Bist du’s oder bist du’s nicht?

Du erinnerst dich vielleicht daran, dass ich vor einiger Zeit etwas zu Jesus, Petrus und dem Kohlenfeuer in Johannes 18 und 21 gepostet habe. In jenem Post habe ich darauf hingewiesen, dass Jesus Petrus in Joh 21 zurücknimmt an den Ort, wo Petrus in Joh 18 versagt hatte – und ihm die Chance gibt, eine bessere Entscheidung zu treffen. Ich habe auch gesagt, dass Jesus sogar etwas noch Besseres macht: er geht dorthin, wo wir versagt haben, erlebt dieselbe Versuchung wie wir, bleibt aber siegreich. Deswegen kann er unser Erlöser sein. Es ist interessant, dass dies bereits in Joh 18 angedeutet wird.

Achte mal darauf, wie Joh 18 ständig zwischen Jesus und Petrus hin- und herspringt. Diese beiden sind ganz klar die Hauptpersonen in diesem Kapitel. Interessanterweise werden beide in diesem Kapitel mir der gleichen Versuchung konfrontiert, einer Versuchung, bei der es um die Frage nach ihrer Identität geht. Dies ist relativ einfach zu erkennen, wenn man auf die Wiederholungen und Wiederholungen mit Variation in Joh 18 achtet.

Am Beginn von Kapitel 18 wird Jesus von Judas und der Gruppe der Hohenpriesters und der Pharisäer konfrontiert. Die Verse 4-8 beschreiben, was danach passiert:

Jesus nun, der alles wusste, was über ihn kommen würde, ging hinaus und sprach zu ihnen: „Wen sucht ihr?“ Sie antworteten ihm: „Jesus, den Nazoräer.“ Er spricht zu ihnen: „Ich bin es.“ Aber auch Judas, der ihn überlieferte, stand bei ihnen. Als er nun zu ihnen sagte: „Ich bin es“, wichen sie zurück und fielen zu Boden.

Da fragte er sie wieder: „Wen sucht ihr?“ Sie aber sprachen: „Jesus, den Nazoräer.“ Jesus antwortete: „Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr nun mich sucht, so lasst diese gehen!“ (Joh 18,4-8)

Als Jesus mit der Frage nach seiner Identität konfrontiert wird, leugnet er sie nicht, sondern antwortet wahrheitsgemäß: „Ich bin [es].“ Durch diese eigenartige Antwort bezieht er sich ganz offensichtlich auf andere „Ich bin [es]“-Aussagen, die wir im gesamten Johannesevangelium finden und die zeigen, dass Jesus Gott ist (beachte die Anspielung auf 2. Mo 3,14, was von den Juden in Joh 8 erkannt wird und die ihn dafür steinigen wollen). Gleichzeitig haben alle diese Aussagen etwas mit seiner Rolle als Erlöser zu tun.

Vergleichen wir das einmal mit Petrus. Als Jesus in den Hof des Hohenpriesters geführt wird, folgen ihm Petrus und ein anderer Jünger. Beide betreten den Hof, aber der Text konzentriert sich hauptsächlich auf Petrus:

Simon Petrus aber folgte Jesus und ein anderer Jünger. Dieser Jünger aber war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus hinein in den Hof des Hohenpriesters. Petrus aber stand an der Tür draußen. Da ging der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus und sprach mit der Türhüterin und führte Petrus hinein. Da spricht die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist nicht auch du einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sagt: Ich bin’s nicht. Es standen aber die Knechte und die Diener da, die ein Kohlenfeuer gemacht hatten, weil es kalt war, und wärmten sich; Petrus aber stand auch bei ihnen und wärmte sich. (Verse 15-18)

Nachdem er vom Gespräch Jesu mit dem Hohenpriester berichtet hat, kehrt der Autor von Joh 18 zu Petrus zurück:

Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Da sprachen sie zu ihm: „Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern?“ Er leugnete und sprach: „Ich bin’s nicht.“ Es spricht einer von den Knechten des Hohenpriesters, der ein Verwandter dessen war, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: „Sah ich dich nicht in dem Garten bei ihm?“ Da leugnete Petrus wieder; und gleich darauf krähte der Hahn. (Verse 25-27)

