Die Struktur von Daniel 2

In meinem letzten Post habe ich versucht aufzuzeigen, dass Gott in Daniel 2 als einzig wahrer Herr über die Zeit dargestellt wird. Es ist interessant, dass selbst die Struktur des Kapitels genau diesen Punkt hervorhebt.

Das Kapitel enthält fünf Szenen:

  1. Nebukadnezar und die Weisen (vv 2-11)
  2. Daniel und Arjoch (vv 14-15)
  3. Daniel und seine Freunde (vv 17-23)
  4. Daniel und Arjoch (vv 24-25)
  5. Nebukadnezar und Daniel (vv 26-47)

Bereits die Tatsache, dass Daniel und Arjoch zweimal (in Szenen 2 und 4) auftreten und dass Nebukadnezar in jeweils anderer Begleitung in Szenen 1 und 5 erscheint, deutet einen chiastischen Aufbau der Geschichte an. Mehrere andere Parallelen in dem Kapitel bestätigen das:

A Die Weisen von Babylon können den Traum weder nacherzählen   noch auslegen, sie sollen getötet werden (vv 1-9)

B „Die Sterndeuter antworteten vor dem König und sagten“ – kein Mensch auf Erden kann das Geheimnis sagen, nur die Götter (vv 10-11)

C Daniel und Arjoch – Daniel geht zum König (vv 14-16)

X Daniel und seine Freunde beten – das Geheimnis wird offenbart – Gott wird gepriesen (vv 17-23)

C‘ Daniel und Arjoch – Daniel geht zum König (vv 24-25)

B‘ „Daniel antwortete vor dem König und sprach“ – kein Mensch kann das Geheimnis sagen, nur Gott (vv 27-28a)

A‘ Daniel kann den Traum nacherzählen und auslegen, er wird belohnt  (vv 28b-49)

Die äußeren Teile des Kapitels (A und A‘) sind parallel, weil beide Nebukadnezar im Gespräch mit Personen zeigen, von denen er hofft, dass sie seinen Traum nacherzählen und auslegen können. Die Weisen versagen und sollen deswegen hingerichtet werden. Daniel jedoch ist in der Lage, den Traum nachzuerzählen und auszulegen und wird daraufhin reich belohnt.

Interessanterweise sind sich Daniel und die Weisen darin einig, dass es für Menschen unmöglich ist, das Geheimnis zu offenbaren. In beiden Fällen werden ihre Aussagen mit der Phrase „X antwortete vor dem König und sprach“ eingeleitet. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass die Weisen die Götter als fähig ansehen, das Geheimnis zu offenbaren. Daniel hingegen ist überzeugt davon, dass nur Gott dazu in der Lage ist. Die Struktur stellt nicht nur die Weisen und Daniel einander gegenüber, sondern auch die Götter und Gott. Und wie das Kapitel zeigt, ist nur Gott fähig, das Geheimnis zu offenbaren. Und weil Daniel eine Beziehung zu diesem Gott hat, ist er wiederum in der Lage, den Traum nachzuerzählen und seine Deutung dem König kundzutun.

In den Teilen C und C‘ sehen wir Daniel und Arjoch. In beiden Fällen führt die Begegnung zwischen diesen beiden dazu, dass Daniel zum König geht: beim ersten Mal bittet er um einen Zeitaufschub (erinnerst du dich an den vorherigen Post?) und beim zweiten Mal, um den Traum auszulegen.

Das bedeutet also, dass die Verse 17-23 die Mitte des Kapitels bilden. Das ist auch nicht überraschend, weil diese Szene den Wendepunkt der Geschichte darstellt. Hier wird Daniel und seinen Freunden das Geheimnis aufgrund ihres Betens offenbart. Daniel beginnt Gott zu preisen (vv 20-23). Diese Verse sind in lyrischer Form geschrieben und bilden sowohl in ihrer Form als auch in ihrem Inhalt den Höhepunkt des Kapitels. Hier nämlich wird Gott unter anderem als der wahre Herr über die Zeit gelobt: „Er ändert Zeiten und Fristen“ (Vers 21).

