Jakob und der verlorene Sohn

Regelmäßige Leser dieses Blogs erinnern sich vielleicht, dass ich vor einiger Zeit einen Post über 1. Mose 32 geschrieben habe, in dem ich erwähnte, dass ich trotz eines längeren Studiums dieses Kapitels erst vor kurzem dessen Verbindung zu 1. Mose 27 entdeckt hatte. Ganz ähnlich ging es mir mit Lukas 15 und dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Vor vielen Jahren hatte ich einmal eine Predigtreihe über dieses Kapitel gehalten. Doch als ich vor einer Weile erneut über dieses Gleichnis nachdachte, kam mir plötzlich die Erleuchtung: ein Vater hat zwei Söhne, der Jüngere will das Erbe und bekommt es auch, verlässt dann das Land für eine lange Zeit, kehrt schließlich zu Vater und Bruder zurück – an was erinnert mich das? Nur eine einzige Geschichte in der Bibel hat all diese Komponenten: die Geschichte Jakobs.

Obwohl die Parallelen allein schon sehr überzeugend schienen, zögerte ich doch und war mir etwas unsicher, ob es tatsächlich berechtigt sei, eine Verbindung zwischen beiden Geschichten herzustellen. Also schaute ich nach, ob schon irgendjemand anders zu einer ähnlichen Schlussfolgerung gelangt war. Nach einer kurzen Onlinesuche stieß ich auf einen Artikel von Kenneth Bailey, einem absoluten Experten was die Geschichte des verlorenen Sohnes angeht. Interessanterweise scheint Bailey ein ganz ähnliches Erlebnis gehabt zu haben wie ich. Er beschreibt es folgendermaßen:

„Etwa vierzig Jahre lang habe ich bisher das Vorrecht gehabt, das 15. Kapitel des Lukasevangeliums eingehend zu untersuchen. Auf diesem großartigen Kapitel lag der Hauptschwerpunkt meiner Doktorarbeit und es war Gegenstand von zwei Büchern sowie drei Artikeln. Bis vor kurzem war ich mir sicher, dass ich alle verfügbaren Deutungsmöglichkeiten entdeckt und ausgelotet hatte. Nun aber, nachdem ich auf einem tieferen Level „gegraben“ habe, habe ich nicht nur einen, sondern zwei „eingebaute Mosaikfußböden“ entdeckt.“ (Kenneth Bailey, „Jacob and the Prodigal Son: A New Identity Story,“ Theological Review 18/1, S. 54; eigene Übersetzung.)

Einer dieser “Mosaikfußböden” war die Erkenntnis, dass die Geschichte Jakobs in 1. Mo 27-35 den Hintergrund für das Gleichnis vom verlorenen Sohn bildet. Bailey fährt dann fort und zählt die folgenden fünfzehn Parallelen zwischen beiden Geschichten auf:

  1. In beiden Geschichten gibt es drei Hauptpersonen: einen Vater und zwei Söhne.
  2. Der Segen/das Erbe spielt in beiden Geschichten eine entscheidende Rolle.
  3. In beiden Geschichten sucht der jüngere Sohn mittels unehrenhafter Methoden sich Vorteile vom Vater zu beschaffen und hat Erfolg.
  4. In beiden Geschichten ist der jüngere Sohn sowohl vom Vater als auch vom älteren Bruder entfremdet.
  5. Bei beiden Geschichten geht der Jüngere in ein weit entferntes Land.
  6. Der ältere Sohn bleibt in beiden Geschichten daheim.
  7. Der Jüngere wird in beiden Geschichten zu einem Hirten in dem fernen Land.
  8. In beiden Geschichten entscheidet sich der jüngere Sohn, nach Hause zurückzukehren, aber fürchtet sich davor, wie er empfangen werden wird.
  9. Beide jüngere Söhne zeigen keine Reue.
  10. In beiden Geschichten kommt Gott zum jüngeren Sohn – der Mann, der mit Jakob ringt und der Vater, der Gott symbolisiert.
  11. In beiden Geschichten wird der Sohn dreifach willkommen geheißen: mit Rennen/Laufen, um-den-Hals-Fallen und Küssen (In der gesamten Bibel kommt diese Trilogie nur in 1. Mo 33,4 und Lukas 15,20 vor!).
  12. In beiden Geschichten ist der ältere Bruder verärgert über die Rückkehr des Jüngeren.
  13. In beiden Geschichten versöhnt sich der Jüngere mit der Familie.
  14. In beiden Geschichten gibt es die Sorge, ob der jüngere Sohn in Frieden zurückkehrt (1. Mo 28,21; Lk 15,27).
  15. Beide Geschichten sind von entscheidender Bedeutung für die Gemeinschaft, die sich an sie erinnert und sie erzählt.

