Tiere und Menschen in Daniel 8

Die Vision in Daniel 8 hat Bibelleser seit Jahrhunderten fasziniert. Über die Identität des kleinen Horns und die Bedeutung der 2300 Abend-Morgen wurde schon viel geschrieben. Ohne die Wichtigkeit dieser Themen schmälern zu wollen, möchte ich an dieser Stelle kurz auf einen Aspekt hinweisen, über den meines Wissens noch nicht viel gesagt wurde, nämlich die Art und Weise, wie dieses Kapitel den Kontrast zwischen Tieren und Menschen verdeutlicht – und aufzeigen, warum das von Bedeutung ist.

Beginnen wir einmal mit der Beobachtung, dass das Kapitel grob in zwei Hauptteile untergliedert werden kann:

  1. Die Vision vom Widder, Ziegenbock und kleinen Horn (V. 1-14)
  2. Die Interpretation der Vision (V. 15-28)

Interessanterweise beginnen beide Teile mit einer Szene, wo sich Daniel am Fluss Ulai befindet (V. 2. 15-16). Der erste Teil des Kapitels fährt dann mit einer Beschreibung der beiden Tiere fort: ein Widder und ein Ziegenbock. Beide Tiere kämpfen gegen andere Tiere und tragen den Sieg davon. Sie sind sogar so stark, dass kein anderes Tier in der Lage ist, vor ihnen zu bestehen und niemand in der Lage ist, die anderen Tiere aus ihrer Hand zu retten (V. 4. 7).

Vergleichen wir das mit der Szene, die in den Versen 15-18 beschrieben wird, dann sehen wir, dass die Hauptpersonen hier keine Tiere sind, sondern Wesen, die mit „menschlichen“ Begriffen („Mann,“ „Menschenstimme,“ „Menschensohn“) beschrieben werden (Verse 15.16.17). Trotzdem enthält dieser Abschnitt eine ganze Reihe begrifflicher Verbindungen zu den Versen 3-7. Zum einen kommt der Schlüsselbegriff „stehen“ in beiden Teilen mehrere Male vor (Verse 3.4.6.7.15.17.18). Auch die Information, dass „er“ zu Daniels Seite kam (V. 17), erinnert den aufmerksamen Leser an V. 7, wo der Ziegenbock an die Seite des Widders kam. In beiden Szenen werden also zwei Parteien dargestellt, die in engen Kontakt miteinander kommen (Szene 1: der Widder und andere Tiere als auch der Widder und der Ziegenbock; Szene 2: Daniel und „er“). In beiden Fällen ist eine Partei stärker als die andere, was dazu führt, dass die schwächere Partei nicht in der Lage ist, vor der stärkeren zu (be)stehen (Verse 4.7.17). In der ersten Szene nutzen beide, der Widder und der Ziegenbock, diesen Vorteil aus, um ihre Gegner zu zerstören und werden danach groß. In der zweiten Szene, jedoch, richtet “er” Daniel auf und ermöglicht ihm, zu stehen (V.18). In der ersten Szene führt das Berühren (V. 7) zur Zerstörung; in der zweiten Szene führt Berührung (V. 18; dasselbe hebräische Wort) zu Wiederherstellung.

Die Bedeutung dessen wird klar, sobald uns bewusst wird, dass die beiden Szenen zwei verschiedene Arten von Reichen darstellen. Wie im gesamten Buch Daniel, so stehen auch in der ersten Szene die Tiere für irdische Reiche (Verse 20-21), wo Macht zur Zerstörung und eigenen Erhöhung benutzt wird. Es überrascht einen also nicht, dass keines dieser Reiche Bestand hat, denn Gewalt und Zerstörung führen nur zu noch mehr Gewalt und noch mehr Zerstörung. Die „Menschen“ hingegen stehen für Gottes Reich und seine Nachfolger (vgl. Kapitel 7!), wo Macht benutzt wird, um andere aufzurichten und wiederherzustellen. Dieses Reich wird nicht vergehen, sondern für immer Bestand haben.

Hausaufgabe

Denk einmal über den Kontrast zwischen Tieren und Menschen im restlichen Buch Daniel nach (besonders in den Kapitel 4 und 7). Wie wird der Mensch zu einem Tier und wodurch nur können wir wieder völlig menschlich werden? Welche Rolle spielt dabei 1. Mose 1-3?