Zwei völlig verschiedene Festmahle

Matthäus 14,1-21 beschreibt zwei Festmahle, die von zwei Königen ausgerichtet werden. Das Erste ist das Mahl des Herodes (V.1-13). Es findet in seinem Palast statt und endet mit dem Tod Johannes des Täufers. Laut Vers 5 hatte Herodes Johannes bereits eher töten wollen, fürchtete sich aber vor der Volksmenge. Als aber die Tochter der Herodias vor ihm tanzt, lässt er sich zu einem vorschnellen Eid hinreißen und verspricht ihr alles zu geben, worum sie bittet. Angeregt durch ihre Mutter sagt das Mädchen: Gib mir hier auf einem Teller den Kopf von Johannes dem Täufer (V.8). Obwohl es dem König leid tut, befiehlt er, Johannes umzubringen, um sein eigenes Gesicht zu wahren. Also wird Johannes getötet und sein Kopf wird dem Mädchen gegeben, welches ihn der Mutter bringt. Gemäß V. 12 wurde der Körper von Johannes von seinen Jünger aufgehoben und begraben.

Vergleichen wir das einmal mit dem zweiten Festmahl, das in V.14-21 beschrieben wird. Dieses Festmahl wird auch von einem König ausgerichtet, aber er ist ganz anders als Herodes. Statt sich wie Herodes vor der Volksmenge zu fürchten, hat dieser König Mitleid mit ihr (V.14). Anstatt Menschen zu töten, heilt dieser König all ihre Krankheiten. Obwohl dieses Festmahl an einem einsamen Ort stattfindet, ist das Ergebnis viel positiver: statt eines Kopfes auf einem Teller erhalten die Menschen echte Nahrung, die sie satt macht. Die Art und Weise, wie dies geschieht, erinnert an das erste Festmahl: als die Jünger sagen, dass sie nur fünf Brote und zwei Fische haben, antwortet Jesus ihnen: Bringt sie mir her (V.18; dasselbe griechische Wort wie in V.8). Dann befiehlt er der Volksmenge, sich zu setzen (V.19). Danach bricht er das Brot und gibt es den Jüngern, die es dann zu den Menschen bringen. Am Ende heben die Jünger auf, was übriggeblieben ist (V.20).

Matthäus erklärt die tiefere Bedeutung des zweiten Festmahls nicht ausdrücklich; Johannes hingegen schon (siehe Johannes 6). Das Brot, das gebrochen wurde, symbolisiert den Leib Christi. So wird der Kontrast zwischen den beiden Königen und ihren Festmahlen in Matt 14 noch deutlicher. Während der eine König vor der Volksmenge Angst hat und den Kopf des Propheten Gottes darbietet, um sein eigenes Gesicht zu wahren, hat der andere König Mitleid mit dem Volk und bietet seinen eigenen Leib dar, um andere zu retten. Das „Mahl“ beim ersten Bankett ist das Ergebnis von Selbstsucht und Grausamkeit und sättigt niemand – es stillt lediglich Herodias‘ Gier nach Rache. Das Mahl beim zweiten Bankett hingegen findet aufgrund von Selbstlosigkeit und Mitleid statt und macht alle Anwesenden satt. Kein Wunder, dass wir uns zu so einem König hingezogen fühlen und weiterhin sein Mahl feiern, das wirklich satt macht.

Daniel 5 im Zusammenhang

In Daniel 5 wird die bekannte Geschichte von Belsazar und der Schrift an der Wand erzählt. Die Geschichte beginnt folgendermaßen:

Der König Belsazar machte seinen tausend Gewaltigen ein großes Mahl, und vor den Tausend trank er Wein. Belsazar befahl unter dem Einfluss des Weins, die goldenen und die silbernen Gefäße herbeizubringen, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel in Jerusalem weggenommen hatte, damit der König und seine Gewaltigen, seine Frauen und seine Nebenfrauen daraus tränken. Da brachte man die goldenen Gefäße, die man aus dem Tempel des Hauses Gottes in Jerusalem weggenommen hatte; und der König und seine Gewaltigen, seine Frauen und seine Nebenfrauen tranken daraus. Sie tranken Wein und rühmten die Götter aus Gold und Silber, aus Bronze, Eisen, Holz und Stein.

