Daniel 5 im Zusammenhang

In Daniel 5 wird die bekannte Geschichte von Belsazar und der Schrift an der Wand erzählt. Die Geschichte beginnt folgendermaßen:

Der König Belsazar machte seinen tausend Gewaltigen ein großes Mahl, und vor den Tausend trank er Wein. Belsazar befahl unter dem Einfluss des Weins, die goldenen und die silbernen Gefäße herbeizubringen, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel in Jerusalem weggenommen hatte, damit der König und seine Gewaltigen, seine Frauen und seine Nebenfrauen daraus tränken. Da brachte man die goldenen Gefäße, die man aus dem Tempel des Hauses Gottes in Jerusalem weggenommen hatte; und der König und seine Gewaltigen, seine Frauen und seine Nebenfrauen tranken daraus. Sie tranken Wein und rühmten die Götter aus Gold und Silber, aus Bronze, Eisen, Holz und Stein.

Wie immer könnte man in diesen Versen auf viele interessante Dinge verweisen, aber ich möchte mich an dieser Stelle erst einmal nur auf den sehr interessanten Kontrast konzentrieren, den diese Verse mit ihrem unmittelbaren Kontext bilden, nämlich mit der letzten Szene in Kapitel 4, also den Versen 31-34.

Und am Ende der Tage erhob ich, Nebukadnezar, meine Augen zum Himmel, und mein Verstand kehrte zu mir zurück. Und ich pries den Höchsten, und ich rühmte und verherrlichte den ewig Lebenden, dessen Herrschaft eine ewige Herrschaft ist und dessen Reich von Geschlecht zu Geschlecht [währt]. Und alle Bewohner der Erde sind wie nichts gerechnet, und nach seinem Willen verfährt er mit dem Heer des Himmels und den Bewohnern der Erde. Und da ist niemand, der seiner Hand wehren und zu ihm sagen könnte: Was tust du? Zu derselben Zeit kehrte mein Verstand zu mir zurück, und zur Ehre meines Königtums kehrten meine Herrlichkeit und mein Glanz zu mir zurück. Und meine Staatsräte und meine Gewaltigen suchten mich auf, und ich wurde wieder in mein Königtum eingesetzt, und außergewöhnliche Größe wurde mir hinzugefügt. Nun rühme ich, Nebukadnezar, und erhebe und verherrliche den König des Himmels, dessen Werke allesamt Wahrheit und dessen Wege Recht sind und der die erniedrigen kann, die in Stolz einhergehen.

Die Verbindung zwischen diesen beiden Szenen wird nicht nur durch die Erwähnung von Nebukadnezar in beiden Passagen hergestellt, sondern auch durch die Wiederholung von mindestens zwei weiteren Schlüsselbegriffen. Achte z.B. einmal darauf, wie in Vers 33 auf die „Gewaltigen“ von Nebukadnezar verwiesen wird, die zu ihm zurückkehrten, als sein Verstand wiederhergestellt war. Interessanterweise kommt derselbe Begriff auch in 5,1 und 5,3 vor, wo Belsazar zusammen mit seinen „Gewaltigen“ von den heiligen Tempelgefäßen trinkt. Laut Dan 5,4 tranken sie Wein und “rühmten” die Götter aus Gold, Silber, Bronze, Eisen, Holz und Stein. Das erinnert uns an 4,31 und 4,34, wo Nebukadnezar den Höchsten „rühmt“. Wir haben hier also zwei sehr ähnliche und doch völlig verschiedene Szenen. In beiden Geschichten sehen wir einen König, der von seinen Gewaltigen umgeben ist und jemanden rühmt. Und doch ist das Objekt ihres Rühmens ganz unterschiedlich. Belsazar rühmt leblose Götzen aus Gold, Silber, Bronze, Eisen, Holz und Stein, während er gleichzeitig den lebendigen Gott verspottet, den sein „Vater“ Nebukadnezar am Ende von Kapitel 4 gepriesen hatte. Das Schicksal der beiden Könige zeigt klar und deutlich, welcher Gott den Lobpreis verdient: während Nebukadnezar als König wiederhergestellt wird, verliert Belsazar sein Königreich und auch sein Leben. Seine Götter konnten ihm nicht helfen gegen denjenigen, „der die erniedrigen kann, die in Stolz einhergehen.“ (4,37). Nebukadnezar hat diese Lektion gelernt; sein „Sohn“ Belsazar nicht. Was uns zu der Frage führt: Werden wir sie lernen?

