jahrhunderte zuvor akkurat vorhergesagt wurde, gelegt. Dies ist durchaus verständlich, da das Standbild und seine Bedeutung ja tatsächlich eine wichtige Rolle in diesem Kapitel spielen. Dennoch ist es wichtig zu erkennen, dass Daniel 2 mehr ist als nur eine Geschichte über ein Standbild und dessen Auslegung. Es ist auch eine Geschichte über Gott, einen heidnischen König und die Frage, wer der wahre Herr über die Zeit ist.

Schauen wir uns einmal die erste Szene in dieser Geschichte an, in welcher der König mit den Wahrsagepriestern, Beschwörern, Zauberern und Sterndeutern spricht (vv. 2-11). Meistens wird vor allem herausgestellt, dass diese Männer unfähig waren, den Traum nachzuerzählen und zu deuten und somit im Gegensatz zu Daniel stehen, der etwas später fähig ist, den Traum nachzuerzählen und zu deuten. Das ist natürlich alles richtig. Trotzdem steckt noch mehr in dieser Szene. Das wird deutlich, wenn wir uns das Gespräch, das in diesen Versen stattfindet, genauer anschauen. Ein wichtiges Thema in diesem Dialog ist Zeit. Der König wirft den Weisen vor, Zeit schinden zu wollen (V. 8) und dass sie sich verabredet hätten, ihn zu belügen, „bis die Zeit sich ändert“ (V. 9). In dieser Szene mit Nebukadnezar und den Weisen spielt das Thema Zeit eine wichtige Rolle. Das ist auch deswegen interessant, weil Zeit auch im Rest des Kapitels ein wichtiges Thema ist. Schließlich geht es beim Standbild und seiner Interpretation auch um Zeit und um den wichtigen Punkt, dass Gott der wahre Herr über die Zeit ist (siehe V. 21!). Daher haben wir hier eigentlich zwei Geschichten: eine „kleine“ Geschichte (Nebukadnezar und die Weisen) und die „große“ Geschichte (Gott, Nebukadnezar und die Geschichte der Welt).

Dass diese beiden Geschichten miteinander verbunden sind, wird außerdem durch den Schlüsselbegriff „Sache“ deutlich, der neun Mal in diesem Kapitel vorkommt (Verse 5, 8, 9, 10, 11, 15, 17, 23). Durch aufmerksames Lesen wird deutlich, dass es mindestens zwei Sachen gibt:

  1. Die Sache Nebukadnezars bezüglich der Weisen (Verse 5, 8).
  2. Die Sache Gottes bezüglich Nebukadnezar, d.h. der Traum und dessen Deutung (z.B. Verse 10, 11)

Ein Vergleich dieser beiden Geschichten ist ziemlich aufschlussreich. Wie oben bereits erwähnt, spielt Zeit eine wichtige Rolle in Beiden. Genauer gesagt ist das zentrale Thema anscheinend die Frage, wer der wahre Herr über die Zeit ist. In der ersten Geschichte ist es Nebukadnezar. Er bestimmt über Zeit, denn er ist es, der entscheidet, ob und wann die Weisen sterben. Sie hoffen ihrerseits, dass sie Zeit gewinnen können und dass die Zeit sich ändert, aber das wird nicht geschehen. Die Sache ist gewiss: entweder erzählen sie den Traum nach, geben seine Deutung und erhalten große Geschenke und Ehre oder sie werden sterben (V. 5-6).

In der ersten Geschichte ist es also Nebukadnezar, der der Herr über die Zeit ist. Die entscheidende Frage jedoch lautet: wer ist Herr über die Zeit in der zweiten, in der großen Geschichte? Wie in Daniel 3 deutlich wird, würde Nebukadnezar es am liebsten selbst gern sein. Im Gegensatz zu den Weisen möchte er nicht, dass sich die Zeiten ändern. Doch genauso wie sie möchte er Zeit gewinnen, damit sein Königreich für immer Bestand hat. Das ist ein Grund, warum Gott (in Dan 2) den Traum schickt: damit Nebukadnezar erkennt, dass seine Hoffnungen (ebenso wie die der Weisen) umsonst sind. Die Sache ist gewiss: die Zeiten werden sich ändern und sein Königreich wird nicht für immer bestehen. Dieses Privileg ist nur einem Königreich gegeben, nämlich dem Königreich des Gottes, der der einzig wahre Herr über die Zeit ist. Wie der Rest des Buches Daniel zeigt, wird das Königreich den Heiligen des Höchsten gegeben werden, also denen, die sich entschieden haben, Gott zum Herrn ihres Lebens und demnach auch ihrer Zeit zu machen. Und das ist der zweite Grund für den Traum: damit Nebukadnezar einer dieser Heiligen wird (also Gott als Herr der Zeit annimmt) und eine Ewigkeit (unendliche Zeit!) in Gottes Königreich verbringen kann! Damit wird der unterschiedliche Charakter dieser beiden Herren der Zeit offenbar: während Nebukadnezar bereit ist, seine Macht zu benutzen, um die zu töten, die Zeit gewinnen wollen, benutzt Gott seine Macht mit der Absicht, denjenigen zu retten, der Zeit gewinnen will. Was für ein Gott!

