Die zweite Struktur von Daniel 2

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich an dieser Stelle einen Post über die chiastische Struktur von Daniel 2 veröffentlicht. Was ich damals noch nicht wusste: es gibt noch eine zweite Struktur dieses Kapitels.  Angeregt durch eine Teilnehmerin des neuen Bibelkurses „Das Wort,“ habe ich mir die Geschichte vor kurzem noch einmal angeschaut und dabei diese zweite Struktur – eine sogenannte Parallelstruktur – entdeckt. Dass ein biblischer Text sowohl eine chiastische als auch eine Parallelstruktur aufweist, ist nicht ungewöhnlich. Es zeigt einmal mehr, welch geniale literarische Kunstwerke die biblischen Texte sind.

Hier also die Parallelstruktur:

A Nebukadnezar träumt (1a)

B Nebukadnezar schlaflos (Unruhe) (1b)

C Die Weisen treten vor Nebukadnezar (2)

D Dialog: Nebukadnezar – die Weisen (3-11)

E (Fehlt!)

F Nebukadnezar wird zornig (12a)

G Befehl alle Weisen zu töten (12b-13)

H Daniel spricht mit Rat und Einsicht (14-15)

I Bitte Daniels (16)

J Drei Freunde namentlich erwähnt (17)

A‘ Daniel träumt (19)

B‘ Daniel schlaflos (Dankbarkeit) (20-23)

C‘ Daniel tritt vor Nebukadnezar (24-25)

D Dialog: Nebukadnezar- Daniel (26-28)

E‘ Traum und Deutung (29-45)

F‘ Nebukadnezar wirft sich nieder (46a)

G‘ Befehl Daniel zu huldigen (46b)

H‘ Nebukadnezar spricht mit Rat und Einsicht (47)

I‘ Bitte Daniels (49a)

J‘ Drei Freunde namentlich erwähnt (49b)

Wie die chiastische Struktur, betont auch die Parallelstruktur den Kontrast zwischen den Weisen und Daniel. Dieser wird vor allem durch das fehlende Element E im ersten Teil sichtbar. Gleichzeitig zeigt die Parallelstruktur aber auch den Kontrast zwischen Nebukadnezar und Daniel auf. Beide träumen, doch ihre Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Im ganzen ersten Teil wirkt Nebukadnezar sehr unruhig und gereizt, was letztlich auf eine große innere Unsicherheit schließen lässt. Daniel dagegen strahlt große Ruhe und Sicherheit aus. Interessant ist aber auch, wie sich Nebukadnezar durch die Begegnung mit Daniel verändert. Im ersten Teil ist er zornig und sieht er sich selbst als das Maß aller Dinge, im zweiten Teil erkennt er demütig die Herrschaft Gottes an. Sein Bekenntnis hört sich ganz ähnlich an, wie das Bekenntnis Daniels in den Versen 20-23. Nebukadnezar wird also durch die Begegnung mit Daniel wie Daniel. Dies ist durchaus interessant, vor allem wenn wir erkennen, dass Daniel auf Jesus hinweist. So wie Daniel hat Jesus Menschen vom Tod errettet, indem er das Geheimnis Gottes (den Erlösungsplan – die Reiche dieser Welt werden vergehen und Gott wird sein Reich aufrichten) verkündigt hat. So wie Nebukadnezar sind wir als Könige geschaffen worden (siehe 1. Mose 1:26-28). Auch wir stehen in der Gefahr diese Macht zu missbrauchen und uns selbst zu erhöhen (was wie bei Nebukadnezar häufig mit Unsicherheit zu tun hat). Die gute Nachricht lautet jedoch: Gott hat sich uns offenbart! Durch die Begegnung mit Jesus und dem Evangelium haben wir die Möglichkeit verändert zu werden und Gott als unseren Herrn anzuerkennen.