Diese vielen Parallelen deuten darauf hin, dass es tatsächlich eine Verbindung zwischen den beiden Geschichten gibt. Daher scheint es, dass Jesus das Gleichnis vom verlorenen Sohn ganz bewusst so erzählt, dass es den aufmerksamen Hörer (Leser) an die Jakobsgeschichte erinnert. Das wirft natürlich die Frage auf, warum er das tut.

Meiner Meinung nach möchte Jesus unter anderem die Juden an ihre eigene Geschichte erinnern. Einer ihrer eigenen Gründerväter erlebte etwas ganz Ähnliches wie der jüngere Sohn im Gleichnis und die Geschichte dieses Vorvaters schattet interessanterweise die Geschichte Israels voraus (es ist kein Zufall, dass Vorvater und Volk den gleichen Namen tragen: Israel!). Wie Jakob, so verlässt auch das Volk Israel seinen Vater und geht daraufhin in ein fremdes Land, nur um später nach Hause zurückzukehren, wo es vom Vater willkommen geheißen wird. Demnach war die Geschichte des verlorenen Sohnes die Geschichte Israels.Wie der jüngere Sohn, so hatte auch Israel Gnade empfangen, war aber nicht bereit, diese an Sünder in seiner Mitte weiterzugeben. Genau hier liegt eines der Hauptprobleme aller „älteren Söhne“, früher wie heute: sie haben vergessen, dass sie selbst einmal der jüngere Sohn waren!

Gleichzeitig fragt man sich bei der Einstellung der Juden, ob sie wirklich nach Hause zurückgekehrt sind. Indem sie sich weigern, Jesus und die Gnade, die er Sündern zuteil werden lässt, anzunehmen, zeigen sie, dass sie wie der ältere Sohn in der Geschichte sind: physisch gesehen sind sie zu Hause, aber eigentlich befinden sie sich noch im Exil – sie sind Fremde im Haus des eigenen Vaters! Stattdessen sind die Sünder, welche sie verachten, diejenigen, die wahrhaft nach Hause gekommen sind und die Vorzüge der Sohnschaft genießen.

Hausaufgabe

Es gibt nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch eine Reihe Unterschiede zwischen der Jakobsgeschichte und dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Was sind die Unterschiede und welche Bedeutung haben sie?

Wer bist du?

Manchmal kann man einen Bibeltext eine ganze Weile studieren und trotzdem die Bedeutung eines bestimmten Details übersehen. Mir ist das beim Ringen Jakobs in 1. Mose 32 so gegangen. Jahrelang habe ich über diese Geschichte gepredigt. Ich dachte, ich kannte sie. Und doch habe ich erst vor kurzem die Bedeutung von Vers 28 erkannt:

Da sprach er zu ihm: Was ist dein Name? Er sagte: Jakob.

Ein einfacher, uns vertrauter Dialog. Und deswegen kann man es so leicht übersehen, einfach drüber lesen. Moment mal! Wir müssen uns überlegen: Warum nimmt der Autor diesen Dialog in die Geschichte auf? Und warum ist der Dialog überhaupt nötig? Wenn der geheimnisvolle Fremde in der Lage ist, Jakob zu segnen, warum würde er ihm diese Frage stellen? Weiß er nicht bereits, wer Jakob ist? Und warum stellt er diese Frage in exakt diesem Moment. Das sind wichtige Fragen.