Gott begegnen in 1. Samuel 3

In einem früheren Post haben wir beobachtet, dass der Autor in den ersten Kapiteln von 1. Samuel ganz bewusst die Familien von Eli und Hanna gegenüberstellt, insbesondere die Söhne von Eli und den Sohn Hannas, Samuel. Vor einiger Zeit habe ich beim Studium von 1. Samuel 3 einen weiteren Aspekt entdeckt, der diesen Eindruck unterstützt.

Gehen wir erst einmal zurück zu 1. Samuel 2. Eine Sache, die wir dort über Elis Söhne erfahren, ist, „dass sie bei den Frauen lagen, die am Eingang des Zeltes der Begegnung Dienst taten“ (V. 22). Das bildet einen interessanten Kontrast zu dem vorherigen Vers (2,21), in dem der Herr Hanna heimsucht und sie schwanger wird und drei Söhne und zwei Töchter gebiert. Während Hannas Begegnung mit Gott das Ergebnis ihres Glaubens und des priesterlichen Segens in 2,20 war, ist die Begegnung der Söhne Elis mit den Frauen am Heiligtum schändlich und zeigt ihre Missachtung des göttlichen Gesetzes. Wir sollten auch festhalten, dass Hannas Begegnung mit Gott Nachkommen hervorbrachte; die Begegnungen der Söhne Elis nicht. Das passt durchaus zu der Gegenüberstellung dieser beiden Familien: Während die Linie Hannas fortgeführt wird und Leben hat, wird die Linie Elis und seiner Söhne nicht weitergehen, sondern ausgerottet werden.

Achten wir auch mal auf die Formulierung in 2,22: Die Söhne Elis „lagen“ bei den Frauen die am „Eingang des Zeltes der Begegnung“ dienten. Indem der Begriff „Zelt der Begegnung“ benutzt wird, erinnert uns der Autor daran, dass das Heiligtum tatsächlich ein Ort der Begegnung war, nämlich der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk. Die fünf Bücher Mose zeigen, dass die Priester eine entscheidende Rolle bei der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk spielten, weil sie die Mittler waren, die Sühnung für die Sünden des Volkes erwirken sollten, so dass Gott weiterhin unter ihnen leben konnte. Bezeichnenderweise sollte dies am Eingang des Zeltes der Begegnung stattfinden (siehe 3. Mo 1,3.5; 3,2; 4,4.7.18; usw.). Wie 1. Samuel 2 deutlich macht, nahmen Elis Söhne ihre Mittleraufgabe nicht ernst, sondern verhinderten durch ihr Handeln sogar, dass Sühnung tatsächlich erwirkt werden konnte (siehe 1. Sam 2,12-17). Statt die Begegnung zwischen Gott und seinem Volk zu ermöglichen, begegneten sie den Frauen, die am Heiligtum dienten. Der Theologe Peter Leithart schreibt in diesem Zusammenhang: „Diese Unzucht hatte auch symbolische Bedeutung. In 3. Mose 18 werden sexuelle Sünden als unzulässiges ‚Aufdecken der Blöße’ beschrieben und die Sprache, die hier benutzt wird, ist dieselbe, die für die Annäherung ans Heiligtum verwendet wird. Es gibt also eine begriffliche Parallele zwischen der Unantastbarkeit des Heiligtums und der Unantastbarkeit einer Frau…Hofni und Pinhas, jedoch, schändeten diese Frauen – ein Zeichen dafür, dass das Heiligtum selbst geschändet wurde (A Son to Me: An Exposition of 1 & 2 Samuel, S. 50). Diese Schändung sollte jedoch nicht unbestraft bleiben. Allein schon die Erwähnung des Eingangs des Heiligtums klingt verhängnisvoll. Das war nämlich genau die Stelle, an der der Herr in 4. Mose 16,19 erschien, um das Gericht über Korah und dessen Nachfolger zu verkünden, die die göttlichen Heiligtumsvorschriften missachteten (4. Mo 16,19).

