Zwei völlig verschiedene Festmahle

Matthäus 14,1-21 beschreibt zwei Festmahle, die von zwei Königen ausgerichtet werden. Das Erste ist das Mahl des Herodes (V.1-13). Es findet in seinem Palast statt und endet mit dem Tod Johannes des Täufers. Laut Vers 5 hatte Herodes Johannes bereits eher töten wollen, fürchtete sich aber vor der Volksmenge. Als aber die Tochter der Herodias vor ihm tanzt, lässt er sich zu einem vorschnellen Eid hinreißen und verspricht ihr alles zu geben, worum sie bittet. Angeregt durch ihre Mutter sagt das Mädchen: Gib mir hier auf einem Teller den Kopf von Johannes dem Täufer (V.8). Obwohl es dem König leid tut, befiehlt er, Johannes umzubringen, um sein eigenes Gesicht zu wahren. Also wird Johannes getötet und sein Kopf wird dem Mädchen gegeben, welches ihn der Mutter bringt. Gemäß V. 12 wurde der Körper von Johannes von seinen Jünger aufgehoben und begraben.

Vergleichen wir das einmal mit dem zweiten Festmahl, das in V.14-21 beschrieben wird. Dieses Festmahl wird auch von einem König ausgerichtet, aber er ist ganz anders als Herodes. Statt sich wie Herodes vor der Volksmenge zu fürchten, hat dieser König Mitleid mit ihr (V.14). Anstatt Menschen zu töten, heilt dieser König all ihre Krankheiten. Obwohl dieses Festmahl an einem einsamen Ort stattfindet, ist das Ergebnis viel positiver: statt eines Kopfes auf einem Teller erhalten die Menschen echte Nahrung, die sie satt macht. Die Art und Weise, wie dies geschieht, erinnert an das erste Festmahl: als die Jünger sagen, dass sie nur fünf Brote und zwei Fische haben, antwortet Jesus ihnen: Bringt sie mir her (V.18; dasselbe griechische Wort wie in V.8). Dann befiehlt er der Volksmenge, sich zu setzen (V.19). Danach bricht er das Brot und gibt es den Jüngern, die es dann zu den Menschen bringen. Am Ende heben die Jünger auf, was übriggeblieben ist (V.20).

Matthäus erklärt die tiefere Bedeutung des zweiten Festmahls nicht ausdrücklich; Johannes hingegen schon (siehe Johannes 6). Das Brot, das gebrochen wurde, symbolisiert den Leib Christi. So wird der Kontrast zwischen den beiden Königen und ihren Festmahlen in Matt 14 noch deutlicher. Während der eine König vor der Volksmenge Angst hat und den Kopf des Propheten Gottes darbietet, um sein eigenes Gesicht zu wahren, hat der andere König Mitleid mit dem Volk und bietet seinen eigenen Leib dar, um andere zu retten. Das „Mahl“ beim ersten Bankett ist das Ergebnis von Selbstsucht und Grausamkeit und sättigt niemand – es stillt lediglich Herodias‘ Gier nach Rache. Das Mahl beim zweiten Bankett hingegen findet aufgrund von Selbstlosigkeit und Mitleid statt und macht alle Anwesenden satt. Kein Wunder, dass wir uns zu so einem König hingezogen fühlen und weiterhin sein Mahl feiern, das wirklich satt macht.

Was willst du, dass ich dir tun soll? (2. Teil)

Im letzten Post habe ich darauf hingewiesen, dass die Frage „Was möchtest du, dass ich dir/euch tun soll?“ in Markus 10 zweimal (in den Versen 36 und 51) vorkommt und die These aufgestellt, dass Markus die Geschichte von Jakobus’ und Johannes’ Bitte bewusst der Heilungsgeschichte von Bartimäus gegenübergestellt hat. Bleibt nur herauszufinden, warum er das tat. Was wollte der Autor durch die Gegenüberstellung deutlich machen?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir den größeren Zusammenhang des Markusevangeliums beachten. Wenn wir uns den Text genau anschauen, stellen wir fest, dass Markus mindestens drei sehr wichtige Fragen in seinem Evangelium stellt.