Als ich vor einer Weile über diese Geschichte neu nachgedacht habe (es lohnt sich, immer wieder zum gleichen Text zurückzukehren!), habe ich plötzlich angefangen zu verstehen (ein großartiges Gefühl!). Das große Thema im Gespräch zwischen Jakob und dem Fremden ist der Segen. Kein Wunder, denn das war von Anfang an das Problem in der Jakob-Geschichte (es ist auch ein wichtiges Thema in der Geschichte der Menschheit, siehe 1. Mo 1,28). Jakob möchte den Segen, obwohl sein Vater ihn Esau geben will. Und Jakob bekommt den Segen. Doch er kriegt ihn durch Betrug. Deswegen muss er von zu Hause fliehen. Er hat den Segen, und hat ihn doch nicht. Und Jakob weiß das. Als er dann zwanzig Jahre später nach Hause zurückkehrt und der Fremde beginnt, mit ihm zu ringen, hat Jakob nur eine Bitte: Segne mich! (1. Mo 32,27) Eigentlich ist das die gleiche Bitte, mit der er bereits in Kapitel 27 das Zelt seines Vaters betrat. Sobald wir die Verbindung zwischen diesen beiden Kapiteln (1. Mo 27 und 32) erkennen, macht der Dialog in1. Mo 32,28 absolut Sinn. Jakob bittet den Fremden, ihn zu segnen; doch statt ihn zu segnen stellt der Fremde ihm die Frage: Was ist dein Name? Dadurch führt er Jakob zurück zu der Szene in 1. Mo 27, denn genau darum geht es auch dort:

So ging er zu seinem Vater hinein und sagte: Mein Vater! Und er sagte: Hier bin ich. Wer bist du, mein Sohn? (Vers 18)

Wer bist du?, fragt Isaak in 1. Mo 27. Und Jakob antwortet: Ich bin Esau, dein Erstgeborener (V. 19). Und er erhält den Segen. Jetzt, zwanzig Jahre später, möchte er den Segen wieder erhalten – diesmal ohne Betrug. Und der Fremde stellt dieselbe Frage: Wer bist du? Als aufmerksame Leser der Jakobsgeschichte überrascht uns das nicht. Diese Frage muss gestellt werden – und sie muss an diesem Punkt gestellt werden, denn an diesem Punkt hat Jakob in Kapitel 27 versagt. Er bekam den Segen, aber nur, weil er bezüglich seiner Identität gelogen hat. Bevor er also den Segen auf richtigem Weg erhalten kann, muss das Problem seiner wahren Identität gelöst werden. Und diesmal macht Jakob es richtig. Er lügt nicht, sondern gesteht: Ich bin Jakob.

Dieses Geständnis ist wichtig, und das nicht nur weil es der Wahrheit entspricht, sondern auch wegen der Bedeutung des Namens selbst. Im Hebräischen ist der Name Jakob (ya’āqōḇ) mit dem Verb ‘āqaḇ verwandt, was “betrügen” bedeutet. Deswegen kann Esau in 1. Mo 27,36 sagen:

Heißt er darum Jakob, weil er mich nun [schon] zweimal betrogen hat? Mein Erstgeburtsrecht hat er genommen, und siehe, jetzt hat er [auch] meinen Segen genommen!