Hausaufgabe

In Daniel 5,1 heißt es wörtlich: „Der König Belsazar machte seinen tausend Gewaltigen ein großes Brot… .“ Warum ist das von Bedeutung?

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Die Struktur von Daniel 2

In meinem letzten Post habe ich versucht aufzuzeigen, dass Gott in Daniel 2 als einzig wahrer Herr über die Zeit dargestellt wird. Es ist interessant, dass selbst die Struktur des Kapitels genau diesen Punkt hervorhebt.

Das Kapitel enthält fünf Szenen:

  1. Nebukadnezar und die Weisen (vv 2-11)
  2. Daniel und Arjoch (vv 14-15)
  3. Daniel und seine Freunde (vv 17-23)
  4. Daniel und Arjoch (vv 24-25)
  5. Nebukadnezar und Daniel (vv 26-47)

Bereits die Tatsache, dass Daniel und Arjoch zweimal (in Szenen 2 und 4) auftreten und dass Nebukadnezar in jeweils anderer Begleitung in Szenen 1 und 5 erscheint, deutet einen chiastischen Aufbau der Geschichte an. Mehrere andere Parallelen in dem Kapitel bestätigen das:

A Die Weisen von Babylon können den Traum weder nacherzählen   noch auslegen, sie sollen getötet werden (vv 1-9)

B „Die Sterndeuter antworteten vor dem König und sagten“ – kein Mensch auf Erden kann das Geheimnis sagen, nur die Götter (vv 10-11)

C Daniel und Arjoch – Daniel geht zum König (vv 14-16)

X Daniel und seine Freunde beten – das Geheimnis wird offenbart – Gott wird gepriesen (vv 17-23)

C‘ Daniel und Arjoch – Daniel geht zum König (vv 24-25)

B‘ „Daniel antwortete vor dem König und sprach“ – kein Mensch kann das Geheimnis sagen, nur Gott (vv 27-28a)

A‘ Daniel kann den Traum nacherzählen und auslegen, er wird belohnt  (vv 28b-49)

Die äußeren Teile des Kapitels (A und A‘) sind parallel, weil beide Nebukadnezar im Gespräch mit Personen zeigen, von denen er hofft, dass sie seinen Traum nacherzählen und auslegen können. Die Weisen versagen und sollen deswegen hingerichtet werden. Daniel jedoch ist in der Lage, den Traum nachzuerzählen und auszulegen und wird daraufhin reich belohnt.

Interessanterweise sind sich Daniel und die Weisen darin einig, dass es für Menschen unmöglich ist, das Geheimnis zu offenbaren. In beiden Fällen werden ihre Aussagen mit der Phrase „X antwortete vor dem König und sprach“ eingeleitet. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass die Weisen die Götter als fähig ansehen, das Geheimnis zu offenbaren. Daniel hingegen ist überzeugt davon, dass nur Gott dazu in der Lage ist. Die Struktur stellt nicht nur die Weisen und Daniel einander gegenüber, sondern auch die Götter und Gott. Und wie das Kapitel zeigt, ist nur Gott fähig, das Geheimnis zu offenbaren. Und weil Daniel eine Beziehung zu diesem Gott hat, ist er wiederum in der Lage, den Traum nachzuerzählen und seine Deutung dem König kundzutun.

In den Teilen C und C‘ sehen wir Daniel und Arjoch. In beiden Fällen führt die Begegnung zwischen diesen beiden dazu, dass Daniel zum König geht: beim ersten Mal bittet er um einen Zeitaufschub (erinnerst du dich an den vorherigen Post?) und beim zweiten Mal, um den Traum auszulegen.

Das bedeutet also, dass die Verse 17-23 die Mitte des Kapitels bilden. Das ist auch nicht überraschend, weil diese Szene den Wendepunkt der Geschichte darstellt. Hier wird Daniel und seinen Freunden das Geheimnis aufgrund ihres Betens offenbart. Daniel beginnt Gott zu preisen (vv 20-23). Diese Verse sind in lyrischer Form geschrieben und bilden sowohl in ihrer Form als auch in ihrem Inhalt den Höhepunkt des Kapitels. Hier nämlich wird Gott unter anderem als der wahre Herr über die Zeit gelobt: „Er ändert Zeiten und Fristen“ (Vers 21).