1. Wer ist Jesus?

Diese Frage ist in der ersten Hälfte des Evangeliums allgegenwärtig. Obwohl uns Markus bereits im ersten Vers seines Evangeliums mitteilt, wer Jesus ist, fragen sich Menschen in den folgenden Kapiteln immer wieder, wer dieser Mann ist (Markus 1,27; 2,7; 3,21-22; 4,41; 6,2-3). Ironischerweise sind die Einzigen, die genau wissen, wer Jesus ist, die Dämonen (Markus 1,24,34; 3,11; 5,7)!

In Markus 8 wird diese Frage endlich von einem Menschen richtig beantwortet. Petrus bekennt: Du bist der Christus! (8,29) Daraus ergibt sich sofort die zweite Frage, die im zweiten Teil des Evangeliums beantwortet wird:

2. Was bedeutet es, dass Jesus der Christus ist?

Wie relativ schnell deutlich wird, haben die Jünger ein ganz anderes Verständnis davon, was es für Jesus bedeutet, der Christus zu sein, als Jesus selbst das sieht. Sie glauben an einen politischen Christus, der ein irdisches Königreich aufrichten wird, in dem man die besten Positionen bekommt. Anderen zu dienen und dabei möglicherweise sogar zu leiden, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Jesus, jedoch, versucht ihnen zu zeigen, dass er gerade in seinem Leiden und Sterben der Christus ist (beachte, dass unmittelbar nachdem Petrus erkannt hat, wer er wirklich ist, Jesus anfängt, über seinen Tod zu sprechen – Markus 8,31; 9,31; 10,33-34). Dieses Leiden und Sterben ist eine Folge seiner Bereitschaft, sich zu demütigen und anderen zu dienen.

Dieses Missverständnis seitens der Jünger erklärt auch die Bitte von Jakobus und Johannes in Markus 10. Sie haben nicht verstanden, was es für Jesus bedeutet, der Christus zu sein. Deswegen muss Jesus ihnen noch einmal erklären, was seine wahre Identität ausmacht (10,42-45). Beachte, wie Jesus seine eigene Identität eng mit der seiner Nachfolger verbindet. Der Grund dafür liegt in der dritten Frage, die im Markusevangelium behandelt wird:

3. Was bedeutet es, diesem Christus zu folgen?

Die Antwort Jesu auf diese Frage ist eindeutig: ihm nachzufolgen bedeutet, wie er zu sein und sich auch wie er zu demütigen und zu dienen, sogar bis zum Tod. Um das zu illustrieren benutzt Markus das Motiv des „Weges“. Dieses Bild wird besonders in Markus 10 relevant. Vier Mal wird der „Weg“ erwähnt (Verse 17, 32, 46, 52). Es ist der Weg hinauf nach Jerusalem. Natürlich ist es ein buchstäblicher Weg, aber es ist auch der Weg des Leidens, der Weg hin zu Jesu Tod. Auf genau diesem Weg stellen ihm Jakobus und Johannes ihre Frage. Sie befinden sich mit Jesus auf dem Weg, aber sie haben weder die tiefere Bedeutung dieses Weges verstanden noch was dieser Weg für Jesus bedeutet. Und an dieser Stelle kommt Bartimäus ins Bild. Er sitzt am „Weg“ (Vers 46). Wie Jakobus und Johannes bittet auch er Jesus um etwas: er möchte sehen können. Das ist interessant, denn Jesus hat das Motiv der „Blindheit“ und des „Sehens“ bereits zuvor in diesem Evangelium benutzt, um den Mangel an Verständnis aufseiten der Jünger zu illustrieren (Markus 8,18; siehe auch 4,12).