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Die Struktur von 1. Samuel 2:27-36

In 1. Samuel 2,27 kommt ein Mann Gottes zu Eli, um ihm Gottes Gericht zu verkünden. Seine Rede (Verse 27-36) kann in fünf Teile aufgeteilt werden, die chiastisch angeordnet sind:

A Aktion: Gott erwählt Aaron und sein Haus als Priester (V. 27-28)

B Reaktion: Die Sünde des Hauses Eli (V. 29)

X Umkehrung des Versprechens – Hauptprinzip (V 30)

B’ Reaktion: Gottes Gericht über Elis Haus (V. 31-34)

A’ Aktion: Gott erweckt einen treuen Priester (V. 35-36)

Im Mittelpunkt der Rede steht Vers 30, wo Gott das Versprechen zurückzieht, das er dem Hause Elis gegeben hatte. Das ist der Wendepunkt des gesamten Abschnitts. Hier findet sich auch das Schlüsselprinzip, das zum einen verdeutlicht, was die eigentliche Sünde des Hauses Elis war (sie verachteten Gott) und zum anderen die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichts offenbart:

„…die mich ehren, werde [auch] ich ehren, und die mich verachten, sollen [wieder] verachtet werden.“

Dieser Mittelteil wird eingerahmt von zwei Aktionen/Handlungen vonseiten Gottes (A und A’) und zwei Reaktionen – eine von einem Menschen und eine von Gott (B und B’).

Teil A

Der erste Teil der Rede konzentriert sich auf das, was Gott für das Haus Eli getan hat. Es werden besonders drei Dinge genannt, von denen das erste als eine Frage formuliert ist:

  1. Habe ich mich nicht dem Hause deines Vaters deutlich geoffenbart in Ägypten? (V. 27)
  2. Ich habe deinen Vater zum Priester erwählt, um auf meinem Altar zu opfern und das Ephod vor mir zu tragen. (V. 28)
  3. Ich gab dem Haus deines Vaters alles Feueropfer der Söhne Israel. (V. 28)

Wir sehen, wie Gott die Initiative ergreift. Er entscheidet sich dafür, sich zu offenbaren und er entschließt, jemanden als Priester zu erwählen, der vor ihm für Israel dient. Warum tut er das? Weil er dafür brennt, Menschen zu retten!

Teil B

In Vers 29 wendet sich die Rede dem zu, was das Haus Eli im Gegenzug an Gott getan hat. Wieder werden drei Dinge erwähnt, wobei das erste wieder als Frage formuliert ist:

  1. Warum tretet ihr meine Opfer mit Füßen? (Vers 29)
  2. Du ehrst deine Söhne mehr als mich (Vers 29)
  3. Ihr mästet euch von den Erstlingen aller Opfergaben Israels (Vers 29)

Krass, oder? Da erwählt sich Gott Leute, die am Heiligtum dienen soll, doch diese Leute tun dies in einer Weise, die klar den mangelnden Respekt (und sogar Verachtung) für diesen Ort und die von Gott eingesetzten Zeremonien erkennen lässt. Dadurch wird der Dienst am Heiligtum bedeutungslos, Erlösung falsch dargestellt und das Heil aller in Gefahr gebracht. Kein Wunder, dass Gott so heftig reagiert!

Teil B’

Der vierte Teil der Rede verläuft parallel zum zweiten Teil und beschreibt die Reaktion Gottes auf das, was das Haus Eli getan hat: er wird Gericht über sie bringen, indem er den Arm Elis und den Arm des Hauses seines Vaters abhaut, so dass alle Nachkommen seines Hauses – inklusive seiner zwei Söhne – sterben werden (Verse 31-34). Trotzdem wird nicht jeder von Elis Haus ausgerottet werden (Vers 33).

Teil A’

Der letzte Teil der Rede verläuft parallel zum ersten Teil: Gott wird wieder die Initiative ergreifen und sich einen treuen Priester erwecken. Das ist eine gute Nachricht, denn es zeigt, dass Gott seine Pläne erfüllen wird – trotz des Versagens sündiger Menschen. Er wird sicherstellen, dass vor ihm ein beständiger Priester dient, so dass der Dienst im Heiligtum ordnungsgemäß vonstatten geht und jeder Sünder, der versagt hat, errettet werden kann!

Hausaufgabe

Lies Markus 1,40-45. Achte einmal darauf, was ganz am Ende der Geschichte über Jesus gesagt wird. Warum ist das interessant? Wen hat Jesus gerade geheilt? Was wird hier angedeutet?