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Die Struktur von 1. Samuel 3

1. Samuel 3 hat eine sehr schöne chiastische Struktur:

A Samuel dient dem Herrn – der Herr offenbart sich selten (V. 1)

B Eli und Samuel (V. 2-9)

X Der Herr und Samuel (V. 10-14)

B’ Eli und Samuel (V. 15-18)

A’ Samuel wächst heran – der Herr offenbart sich weiterhin (V. 19-21)

Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Begegnung zwischen dem Herrn und Samuel. Dies ist der Höhepunkt der Geschichte. Hier begreift Samuel endlich, was geschieht, und der Leser erfährt endlich, warum der Herr zu Samuel reden wollte. Die Spannung, die sich während der Geschichte aufgebaut hat, erreicht ihren Höhepunkt und wird aufgelöst.

Dieser Mittelteil wird von zwei Abschnitten umrahmt, in denen es um Eli und Samuel geht. Dadurch wird der Kontrast zwischen Eli und Gott deutlich. Auch Eli spricht zu Samuel, aber er sagt ihm mehrmals, dass er ihn nicht gerufen hat. Gott hingegen hat Samuel tatsächlich gerufen und wird mit ihm reden – ironischerweise über Eli. Die Tatsache, dass Eli Samuel zweimal „mein Sohn“ nennt (Verse 6 und 16) legt auch einen Vergleich zwischen Samuel und Elis Söhnen nahe. Samuel hört auf Eli, obwohl Eli ihn nicht gerufen hat, während Elis Söhne nicht auf ihren Vater hören. Man könnte sogar argumentieren, dass Elis Problem darin liegt, dass er sie nicht ruft – im Gegensatz zu Gott, der sowohl ihn als auch Samuel ruft. Samuel hört auf Gott – anders als Eli und seine Söhne.

Ein Blick auf die beiden äußeren Abschnitte (A und A’) zeigt die Entwicklung an, die in diesem Kapitel stattfindet, nämlich von einer Situation, wo die Offenbarungen Gottes selten sind, zu einer Situation, wo sie kontinuierlich auftreten. Diese Entwicklung wird dadurch ermöglicht, dass es jemanden gibt, der bereit ist, auf das zu hören, was der Herr zu sagen hat. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Eli und seinen Söhnen, die nicht hören wollen und dadurch die Situation am Anfang des Kapitels herbeiführen und Samuel, der hören will und dadurch die Situation am Ende des Kapitels herbeiführt.

 

Die Struktur von 1. Samuel 2:27-36

In 1. Samuel 2,27 kommt ein Mann Gottes zu Eli, um ihm Gottes Gericht zu verkünden. Seine Rede (Verse 27-36) kann in fünf Teile aufgeteilt werden, die chiastisch angeordnet sind:

A Aktion: Gott erwählt Aaron und sein Haus als Priester (V. 27-28)

B Reaktion: Die Sünde des Hauses Eli (V. 29)

X Umkehrung des Versprechens – Hauptprinzip (V 30)

B’ Reaktion: Gottes Gericht über Elis Haus (V. 31-34)

A’ Aktion: Gott erweckt einen treuen Priester (V. 35-36)

Im Mittelpunkt der Rede steht Vers 30, wo Gott das Versprechen zurückzieht, das er dem Hause Elis gegeben hatte. Das ist der Wendepunkt des gesamten Abschnitts. Hier findet sich auch das Schlüsselprinzip, das zum einen verdeutlicht, was die eigentliche Sünde des Hauses Elis war (sie verachteten Gott) und zum anderen die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichts offenbart:

„…die mich ehren, werde [auch] ich ehren, und die mich verachten, sollen [wieder] verachtet werden.“

Dieser Mittelteil wird eingerahmt von zwei Aktionen/Handlungen vonseiten Gottes (A und A’) und zwei Reaktionen – eine von einem Menschen und eine von Gott (B und B’).