Jakobs Name ist mit seiner Identität verbunden. Sein Leben lang ist Jakob der Betrüger, der andere Leute übers Ohr haut. Durch Betrug bekommt er das Erstgeburtsrecht (so sieht es zumindest Esau), durch Betrug erhält er den Segen, durch Betrug wird er reich. Das ist seine Identität , eine Identität, die er nicht zugeben will, aber die dennoch in der Geschichte immer wieder verdeutlicht wird. (Achte einmal auf die Ironie in 1. Mo 27: Jakob erhält den Segen indem er bzgl. seiner Identität lügt, während die gesamte Geschichte beweist, dass er zu recht Jakob heißt.) Wenn Jakob dem Fremden in Kapitel 32 seinen Namen nennt, dann sagt er nicht nur die Wahrheit, sondern gesteht auch seine wahre Identität. Er ist der Betrüger; derjenige, der immer versuchte, sich mit eigener Hand zu helfen, anstatt Gott zu vertrauen. Das Schöne jedoch ist: sobald er dies zugibt, wird sein Name (und damit auch seine Identität) verändert! (1. Mo 32,29)

Wie können wir diese Geschichte auf uns anwenden? Indem wir erkennen, dass Jakobs Versuchung auch unsere Versuchung ist. Wie Jakob (und wie Adam und Eva!) verleugnen wir oft unsere wahre Identität (wir sind Menschen, abhängig von Gott) und probieren, den Segen zu erschwindeln – indem wir uns zu Gott machen (falsche Identität) und entscheiden, was gut für uns ist und was nicht. Das Ergebnis ist immer dasselbe: wir leben im Exil der Sünde, schuldbeladen. Aber Gott gibt uns nicht auf. Er kommt und stellt die entscheidende Frage: Wer bist du? Und wenn wir, wie Jakob, bereit sind, unsere wahre Identität zuzugeben (hilflose, sündige Menschen), dann sagt Gott: Jetzt bist du wirklich erfolgreich! Jetzt bist du wirklich am Ziel! Und durch Jesus Christus gibt er uns eine neue Identität. Wir werden, was wir von Anfang an sein sollten. Das ist die gute Nachricht der Erlösung!

8. Hinweis: Der Text ist in parallelen Zyklen angeordnet (2. Teil)

Wie ich letztes Mal erwähnt hatte, gibt es interessante Parallelen zwischen einigen der „Exil—Rückkehr-ins-Land“-Zyklen der Bibel. Hier sind zwei Beispiele:

Abram und Israel

Abram

  • Hungersnot im Land (1. Mo 12,10)
  • Geht hinab nach Ägypten (1. Mo 12,10)
  • Erwirbt Schafe und Rinder (1. Mo 12,15)
  • Plagen (1. Mo 12,17)
  • Pharao ruft Abram und sagt: Nimm und geh! (1. Mo 12,18-19)
  • Zieht aus mit Vieh, Silber und Gold (1. Mo 13,2)
  • Lot ging mit ihm (1. Mo 13,1)

Israel

  • Hungersnot im Land (1. Mo 41,54)
  • Gehen hinab nach Ägypten (1. Mo 42ff.)
  • Erwerben Besitz (1. Mo 47,27)
  • Plagen (1. Mo 7-11)
  • Pharao ruft Mose und Aaron und sagt: Nehmt und geht! (2. Mo 12,31-32)
  • Ziehen aus mit Vieh, Silber und Gold (2. Mo 12,35, 38)
  • Viel Mischvolk ging mit ihnen (2. Mo 12,38)

Jakob und David

Jakob

  • Von Esau gehasst (1. Mo 27,41)
  • Verlässt das väterliche Haus (1. Mo 28,10)
  • Im Hause Labans (1. Mo 29-31)
  • Hat Erfolg (1. Mo 30)
  • Rachel wird angeboten, dann zurückgezogen (1. Mo 29,15-30)
  • Wird zum Schwiegersohn (1. Mo 29,21-30)
  • Flieht – Laban verfolgt ihn (1. Mo 31)
  • Rahel lügt – Götzenbild involviert (1. Mo 31,30-35)
  • Laban fragt: Warum hast du mich getäuscht? (1. Mo 31,26)

