Anspielungen in 1. Samuel 13 (1. Teil)

In 1. Samuel 13 wird die Geschichte von Sauls erstem Versagen als König erzählt, als er ein Opfer darbrachte, anstatt auf Samuel zu warten, wie ihm gesagt worden war. Dass seine Sünde eigentlich ein neuer Sündenfall ist, wird durch die folgenden Parallelen zu 1. Mose 3 deutlich gemacht:

  • Der Mann/Mensch sündigt (V.9; vgl. 1. Mo 3,6)
  • Frage: Was hast du getan? (V.11; vgl. 1. Mo 3,13)
  • Ausreden (V.11-12; vgl. 1. Mo 3,10.12.13)
  • Urteilsverkündung (V. 13-14; vgl. 1. Mo 3,14-19)

Neben diesen Ähnlichkeiten zum Fall Adams und Evas enthält 1. Sam 13 auch interessante Anspielungen auf mindestens drei weitere wichtige Ereignisse in der Geschichte Israels:

(1) Der Auszug unter Mose

  • „Saul war der Sohn eines Jahres, als er König wurde…“ (V.1). Dieser Ausdruck kommt an anderer Stelle im AT nur noch in 2. Mo 12,5 in Verbindung mit dem Passahlamm vor.
  • „Die Hebräer sollen es hören!“ (V.3) Der Begriff „Hebräer“ („die, die überqueren“) ist eng mit dem Auszug aus Ägypten (2. Mo 1,15.16.19; 2,6.7.11.13; 3,18; 5,3; 7,16; 9,1.13; 10,3) verbunden.
  • „Israel hat sich bei den Philistern stinkend gemacht…“ (V.4) Derselbe Ausdruck wurde von den israelitischen Vorarbeitern in 2. Mo 5,21 verwendet.
  • „Der Vernichtungstrupp (wörtl.: Verderber) kam aus dem Lager der Philister…“ (V.17). Der Begriff „Verderber” kam zuvor nur in 2. Mo 12,23 vor.

(2) Die Landnahme unter Josua

  • „Da wurde das Volk hinter Saul her nach Gilgal zusammengerufen…“ (V.4) Gilgal spielt nicht nur in Jos 4-5 eine wichtige Rolle, sondern auch in Josuas Kampf gegen die fünf Könige der Amoriter (siehe Jos 10).
  • Die Philister waren „so viel wie der Sand am Ufer des Meeres…“ (V.5). Die exakt selbe Phrase wird vorher nur in Jos 11,4 verwendet, um die feindlichen Heere zu beschreiben, die gegen Israel ausgezogen waren.
  • Die Männer Israels versteckten sich in Höhlen, u.a. (V.6). Die einzige Situation, in der sich Leute zuvor in einer Höhle versteckten, wird in Jos 10 (V.16, 17, 27) berichtet.
  • Eine Abteilung wandte sich Richtung Bet-Horon (V.18). Diese Stadt wird auch in Jos 10 erwähnt (V.10-11).

(3) Der Sieg unter Gideon

  • „Das übrige Volk aber entließ er, einen jeden nach seinen Zelten…“ (V.2). Genau dasselbe tat Gideon auch (Ri 7,8).
  • „und Saul ließ im ganzen Lande in die Posaune stoßen…“ (V.3). Gideon tat dies ebenso (Ri 6,34).
  • Die Philister waren „so viel wie der Sand am Ufer des Meeres…“ (V.5). Dasselbe wird auch von den Midianitern in Ri 7,12 gesagt.
  • Die Männer Israels versteckten sich in Höhlen, u.a. (V.6). Das erinnert an Ri 6,2, wo sich die Söhne Israels wegen den Midianitern selbst Höhlen bauten, etc.
  • Drei Abteilungen gingen von dem Lager der Philister aus (V.17). Gideon teilte seine Armee ebenfalls in drei Abteilungen (Ri 7,16).
  • Eine Abteilung ging in Richtung Ophra (V.17). Ophra war Gideons Heimatstadt (Ri 8,27).