Teil A

Der erste Teil der Rede konzentriert sich auf das, was Gott für das Haus Eli getan hat. Es werden besonders drei Dinge genannt, von denen das erste als eine Frage formuliert ist:

  1. Habe ich mich nicht dem Hause deines Vaters deutlich geoffenbart in Ägypten? (V. 27)
  2. Ich habe deinen Vater zum Priester erwählt, um auf meinem Altar zu opfern und das Ephod vor mir zu tragen. (V. 28)
  3. Ich gab dem Haus deines Vaters alles Feueropfer der Söhne Israel. (V. 28)

Wir sehen, wie Gott die Initiative ergreift. Er entscheidet sich dafür, sich zu offenbaren und er entschließt, jemanden als Priester zu erwählen, der vor ihm für Israel dient. Warum tut er das? Weil er dafür brennt, Menschen zu retten!

Teil B

In Vers 29 wendet sich die Rede dem zu, was das Haus Eli im Gegenzug an Gott getan hat. Wieder werden drei Dinge erwähnt, wobei das erste wieder als Frage formuliert ist:

  1. Warum tretet ihr meine Opfer mit Füßen? (Vers 29)
  2. Du ehrst deine Söhne mehr als mich (Vers 29)
  3. Ihr mästet euch von den Erstlingen aller Opfergaben Israels (Vers 29)

Krass, oder? Da erwählt sich Gott Leute, die am Heiligtum dienen soll, doch diese Leute tun dies in einer Weise, die klar den mangelnden Respekt (und sogar Verachtung) für diesen Ort und die von Gott eingesetzten Zeremonien erkennen lässt. Dadurch wird der Dienst am Heiligtum bedeutungslos, Erlösung falsch dargestellt und das Heil aller in Gefahr gebracht. Kein Wunder, dass Gott so heftig reagiert!

Teil B’

Der vierte Teil der Rede verläuft parallel zum zweiten Teil und beschreibt die Reaktion Gottes auf das, was das Haus Eli getan hat: er wird Gericht über sie bringen, indem er den Arm Elis und den Arm des Hauses seines Vaters abhaut, so dass alle Nachkommen seines Hauses – inklusive seiner zwei Söhne – sterben werden (Verse 31-34). Trotzdem wird nicht jeder von Elis Haus ausgerottet werden (Vers 33).

Teil A’

Der letzte Teil der Rede verläuft parallel zum ersten Teil: Gott wird wieder die Initiative ergreifen und sich einen treuen Priester erwecken. Das ist eine gute Nachricht, denn es zeigt, dass Gott seine Pläne erfüllen wird – trotz des Versagens sündiger Menschen. Er wird sicherstellen, dass vor ihm ein beständiger Priester dient, so dass der Dienst im Heiligtum ordnungsgemäß vonstatten geht und jeder Sünder, der versagt hat, errettet werden kann!

Hausaufgabe

Lies Markus 1,40-45. Achte einmal darauf, was ganz am Ende der Geschichte über Jesus gesagt wird. Warum ist das interessant? Wen hat Jesus gerade geheilt? Was wird hier angedeutet?

 

Tu uns den Gefallen und geh mit deinen Knechten! (1. Teil)

Die kurze Episode in 2. Könige 6,1-7 gehört zu den weniger bekannten Geschichten im Alten Testament. Beim schnellen Drüberlesen scheint sie einfach eine simple Wundergeschichte zu sein. Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass da mehr ist.