Im Lichte all dessen ist es nicht überraschend, dass 1. Sam 3 mit der Feststellung beginnt, dass „das Wort des HERRN selten in jenen Tagen [war]; ein Gesicht war nicht häufig.“ Wegen der Bosheit der eingesetzten Mittler war es nicht möglich, dass Gott seinem Volk begegnen konnte. Doch 1. Sam 3,1 lässt auch hoffen, denn dort wird auch erwähnt, dass Samuel dem Herrn vor Eli diente. Gott wollte die Zustände nicht belassen, wie sie waren. Er wollte, dass das Heiligtum ein Ort der Begegnung zwischen ihm und dem Volk sei und deswegen zog er einen treuen Priester heran, der den Platz der bösen Priester einnehmen sollte. Dieser Priester würde nicht den Frauen am Heiligtum begegnen, sondern würde Gott begegnen und dadurch zeigen, wie solch ein Kontakt möglich wird. Diese Begegnung finden wir in 1. Sam 3 und sie wird bewusst der Begegnung der Söhne Elis in 2,22 gegenübergestellt.

Achte einmal darauf, dass das Schlüsselwort „liegen“ in beiden Begegnungen vorkommt. Während Elis Söhne bei den Frauen am Heiligtum lagen und Eli an einem nicht näher bezeichneten Ort lag (3,2), lag Samuel „im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes war“ (3,3). Es ist auch wichtig, dass 3,7 erwähnt, dass „Samuel den Herrn noch nicht erkannt [hatte], und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden,“ denn beide Begriffe („erkennen“ und „offenbaren/aufdecken“) werden in der Bibel mit sexuellen Begegnungen assoziiert. Der Autor scheint also Folgendes anzudeuten: während Elis Söhne unrechtmäßige Begegnungen mit den Frauen am Heiligtum hatte, was liegen, erkennen und offenbaren beinhaltete, hatte Samuel eine rechtmäßige Begegnung mit Gott am Heiligtum, was ebenfalls liegen, erkennen und offenbaren umfasste. Das war die echte Art von Begegnung, die Gott an seinem Heiligtum wollte – nicht ein sexuelles Aufeinandertreffen zur persönlichen Befriedigung, sondern eine Begegnung des gegenseitigen Erkennens in einer sehr tiefen Art und Weise (worum es auch bei der sexuellen Begegnung geht, wie Gott sie für Menschen im Sinn hatte). Das Alte Testament unterstreicht immer wieder, dass das die große Sehnsucht Gottes ist: erkannt zu werden! Aber wie 1. Sam 3 zeigt, ist solch ein Erkennen nur möglich durch hören/gehorchen (im Hebräischen bedeutet das Wort für „hören“ auch „gehorchen“) des Wortes Gottes. Und das war genau das Problem von Elis Söhnen: sie hörten nicht (2,25). Samuel jedoch war bereit zuzuhören und konnte deswegen Gott im Zelt der Begegnung begegnen.

Hausaufgabe

Denk einmal etwas länger über die Tatsache nach, dass Versöhnung am Eingang des Heiligtums vollzogen werden sollte. Was bedeutet dieser besondere Ort? Beziehe in deine Überlegungen auch ein, dass es eindeutige Parallelen zwischen dem Bau des Heiligtums und der Erschaffung der Erde gibt. Wo lebte der Mensch ursprünglich? Was passierte aufgrund von Sünde? Und was ist Gottes Ziel für die Menschheit? Welche Rolle spielt dabei Sühne? Welche Verbindungen bestehen zu dem Gedanken, Gott zu kennen? Und welche Rolle spielt der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen bei all dem?

 

Die Struktur von 1. Samuel 3

1. Samuel 3 hat eine sehr schöne chiastische Struktur:

A Samuel dient dem Herrn – der Herr offenbart sich selten (V. 1)

B Eli und Samuel (V. 2-9)

X Der Herr und Samuel (V. 10-14)

B’ Eli und Samuel (V. 15-18)

A’ Samuel wächst heran – der Herr offenbart sich weiterhin (V. 19-21)

Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Begegnung zwischen dem Herrn und Samuel. Dies ist der Höhepunkt der Geschichte. Hier begreift Samuel endlich, was geschieht, und der Leser erfährt endlich, warum der Herr zu Samuel reden wollte. Die Spannung, die sich während der Geschichte aufgebaut hat, erreicht ihren Höhepunkt und wird aufgelöst.