Wie immer könnte man in diesen Versen auf viele interessante Dinge verweisen, aber ich möchte mich an dieser Stelle erst einmal nur auf den sehr interessanten Kontrast konzentrieren, den diese Verse mit ihrem unmittelbaren Kontext bilden, nämlich mit der letzten Szene in Kapitel 4, also den Versen 31-34.

Und am Ende der Tage erhob ich, Nebukadnezar, meine Augen zum Himmel, und mein Verstand kehrte zu mir zurück. Und ich pries den Höchsten, und ich rühmte und verherrlichte den ewig Lebenden, dessen Herrschaft eine ewige Herrschaft ist und dessen Reich von Geschlecht zu Geschlecht [währt]. Und alle Bewohner der Erde sind wie nichts gerechnet, und nach seinem Willen verfährt er mit dem Heer des Himmels und den Bewohnern der Erde. Und da ist niemand, der seiner Hand wehren und zu ihm sagen könnte: Was tust du? Zu derselben Zeit kehrte mein Verstand zu mir zurück, und zur Ehre meines Königtums kehrten meine Herrlichkeit und mein Glanz zu mir zurück. Und meine Staatsräte und meine Gewaltigen suchten mich auf, und ich wurde wieder in mein Königtum eingesetzt, und außergewöhnliche Größe wurde mir hinzugefügt. Nun rühme ich, Nebukadnezar, und erhebe und verherrliche den König des Himmels, dessen Werke allesamt Wahrheit und dessen Wege Recht sind und der die erniedrigen kann, die in Stolz einhergehen.

Die Verbindung zwischen diesen beiden Szenen wird nicht nur durch die Erwähnung von Nebukadnezar in beiden Passagen hergestellt, sondern auch durch die Wiederholung von mindestens zwei weiteren Schlüsselbegriffen. Achte z.B. einmal darauf, wie in Vers 33 auf die „Gewaltigen“ von Nebukadnezar verwiesen wird, die zu ihm zurückkehrten, als sein Verstand wiederhergestellt war. Interessanterweise kommt derselbe Begriff auch in 5,1 und 5,3 vor, wo Belsazar zusammen mit seinen „Gewaltigen“ von den heiligen Tempelgefäßen trinkt. Laut Dan 5,4 tranken sie Wein und “rühmten” die Götter aus Gold, Silber, Bronze, Eisen, Holz und Stein. Das erinnert uns an 4,31 und 4,34, wo Nebukadnezar den Höchsten „rühmt“. Wir haben hier also zwei sehr ähnliche und doch völlig verschiedene Szenen. In beiden Geschichten sehen wir einen König, der von seinen Gewaltigen umgeben ist und jemanden rühmt. Und doch ist das Objekt ihres Rühmens ganz unterschiedlich. Belsazar rühmt leblose Götzen aus Gold, Silber, Bronze, Eisen, Holz und Stein, während er gleichzeitig den lebendigen Gott verspottet, den sein „Vater“ Nebukadnezar am Ende von Kapitel 4 gepriesen hatte. Das Schicksal der beiden Könige zeigt klar und deutlich, welcher Gott den Lobpreis verdient: während Nebukadnezar als König wiederhergestellt wird, verliert Belsazar sein Königreich und auch sein Leben. Seine Götter konnten ihm nicht helfen gegen denjenigen, „der die erniedrigen kann, die in Stolz einhergehen.“ (4,37). Nebukadnezar hat diese Lektion gelernt; sein „Sohn“ Belsazar nicht. Was uns zu der Frage führt: Werden wir sie lernen?

Hausaufgabe

In Daniel 5,1 heißt es wörtlich: „Der König Belsazar machte seinen tausend Gewaltigen ein großes Brot… .“ Warum ist das von Bedeutung?