Und die Söhne der Propheten sagten zu Elisa: Sieh doch, der Raum, wo wir vor dir wohnen, ist zu eng für uns. Lass uns doch an den Jordan gehen und von dort jeder einen Balken holen und uns hier einen Ort herrichten, um dort zu wohnen! Und er sagte: Geht hin! Und einer sagte: Tu uns den Gefallen und geh mit deinen Knechten! Und er sagte: Ich will mitgehen. So ging er mit ihnen. Und sie kamen an den Jordan und hieben die Bäume um. Es geschah aber, als einer einen Balken fällte, da fiel das Eisen ins Wasser. Und er schrie auf und sagte: Ach, mein Herr! Und [dabei] ist es doch geliehen! Der Mann Gottes aber sagte: Wohin ist es gefallen? Und er zeigte ihm die Stelle. Da schnitt er ein [Stück] Holz ab und warf es hinein und brachte das Eisen zum Schwimmen. Und er sagte: Hole es dir heraus! Da streckte er seine Hand aus und nahm es.

Schauen wir uns zuerst die Struktur der Geschichte an. Wenn wir genauer hinschauen, stellen wir fest, dass wir es hier nicht nur mit einer Geschichte zu tun haben, sondern mit zwei. Die erste Geschichte umfasst die Verse 1-4 und behandelt das erste Problem: der Ort, wo die Söhne der Propheten vor Elisa wohnen, ist zu klein. Die zweite Geschichte findet sich in den Versen 5-7 und erzählt von dem zweiten Problem: der Axtkopf von einem der Männer, der Holz schlägt, fällt in den Jordan. Es ist interessant, dass die Männer in der ersten Geschichte vorschlagen, Balken zu holen (V. 2), um das erste Problem zu lösen, während es in der zweiten Geschichte genau dieses Schlagen von Balken (V. 5) ist, was das zweite Problem verursacht. Die erste Geschichte endet damit, dass die Männer Bäume fällen (V. 4). Die zweite endet mit Elisa, der ein Stück Holz abschneidet (V. 6). Interessant ist, dass das in V. 6 benutzte hebräische Wort, das mit „Holz“ übersetzt wird, die Singularform des Wortes ist, das in V. 4 mit „Bäumen“ wiedergegeben wird. Eine weitere terminologische Verbindung zwischen beiden Geschichten ist das Wort „Ort“. Die Söhne der Propheten wollen einen „Ort“ herrichten (V. 2), denn der „Ort“ (V.1) wo sie derzeit wohnen, ist zu klein für sie. Als der Axtkopf in den Jordan fällt, fragt Elisa, wohin er gefallen ist und der Mann zeigt ihm den „Ort“ (V. 6). Wir haben hier also zwei Geschichten, die sich mit zwei Problemen an zwei Orten beschäftigen. Die Frage, die sich stellt, lautet: was haben diese beiden Geschichten, über die offensichtlichen Gemeinsamkeiten hinweg, miteinander zu tun? Was soll dadurch ausgesagt werden?

(Fortsetzung folgt)

Hausaufgabe

Welche Komplikation tritt in der ersten Geschichte auf und welche Bedeutung hat das auftretende Problem für beide Geschichten?

4. Hinweis: Der Text hat eine Struktur (2. Teil)

Die andere Hauptstruktur, die von den biblischen Autoren verwendet wird, ist die sogenannte chiastische Struktur. Im Gegensatz zur Parallelstruktur wiederholt der Autor hierbei keine bestimmte Sequenz in der gleichen, sondern in der umgekehrten Reihenfolge. Eine chiastische Struktur kann also entweder so aussehen:

A – B – C – B’ – A’ (ein zentrales Element)

oder so:

A – B – C – C’ – B’ – A’ (zwei zentrale Elemente)

Während die Parallelstruktur eher die Sequenz der Elemente betont und die Beziehung zwischen den parallelen Komponenten hervorhebt, liegt das Hauptaugenmerk beim Chiasmus auf dem zentralen Element (bzw. den beiden zentralen Elementen). Was der Autor im Zentrum der Struktur platziert, hat sehr wahrscheinlich eine wichtige Bedeutung für den gesamten Textabschnitt. Bei biblischen Geschichten stellt das Zentrum der chiastischen Struktur oft auch einen Wendepunkt in der Erzählung dar.