Dieser Mittelteil wird von zwei Abschnitten umrahmt, in denen es um Eli und Samuel geht. Dadurch wird der Kontrast zwischen Eli und Gott deutlich. Auch Eli spricht zu Samuel, aber er sagt ihm mehrmals, dass er ihn nicht gerufen hat. Gott hingegen hat Samuel tatsächlich gerufen und wird mit ihm reden – ironischerweise über Eli. Die Tatsache, dass Eli Samuel zweimal „mein Sohn“ nennt (Verse 6 und 16) legt auch einen Vergleich zwischen Samuel und Elis Söhnen nahe. Samuel hört auf Eli, obwohl Eli ihn nicht gerufen hat, während Elis Söhne nicht auf ihren Vater hören. Man könnte sogar argumentieren, dass Elis Problem darin liegt, dass er sie nicht ruft – im Gegensatz zu Gott, der sowohl ihn als auch Samuel ruft. Samuel hört auf Gott – anders als Eli und seine Söhne.

Ein Blick auf die beiden äußeren Abschnitte (A und A’) zeigt die Entwicklung an, die in diesem Kapitel stattfindet, nämlich von einer Situation, wo die Offenbarungen Gottes selten sind, zu einer Situation, wo sie kontinuierlich auftreten. Diese Entwicklung wird dadurch ermöglicht, dass es jemanden gibt, der bereit ist, auf das zu hören, was der Herr zu sagen hat. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Eli und seinen Söhnen, die nicht hören wollen und dadurch die Situation am Anfang des Kapitels herbeiführen und Samuel, der hören will und dadurch die Situation am Ende des Kapitels herbeiführt.

 

Die Struktur von 1. Samuel 2:27-36

In 1. Samuel 2,27 kommt ein Mann Gottes zu Eli, um ihm Gottes Gericht zu verkünden. Seine Rede (Verse 27-36) kann in fünf Teile aufgeteilt werden, die chiastisch angeordnet sind:

A Aktion: Gott erwählt Aaron und sein Haus als Priester (V. 27-28)

B Reaktion: Die Sünde des Hauses Eli (V. 29)

X Umkehrung des Versprechens – Hauptprinzip (V 30)

B’ Reaktion: Gottes Gericht über Elis Haus (V. 31-34)

A’ Aktion: Gott erweckt einen treuen Priester (V. 35-36)

Im Mittelpunkt der Rede steht Vers 30, wo Gott das Versprechen zurückzieht, das er dem Hause Elis gegeben hatte. Das ist der Wendepunkt des gesamten Abschnitts. Hier findet sich auch das Schlüsselprinzip, das zum einen verdeutlicht, was die eigentliche Sünde des Hauses Elis war (sie verachteten Gott) und zum anderen die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichts offenbart:

„…die mich ehren, werde [auch] ich ehren, und die mich verachten, sollen [wieder] verachtet werden.“

Dieser Mittelteil wird eingerahmt von zwei Aktionen/Handlungen vonseiten Gottes (A und A’) und zwei Reaktionen – eine von einem Menschen und eine von Gott (B und B’).

Teil A

Der erste Teil der Rede konzentriert sich auf das, was Gott für das Haus Eli getan hat. Es werden besonders drei Dinge genannt, von denen das erste als eine Frage formuliert ist:

  1. Habe ich mich nicht dem Hause deines Vaters deutlich geoffenbart in Ägypten? (V. 27)
  2. Ich habe deinen Vater zum Priester erwählt, um auf meinem Altar zu opfern und das Ephod vor mir zu tragen. (V. 28)
  3. Ich gab dem Haus deines Vaters alles Feueropfer der Söhne Israel. (V. 28)

Wir sehen, wie Gott die Initiative ergreift. Er entscheidet sich dafür, sich zu offenbaren und er entschließt, jemanden als Priester zu erwählen, der vor ihm für Israel dient. Warum tut er das? Weil er dafür brennt, Menschen zu retten!