Nikodemus im Zusammenhang

Wahrscheinlich kennst du die Geschichte von Nikodemus in Johannes 3. Aber hast du schon einmal auf die Verse geachtet, die unmittelbar vor der Geschichte stehen?

Als er aber zu Jerusalem war, am Passa, auf dem Fest, glaubten viele an seinen Namen, als sie seine Zeichen sahen, die er tat. Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte und nicht nötig hatte, dass jemand Zeugnis gebe von dem Menschen; denn er selbst wusste, was in dem Menschen war. (Johannes 2,23-25)

Johannes teilt seinen Lesern also mit, dass Jesus wusste, was in dem Menschen war. Daher ist es interessant, dass er die Nikodemus-Geschichte folgendermaßen einleitet: „Es war aber ein Mensch aus den Pharisäern…“ Es scheint, als wenn Johannes mit der Wiederholung des Wortes Mensch seine Leser darauf aufmerksam machen will, dass die Nikodemus-Geschichte eine Illustration der letzten Aussage von Kapitel 2 ist. Jesus weiß, was in Nikodemus ist und dass er eine Neugeburt braucht, ungeachtet dessen, dass er ein Pharisäer ist.

Die Ironie liegt darin, dass sich Nikodemus am Beginn der Geschichte als jemand vorstellt, der weiß:

„Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“ (Joh 3,2)

Doch in nur wenigen kurzen Versen zeigt Jesus, wie wenig Nikodemus eigentlich weiß:

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und weißt das nicht? (Joh 3,10)

Interessanterweise nennt Jesus Nikodemus einen „Lehrer“ – der gleiche Begriff, den Nikodemus in Vers 2 für Jesus verwendet hatte. Wir haben hier also ein Gespräch zwischen zwei Lehrern. Einer von beiden behauptet, Wissen zu besitzen, aber er weiß die wichtigste Sache nicht: wie jemand echte Bekehrung erleben kann. Der andere Lehrer hat dieses Wissen und teilt es mit dem, der es nicht besitzt, der aber selbst genau so eine Bekehrung baucht.

Hausaufgabe

Kannst du noch andere Verbindungen zwischen Johannes 3 und seinem unmittelbaren Zusammenhang entdecken?

 

6. Hinweis: Der Text steht in einem Zusammenhang (3. Teil)

3. Beispiel: 1. Samuel 18

1. Samuel 18 folgt unmittelbar auf die bekannte Geschichte von David und Goliat in 1. Sam 17. Dieses Kapitel endet mit einer Szene, die beim Erzählen der David-Goliat-Geschichte normalerweise weggelassen wird. Im Bezug auf Kapitel 18 ist diese Szene jedoch sehr wichtig. Im Text heißt es:

55 Als aber Saul sah, wie David dem Philister entgegenging, sagte er zu Abner, dem Heerobersten: Wessen Sohn ist doch dieser junge Mann, Abner? Und Abner antwortete: So wahr du lebst, König, ich weiß es nicht! 56 Und der König sagte: Frage, wessen Sohn der junge Mann ist! 57 Als David zurückkehrte, nachdem er den Philister erschlagen hatte, nahm ihn Abner und brachte ihn vor Saul; und er hatte den Kopf des Philisters in seiner Hand. 58 Und Saul sagte zu ihm: Wessen Sohn bist du, junger Mann? David antwortete: Der Sohn deines Knechtes Isai, des Bethlehemiters. (1. Sam 17,55-58)

Wenn wir die Wiederholungen in diesen Versen beachten, sehen wir ganz klar, was das Hauptproblem in diesen abschließenden Versen von Kapitel 17 ist. Die große Frage am Ende dieses Abschnitts lautet: Wessen Sohn ist David? Und obwohl David in Vers 58 eine Antwort darauf gibt, bleibt die Frage immer noch wichtig für das, was in Kapitel 18 folgt. Zum Beispiel ist es interessant, dass am Anfang von Kapitel 18 die enge Beziehung zwischen David und Sauls Sohn Jonathan erwähnt wird. In Vers 2 erfahren wir, dass Saul David zu sich nimmt und ihn nicht mehr zu seinem Vaterhaus zurückkehren lässt. Es scheint, dass David Teil von Sauls Familie wird. Dieser Eindruck wird durch Vers 4 noch verstärkt: Jonathan gibt David sogar sein eigenes Gewand und seine Rüstung. Diese Übergabe der Kleidung und Waffen lässt vermuten, dass David die Stelle Jonathans einnimmt und in gewisser Weise zu Sauls Sohn wird. Aber stimmt das wirklich?