 

4. Hinweis: Der Text hat eine Struktur (2. Teil)

Die andere Hauptstruktur, die von den biblischen Autoren verwendet wird, ist die sogenannte chiastische Struktur. Im Gegensatz zur Parallelstruktur wiederholt der Autor hierbei keine bestimmte Sequenz in der gleichen, sondern in der umgekehrten Reihenfolge. Eine chiastische Struktur kann also entweder so aussehen:

A – B – C – B’ – A’ (ein zentrales Element)

oder so:

A – B – C – C’ – B’ – A’ (zwei zentrale Elemente)

Während die Parallelstruktur eher die Sequenz der Elemente betont und die Beziehung zwischen den parallelen Komponenten hervorhebt, liegt das Hauptaugenmerk beim Chiasmus auf dem zentralen Element (bzw. den beiden zentralen Elementen). Was der Autor im Zentrum der Struktur platziert, hat sehr wahrscheinlich eine wichtige Bedeutung für den gesamten Textabschnitt. Bei biblischen Geschichten stellt das Zentrum der chiastischen Struktur oft auch einen Wendepunkt in der Erzählung dar.

Hier ein paar Beispiele:

1. Beispiel: 1. Mose 11,1-9

Schauen wir uns die bekannte Geschichte vom Turmbau zu Babel an. Beachte die Wiederholungen im Text:

Und die ganze Erde hatte ein und dieselbe Sprache und ein und dieselben Wörter. Und es geschah, als sie von Osten aufbrachen, da fanden sie eine Ebene im Land Schinar und ließen sich dort nieder. Und sie sagten einer zum anderen: Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und hart brennen! Und der Ziegel diente ihnen als Stein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel. Und sie sprachen: Wohlan, wir wollen uns eine Stadt und einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Fläche der Erde zerstreuen! Und der HERR fuhr herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen. Wohlan, lasst uns herabfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass sie einer des anderen Sprache nicht mehr verstehen! Und der HERR zerstreute sie von dort über die ganze Erde; und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. Darum gab man ihr den Namen Babel; denn dort verwirrte der HERR die Sprache der ganzen Erde, und von dort zerstreute sie der HERR über die ganze Erde.

Beim Analysieren der Handlung entdecken wir folgende Elemente:

1)   Einleitende Aussage

2)   Reise zu einem Ort und Besiedelung

3)   Rede über den Bau der Stadt

4)   Gott kommt herab und sieht

5)   Rede über die Verwirrung der Sprache

6)   Örtliche Zerstreuung und Beendung der Bauaktivität

7)   Abschließende Aussage

Wie man sieht, besteht die Geschichte im Wesentlichen aus sieben Teilen, die in chiastischer Form angeordnet werden können. Die Wiederholungen in der Geschichte unterstützen diese Einteilung zusätzlich:

A Einleitende Aussage: Die ganze Erde hatte dieselbe Sprache (v 1)

       B Reise und Besiedlung – Ortsname: Schinar (v 2)

            C Rede der Menschen: Wohlan, lasst uns (vv 3-4)

                 D Gott kommt herab, um zu sehen (v 5)

            C’ Göttliche Rede: Wohlan, lasst uns (vv 6-7)

       B’ Zerstreuung – Ortsname: Babel (vv 8-9a)

A’ Abschließende Aussage: Gott verwirrte die Sprache der ganzen Erde (v 9b)

Es ist wichtig zu beachten, dass die Geschichte nicht nur aus ästhetischen Gründen so angeordnet ist, sondern auch weil diese Gliederung die vielen Umkehrungen hervorhebt, die diese Geschichte kennzeichnen:

  • Am Anfang sprechen alle die gleiche Sprache, am Ende ist die Sprache verwirrt.
  • Am Anfang ziehen die Menschen zu einem Ort und siedeln sich dort an, am Ende werden sie von genau diesem Ort zerstreut.
  • Am Anfang wollen sie eine Stadt bauen, am Ende hören sie auf, die Stadt zu bauen.
  • Am Anfang sprechen die Menschen und Gott schweigt, am Ende schweigen die Menschen und nur Gott spricht.

All diese Umkehrungen beginnen mit dem Eingreifen Gottes, das im Mittelpunkt der Geschichte steht: Gott kommt herab und sieht. Das ist der Wendepunkt der gesamten Geschichte. Davor ergriffen Menschen die Initiative – sie sind es, die reden und alles planen. Nach dem Wendepunkt ergreift Gott die Initiative und deswegen kommt das Handeln der Menschen zum Stillstand.