Hier ein paar Beispiele:

1. Beispiel: 1. Mose 11,1-9

Schauen wir uns die bekannte Geschichte vom Turmbau zu Babel an. Beachte die Wiederholungen im Text:

Und die ganze Erde hatte ein und dieselbe Sprache und ein und dieselben Wörter. Und es geschah, als sie von Osten aufbrachen, da fanden sie eine Ebene im Land Schinar und ließen sich dort nieder. Und sie sagten einer zum anderen: Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und hart brennen! Und der Ziegel diente ihnen als Stein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel. Und sie sprachen: Wohlan, wir wollen uns eine Stadt und einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Fläche der Erde zerstreuen! Und der HERR fuhr herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen. Wohlan, lasst uns herabfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass sie einer des anderen Sprache nicht mehr verstehen! Und der HERR zerstreute sie von dort über die ganze Erde; und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. Darum gab man ihr den Namen Babel; denn dort verwirrte der HERR die Sprache der ganzen Erde, und von dort zerstreute sie der HERR über die ganze Erde.

Beim Analysieren der Handlung entdecken wir folgende Elemente:

1)   Einleitende Aussage

2)   Reise zu einem Ort und Besiedelung

3)   Rede über den Bau der Stadt

4)   Gott kommt herab und sieht

5)   Rede über die Verwirrung der Sprache

6)   Örtliche Zerstreuung und Beendung der Bauaktivität

7)   Abschließende Aussage

Wie man sieht, besteht die Geschichte im Wesentlichen aus sieben Teilen, die in chiastischer Form angeordnet werden können. Die Wiederholungen in der Geschichte unterstützen diese Einteilung zusätzlich:

A Einleitende Aussage: Die ganze Erde hatte dieselbe Sprache (v 1)

       B Reise und Besiedlung – Ortsname: Schinar (v 2)

            C Rede der Menschen: Wohlan, lasst uns (vv 3-4)

                 D Gott kommt herab, um zu sehen (v 5)

            C’ Göttliche Rede: Wohlan, lasst uns (vv 6-7)

       B’ Zerstreuung – Ortsname: Babel (vv 8-9a)

A’ Abschließende Aussage: Gott verwirrte die Sprache der ganzen Erde (v 9b)

Es ist wichtig zu beachten, dass die Geschichte nicht nur aus ästhetischen Gründen so angeordnet ist, sondern auch weil diese Gliederung die vielen Umkehrungen hervorhebt, die diese Geschichte kennzeichnen:

  • Am Anfang sprechen alle die gleiche Sprache, am Ende ist die Sprache verwirrt.
  • Am Anfang ziehen die Menschen zu einem Ort und siedeln sich dort an, am Ende werden sie von genau diesem Ort zerstreut.
  • Am Anfang wollen sie eine Stadt bauen, am Ende hören sie auf, die Stadt zu bauen.
  • Am Anfang sprechen die Menschen und Gott schweigt, am Ende schweigen die Menschen und nur Gott spricht.

All diese Umkehrungen beginnen mit dem Eingreifen Gottes, das im Mittelpunkt der Geschichte steht: Gott kommt herab und sieht. Das ist der Wendepunkt der gesamten Geschichte. Davor ergriffen Menschen die Initiative – sie sind es, die reden und alles planen. Nach dem Wendepunkt ergreift Gott die Initiative und deswegen kommt das Handeln der Menschen zum Stillstand.

Die Struktur betont auch den Gegensatz zwischen den Menschen, die Gott sein wollen, und dem wahren Gott, indem die Aussagen der beiden Hauptdarsteller (Menschen – Gott) einander parallel gegenübergestellt werden (C und C’). Dieser Kontrast wird durch die zentrale Aussage noch zusätzlich hervorgehoben: Während die Menschen einen Turm bauen wollen, der bis an den Himmel reicht, muss Gott herunterkommen, um überhaupt sehen zu können, was sie da machen! Was für eine Ironie!