Wenn wir jetzt all diese Puzzleteile zusammensetzen, dann scheint Markus die Geschichten von Jakobus, Johannes und Bartimäus ganz bewusst einander gegenüber gestellt zu haben. Er wollte dadurch das mangelnde Verständnis der Jünger hervorheben, aber auch die Lösung dieses Problems präsentieren. Als Jesus Jakobus und Johannes fragt, was er für sie tun soll, bitten sie um Positionen in seinem irdischen Reich. Als Jesus Bartimäus dieselbe Frage stellt, bittet dieser darum, sehen zu können. Markus scheint also anzudeuten, dass die Antwort des Bartimäus genau die Antwort war, die die beiden Brüder hätten geben sollen. Ihre Augen müssen ihnen geöffnet werden, nicht buchstäblich, sondern bildlich und geistlich. Nur dann sind sie tatsächlich in der Lage, Jesus auf seinem Weg zu folgen, wie Bartimäus es in Vers 52 tut. Die buchstäbliche Heilung des Bartimäus wird somit zu Illustration und Beispiel für die geistliche Heilung, die die Jünger und all jene, die Jesus, dem Christus, auf seinem Weg nachfolgen wollen, unbedingt brauchen!

Wenn Jesus heute vor dir stehen und dich fragen würde: Was willst du, dass ich für dich tun soll? – wie würdest du antworten?

Hausaufgabe

Welche anderen Verbindungen gibt es zwischen den beiden Geschichten und wie helfen sie dir, besser zu verstehen, was Markus seinen Lesern vermitteln will?

 

Was willst du, dass ich dir tun soll? (1.Teil)

Wenn Jesus heute vor dir stehen und dich fragen würde: Was willst du, dass ich für dich tun soll? – wie würdest du antworten?

Im Markusevangelium stellt Jesus zweimal diese Frage und beide Male befinden sich interessanterweise recht nah beieinander in Kapitel 10. In den Versen 32-34 hat Jesus den Jüngern gerade zum dritten Mal mitgeteilt, dass er nach Jerusalem geht, um zu sterben. Unmittelbar darauf kommen Jakobus und Johannes mit einer besonderen Bitte zu ihm:

Und es treten zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sagen zu ihm: Lehrer, wir wollen, dass du uns tust, um was wir dich bitten werden. Er aber sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich euch tun soll? Sie aber sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitzen in deiner Herrlichkeit. (Verse 35-37)

Wie wir wissen erfüllt Jesus ihnen ihre Bitte nicht, sondern lehrt sie den Wert echter Größe, die darin besteht, dass man anderen dient, genauso wie auch Jesus kam, um zu dienen und nicht um bedient zu werden – was er durch seinen eigenen Tod am Kreuz in höchstem Maße unter Beweis stellt (Verse 42-45).

Unmittelbar danach folgt in Markus 10 die Heilung des blinden Bartimäus. Hier kommt die eingangs erwähnte Frage ein zweites Mal vor. Als Bartimäus hört, dass Jesus bei ihm vorbeigehen wird, beginnt er zu rufen, dass Jesus sich seiner erbarmen soll.

Und Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn! Und sie rufen den Blinden und sagen zu ihm: Sei guten Mutes! Steh auf, er ruft dich! Er aber warf sein Gewand ab, sprang auf und kam zu Jesus. Und Jesus begann und spricht zu ihm: Was willst du, dass ich dir tun soll? Der Blinde aber sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde. (Verse 49-51)

In diesem Fall erfüllt Jesus den Wunsch und Bartimäus wird sehend und folgt Jesus auf dem Weg nach.

Die Tatsache, dass dieselbe Frage innerhalb weniger Verse zweimal vorkommt, sollte uns als aufmerksame Leser dazu bringen, innezuhalten und über die Bedeutung dieser Wiederholung nachzudenken. Dass die beiden Geschichten direkt nebeneinander stehen, ist höchstwahrscheinlich kein Zufall, sondern deutet darauf hin, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gibt. Was also will uns der Autor sagen?

(Fortsetzung folgt)

 

Bist du’s oder bist du’s nicht?