Wieder ist es hilfreich, sich den Zusammenhang anzusehen. Wer den Text aufmerksam liest, wird sich daran erinnern, dass 18,4 nicht die erste Stelle ist, wo eine solche Übergabe von Kleidung und Waffen erwähnt wird. Bereits in 1. Sam 17 versucht Saul, David seine Kleider und Waffen zu geben, doch David entscheidet sich, diese wieder auszuziehen. In Kapitel 17 lehnt David also Sauls Kleider und Waffen ab, wohingegen er die von Jonathan in Kapitel 18 annimmt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Schreiber diese Übergabeszenen nicht einfach aus Spaß berichtet. Vielmehr scheint es, dass er ganz bewusst davon erzählt, um eine tiefere Wahrheit zu vermitteln: David kann sich Goliat nicht in Sauls Kleidung und Waffen entgegenstellen, weil er nicht wie Saul ist. Saul wäre eigentlich derjenige gewesen, der in Kapitel 17 gegen Goliat hätte kämpfen sollen; schließlich war er einen Kopf größer als der Rest der Israeliten (1. Sam 9,2) und damit der Riese Israels. Doch Saul hatte Angst, denn der Geist des Herrn hatte ihn verlassen (1. Sam 16,14). David hingegen war erfüllt von Gottes Geist (1. Sam 16,13) und vertraute völlig darauf, dass Gott ihm den Sieg geben würde. David war also nicht wie Saul und konnte auch dessen Gewänder und Waffen nicht annehmen. David war wie Jonathan (vgl. 1. Sam 14!), weswegen es nicht überrascht, dass er Jonathans Kleidung und Waffen annimmt. Und obwohl David in Kapitel 18 in gewisser Weise die Rolle Jonathans einnimmt, bedeutet das nicht, dass er der „Sohn“ Sauls geworden ist; Kapitel 16 und 17 haben gezeigt, dass sich David in seiner Einstellung und seinem geistlicher Zustand stark von Saul unterscheidet.

Ungeachtet dessen versucht Saul später in Kapitel 18 David zu seinem Schwiegersohn zu machen. Ironischerweise will Saul David zum Sohn machen, um ihn umzubringen – ein Plan, der den großen Gegensatz zwischen beiden umso stärker hervorhebt. Am Ende des Kapitels ist David tatsächlich zu Sauls Sohn geworden – im rechtlichen Sinne. In Wirklichkeit ist er kein Sohn Sauls, denn 1. Sam 18,29 berichtet uns, dass David Sauls Feind geworden war. Die Frage vom Ende des 17. Kapitels ist also noch einmal beantwortet worden: David mag zwar Jonathan nahe stehen und sogar rechtlich zur Familie Sauls gehören, aber er ist nicht Sauls Sohn. Durch Heirat ist er mit Saul verwandt, doch sein Charakter ist ganz anders. Eines Tages wird David König sein, aber nicht so ein König wie Saul. Vielmehr wird er zu einem König, der dem Herrn völlig vertraut – ein Mann nach dem Herzen Gottes.

Hausaufgabe

Schau dir Markus 3,1-6 an. Welche Verbindungen siehst du zwischen dieser Geschichte und dem vorausgehenden Text in 2,23-28? Wie hängen beide Geschichten zusammen? Inwieweit wird die zweite Geschichte durch die erste verständlicher?