David

  • Von Eliab gehasst (1. Sam 17,28)
  • Verlässt das väterliche Haus (1.Sam 18,2)
  • Im Hause Sauls (1. Sam 18)
  • Hat Erfolg (1. Sam 18,5.14-15.30)
  • Merab wird angeboten, dann zurückgezogen (1. Sam 18,17-19)
  • Wird zum Schwiegersohn (1. Sam 18,27)
  • Flieht – Saul verfolgt ihn (1. Sam 19-26)
  • Michal lügt – Götzenbild involviert (1. Sam 19,13-17)
  • Saul fragt: Warum hast du mich getäuscht? (1. Sam 19,17)

Durch diese Ähnlichkeiten laden die biblischen Autoren den Leser ein, zwei oder mehr Geschichten miteinander zu verbinden und die in den Zyklen vorkommenden Personen miteinander zu vergleichen und gegenüberzustellen. Gleichzeitig sagen uns diese Ähnlichkeiten auch etwas über Gott: was er für Abram getan hat, wird er auch für Israel tun. Letztendlich aber weisen alle Zyklen auf Jesus hin, der sein Vaterhaus verließ, von seinen Brüdern gehasst wurde, erfolgreich war und dennoch während seines gesamten Dienstes verfolgt wurde, sein Volk in einer Art Exodus aus der Sünde herausführte (siehe Lukas 9,31), was ihn dazu brachte, an einem Kreuz zu sterben, so dass sein Volk letzten Endes die echte Rückkehr in das Land erleben kann.

Damit endet der Theorieteil dieses Blogs. Ich hoffe, dass dir diese Posts geholfen haben. Natürlich könnte man noch sehr viel mehr sagen und entdecken, aber erst mal bin ich so weit gekommen. Ich halte dich auf dem Laufenden, falls ich neue Hinweise entdecken sollte. Von jetzt an werde ich ganz einfach neue Beobachtungen, Einsichten und Entdeckungen von meinem persönlichen Bibelstudium auf diesem Blog teilen. Ich hoffe, sie motivieren dich dazu, die Bibel für dich selbst noch tiefer zu lesen und zu studieren. Es ist das erstaunlichste Buch, das je geschrieben wurde und es lohnt sich immer, es sich genauer anzuschauen.

Hausaufgabe

Schau dir Johannes 18 an. Welche Ereignisse werden in diesem Kapitel erwähnt und was haben sie miteinander zu tun? Wie hilft dir ein Bewusstsein für Wiederholungen und Wiederholungen mit Variation dabei, diese Frage zu beantworten?

8. Hinweis: Der Text ist in parallelen Zyklen angeordnet (1. Teil)

Vielleicht erinnerst du dich daran, dass der erste hier vorgestellte Hinweis besagte, dass Erlösung das Hauptthema jedes biblischen Textes ist. Der letzte Hinweis, den ich betrachten möchte, bringt uns zu demselben Thema zurück. Aufmerksamen Bibelleser muss früher oder später auffallen, dass besonders die Geschichten der Bibel in Zyklen angeordnet sind, in denen die Erlösungsgeschichte quasi in Miniaturform immer wieder durchgespielt wird. Das wird schon in den ersten Kapiteln der Bibel deutlich.

Erinnerst du dich noch an die Struktur von 1. Mose 1-11?

A   Schöpfung, göttlicher Segen (1,1-2:3)

       B   Sünde Adams: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (2,4-3,24)

             C   Keine Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Abel (4,1-16)

                   D   Nachkommen des sündigen Sohnes Kain (4,17-26)

                          E   Nachkommen des erwählten Sohnes Set: 10 Generationen (5,1-32)

                                F   Sünde, die zum Gericht führt: Söhne Gottes (6,1-4)

                                      G   Kurze Einführung: Noah, 3 Söhne (6,5-8)

A’   Flut: Umkehrung der Schöpfung, Neuschöpfung, göttlicher Segen (6,9-9,19)

        B’   Sünde Noahs: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (9,20-29)

               C’   Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Jafet (10,1-5)