Du erinnerst dich vielleicht daran, dass ich vor einiger Zeit etwas zu Jesus, Petrus und dem Kohlenfeuer in Johannes 18 und 21 gepostet habe. In jenem Post habe ich darauf hingewiesen, dass Jesus Petrus in Joh 21 zurücknimmt an den Ort, wo Petrus in Joh 18 versagt hatte – und ihm die Chance gibt, eine bessere Entscheidung zu treffen. Ich habe auch gesagt, dass Jesus sogar etwas noch Besseres macht: er geht dorthin, wo wir versagt haben, erlebt dieselbe Versuchung wie wir, bleibt aber siegreich. Deswegen kann er unser Erlöser sein. Es ist interessant, dass dies bereits in Joh 18 angedeutet wird.

Achte mal darauf, wie Joh 18 ständig zwischen Jesus und Petrus hin- und herspringt. Diese beiden sind ganz klar die Hauptpersonen in diesem Kapitel. Interessanterweise werden beide in diesem Kapitel mir der gleichen Versuchung konfrontiert, einer Versuchung, bei der es um die Frage nach ihrer Identität geht. Dies ist relativ einfach zu erkennen, wenn man auf die Wiederholungen und Wiederholungen mit Variation in Joh 18 achtet.

Am Beginn von Kapitel 18 wird Jesus von Judas und der Gruppe der Hohenpriesters und der Pharisäer konfrontiert. Die Verse 4-8 beschreiben, was danach passiert:

Jesus nun, der alles wusste, was über ihn kommen würde, ging hinaus und sprach zu ihnen: „Wen sucht ihr?“ Sie antworteten ihm: „Jesus, den Nazoräer.“ Er spricht zu ihnen: „Ich bin es.“ Aber auch Judas, der ihn überlieferte, stand bei ihnen. Als er nun zu ihnen sagte: „Ich bin es“, wichen sie zurück und fielen zu Boden.

Da fragte er sie wieder: „Wen sucht ihr?“ Sie aber sprachen: „Jesus, den Nazoräer.“ Jesus antwortete: „Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr nun mich sucht, so lasst diese gehen!“ (Joh 18,4-8)

Als Jesus mit der Frage nach seiner Identität konfrontiert wird, leugnet er sie nicht, sondern antwortet wahrheitsgemäß: „Ich bin [es].“ Durch diese eigenartige Antwort bezieht er sich ganz offensichtlich auf andere „Ich bin [es]“-Aussagen, die wir im gesamten Johannesevangelium finden und die zeigen, dass Jesus Gott ist (beachte die Anspielung auf 2. Mo 3,14, was von den Juden in Joh 8 erkannt wird und die ihn dafür steinigen wollen). Gleichzeitig haben alle diese Aussagen etwas mit seiner Rolle als Erlöser zu tun.

Vergleichen wir das einmal mit Petrus. Als Jesus in den Hof des Hohenpriesters geführt wird, folgen ihm Petrus und ein anderer Jünger. Beide betreten den Hof, aber der Text konzentriert sich hauptsächlich auf Petrus:

Simon Petrus aber folgte Jesus und ein anderer Jünger. Dieser Jünger aber war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus hinein in den Hof des Hohenpriesters. Petrus aber stand an der Tür draußen. Da ging der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus und sprach mit der Türhüterin und führte Petrus hinein. Da spricht die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist nicht auch du einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sagt: Ich bin’s nicht. Es standen aber die Knechte und die Diener da, die ein Kohlenfeuer gemacht hatten, weil es kalt war, und wärmten sich; Petrus aber stand auch bei ihnen und wärmte sich. (Verse 15-18)

Nachdem er vom Gespräch Jesu mit dem Hohenpriester berichtet hat, kehrt der Autor von Joh 18 zu Petrus zurück:

Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Da sprachen sie zu ihm: „Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern?“ Er leugnete und sprach: „Ich bin’s nicht.“ Es spricht einer von den Knechten des Hohenpriesters, der ein Verwandter dessen war, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: „Sah ich dich nicht in dem Garten bei ihm?“ Da leugnete Petrus wieder; und gleich darauf krähte der Hahn. (Verse 25-27)