Die Struktur betont auch den Gegensatz zwischen den Menschen, die Gott sein wollen, und dem wahren Gott, indem die Aussagen der beiden Hauptdarsteller (Menschen – Gott) einander parallel gegenübergestellt werden (C und C’). Dieser Kontrast wird durch die zentrale Aussage noch zusätzlich hervorgehoben: Während die Menschen einen Turm bauen wollen, der bis an den Himmel reicht, muss Gott herunterkommen, um überhaupt sehen zu können, was sie da machen! Was für eine Ironie!

2. Beispiel: Der Abrahamzyklus

Es gibt auch längere Texte und sogar einige biblische Bücher, die chiastisch angeordnet sind. Wenn wir die Wiederholungen im sogenannten Abrahamzyklus beachten (1. Mo 11,27-22:24), wird z. B. deutlich, dass viele Elemente zweimal auftreten: Abraham lügt zweimal bzgl. Sarah (1. Mo 12,10-20 und 20,1-18), Sodom wird zweimal im Zyklus erwähnt (1. Mo 13-14 und 18-19) und Gott schließt zwei Bünde mit Abraham (1. Mo 15 und 17). Diese Elemente ergeben eine sehr schöne chiastische Struktur:

A Genealogie Terachs (11,27-32)

      B Anfängliche Verheißung, Abrams Reise in das Land – Glaubensprüfung (12,1-9)

C Abram lügt bzgl. Sarah; Gott schützt sie im Palast eines fremden Königs (12,10-20)

                D Lot zieht nach Sodom (13,1-18)

                     E Abram rettet Sodom und Lot (14,1-24)

                        F Bund mit Abram; Geburt Ismaels angekündigt (15,1-16,16)

                        F’ Bund mit Abraham; Geburt Isaaks angekündigt (17,1-18,15)

                    E’ Abraham tritt für Sodom und Lot ein (18,16-33)

               D’ Lot flieht aus Sodom (19,1-38)

C’Abraham lügt bzgl. Sarah; Gott schützt sie im Palast eines fremden Königs  (20,1-18)

     B’ Verheißung erfüllt, Abrahams Reise nach Morija – Glaubensprüfung (21,1-22,19)

A’ Genealogie Nahors (22,20-24)

Diese Struktur hebt mehrere Dinge hervor. Zum einen wird die Bedeutung des Bundes zwischen Gott und Abraham unterstrichen. Wegen dieses Bundes und aufgrund der Treue Gottes wird die am Zyklusbeginn gegebene Verheißung am Ende tatsächlich auch erfüllt. Gleichzeitig verdeutlicht der zentrale Teil der Struktur, wie schwer es Abraham fiel, Gott völlig zu vertrauen. Trotz Gottes Verheißung versuchte Abraham, die Sache in die eigenen Hände zu nehmen. Es ist jedoch erstaunlich, wie Gott mit diesem Scheitern umgeht. Nicht nur, dass er Hagar ein verblüffendes Versprechen macht; nein, er ist auch bereit, den Bund mit Abraham wiederherzustellen. So werden durch die Struktur des Zyklus die Einstellungen der beiden Bundespartner gegenübergestellt: Während die Menschen untreu sind und den Bund brechen, bleibt Gott treu und ist bereit, den Bund zu erneuern.

Trotz allem stellt Gott klar, dass seine Pläne Wirklichkeit werden: nicht der Sohn der menschlichen Anstrengung (Ismael) wird der Erbe sein, sondern der Sohn der göttlichen Verheißung (Isaak). Warum liegt Gott so viel daran? Weil das ganze Thema der Nachkommenschaft (und des Bundes!) mit Erlösung zusammenhängt! Es ist schließlich der Same der Frau, der der Schlange den Kopf zertreten wird (1. Mo 3,15). In 1. Mo 16 versucht Abraham, den Samen/Nachkommen selbst hervorzubringen (Erlösung durch Werke), doch Gott stellt klar, dass der Same/Nachkomme auf übernatürliche Weise hervorgebracht werden wird (Erlösung durch Gnade). Das Zentrum der Struktur weist also letztendlich auf zwei verschiedene Erlösungswege hin: menschengemachte Erlösung oder Erlösung, die von Gott gegeben wird. Und obwohl der Mensch versucht, sich selbst zu retten, hat doch Gott das letzte Wort: Er wird die Menschen durch den Samen/Nachkommen erlösen, den er selbst bereitstellt. Weil er weiß, dass nur dieser Erlösungsweg den Menschen wirklich frei macht. Was für ein Gott!