(Fortsetzung folgt)

Hausaufgabe

Warum spielt der Autor von 1. Samuel 13 gerade auf diese Ereignisse an? Wie helfen diese Anspielungen, die Botschaft dieses Kapitels zu verdeutlichen?

7. Hinweis: Der Text baut auf vorherigen Texten auf (1. Teil)

Inzwischen sollte deutlich geworden sein, dass biblische Texte nicht isoliert für sich alleine stehen, sondern immer Teil von etwas Größerem sind. Das ist nicht wirklich überraschend, wenn wir bedenken, dass die Bibel nicht eine wahllose und ungeordnete Ansammlung von Texten, sondern ein gut durchdachtes literarisches Meisterwerk ist, dass eine große Geschichte erzählt, die in 1. Mose 1 anfängt und in Offenbarung 22 ihren triumphalen Abschluss findet. Und wie bei jeder Geschichte, ist es auch in der Bibel schwierig spätere Teile der Geschichte zu verstehen, wenn man die früheren Teile und vor allem den Anfang der Geschichte nicht kennt. Stell dir vor du würdest einen Roman zur Hand nehmen, den du noch nie zuvor gelesen hast und würdest einfach irgendwo, sagen wir in Kapitel 22 anfangen zu lesen. Wie viel würdest du verstehen? Wahrscheinlich nicht besonders viel. Ohne den Hintergrund der ersten 21 Kapitel würde das, was in Kapitel 22 steht wahrscheinlich nicht besonders viel Sinn machen. Die einzige Möglichkeit, um wirklich zu verstehen, was in Kapitel 22 los ist, ist die ersten 21 Kapitel zu kennen. Dasselbe gilt auch für die Bibel. Man kann beispielsweise einen Text im Buch Josua nicht vollends verstehen, wenn man nicht weiß, was in den fünf Büchern Mose passiert. Genausowenig kann man die Briefe von Paulus vollends verstehen, wenn man das Alte Testament nicht kennt. Warum nicht? Weil Paulus, der Autor des Buches Josua und alle anderen Bibelschreiber sich ständig auf vorherige Texte beziehen und auf sie anspielen. Manchmal tun sie das sehr direkt, indem sie einen vorherigen Text zitieren. Oft tun sie es allerdings auf eher subtile Art und Weise, indem sie ihre Texte so schreiben, dass der aufmerksame Leser unweigerlich an vorherige Texte erinnert wird. Dabei spielt erneut die Wiederholung eine entscheidende Rolle. Indem der Autor bestimmte Wörter, Phrasen, Schauplätze, Motive, etc. wiederholt, möchte er den aufmerksamen Leser dazu animieren, sich die wichtige Frage zu stellen: Woran erinnert mich das? Das funktioniert natürlich nur, wenn der Leser die vorherigen Texte kennt und sich dessen bewusst ist, dass die Bibelschreiber die Angewohnheit haben, auf vorherige Texte anzuspielen. Ansonsten werden die Hinweise, die der Autor im Text hinterlassen hat, schlicht übersehen werden.

Das heißt, wenn wir die Bibel richtig verstehen und auslegen wollen, müssen wir dieses Buch gut kennen. Allermindestens sollten wir ein Grundwissen über den Inhalt der Bibel haben. Die beste Möglichkeit sich dieses Wissen einzueignen, ist ganz einfach die Bibel durchzulesen. Je mehr man liest und desto mehr man mit dem Inhalt vertraut ist, desto leichter ist es zu erkennen auf welche Texte ein Bibelschreiber anspielt und wie diese Anspielungen helfen den Ausgangstext besser zu verstehen. Gib nicht auf, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Es braucht etwas Übung und Zeit, aber es lohnt sich!

Fortsetzung folgt.