                      D’   Nachkommen des sündigen Sohnes Ham (10,6-20)

                          E’   Nachkommen des erwählten Sohnes Sem: 10 Generationen (10,21-32)

                                     F’   Sünde, die zum Gericht führt: Turmbau zu Babel (11,1-9)

                                            G’   Kurze Einführung: Terah, 3 Söhne (11,27-32)

 

Wie wir bereits festgestellt haben ist es recht offensichtlich, dass der Schreiber des 1. Mosebuches sein Material in den ersten elf Kapiteln ganz bewusst in einer Parallelstruktur angeordnet hat. Dadurch wird deutlich, dass die beiden Sequenzen eigentlich die gleiche Geschichte erzählen: Gott erschafft und segnet den Menschen, der Mensch sündigt, die anhaltende Sünde des Menschen führt zu göttlichem Gericht, doch in beiden Sequenzen wird ein Erlöser eingeführt, der das Land verlassen muss, aber später mit denen zurückkehrt, die Gott treu sind. Dieser Zyklus von Exil und Rückkehr in das Land kommt nicht nur hier am Beginn von 1. Mose vor, sondern kann im ganzen Alten und Neuen Testament beobachtet werden. Schau dir nur mal die folgende Liste an:

  • Noah: Exil (Flut) – Rückkehr in das Land
  • Abraham: Exil (Ägypten) – Rückkehr in das Land
  • Jakob: Exil (zu Laban) – Rückkehr in das Land
  • Israel 1/Mose: Exil (Ägypten) – versuchte Rückkehr in das Land
  • Israel 2/Josua: Exil (40 Jahre in der Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Naomi/Ruth/Boas: Exil (Moab) – Rückkehr in das Land
  • David: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Elia: Exil (Bach/Zarpat) – Rückkehr in das Land
  • Elisa: Exil (über dem Jordan) – Rückkehr in das Land
  • Israel 3: Exil (Babylon) – Rückkehr in das Land
  • Jesus: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Gemeinde: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land

Die Parallelen zwischen diesen Zyklen sind verblüffend. Denken wir nur einmal an die Ähnlichkeiten zwischen der Geschichte Abrahams und der Geschichte Israels, oder den Geschichten Jakobs und Davids. Diese Parallelen sind eindeutig gewollt. Die große Frage ist: Warum kommt dieses Thema des Exils und der Rückkehr in das Land so häufig vor? Die Antwort ist simpel: weil dadurch immer und immer wieder die große Geschichte der Bibel veranschaulicht wird, die ja eine Geschichte des Exils und der Rückkehr in das Land ist! Weil der Mensch gefallen ist, lebt er jetzt im Exil der Sünde. Doch Gott setzt sich mit all seiner Leidenschaft dafür ein, den Menschen aus dem Exil zu befreien und ihn dorthin zurückzubringen, wo er ursprünglich herkam. 1. Mose 1-4 zeigt, wie Gott den Menschen erschuf und ihn in einen Garten im Land Eden setzte. Aufgrund der Sünde musste der Mensch zuerst den Garten (Adam und Eva) und später auch das Land (Kain) verlassen. Der Rest der Bibel beschreibt letztlich, wie Gott versucht, den Menschen zurück in das Land und zurück in den Garten zu bringen, wo er ihn ursprünglich leben lassen wollte.

Wie schafft Gott das? Indem er einen Erlöser erweckt, der sein Volk wieder in das Land zurückbringt. Das sind die Leute, die zu den verschiedenen Zyklen (s.o.) gehören. Viele von ihnen werden als sogenannte „Typen Jesu“ bezeichnet. Das bedeutet, dass ihre Erlebnisse die Erfahrungen Jesu vorausschatten. (Natürlich sind das nicht die einzigen Erlöserfiguren im AT – es gibt noch viele weitere.) Somit ebnen die einander sehr ähnlichen Zyklen im Alten Testament den Weg für Jesus Christus, der denselben Zyklus durchläuft. Das bedeutet, dass das gesamte Alte Testament auf Jesus vorverweist (siehe Lukas 24,27!). Er geht denselben Weg wie die Menschheit und wie sein Volk Israel, doch er geht ihn ohne zu sündigen. Deswegen hat er das Recht, ihr Erlöser zu sein. Die Gemeinde muss dann in seinen Fußspuren folgen. Er ist das Haupt und wir sind der Leib, deswegen muss seine Erfahrung unsere Erfahrung werden. Kein Wunder, dass uns die Bibel dazu aufruft, wie Jesus zu sein!