So wie Jesus wird auch Petrus mit der Frage nach seiner Identität konfrontiert. Doch anders als Jesus leugnet Petrus seine Identität, indem er lügt: „Ich bin es nicht.“

Das ist ein klassisches Beispiel für Wiederholung mit Variation. Während Jesus mit „Ich bin [es]“ antwortet, sagt Petrus „Ich bin es nicht“. Interessanterweise wird im Text nur zweimal erwähnt, dass Petrus sagt „Ich bin es nicht“, obwohl er Jesus dreimal verleugnet. Das ist ganz bewusst so gemacht, um die Antworten von Jesus und Petrus miteinander zu verbinden, denn Jesus sagt ebenfalls zweimal „Ich bin [es]“.

Worum geht’s hier also? Es geht darum, dass Jesus und Petrus dieselbe Versuchung bezüglich ihrer Identität erleben und dass Jesus dort siegreich bleibt wo Petrus versagt. Während Petrus seine Identität als Jünger Jesu verneint, bekennt Jesus seine wahre Identität als Gott und Erlöser der Welt. Dieses Bekenntnis führte dazu, dass Jesus sein Leben verliert, während Petrus in der Lage ist, sein Leben durch sein Leugnen zu retten. Doch am Ende ist es gerade durch seine Treue zu sich selbst und seiner eigenen Identität bis zum Tod, dass Jesus in der Lage ist, echtes Leben sowohl für Petrus als auch für alle anderen zu erwirken, die ihre eigene Identität verleugnet haben!

Hausaufgabe

Lies 1. Samuel 1,1-3. Warum werden die Söhne Elis in Vers 3 vorgestellt? Was erreicht der Autor damit, dass er sie an diesem Punkt vorstellt und warum ist das von Bedeutung? (Tipp: Schau dir einmal die Namen an, die in diesen drei Versen vorkommen [außer den Namen der Linie Elkanas in Vers 1]. Fällt dir etwas auf?)

 

Nikodemus im Zusammenhang

Wahrscheinlich kennst du die Geschichte von Nikodemus in Johannes 3. Aber hast du schon einmal auf die Verse geachtet, die unmittelbar vor der Geschichte stehen?

Als er aber zu Jerusalem war, am Passa, auf dem Fest, glaubten viele an seinen Namen, als sie seine Zeichen sahen, die er tat. Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte und nicht nötig hatte, dass jemand Zeugnis gebe von dem Menschen; denn er selbst wusste, was in dem Menschen war. (Johannes 2,23-25)

Johannes teilt seinen Lesern also mit, dass Jesus wusste, was in dem Menschen war. Daher ist es interessant, dass er die Nikodemus-Geschichte folgendermaßen einleitet: „Es war aber ein Mensch aus den Pharisäern…“ Es scheint, als wenn Johannes mit der Wiederholung des Wortes Mensch seine Leser darauf aufmerksam machen will, dass die Nikodemus-Geschichte eine Illustration der letzten Aussage von Kapitel 2 ist. Jesus weiß, was in Nikodemus ist und dass er eine Neugeburt braucht, ungeachtet dessen, dass er ein Pharisäer ist.

Die Ironie liegt darin, dass sich Nikodemus am Beginn der Geschichte als jemand vorstellt, der weiß:

„Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“ (Joh 3,2)

Doch in nur wenigen kurzen Versen zeigt Jesus, wie wenig Nikodemus eigentlich weiß:

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und weißt das nicht? (Joh 3,10)

Interessanterweise nennt Jesus Nikodemus einen „Lehrer“ – der gleiche Begriff, den Nikodemus in Vers 2 für Jesus verwendet hatte. Wir haben hier also ein Gespräch zwischen zwei Lehrern. Einer von beiden behauptet, Wissen zu besitzen, aber er weiß die wichtigste Sache nicht: wie jemand echte Bekehrung erleben kann. Der andere Lehrer hat dieses Wissen und teilt es mit dem, der es nicht besitzt, der aber selbst genau so eine Bekehrung baucht.