2. Beispiel: Der Abrahamzyklus

Es gibt auch längere Texte und sogar einige biblische Bücher, die chiastisch angeordnet sind. Wenn wir die Wiederholungen im sogenannten Abrahamzyklus beachten (1. Mo 11,27-22:24), wird z. B. deutlich, dass viele Elemente zweimal auftreten: Abraham lügt zweimal bzgl. Sarah (1. Mo 12,10-20 und 20,1-18), Sodom wird zweimal im Zyklus erwähnt (1. Mo 13-14 und 18-19) und Gott schließt zwei Bünde mit Abraham (1. Mo 15 und 17). Diese Elemente ergeben eine sehr schöne chiastische Struktur:

A Genealogie Terachs (11,27-32)

      B Anfängliche Verheißung, Abrams Reise in das Land – Glaubensprüfung (12,1-9)

C Abram lügt bzgl. Sarah; Gott schützt sie im Palast eines fremden Königs (12,10-20)

                D Lot zieht nach Sodom (13,1-18)

                     E Abram rettet Sodom und Lot (14,1-24)

                        F Bund mit Abram; Geburt Ismaels angekündigt (15,1-16,16)

                        F’ Bund mit Abraham; Geburt Isaaks angekündigt (17,1-18,15)

                    E’ Abraham tritt für Sodom und Lot ein (18,16-33)

               D’ Lot flieht aus Sodom (19,1-38)

C’Abraham lügt bzgl. Sarah; Gott schützt sie im Palast eines fremden Königs  (20,1-18)

     B’ Verheißung erfüllt, Abrahams Reise nach Morija – Glaubensprüfung (21,1-22,19)

A’ Genealogie Nahors (22,20-24)

Diese Struktur hebt mehrere Dinge hervor. Zum einen wird die Bedeutung des Bundes zwischen Gott und Abraham unterstrichen. Wegen dieses Bundes und aufgrund der Treue Gottes wird die am Zyklusbeginn gegebene Verheißung am Ende tatsächlich auch erfüllt. Gleichzeitig verdeutlicht der zentrale Teil der Struktur, wie schwer es Abraham fiel, Gott völlig zu vertrauen. Trotz Gottes Verheißung versuchte Abraham, die Sache in die eigenen Hände zu nehmen. Es ist jedoch erstaunlich, wie Gott mit diesem Scheitern umgeht. Nicht nur, dass er Hagar ein verblüffendes Versprechen macht; nein, er ist auch bereit, den Bund mit Abraham wiederherzustellen. So werden durch die Struktur des Zyklus die Einstellungen der beiden Bundespartner gegenübergestellt: Während die Menschen untreu sind und den Bund brechen, bleibt Gott treu und ist bereit, den Bund zu erneuern.

Trotz allem stellt Gott klar, dass seine Pläne Wirklichkeit werden: nicht der Sohn der menschlichen Anstrengung (Ismael) wird der Erbe sein, sondern der Sohn der göttlichen Verheißung (Isaak). Warum liegt Gott so viel daran? Weil das ganze Thema der Nachkommenschaft (und des Bundes!) mit Erlösung zusammenhängt! Es ist schließlich der Same der Frau, der der Schlange den Kopf zertreten wird (1. Mo 3,15). In 1. Mo 16 versucht Abraham, den Samen/Nachkommen selbst hervorzubringen (Erlösung durch Werke), doch Gott stellt klar, dass der Same/Nachkomme auf übernatürliche Weise hervorgebracht werden wird (Erlösung durch Gnade). Das Zentrum der Struktur weist also letztendlich auf zwei verschiedene Erlösungswege hin: menschengemachte Erlösung oder Erlösung, die von Gott gegeben wird. Und obwohl der Mensch versucht, sich selbst zu retten, hat doch Gott das letzte Wort: Er wird die Menschen durch den Samen/Nachkommen erlösen, den er selbst bereitstellt. Weil er weiß, dass nur dieser Erlösungsweg den Menschen wirklich frei macht. Was für ein Gott!