Hausaufgabe

Schau dir die Erlebnisse von Abraham und Israel an sowie die Geschichten von Jakob und David. Welche Parallelen entdeckst du?

 

2. Hinweis: Alles ist wichtig (2. Teil)

Wie versprochen kommen hier zwei weitere Beispiele, die zeigen, wie wichtig es ist, auf Details im Text zu achten.

2. Beispiel: 1. Mose 28

In 1. Mose 28 hat Jakob gerade sein Zuhause in Beerscheba verlassen, nachdem er sich den Segen von seinem Vater erschlichen hat.

In Vers 11 heißt es:

„Und er gelangte an eine Stätte und übernachtete dort; denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen von den Steinen der Stätte und legte ihn an sein Kopfende und legte sich nieder an jener Stätte.“

Auch über diesen Vers könnte man wieder viel sagen. Ich möchte jedoch an dieser Stelle nur auf den Nebensatz „denn die Sonne war untergegangen“ aufmerksam machen. Diese Information scheint wieder unnötig zu sein. Doch als verständige Leser wissen wir, dass der Autor solche Details nicht einfach nur zum Spaß erwähnt. Warum erwähnt er ausdrücklich, dass die Sonne untergangen war?

Kapitel 28 gibt uns auf diese Frage nicht wirklich eine Antwort. Daher bleibt uns nichts anderes übrig, als einfach weiterzulesen. Also lesen wir Kapitel 29. Immer noch keine Antwort. Kapitel 30. Kapitel 31. Wieder nichts. Erst wenn wir Kapitel 32 aufmerksam lesen, scheint sich eine Antwort anzudeuten. In diesem Kapitel befindet sich Jakob auf dem Weg zurück nach Hause. Er geht also in die entgegengesetzte Richtung als noch in Kapitel 28. Als er hört, dass ihm sein Bruder Esau mit 400 Mann entgegenkommt, schickt er ihm Geschenke, teilt seine Familie und seinen Besitz in verschiedene Gruppen auf, betet und kämpft dann die ganze Nacht mit einem geheimnisvollen Fremden. Nachdem der Fremde ihn segnet, heißt es in Vers 32:

„Und die Sonne ging ihm auf, als er an Pnuël vorüberkam; und er hinkte an seiner Hüfte.“

Als Jakob das Land verlässt, geht die Sonne unter. Als er in das Land zurückkehrt, geht die Sonne auf. Der Schreiber hat diese Information ganz bewusst an diesen beiden Stellen in der Geschichte platziert, um etwas über die Zeit zu sagen, in welcher Jakob vom verheißenen Land entfernt lebt: es ist eine Zeit der Dunkelheit. Jakob hat seine Familie betrogen und verlässt sein Zuhause mit einem schlechten Gewissen. Als er das Land verlässt, geht die Sonne unter. Und, im Bilde gesprochen, bleibt die Sonne die nächsten zwanzig Jahre unten. Erst als er in das Land zurückkehrt, den Segen auf angemessene Weise empfängt und sich mit seiner Familie versöhnt, geht die Sonne wieder auf. Der Sonnenunter- und aufgang wird in der Geschichte also sehr bewusst erwähnt, um das Erlebnis Jakobs feinsinnig zu kommentieren.