Hausaufgabe

Kannst du noch andere Verbindungen zwischen Johannes 3 und seinem unmittelbaren Zusammenhang entdecken?

 

8. Hinweis: Der Text ist in parallelen Zyklen angeordnet (1. Teil)

Vielleicht erinnerst du dich daran, dass der erste hier vorgestellte Hinweis besagte, dass Erlösung das Hauptthema jedes biblischen Textes ist. Der letzte Hinweis, den ich betrachten möchte, bringt uns zu demselben Thema zurück. Aufmerksamen Bibelleser muss früher oder später auffallen, dass besonders die Geschichten der Bibel in Zyklen angeordnet sind, in denen die Erlösungsgeschichte quasi in Miniaturform immer wieder durchgespielt wird. Das wird schon in den ersten Kapiteln der Bibel deutlich.

Erinnerst du dich noch an die Struktur von 1. Mose 1-11?

A   Schöpfung, göttlicher Segen (1,1-2:3)

       B   Sünde Adams: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (2,4-3,24)

             C   Keine Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Abel (4,1-16)

                   D   Nachkommen des sündigen Sohnes Kain (4,17-26)

                          E   Nachkommen des erwählten Sohnes Set: 10 Generationen (5,1-32)

                                F   Sünde, die zum Gericht führt: Söhne Gottes (6,1-4)

                                      G   Kurze Einführung: Noah, 3 Söhne (6,5-8)

A’   Flut: Umkehrung der Schöpfung, Neuschöpfung, göttlicher Segen (6,9-9,19)

        B’   Sünde Noahs: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (9,20-29)

               C’   Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Jafet (10,1-5)

                      D’   Nachkommen des sündigen Sohnes Ham (10,6-20)

                          E’   Nachkommen des erwählten Sohnes Sem: 10 Generationen (10,21-32)

                                     F’   Sünde, die zum Gericht führt: Turmbau zu Babel (11,1-9)

                                            G’   Kurze Einführung: Terah, 3 Söhne (11,27-32)

 

Wie wir bereits festgestellt haben ist es recht offensichtlich, dass der Schreiber des 1. Mosebuches sein Material in den ersten elf Kapiteln ganz bewusst in einer Parallelstruktur angeordnet hat. Dadurch wird deutlich, dass die beiden Sequenzen eigentlich die gleiche Geschichte erzählen: Gott erschafft und segnet den Menschen, der Mensch sündigt, die anhaltende Sünde des Menschen führt zu göttlichem Gericht, doch in beiden Sequenzen wird ein Erlöser eingeführt, der das Land verlassen muss, aber später mit denen zurückkehrt, die Gott treu sind. Dieser Zyklus von Exil und Rückkehr in das Land kommt nicht nur hier am Beginn von 1. Mose vor, sondern kann im ganzen Alten und Neuen Testament beobachtet werden. Schau dir nur mal die folgende Liste an:

  • Noah: Exil (Flut) – Rückkehr in das Land
  • Abraham: Exil (Ägypten) – Rückkehr in das Land
  • Jakob: Exil (zu Laban) – Rückkehr in das Land
  • Israel 1/Mose: Exil (Ägypten) – versuchte Rückkehr in das Land
  • Israel 2/Josua: Exil (40 Jahre in der Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Naomi/Ruth/Boas: Exil (Moab) – Rückkehr in das Land
  • David: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Elia: Exil (Bach/Zarpat) – Rückkehr in das Land
  • Elisa: Exil (über dem Jordan) – Rückkehr in das Land
  • Israel 3: Exil (Babylon) – Rückkehr in das Land
  • Jesus: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Gemeinde: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land