Teil B

In Vers 29 wendet sich die Rede dem zu, was das Haus Eli im Gegenzug an Gott getan hat. Wieder werden drei Dinge erwähnt, wobei das erste wieder als Frage formuliert ist:

  1. Warum tretet ihr meine Opfer mit Füßen? (Vers 29)
  2. Du ehrst deine Söhne mehr als mich (Vers 29)
  3. Ihr mästet euch von den Erstlingen aller Opfergaben Israels (Vers 29)

Krass, oder? Da erwählt sich Gott Leute, die am Heiligtum dienen soll, doch diese Leute tun dies in einer Weise, die klar den mangelnden Respekt (und sogar Verachtung) für diesen Ort und die von Gott eingesetzten Zeremonien erkennen lässt. Dadurch wird der Dienst am Heiligtum bedeutungslos, Erlösung falsch dargestellt und das Heil aller in Gefahr gebracht. Kein Wunder, dass Gott so heftig reagiert!

Teil B’

Der vierte Teil der Rede verläuft parallel zum zweiten Teil und beschreibt die Reaktion Gottes auf das, was das Haus Eli getan hat: er wird Gericht über sie bringen, indem er den Arm Elis und den Arm des Hauses seines Vaters abhaut, so dass alle Nachkommen seines Hauses – inklusive seiner zwei Söhne – sterben werden (Verse 31-34). Trotzdem wird nicht jeder von Elis Haus ausgerottet werden (Vers 33).

Teil A’

Der letzte Teil der Rede verläuft parallel zum ersten Teil: Gott wird wieder die Initiative ergreifen und sich einen treuen Priester erwecken. Das ist eine gute Nachricht, denn es zeigt, dass Gott seine Pläne erfüllen wird – trotz des Versagens sündiger Menschen. Er wird sicherstellen, dass vor ihm ein beständiger Priester dient, so dass der Dienst im Heiligtum ordnungsgemäß vonstatten geht und jeder Sünder, der versagt hat, errettet werden kann!

Hausaufgabe

Lies Markus 1,40-45. Achte einmal darauf, was ganz am Ende der Geschichte über Jesus gesagt wird. Warum ist das interessant? Wen hat Jesus gerade geheilt? Was wird hier angedeutet?

 

1. Samuel 1 im Zusammenhang

In der hebräischen Bibel folgen die beiden Samuelbücher direkt auf das Buch Richter. In der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, kommt dazwischen noch das Buch Rut. Dies ist auch die Reihenfolge in unseren deutschen Bibeln. Dass beide Anordnungen Sinn machen, zeigen bereits die interessanten Verbindungen zwischen 1. Samuel 1 und verschiedenen Stellen in Richter und Rut. 1. Samuel 1 erscheint nicht aus dem Nichts, sondern führt die Geschichten von Richter und Rut weiter.

Verbindungen zu Richter 13

Achte zum Beispiel darauf, wie die Geschichte von Simson in Richter 13 beginnt:

Da war nun ein Mann aus Zora, von einer Sippe der Daniter, sein Name war Manoach. Seine Frau aber war unfruchtbar und gebar nicht. (Ri 13,2)

Im weiteren Verlauf der Geschichte wird berichtet wie der Engel des Herrn Manoachs Frau besucht und ihr sagt, dass ihr Sohn lebenslang ein Nasiräer sein wird.

Vergleichen wir das einmal mit dem Anfangsvers in 1. Samuel:

Es war ein Mann von Ramatajim-Zofim, vom Gebirge Ephraim, und sein Name war Elkana, ein Sohn des Jeroham, des Sohnes Elihus, des Sohnes Tohus, des Sohnes Zufs, ein Ephraimiter. (1. Sam 1,1)

Es ist sicherlich kein Zufall, dass dies die einzigen beiden Verse in der gesamten Bibel sind, die mit „Es war ein Mann…“ beginnen (im hebräischen Text ist die Formulierung in beiden Versen identisch). Interessanterweise ist Elkanas Frau auch unfruchtbar und ihr Sohn wird lebenslang ein Nasiräer sein, genau wie Simson.

Indem er ganz bewusst auf Richter 13 anspielt, lädt uns der Autor von 1. Samuel dazu ein, Samuel als Nachfolger für Simson zu sehen. Beide werden von ehemals unfruchtbaren Frauen empfangen, beide sind Nasiräer, beide sind Richter. Doch trotz dieser Gemeinsamkeiten sind ihre Geschichten sehr verschieden. Simson bricht sein Gelübde, Samuel nicht. Simson handelt hauptsächlich in Eigeninteresse, Samuel dient hingegen dem Herrn als auch dem Volk. In mancher Hinsicht wirkt Samuel wie eine Kontrastfigur für Simson: er zeigt den positiven Einfluss, den jemand auf Gottes Volk haben kann, wenn er dem Herrn nicht nur in Wort, sondern auch in Tat völlig hingegeben ist.