6. Hinweis: Der Text steht in einem Zusammenhang (2. Teil)

2. Beispiel: Johannes 8,2-11

Schauen wir uns die bekannte Geschichte der Ehebrecherin in Johannes 8 an. Direkt vor dieser Geschichte findet sich ein Abschnitt, in dem verschiedene Menschen sagen, für wen sie Jesus halten (Joh 7,40-53). Wenn man bedenkt, was in Joh 8 folgt, dann sind zwei Aussagen in diesen Versen besonders interessant. Beide enthalten das Wort „Gesetz“, welches auch in 8,5 vorkommt. Die erste Aussage steht in Vers 49:

Diese Volksmenge aber, die das Gesetz nicht kennt, sie ist verflucht!

Die Volksmenge wird hier von den Pharisäern beschuldigt, das Gesetz nicht zu kennen. Ironischerweise wird durch Joh 8,2-11 gezeigt, dass sie selbst, die Pharisäer, das Gesetz nicht kennen (oder nicht kennen wollen). In Vers 4 berufen sie sich auf das durch Mose gegebene Gesetz, um Jesus zu überzeugen, dass die Frau gesteinigt werden muss. Das Gesetz besagt jedoch, dass nicht nur die Frau, sondern auch der Mann, der die Ehe gebrochen hat, gesteinigt werden muss (3. Mo 20,10; 5.Mo 22,22). Die Pharisäer hingegen erwähnen den Mann überhaupt nicht. Es ist klar, dass sie nicht am Gesetz interessiert sind. Das wird auch durch die Frage deutlich, die Nikodemus ihnen in 7,51 stellt:

Richtet denn unser Gesetz den Menschen, ehe es vorher von ihm selbst gehört und erkannt hat, was er tut?

Ganz offensichtlich redet Nikodemus hier von Jesus, doch die Nähe dieser Frage zu Joh 8, 2-11 lädt uns regelrecht dazu ein, sie auch auf die Frau anzuwenden. (Die Geschichte der Frau dient in so mancher Hinsicht als Illustration der größeren Geschichte über Jesus und seine Ankläger). Dem mosaischen Gesetz nach sollten Angeklagte immer in einem Gericht angehört werden (5. Mo 1,16-17). In Joh 8 jedoch erlauben die Pharisäer der Frau nicht mal zu sprechen; sie geben ihr kein faires Verfahren. Der unmittelbare Zusammenhang von Joh 8,2-11 verdeutlicht also noch mehr, wie ungerecht das ganze Vorgehen in dieser Geschichte ist. Das Gesetz wird nicht ernst genommen. Ironischerweise befinden sich die Pharisäer hier in der Gegenwart des Gesetzgebers persönlich (beachte, dass Jesus mit seinem Finger schreibt, genau wie JHWH die Gebote mit seinem Finger schrieb [2. Mo 31,18]). Am Ende der Geschichte stehen die Pharisäer selbst als Angeklagte da. (Allerdings legt Jesus – anders als sie es taten – ihre Sünden nicht offen dar!) Dadurch wird eine andere Ironie sichtbar: diejenigen, die die Frau anklagen, haben dazu überhaupt kein Recht, denn sie sind selbst sündig. Doch der, der ohne Sünde ist und das Recht zur Anklage hätte, erhebt keine. Was für ein Kontrast!

Genauso interessant ist es, sich die Verse nach Joh 8,2-11 anzusehen. In Vers 12 beginnt Jesus mit den Pharisäern ein Gespräch, in dem die Gerichtsthematik weitergeführt wird. In Vers 13 beschuldigen sie ihn, dass er von sich selbst Zeugnis ablegt und meinen, dass dieses Zeugnis nicht wahr ist. Den Hintergrund für dieses Gespräch bildet wieder das mosaische Gesetz, welches besagt, dass zwei oder drei Zeugen nötig seien, um die Wahrheit einer Zeugenaussage zu bestätigen (5. Mo 19,15-16). Ganz plötzlich halten sich die Pharisäer sehr genau an das Gesetz. Aber aufgrund der vorherigen Szene wissen wir, dass sie sehr selektiv auswählen, wann sie das Gesetz anwenden und wann nicht. Als Antwort darauf sagt ihnen Jesus, dass sie dem Fleisch nach richten, er aber richtet niemanden (8,15). Und wieder wissen wir, bezogen auf die vorherige Geschichte, dass er Recht hat: sie richteten die Frau nach dem Fleisch, aber er richtete sie gar nicht. Die vorangegangene Geschichte dient also dazu, die Wahrhaftigkeit von Jesu Aussage zu bestätigen.