Die Parallelen zwischen diesen Zyklen sind verblüffend. Denken wir nur einmal an die Ähnlichkeiten zwischen der Geschichte Abrahams und der Geschichte Israels, oder den Geschichten Jakobs und Davids. Diese Parallelen sind eindeutig gewollt. Die große Frage ist: Warum kommt dieses Thema des Exils und der Rückkehr in das Land so häufig vor? Die Antwort ist simpel: weil dadurch immer und immer wieder die große Geschichte der Bibel veranschaulicht wird, die ja eine Geschichte des Exils und der Rückkehr in das Land ist! Weil der Mensch gefallen ist, lebt er jetzt im Exil der Sünde. Doch Gott setzt sich mit all seiner Leidenschaft dafür ein, den Menschen aus dem Exil zu befreien und ihn dorthin zurückzubringen, wo er ursprünglich herkam. 1. Mose 1-4 zeigt, wie Gott den Menschen erschuf und ihn in einen Garten im Land Eden setzte. Aufgrund der Sünde musste der Mensch zuerst den Garten (Adam und Eva) und später auch das Land (Kain) verlassen. Der Rest der Bibel beschreibt letztlich, wie Gott versucht, den Menschen zurück in das Land und zurück in den Garten zu bringen, wo er ihn ursprünglich leben lassen wollte.

Wie schafft Gott das? Indem er einen Erlöser erweckt, der sein Volk wieder in das Land zurückbringt. Das sind die Leute, die zu den verschiedenen Zyklen (s.o.) gehören. Viele von ihnen werden als sogenannte „Typen Jesu“ bezeichnet. Das bedeutet, dass ihre Erlebnisse die Erfahrungen Jesu vorausschatten. (Natürlich sind das nicht die einzigen Erlöserfiguren im AT – es gibt noch viele weitere.) Somit ebnen die einander sehr ähnlichen Zyklen im Alten Testament den Weg für Jesus Christus, der denselben Zyklus durchläuft. Das bedeutet, dass das gesamte Alte Testament auf Jesus vorverweist (siehe Lukas 24,27!). Er geht denselben Weg wie die Menschheit und wie sein Volk Israel, doch er geht ihn ohne zu sündigen. Deswegen hat er das Recht, ihr Erlöser zu sein. Die Gemeinde muss dann in seinen Fußspuren folgen. Er ist das Haupt und wir sind der Leib, deswegen muss seine Erfahrung unsere Erfahrung werden. Kein Wunder, dass uns die Bibel dazu aufruft, wie Jesus zu sein!

Hausaufgabe

Schau dir die Erlebnisse von Abraham und Israel an sowie die Geschichten von Jakob und David. Welche Parallelen entdeckst du?

 

2. Hinweis: Alles ist wichtig (1. Teil)

Im Gegensatz zu vielen modernen Autoren, gehen die biblischen Schreiber sehr sparsam mit Worten um. Die biblischen Geschichten, z. B., enthalten keine ausführlichen Berichte der Ereignisse, die sie beschreiben. Stattdessen hat der Autor sehr bewusst entschieden, was er erwähnt (und was er weglässt) und wie er die Geschichte erzählt. Viele Dinge, die uns brennend interessieren würden (wie Menschen oder Orte aussahen, was Leute gefühlt oder gedacht haben, etc.) werden im Text oft nicht erwähnt. Es scheint als ob der Autor nur die Dinge erwähnt, die für das Erzählen der Geschichte wichtig sind, sowie für den Punkt, den er machen möchte. Deswegen sind sowohl die Dinge, die er erwähnt, als auch die Art und Weise wie er sie erwähnt, sehr wichtig. Nichts ist einfach nur niedergeschrieben, weil es gut aussieht oder toll klingt. Alles ist von Bedeutung, auch jene Details, die nicht wichtig zu sein scheinen. Deswegen müssen wir sehr aufmerksam lesen und sehr genau darauf achten, welche Details der Autor uns mitteilt und wie er seinen Text aufgebaut hat. (Das ist auch der Hauptgrund warum es so wichtig ist, den Text entweder in den Originalsprachen zu lesen oder eine Übersetzung zu verwenden, die die Originalsprachen treu wiedergibt.)

Das folgende Beispiel aus dem Johannesevangelium soll das verdeutlichen.