Verbindungen zu Richter 17-21

Beachte auch, dass Elkana vom Gebirge Ephraim ist. Obwohl es in 1. Samuel nicht explizit erwähnt wird, wissen wir doch aus 1. Chr 6, dass Elkana ein Levit ist. Das ist deswegen interessant, weil das Buch Richter mit zwei Geschichten über Leviten endet, die im Gebirge Ephraim leben (Ri 17,1.6; 19,1). Beide Männer werden nicht gerade in einem guten Licht dargestellt. Statt dass sie am wahren Heiligtum dienen, wie sie es eigentlich sollten, dient einer der Leviten als Priester im Hause Michas (17,10-13), während der andere seine Konkubine den Männern von Gibea übergibt, die diese die ganze Nacht hindurch vergewaltigen, so dass sie bis zum Morgen stirbt. Als Ergebnis dieser Greueltat beginnt ein Bürgerkrieg in Israel, im Zuge dessen fast der gesamte Stamm Benjamin ausradiert wird. Es überrascht nicht, dass das Richterbuch folgendermaßen endet:

In jenen Tagen war kein König in Israel. Jeder tat, was recht war in seinen Augen. (Ri 21, 25)

Im Gegensatz dazu tut der Levit Elkana vom Gebirge Ephraim was recht ist in den Augen des Herrn, indem er jedes Jahr zum wahren Heiligtum geht, um dem Herrn dort zu opfern. Das lässt hoffen, dass dies eine positivere Geschichte sein wird, als die Geschichten der zwei Leviten am Ende des Richterbuch, und dass es für Israel als Ganzes vielleicht noch Hoffnung gibt.

Verbindungen zu Rut

Obwohl das Buch Rut in der hebräischen Bibel nicht zwischen Richter und 1. Samuel steht, dient es ebenso als Kontext für 1. Samuel, weil sich die Geschichte von Rut während der Zeit der Richter abspielt (Rut 1,1). Und wieder gibt es interessante Verbindungen zu 1. Samuel 1. Zum Einen ist Elimelech (Mein Gott ist König) genauso ein Efratiter wie Elkana (1. Samuel 1,1). Zum anderen gibt es in beiden Geschichten Frauen, die keine Kinder bekommen können. Trotzdem wird in beiden Fällen schließlich ein Kind geboren, weil eine Frau die Initiative ergreift. In Rut wird das Kind gar als ein Erlöser dargestellt:

Da sagten die Frauen zu Noomi: Gepriesen sei der HERR, der es dir heute nicht an einem Löser hat fehlen lassen! Sein Name werde gerühmt in Israel! Und er wird dir ein Erquicker der Seele sein und ein Versorger deines Alters! Denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn geboren, sie, die dir mehr wert ist als sieben Söhne. (Rut 4,14-15)

Die Gemeinsamkeiten zu Rut bergen die Frage, ob das Kind in 1. Samuel 1 eine ähnliche Rolle haben wird. Im Laufe der Geschichte wird deutlich, dass das tatsächlich der Fall ist. Das Kind, welches geboren wurde, ist ein neuer Mose, der Israel auf einem neuen Exodus aus der Sünde herausführen wird. Daher überrascht es nicht, dass er auch mit Worten beschrieben wird, wie sie später für Israels ultimativen Erlöser verwendet werden:

Der Junge Samuel aber nahm immer mehr zu an Alter und Gunst bei dem HERRN und bei den Menschen. (1. Sam 2,26; vgl. Lk 2,52)

Hausaufgabe

Welche Ähnlichkeiten zwischen Mose und Samuel fallen dir ein? Welche anderen Verbindungen gibt es zwischen 1. Samuel 1 und den Büchern Richter und Rut?

 

„Im dritten Jahr der Regierung Jojakims…“

Das Buch Daniel beginnt folgendermaßen: „Im dritten Jahr der Regierung Jojakims, des Königs von Juda…“ (Dan 1,1)

Die meisten Leute überspringen diese Einleitung einfach oder sind nur in historischer Hinsicht an ihr interessiert (d.h.: Wann war das dritte Jahr der Regierung Jojakims?). Mit Sicherheit beginnt der Autor das Buch auch deswegen so, damit der Leser weiß, wann sich die Ereignisse in den Versen 1-2 zugetragen haben. Dennoch denke ich, dass das nicht sein einziger (und vielleicht nicht einmal sein Haupt-) Grund dafür war, dieses Buch so zu beginnen. Das wird dann deutlich, wenn wir diesen Teilsatz von einer literarischen Perspektive betrachten.