Hausaufgabe

Schau dir 1. Samuel 17,55-58 an. Dies sind die letzten Verse der David-und-Goliath-Geschichte (Ja, diese Verse sind tatsächlich Teil dieses Texts J). Wie bereiten diese Verse den Leser auf das vor, was in 1. Sam 18 passiert? Welche wichtige Frage wird hier aufgeworfen, die dann im nächsten Kapitel behandelt wird?

 

6. Hinweis: Der Text steht in einem Zusammenhang (1. Teil)

Sicher kennst du den Spruch “Niemand ist eine Insel”, ein einfacher Satz mit einer tiefen Wahrheit: jeder Mensch ist Teil von etwas Größerem und auf vielfache Weise mit der Welt und anderen Menschen verbunden. Das trifft nicht nur auf Menschen zu, sondern auch auf Texte, ganz besonders biblische Texte. Auch sie sind keine Inseln. Stattdessen wurde jeder Text sorgsam in einen bestimmten Kontext gesetzt und nur wenn dieser Zusammenhang beachtet wird, kann man den Text wirklich verstehen. Deswegen ist es wichtig, sich die Texte, die vor oder nach einem bestimmten Abschnitt stehen, genau anzuschauen. Wer das nicht tut, steht schnell in der Gefahr, einen Text „aus dem Zusammenhang zu reißen“ und etwas herauszulesen, was mit diesem Text überhaupt nicht ausgesagt werden soll! (Leider geschieht das viel öfter, als uns bewusst ist.)

Um die Beziehung eines Textes zu seinem Kontext zu verstehen, ist es wieder hilfreich, auf die Wiederholungen im Text zu achten. Oft enthalten die vorangehenden/nachfolgenden Texte dieselben Worte, Phrasen oder Themen wie der Abschnitt, den man gerade studiert. Hier sind drei Beispiele, die verdeutlichen, wie ein Blick auf den Zusammenhang helfen kann, einen Text richtig zu interpretieren.

1. Beispiel: Daniel 2

Fangen wir mit einem bekannten Beispiel an. Die meisten von uns kennen wahrscheinlich die Geschichte in Daniel 2: König Nebukadnezar sah im Traum ein Standbild. In Vers 2 befiehlt der König, dass die Wahrsagepriester und Beschwörer, die Zauberer und die Sterndeuter vor ihm erscheinen, um ihm seinen Traum mitzuteilen. Da wir wissen, wie wichtig Wiederholungen sind, bemerken wir sofort, dass die ersten beiden Gruppen, nämlich die Wahrsagepriester und Beschwörer, bereits am Ende des ersten Kapitels erwähnt wurden. An jener Stelle befindet Nebukadnezar, dass Daniel und seine Freunde zehnmal klüger sind als diese Leute (1,20). Daniel 1 endet demnach mit der Aussage, dass Daniel und seine Freunde den Wahrsagepriestern und Beschwörern überlegen sind. In Daniel 2 kommen dieselben zwei Gruppen wieder in einer Geschichte vor, welche die Schlussaussage von Daniel 1 nochmal bestätigt. Gleichzeitig betont Kapitel 2, warum Daniel und seine Freunde so überlegen sind: nicht wegen ihrer eigenen Weisheit, sondern aufgrund der Weisheit, die sie von Gott bekommen. Das muss man immer wieder betonen, denn Daniel 2 wird oft auf den Traum und dessen Auslegung reduziert. Der unmittelbare Zusammenhang verweist jedoch darauf, dass es im Kern bei Daniel 2 nicht nur um das Standbild und dessen Deutung geht, sondern um einen geistlichen Kampf zwischen dem wahren Gott und seinen Nachfolgern und den falschen Göttern Babylons und ihren Nachfolgern (dieses Thema wurde schon zu Beginn von Daniel 1 eingeführt). Die Hauptfrage in Daniel 2 ist nicht „Was bedeuten die unterschiedlichen Metalle?“, sondern vielmehr „Wer kann Träume deuten? Wer kann die Zukunft vorhersagen?“. Daniel 2 zeigt, dass nur der wahre Gott des Himmels das kann (2,28). Ein Blick auf Daniel 1 hilft also, die Hauptaussage in Daniel 2 zu erkennen.