  1. Beispiel: Johannes 18

In Johannes 18 wird Jesus gefangen genommen und vor Hannas gebracht. Petrus und ein anderer Jünger folgen Jesus bis in den Hof des Hohepriesters. Ab Vers 16 konzentriert sich die Geschichte auf Petrus:

Petrus aber stand an der Tür draußen. Da ging der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus und sprach mit der Türhüterin und führte Petrus hinein. Da spricht die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist nicht auch du einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sagt: Ich bin’s nicht. Es standen aber die Knechte und die Diener da, die ein Kohlenfeuer gemacht hatten, weil es kalt war, und wärmten sich; Petrus aber stand auch bei ihnen und wärmte sich. (vv 16-18)

In diesen drei Versen gibt es viele interessante Dinge, auf die man achten könnte, aber ich möchte mich an dieser Stelle nur auf ein interessantes Detail beschränken, das der Autor erwähnt, nämlich dass es im Hof ein Kohlenfeuer gab. Dieses Detail wird oft übersehen. Doch als aufmerksame Leser müssen wir uns die Frage stellen: Warum hat sich der Autor entschieden, diese Kleinigkeit zu erwähnen? Schließlich würde die Geschichte auch ohne dieses Kohlenfeuer funktionieren. Der Autor hätte uns auch nur darüber informieren können, dass die Knechte und Diener im Hof standen und dass Petrus bei ihnen war. Warum ist das Feuer wichtig? Kapitel 18 scheint auf diese Frage keine Antwort zu geben. Auch in Kapitel 19 und 20 erfahren wir nichts darüber. Erst wenn wir ins Kapitel 21 kommen beginnen wir zu verstehen, warum das Kohlenfeuer in Kapitel 18 erwähnt wurde.

In Johannes 21 gehen einige Jünger zurück zu ihrer früheren Tätigkeit als Fischer. Am Morgen erscheint Jesus am Ufer, sagt ihnen, dass sie ihr Netz auf der rechten Bootseite ins Wasser werfen sollen, woraufhin sie viele Fische fangen.

Vers 9 teilt uns mit, was passiert, als sie ans Ufer kommen.

Als sie nun ans Land ausstiegen, sehen sie ein Kohlenfeuer liegen und Fisch daraufliegen und Brot.

Der aufmerksame Leser von Johannes 21,9 wird sofort bemerken, dass der Autor wieder ein Kohlenfeuer erwähnt. Tatsächlich sind Johannes 18,18 und 21,9 die einzigen beiden Stellen im ganzen Johannesevangelium, wo ein Kohlenfeuer erwähnt wird. Das ist mit Sicherheit kein Zufall! Stattdessen hat der Autor das Kohlenfeuer sehr bewusst in diesen Versen erwähnt, um diese zwei Szenen miteinander zu verbinden. In Johannes 18 verrät Petrus Jesus drei Mal an einem Kohlenfeuer. In Johannes 21 fragt Jesus Petrus drei Mal, ob er ihn liebt – an einem Kohlenfeuer. Mit anderen Worten: Jesus nimmt Petrus quasi zurück in die Szene in Kapitel 18, zurück an den Ort wo Petrus ihn verraten hat und fragt ihn dort: wie stehst du wirklich zu mir? Und so gibt Jesus ihm die Möglichkeit, die Szene im Hof noch einmal zu durchleben und eine andere Entscheidung zu treffen.

So ist Gott: er bringt uns zurück an den Punkt, wo wir gefallen ist, und gibt uns die Möglichkeit, neu zu beginnen. Und er tut sogar noch etwas Besseres. Er selbst wird Mensch, geht an den Punkt zurück, wo wir gefallen sind, erlebt dieselben Versuchungen, die wir erleben, und bleibt siegreich. (Dies wird übrigens in Joh 18 sehr schön aufgezeigt – mehr dazu in einem späteren Post.) Er lebt das Leben, das auch wir leben, ohne jedoch zu sündigen – und stirbt dann den Tod, den wir verdient haben – wodurch wir das Leben zurückerhalten können, das wir einst hatten. Was für ein Gott!

Fortsetzung folgt!