Der Schlüssel, um die literarische Funktion dieser Einleitung zu verstehen, ist das Prinzip der Wiederholung. Als aufmerksamer Leser bemerkt man, dass das dritte Jahr in Jojakims Regierung nicht das einzige dritte Jahr ist, das in Daniel 1 erwähnt wird.

Laut Vers 5 sollte die Ausbildung Daniels und seiner Freunde drei Jahre dauern. Das bedeutet, die Ereignisse am Kapitelende, eingeleitet mit den Worten „Und am Ende der Tage“ (Vers 18), fanden auch in einem dritten Jahr statt, nämlich im dritten Jahr ihrer Ausbildung. Demnach haben wir zwei dritte Jahre: das dritte Jahr von Jojakim und das dritte Jahr von Daniel und seinen Freunden. In beiden Fällen ist das dritte Jahr ein Jahr des Gerichts. Für Jojakim fällt es negativ aus: er wird in die Hand Nebukadnezars gegeben; Babylon triumphiert also über Juda. Für Daniel und seine Freunde ist es jedoch positiv: sie werden allen Weisen Babylons als zehnfach überlegen befunden; somit triumphiert Juda über Babylon (Achte darauf, wie Gott in den folgenden Kapiteln diesen Sieg nutzt, um Babylon zu erreichen!).

Wenn wir dann auch die Geschichte Jojakims (2. Könige 23,31-24,7 und 2. Chronik 36,1-8) in Betracht ziehen, stellen wir noch weitere Parallelen fest. Jojakim sowie Daniel und seinen Freunden haben folgendes gemeinsam (nicht in chronologischer Reihenfolge):

Jojakim

  • von der königlichen Familie
  • Name wurde geändert
  • nach Babylon geführt
  • Widerstand gegen Nebukadnezar
  • Ein Zeitraum von 3 Jahren – negatives Urteil im dritten Jahr

Daniel und seine Freunde

  • von der königlichen Familie
  • Namen wurden geändert
  • nach Babylon geführt
  • Widerstand gegen Nebukadnezar
  • Ein Zeitraum von 3 Jahren – positives Urteil im dritten Jahr

Diese vielen Parallelen deuten an, dass der Autor das Buch ganz bewusst auf diese Weise beginnt, um den Leser dazu einzuladen, Jojakim mit Daniel und seinen Freunden zu vergleichen und einander gegenüberzustellen. Zwar machen beide Gruppen eine sehr ähnliche Erfahrung, doch es gibt klare Unterschiede zwischen ihnen, besonders wenn es um die Art geht, wie sie sich Nebukadnezar widersetzen. Während sich Jojakim widersetzt, indem er auf menschliche Hilfe vertraut, widersetzen sich Daniel und seine Freunde, indem sie auf göttliche Hilfe bauen (Es ist interessant zu sehen, wie höflich Daniel Widerstand leistet und was für ein Kontrast zur Revolte Jojakims dadurch entsteht). In beiden Fällen führt dies zu einem Geben Gottes – doch das Geben fällt komplett unterschiedlich aus. Gott gab Jojakim in Nebukadnezars Hand (Vers 2). Daniel und seinen Freunden hingegen gab Gott „Kenntnis und Verständnis in jeder Schrift und Weisheit“ (V. 17).

Jojakim sowie Daniel und seine Freunde stehen für zwei Wege, wie man sich Babylon gegenüber verhalten kann. Der Weg Jojakims führt zu Zerstörung und Sklaverei. Der Weg Daniels und seiner Freunde jedoch führt zu Ehre und Erhöhung, was Gott dann in seinem Bemühen nutzt, Babylon zu retten. Das wirft natürlich die Frage auf: welchen Weg wirst du, welchen Weg werde ich wählen im Umgang mit dem endzeitlichen Babylon?

Tu uns den Gefallen und geh mit deinen Knechten! (2. Teil)

(Fortsetzung des vorherigen Posts)