Was ist mit Daniel 3? Auch hier hilft es, sich der Wichtigkeit von Wiederholungen bewusst zu sein, denn sowohl Kapitel 2 als auch Kapitel 3 erwähnen ein Standbild. Wenn wir die beiden Standbilder vergleichen, dann stellen wir ziemlich schnell fest, dass Nebukadnezar den Traum (aus Kapitel 2) umdeuten will. Während in Kapitel 2 nur der Kopf aus Gold ist, baut der babylonische König ein Standbild, das völlig aus Gold besteht. Die Botschaft ist eindeutig: Er möchte, dass sein Königreich ewig besteht. Man sieht also, dass Nebukadnezar nicht bereit ist, die Botschaft von Kapitel 2 anzunehmen. Statt anzuerkennen, dass der Gott des Himmels der einzige ist, der ein ewiges Königreich errichten wird, möchte Nebukadnezar selbst ein ewiges Königreich haben und setzt sich damit an die Stelle Gottes. Das überrascht keineswegs, wenn wir bedenken, dass er der König Babylons ist, also des Ortes, wo Leute schon einmal wie Gott sein wollten (1. Mose 11,1-9). Und so geht der geistliche Kampf weiter.

Diejenigen, die Aramäisch können, werden eine weitere interessante Verbindung zwischen Daniel 2 und 3 entdecken. In Daniel 2,49 heißt es:

Und Daniel erbat vom König, dass er Schadrach, Meschach und Abed-Nego über die Verwaltung der Provinz Babel einsetze. Aber Daniel blieb am Hof des Königs.

Zunächst ist es interessant, dass Daniels Freunde über die Provinz Babylon gesetzt werden, also über denselben Ort, wo das Standbild errichtet wird (3,1). Was aber besonders auffällt: das Wort, das meistens mit „Verwaltung“ übersetzt wird (2,49) heißt eigentlich „Arbeit“. Eine wörtliche Übersetzung dieses Verses lautet also:

… dass er Schadrach, Meschach und Abed-Nego über die Arbeit der Provinz Babel einsetze.

Das ist deswegen interessant, weil das Verb in 3,1, das meistens als „machte“ wiedergegeben wird, eigentlich von derselben Wortwurzel wie „arbeiten“ kommt. Eine wörtliche Übersetzung von 3,1 lautet daher:

Der König Nebukadnezar arbeitete ein Bild aus Gold: seine Höhe betrug sechzig Ellen, seine Breite sechs Ellen. Er stellte es auf in der Ebene Dura, in der Provinz Babel.

Nebukadnezar arbeitete also in genau der Provinz, wo Daniels Freunde über die Arbeit gesetzt waren. Es sollte uns also nicht überraschen, dass sie sich weigern vor dem Standbild niederzufallen, welches der König gearbeitet hatte – sie machen nur ihre Arbeit. Als diejenigen, die für Arbeit in der Provinz Babel zuständig sind, stellen sie klar, dass sie Nebukadnezars Arbeit nicht billigen. Welch Ironie, dass sie dafür von genau der Person bestraft werden, die sie überhaupt erst in diese Position gebracht hat!

Hausaufgabe

Nächstes Mal werde ich etwas über die Geschichte der Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde (Johannes 8), posten. Schau dir mal den Zusammenhang dieses Textes an. Wie helfen dir die Verse vor und nach Johannes 8,2-11 dabei, die Geschichte besser zu verstehen? Gibt es Hinweise darauf, dass diese Erzählung ganz bewusst an diese Stelle im Johannesevangelium gesetzt wurde?