4. Hinweis: Der Text hat eine Struktur (1. Teil)

Inzwischen sollte deutlich geworden sein, dass Wiederholungen eines der Hauptmittel der biblischen Autoren sind, um Sinn zu vermitteln. Das zu wissen ist deswegen so hilfreich, weil das Erkennen von Wiederholungen im Text dabei hilft, die Struktur und die Schlüsselbegriffe dieses Textes zu identifizieren. Außerdem ist es hilfreich, um zu sehen, wie ein bestimmter Text mit seinem unmittelbaren und weiteren Zusammenhang verbunden ist. Und all diese Dinge helfen dir dabei zu entdecken, was der Autor sagen möchte. In den nächsten Posts werde ich mich jedem dieser Aspekte (Struktur, Schlüsselbegriffe, Kontext) einzeln widmen und erklären, wie der Autor sie benutzt, um etwas deutlich zu machen.

Wenn ich anfange einen biblischen Text zu studieren, dann versuche ich meistens als Erstes herauszufinden, wie der Text strukturiert ist. Dazu lese ich den Text erst einmal mehrere Male durch und streiche die Wiederholungen im Text mit Buntstiften an. Dann suche ich nach Mustern, die mir helfen zu sehen, wie der Autor den Text aufgebaut hat. Ich glaube, dass jeder Text sehr bewusst strukturiert wurde. Trotzdem sind manche Strukturen leichter zu finden als andere. Biblische Texte sind meistens auf zwei verschiedene Arten aufgebaut: parallel oder chiastisch.

Schauen wir uns als Erstes die sogenannte Parallelstruktur an. Bei dieser Struktur wird eine bestimmte Sequenz (A – B – C) präsentiert und dann in der gleichen Reihenfolge wiederholt (A’ – B’ – C’). Manchmal sind die Elemente in jeder Sequenz genau dieselben, manchmal gibt es eine leichte Veränderung. Ein sehr schönes Beispiel einer Parallelstruktur findet sich gleich im ersten Kapitel der Bibel.

1. Beispiel: 1. Mose 1

Wer 1. Mose 1 aufmerksam liest, merkt relativ schnell, dass die Wendungen „und Gott sprach“ sowie „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen“ oft wiederholt werden. Diese Satzteile kennzeichnen ganz deutlich die verschiedenen Tage. Nur ein Tag ist anders: der Siebte!

Wenn wir uns die einzelnen Tage genauer ansehen, stellen wir außerdem fest, dass Gott nur an den ersten drei Tagen den Dingen, die er geschaffen hat, einen Namen gibt. Das hebt sie von den anderen Tagen ab. Wenn wir nach weiteren Wiederholungen Ausschau halten, dann stellen wir etwas Interessantes fest: einige Elemente, die in der Beschreibung des 1. Tages zu finden sind, kehren in den Versen zum 4. Tag wieder. Das deutet an, dass es irgendeine Verbindung zwischen diesen Tagen gibt. Dasselbe trifft auch auf die Tage 2 und 5 sowie die Tage 3 und 6 zu. Die Struktur dieser sechs Tage stellt sich also folgendermaßen dar:

A   1. Tag: Licht – Dunkelheit, Tag – Nacht

      B   2. Tag: Wasser – Himmel

             C   3. Tag: Erde, Pflanzen, Bäume, Samen

A’  4. Tag: Licht – Dunkelheit, Tag – Nacht

       B’   5. Tag: Wasser – Himmel

             C‘   6. Tag: Erde, Pflanzen, Bäume, Samen

Welchen Sinn hat diese Anordnung? Zum Einen zeigt sie, dass Gott ein Gott der Ordnung ist. Er erschafft diese Erde in einer geordneten Weise. Zuerst schafft und trennt er verschiedene Sphären: Licht und Dunkelheit, Wasser und Himmel, trockenes Land. In einem zweiten Schritt fügt er dann jeder dieser Sphären etwas hinzu. Lichter, um zwischen Licht und Finsternis zu trennen, Vögel, um am Himmel zu fliegen, Fische, um im Wasser zu schwimmen, Landtiere und Menschen, um auf dem trockenen Land zu leben. Interessanterweise werden durch diese beiden Schritte genau die beiden Probleme gelöst, die in 1. Mose 1,2 angesprochen werden, nämlich, dass die Erde „ungeformt“ und „leer“ ist (Hebräisch: „tohuwabohu“). Das Problem, dass die Erde ungeformt ist, wird an den ersten drei Tagen behoben. Dem Problem, dass die Erde leer ist, widmet sich Gott an den Tagen 4-6.

Außerdem hebt diese Gliederung den siebten Tag hervor. Er hat kein Gegenstück, sondern steht allein. Dadurch zeigt bereits die Struktur der Schöpfungsgeschichte, dass dieser Tag anders ist.

2. Beispiel: 1. Mose 1-11

Parallelstrukturen kommen nicht nur in einzelnen Passagen vor, sondern auch in längeren Abschnitten, die mehrere Kapitel oder sogar ganze biblische Bücher umfassen. Beachte z.B., wie 1. Mose 1-11 strukturiert ist:

A   Schöpfung, göttlicher Segen (1,1-2:3)

       B   Sünde Adams: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (2,4-3,24)

             C   Keine Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Abel (4,1-16)

                   D   Nachkommen des sündigen Sohnes Kain (4,17-26)

                          E   Nachkommen des erwählten Sohnes Set: 10 Generationen (5,1-32)

                                F   Sünde, die zum Gericht führt: Söhne Gottes (6,1-4)

                                      G   Kurze Einführung: Noah, 3 Söhne (6,5-8)

A’   Flut: Umkehrung der Schöpfung, Neuschöpfung, göttlicher Segen (6,9-9,19)

        B’   Sünde Noahs: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (9,20-29)

               C’   Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Jafet (10,1-5)

                      D’   Nachkommen des sündigen Sohnes Ham (10,6-20)

                       E’   Nachkommen des erwählten Sohnes Sem: 10 Generationen                                    (10,21-32)

                                     F’   Sünde, die zum Gericht führt: Turmbau zu Babel (11,1-9)

                                            G’   Kurze Einführung: Terah, 3 Söhne (11,27-32)

Und wieder stellt sich die Frage: wozu diese Anordnung? Zum Einen zeigt sie, dass die Flut nicht alles veränderte. Obwohl Gott die Welt nach der Flut quasi neu erschafft, bleibt das Sündenproblem weiter bestehen und wird sogar noch schlimmer, genau wie vor der Flut. Es wird immer noch ein Erlöser gebraucht. Daher ist es interessant zu sehen, dass am Ende einer jeden Sequenz eine Erlöserfigur eingeführt wird: Noah, der seine Familie vor der Flut rettet und Abraham, durch den alle Nationen der Erde gesegnet werden. Letztendlich jedoch sind nicht einmal diese beiden Männer in der Lage, die Menschheit von der Sünde zu retten. Die Struktur weißt daher auch auf die Notwendigkeit eines Erlösers hin, der größer ist als Noah und Abraham.

Eine Parallelstruktur ermöglicht es uns auch, parallele Elemente in den beiden Sequenzen miteinander zu vergleichen. Das kann uns helfen einen bestimmten Teil des Textes besser zu verstehen. So ist zum Beispiel Noahs Nacktheit in Teil B’ ganz offensichtlich der Nacktheit von Adam und Eva in Element B gegenübergestellt. Dadurch wird deutlich, dass Noahs Nacktheit als ein neuer Sündenfall verstanden werden muss. In gleicher Weise muss das Handeln von Noahs Söhnen in Element B’ (die Nacktheit sehen vs. die Nacktheit bedecken) im Licht des göttlichen Handelns in Element B (Nacktheit bedecken) interpretiert werden. Somit erhellen und interpretieren die parallelen Elemente sich gegenseitig.

Fortsetzung folgt.