Wie bereits festgestellt, besteht das Problem im ersten Teil der Geschichte darin, dass der Ort, wo die Söhne der Propheten vor Elisa wohnen, zu klein geworden ist. Und die Männer scheinen eine durchaus vernünftige Lösung vorzuschlagen. Sie werden zum Jordan gehen, jeder wird einen Holzbalken von dort holen und sie werden einen Ort zum Wohnen herrichten. Was sie eigentlich vorschlagen, ist, dass sie von einem Ort (vor Elisa wohnen) zu einem anderen Ort (am Jordan wohnen) ziehen. Und Elisa scheint damit kein Problem zu haben (V. 2). An dieser Stelle könnte die Geschichte ganz schnell vorbei sein, indem gesagt wird, dass sie es genauso taten, wie geplant. Doch so geht die Begebenheit nicht weiter. Einer der Männer äußert nämlich eine entscheidende Bitte: er bittet Elisa, mit ihnen zu gehen (V. 3). Das ist interessant, wenn man bedenkt, dass der Text den ersten Wohnort nur als „wo wir vor dir wohnen“ (V. 1) beschreibt. In der Beschreibung des zweiten Wohnorts wird diese Wendung „vor dir“ nicht erwähnt (V. 2). Die Gegenwart Elisas bei den Söhnen der Propheten scheint daher ein Schlüsselaspekt in dieser Geschichte zu sein. Am ersten Wohnort sind sie in seiner Gegenwart; vom zweiten Wohnort wird das so deutlich nicht gesagt. Das macht die Bitte des Mannes in V. 3 umso bedeutsamer.

Wenn wir zum zweiten Teil der Geschichte gehen, stellen wir fest, dass die Lösung für das erste Problem (also das Bäumefällen) ironischerweise zum zweiten Problem (dem Verlust des Axtkopfes) führt. In dieser Situation wird nun die Gegenwart Elisas enorm wichtig. Weil er bei ihnen ist, wird das zweite Problem gelöst und der Axtkopf taucht wieder auf. Wenn sie allein gegangen wären – wie sie es anfangs augenscheinlich vorhatten – dann wäre das zweite Problem sehr wahrscheinlich nicht gelöst worden. Interessanterweise hilft Elisa jedoch nicht sofort, sondern erst nachdem er von dem Mann angesprochen wird (V. 5). Das erinnert uns an den ersten Teil der Geschichte, wo Elisa auch von einem der Männer angesprochen wird. (V. 3) (Im Hebräischen werden interessanterweise beide Männer mit „einer“ bezeichnet, wodurch die Verbindung zwischen ihnen deutlich gemacht wird.) Weil der erste Mann Elisa bat, mit ihnen zu gehen, kann der zweite Mann Elisa um Hilfe bitten und das zweite Problem wird gelöst. Die Gegenwart Elisas am zweiten Ort löst also das zweite Problem. In Bezug auf das erste Problem wird dadurch klar, dass das Wichtigste nicht ist, dass die Prophetensöhne ein neues Gebäude haben, sondern dass sie sich, wo immer sie auch sind, in Elisas Gegenwart befinden, denn überall wird Elisa („mein Gott rettet“) sie aus ihren Nöten retten. (Beachte, wie dieses Thema in der nächsten Geschichte weitergeführt wird: die Anwesenheit Elisas beim König Israels trägt zur Rettung Israels bei, weil sie wissen, an welchen Orten (!) sie vorsichtig sein müssen.) Der zweite Teil der Geschichte zeigt also den Männern im ersten Teil der Geschichte, wie wichtig Elisas Anwesenheit bei ihnen ist.

Was bedeutet das für uns? Elisa lebt heute nicht mehr – aber der Eine, den er vorausschattete, ist lebendig. Wie das Neue Testament und Jesus selbst deutlich machen, war Johannes der Täufer der neue Elia (Mt 11,14). Das lässt vermuten, dass Jesus (der Nachfolger von Johannes dem Täufer) der neue Elisa war. Interessanterweise gibt es in der Tat eine ganze Reihe Ähnlichkeiten zwischen dem Wirken von Elisa und Jesus. (Vergleiche z.B. nur einmal die Speisung der einhundert in 2. Kön 4,42-44 mit der Speisung der viertausend und fünftausend in den Evangelien.) Wenn das stimmt und Jesus tatsächlich der neue und wahre Elisa („mein Gott rettet“) ist, dann ist die Anwendung von 2. Kön 6,1-7 für unser Leben klar: genauso wie die Prophetensöhne müssen wir erkennen, dass die Gegenwart Elisas in unserem Leben das Wichtigste überhaupt ist, denn durch seine Anwesenheit können wir die Hilfe und Erlösung erfahren, die wir so dringend brauchen. Wie in der Geschichte wird unser Problem für uns gelöst. Alles, was wir tun müssen, ist die Hand auszustrecken und zuzugreifen (V. 7). Sollte angesichts dessen nicht die Bitte des Mannes in V. 3 auch unsere (tägliche) Bitte sein: “Tu uns den Gefallen und geh mit deinen Knechten”?