3. Beispiel: 1. Mose 16

1. Mose 16 erzählt, wie Abram und Sarai versuchen, durch ihre Magd Hagar ein Kind zu bekommen. Beachte, wie die Geschichte beginnt:

„Und Sarai, Abrams Frau, gebar ihm keine Kinder…“

Als aufmerksame Leser muss uns sofort auffallen, dass Sarai hier als Abrams Frau vorgestellt wird. Das ist wichtig, denn der Autor hätte dieses kleine Detail nicht einfügen müssen. Wir wissen nämlich schon von vorherigen Begebenheiten, dass Sarai Abrams Frau ist, weshalb der erste Satz in 1. Mose 16 theoretisch auch ohne diese Information funktionieren würde. Interessanterweise wird dasselbe in Vers 3 noch einmal erwähnt:

„Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre Magd, die Ägypterin Hagar, nachdem Abram zehn Jahre im Land Kanaan gewohnt hatte, und gab sie Abram, ihrem Mann, ihm zur Frau.“

Beachte, wie hier nicht nur wiederholt wird, dass Sarai Abrams Frau ist, sondern auch extra erwähnt wird, dass Abram ihr Mann ist. Dies scheint wirklich unnötig und überflüssig zu sein. Es gibt viele andere Geschichten über Abram und Sarai, wo das nicht erwähnt wird. Warum also hier?

Ich glaube, dass einer der Hauptgründe darin liegt, dass in dieser Geschichte die gesellschaftliche Stellung und die Beziehung der verschiedenen Personen zueinander eine entscheidende Rolle spielen. Sarai ist Abrams Frau und Abram ist ihr Mann, während Hagar nur eine Magd ist. Es besteht also ein sehr scharfer Kontrast zwischen Sarai und Hagar, der durch die wiederholte Erinnerung, dass Sarai Abrams Frau ist, hergestellt wird. Doch es ist eben genau diese Ehefrau von Abram, die dem eigenen Mann ihre Magd zur Frau gibt! Hagar wird allerdings niemals als „Abrams Frau“ bezeichnet, genauso wenig wie Abram „ihr Mann“ genannt wird. Dadurch macht der Schreiber deutlich, dass die einzig legitime Ehe die zwischen Sarai und Abram ist. Das deutet auch darauf hin, dass das, was Sarai und Abram hier machen, nicht richtig ist. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass bestimmte Formulierungen in 1. Mose 16,3 sehr an 1. Mose 3,6 erinnern. Die Parallelen sind offensichtlich:

„Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert war, Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.“ (1. Mose 3,6)

„Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre Magd, die Ägypterin Hagar, nachdem Abram zehn Jahre im Land Kanaan gewohnt hatte, und gab sie Abram, ihrem Mann, ihm zur Frau.“ (1. Mose 16,3)

Beachte auch, dass der Mann in beiden Fällen auf die Stimme seiner Frau hört:

Und zu Adam sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und gegessen hast von dem Baum“ (1. Mose 3,17)

„Und Abram hörte auf Sarais Stimme“. (1. Mose 16,2)

Indem er die Geschichte in 1. Mose 16 so schreibt, dass der aufmerksame Leser an 1. Mose 3 erinnert wird, scheint der Autor anzudeuten, dass Sarai eine neue Eva ist und Abrams Verbindung zu Hagar ein neuer Sündenfall. Obwohl das, was in der Geschichte passiert, nie offen und direkt bewertet wird, finden sich somit dennoch subtile Hinweise im Text, die zeigen, wie das, was Abram und Sarai tun, einzuordnen ist.

Ich könnte hier noch viele weitere Beispiele anführen, die zeigen, dass die biblischen Schreiber sich sehr genau überlegt haben, was sie in ihren Texten erwähnen und was nicht. Deswegen müssen wir auf jedes Detail achten und uns immer die Frage stellen: warum wird das hier erwähnt? Die Antwort darauf wird nicht immer sofort offensichtlich sein, aber gib nicht auf! Lies weiter, denke über das Gelesene nach und du wirst Faszinierendes entdecken!

Fortsetzung folgt.