So wie Jesus wird auch Petrus mit der Frage nach seiner Identität konfrontiert. Doch anders als Jesus leugnet Petrus seine Identität, indem er lügt: „Ich bin es nicht.“

Das ist ein klassisches Beispiel für Wiederholung mit Variation. Während Jesus mit „Ich bin [es]“ antwortet, sagt Petrus „Ich bin es nicht“. Interessanterweise wird im Text nur zweimal erwähnt, dass Petrus sagt „Ich bin es nicht“, obwohl er Jesus dreimal verleugnet. Das ist ganz bewusst so gemacht, um die Antworten von Jesus und Petrus miteinander zu verbinden, denn Jesus sagt ebenfalls zweimal „Ich bin [es]“.

Worum geht’s hier also? Es geht darum, dass Jesus und Petrus dieselbe Versuchung bezüglich ihrer Identität erleben und dass Jesus dort siegreich bleibt wo Petrus versagt. Während Petrus seine Identität als Jünger Jesu verneint, bekennt Jesus seine wahre Identität als Gott und Erlöser der Welt. Dieses Bekenntnis führte dazu, dass Jesus sein Leben verliert, während Petrus in der Lage ist, sein Leben durch sein Leugnen zu retten. Doch am Ende ist es gerade durch seine Treue zu sich selbst und seiner eigenen Identität bis zum Tod, dass Jesus in der Lage ist, echtes Leben sowohl für Petrus als auch für alle anderen zu erwirken, die ihre eigene Identität verleugnet haben!

Hausaufgabe

Lies 1. Samuel 1,1-3. Warum werden die Söhne Elis in Vers 3 vorgestellt? Was erreicht der Autor damit, dass er sie an diesem Punkt vorstellt und warum ist das von Bedeutung? (Tipp: Schau dir einmal die Namen an, die in diesen drei Versen vorkommen [außer den Namen der Linie Elkanas in Vers 1]. Fällt dir etwas auf?)

 

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Wer bist du?

Manchmal kann man einen Bibeltext eine ganze Weile studieren und trotzdem die Bedeutung eines bestimmten Details übersehen. Mir ist das beim Ringen Jakobs in 1. Mose 32 so gegangen. Jahrelang habe ich über diese Geschichte gepredigt. Ich dachte, ich kannte sie. Und doch habe ich erst vor kurzem die Bedeutung von Vers 28 erkannt:

Da sprach er zu ihm: Was ist dein Name? Er sagte: Jakob.

Ein einfacher, uns vertrauter Dialog. Und deswegen kann man es so leicht übersehen, einfach drüber lesen. Moment mal! Wir müssen uns überlegen: Warum nimmt der Autor diesen Dialog in die Geschichte auf? Und warum ist der Dialog überhaupt nötig? Wenn der geheimnisvolle Fremde in der Lage ist, Jakob zu segnen, warum würde er ihm diese Frage stellen? Weiß er nicht bereits, wer Jakob ist? Und warum stellt er diese Frage in exakt diesem Moment. Das sind wichtige Fragen.

Als ich vor einer Weile über diese Geschichte neu nachgedacht habe (es lohnt sich, immer wieder zum gleichen Text zurückzukehren!), habe ich plötzlich angefangen zu verstehen (ein großartiges Gefühl!). Das große Thema im Gespräch zwischen Jakob und dem Fremden ist der Segen. Kein Wunder, denn das war von Anfang an das Problem in der Jakob-Geschichte (es ist auch ein wichtiges Thema in der Geschichte der Menschheit, siehe 1. Mo 1,28). Jakob möchte den Segen, obwohl sein Vater ihn Esau geben will. Und Jakob bekommt den Segen. Doch er kriegt ihn durch Betrug. Deswegen muss er von zu Hause fliehen. Er hat den Segen, und hat ihn doch nicht. Und Jakob weiß das. Als er dann zwanzig Jahre später nach Hause zurückkehrt und der Fremde beginnt, mit ihm zu ringen, hat Jakob nur eine Bitte: Segne mich! (1. Mo 32,27) Eigentlich ist das die gleiche Bitte, mit der er bereits in Kapitel 27 das Zelt seines Vaters betrat. Sobald wir die Verbindung zwischen diesen beiden Kapiteln (1. Mo 27 und 32) erkennen, macht der Dialog in1. Mo 32,28 absolut Sinn. Jakob bittet den Fremden, ihn zu segnen; doch statt ihn zu segnen stellt der Fremde ihm die Frage: Was ist dein Name? Dadurch führt er Jakob zurück zu der Szene in 1. Mo 27, denn genau darum geht es auch dort:

So ging er zu seinem Vater hinein und sagte: Mein Vater! Und er sagte: Hier bin ich. Wer bist du, mein Sohn? (Vers 18)

Wer bist du?, fragt Isaak in 1. Mo 27. Und Jakob antwortet: Ich bin Esau, dein Erstgeborener (V. 19). Und er erhält den Segen. Jetzt, zwanzig Jahre später, möchte er den Segen wieder erhalten – diesmal ohne Betrug. Und der Fremde stellt dieselbe Frage: Wer bist du? Als aufmerksame Leser der Jakobsgeschichte überrascht uns das nicht. Diese Frage muss gestellt werden – und sie muss an diesem Punkt gestellt werden, denn an diesem Punkt hat Jakob in Kapitel 27 versagt. Er bekam den Segen, aber nur, weil er bezüglich seiner Identität gelogen hat. Bevor er also den Segen auf richtigem Weg erhalten kann, muss das Problem seiner wahren Identität gelöst werden. Und diesmal macht Jakob es richtig. Er lügt nicht, sondern gesteht: Ich bin Jakob.

Dieses Geständnis ist wichtig, und das nicht nur weil es der Wahrheit entspricht, sondern auch wegen der Bedeutung des Namens selbst. Im Hebräischen ist der Name Jakob (ya’āqōḇ) mit dem Verb ‘āqaḇ verwandt, was “betrügen” bedeutet. Deswegen kann Esau in 1. Mo 27,36 sagen:

Heißt er darum Jakob, weil er mich nun [schon] zweimal betrogen hat? Mein Erstgeburtsrecht hat er genommen, und siehe, jetzt hat er [auch] meinen Segen genommen!

Jakobs Name ist mit seiner Identität verbunden. Sein Leben lang ist Jakob der Betrüger, der andere Leute übers Ohr haut. Durch Betrug bekommt er das Erstgeburtsrecht (so sieht es zumindest Esau), durch Betrug erhält er den Segen, durch Betrug wird er reich. Das ist seine Identität , eine Identität, die er nicht zugeben will, aber die dennoch in der Geschichte immer wieder verdeutlicht wird. (Achte einmal auf die Ironie in 1. Mo 27: Jakob erhält den Segen indem er bzgl. seiner Identität lügt, während die gesamte Geschichte beweist, dass er zu recht Jakob heißt.) Wenn Jakob dem Fremden in Kapitel 32 seinen Namen nennt, dann sagt er nicht nur die Wahrheit, sondern gesteht auch seine wahre Identität. Er ist der Betrüger; derjenige, der immer versuchte, sich mit eigener Hand zu helfen, anstatt Gott zu vertrauen. Das Schöne jedoch ist: sobald er dies zugibt, wird sein Name (und damit auch seine Identität) verändert! (1. Mo 32,29)

Wie können wir diese Geschichte auf uns anwenden? Indem wir erkennen, dass Jakobs Versuchung auch unsere Versuchung ist. Wie Jakob (und wie Adam und Eva!) verleugnen wir oft unsere wahre Identität (wir sind Menschen, abhängig von Gott) und probieren, den Segen zu erschwindeln – indem wir uns zu Gott machen (falsche Identität) und entscheiden, was gut für uns ist und was nicht. Das Ergebnis ist immer dasselbe: wir leben im Exil der Sünde, schuldbeladen. Aber Gott gibt uns nicht auf. Er kommt und stellt die entscheidende Frage: Wer bist du? Und wenn wir, wie Jakob, bereit sind, unsere wahre Identität zuzugeben (hilflose, sündige Menschen), dann sagt Gott: Jetzt bist du wirklich erfolgreich! Jetzt bist du wirklich am Ziel! Und durch Jesus Christus gibt er uns eine neue Identität. Wir werden, was wir von Anfang an sein sollten. Das ist die gute Nachricht der Erlösung!