Zwei völlig verschiedene Festmahle

Matthäus 14,1-21 beschreibt zwei Festmahle, die von zwei Königen ausgerichtet werden. Das Erste ist das Mahl des Herodes (V.1-13). Es findet in seinem Palast statt und endet mit dem Tod Johannes des Täufers. Laut Vers 5 hatte Herodes Johannes bereits eher töten wollen, fürchtete sich aber vor der Volksmenge. Als aber die Tochter der Herodias vor ihm tanzt, lässt er sich zu einem vorschnellen Eid hinreißen und verspricht ihr alles zu geben, worum sie bittet. Angeregt durch ihre Mutter sagt das Mädchen: Gib mir hier auf einem Teller den Kopf von Johannes dem Täufer (V.8). Obwohl es dem König leid tut, befiehlt er, Johannes umzubringen, um sein eigenes Gesicht zu wahren. Also wird Johannes getötet und sein Kopf wird dem Mädchen gegeben, welches ihn der Mutter bringt. Gemäß V. 12 wurde der Körper von Johannes von seinen Jünger aufgehoben und begraben.

Vergleichen wir das einmal mit dem zweiten Festmahl, das in V.14-21 beschrieben wird. Dieses Festmahl wird auch von einem König ausgerichtet, aber er ist ganz anders als Herodes. Statt sich wie Herodes vor der Volksmenge zu fürchten, hat dieser König Mitleid mit ihr (V.14). Anstatt Menschen zu töten, heilt dieser König all ihre Krankheiten. Obwohl dieses Festmahl an einem einsamen Ort stattfindet, ist das Ergebnis viel positiver: statt eines Kopfes auf einem Teller erhalten die Menschen echte Nahrung, die sie satt macht. Die Art und Weise, wie dies geschieht, erinnert an das erste Festmahl: als die Jünger sagen, dass sie nur fünf Brote und zwei Fische haben, antwortet Jesus ihnen: Bringt sie mir her (V.18; dasselbe griechische Wort wie in V.8). Dann befiehlt er der Volksmenge, sich zu setzen (V.19). Danach bricht er das Brot und gibt es den Jüngern, die es dann zu den Menschen bringen. Am Ende heben die Jünger auf, was übriggeblieben ist (V.20).

Matthäus erklärt die tiefere Bedeutung des zweiten Festmahls nicht ausdrücklich; Johannes hingegen schon (siehe Johannes 6). Das Brot, das gebrochen wurde, symbolisiert den Leib Christi. So wird der Kontrast zwischen den beiden Königen und ihren Festmahlen in Matt 14 noch deutlicher. Während der eine König vor der Volksmenge Angst hat und den Kopf des Propheten Gottes darbietet, um sein eigenes Gesicht zu wahren, hat der andere König Mitleid mit dem Volk und bietet seinen eigenen Leib dar, um andere zu retten. Das „Mahl“ beim ersten Bankett ist das Ergebnis von Selbstsucht und Grausamkeit und sättigt niemand – es stillt lediglich Herodias‘ Gier nach Rache. Das Mahl beim zweiten Bankett hingegen findet aufgrund von Selbstlosigkeit und Mitleid statt und macht alle Anwesenden satt. Kein Wunder, dass wir uns zu so einem König hingezogen fühlen und weiterhin sein Mahl feiern, das wirklich satt macht.

Advertisements

„Im dritten Jahr der Regierung Jojakims…“

Das Buch Daniel beginnt folgendermaßen: „Im dritten Jahr der Regierung Jojakims, des Königs von Juda…“ (Dan 1,1)

Die meisten Leute überspringen diese Einleitung einfach oder sind nur in historischer Hinsicht an ihr interessiert (d.h.: Wann war das dritte Jahr der Regierung Jojakims?). Mit Sicherheit beginnt der Autor das Buch auch deswegen so, damit der Leser weiß, wann sich die Ereignisse in den Versen 1-2 zugetragen haben. Dennoch denke ich, dass das nicht sein einziger (und vielleicht nicht einmal sein Haupt-) Grund dafür war, dieses Buch so zu beginnen. Das wird dann deutlich, wenn wir diesen Teilsatz von einer literarischen Perspektive betrachten.

Der Schlüssel, um die literarische Funktion dieser Einleitung zu verstehen, ist das Prinzip der Wiederholung. Als aufmerksamer Leser bemerkt man, dass das dritte Jahr in Jojakims Regierung nicht das einzige dritte Jahr ist, das in Daniel 1 erwähnt wird.

Laut Vers 5 sollte die Ausbildung Daniels und seiner Freunde drei Jahre dauern. Das bedeutet, die Ereignisse am Kapitelende, eingeleitet mit den Worten „Und am Ende der Tage“ (Vers 18), fanden auch in einem dritten Jahr statt, nämlich im dritten Jahr ihrer Ausbildung. Demnach haben wir zwei dritte Jahre: das dritte Jahr von Jojakim und das dritte Jahr von Daniel und seinen Freunden. In beiden Fällen ist das dritte Jahr ein Jahr des Gerichts. Für Jojakim fällt es negativ aus: er wird in die Hand Nebukadnezars gegeben; Babylon triumphiert also über Juda. Für Daniel und seine Freunde ist es jedoch positiv: sie werden allen Weisen Babylons als zehnfach überlegen befunden; somit triumphiert Juda über Babylon (Achte darauf, wie Gott in den folgenden Kapiteln diesen Sieg nutzt, um Babylon zu erreichen!).

Wenn wir dann auch die Geschichte Jojakims (2. Könige 23,31-24,7 und 2. Chronik 36,1-8) in Betracht ziehen, stellen wir noch weitere Parallelen fest. Jojakim sowie Daniel und seinen Freunden haben folgendes gemeinsam (nicht in chronologischer Reihenfolge):

Jojakim

  • von der königlichen Familie
  • Name wurde geändert
  • nach Babylon geführt
  • Widerstand gegen Nebukadnezar
  • Ein Zeitraum von 3 Jahren – negatives Urteil im dritten Jahr

Daniel und seine Freunde

  • von der königlichen Familie
  • Namen wurden geändert
  • nach Babylon geführt
  • Widerstand gegen Nebukadnezar
  • Ein Zeitraum von 3 Jahren – positives Urteil im dritten Jahr

Diese vielen Parallelen deuten an, dass der Autor das Buch ganz bewusst auf diese Weise beginnt, um den Leser dazu einzuladen, Jojakim mit Daniel und seinen Freunden zu vergleichen und einander gegenüberzustellen. Zwar machen beide Gruppen eine sehr ähnliche Erfahrung, doch es gibt klare Unterschiede zwischen ihnen, besonders wenn es um die Art geht, wie sie sich Nebukadnezar widersetzen. Während sich Jojakim widersetzt, indem er auf menschliche Hilfe vertraut, widersetzen sich Daniel und seine Freunde, indem sie auf göttliche Hilfe bauen (Es ist interessant zu sehen, wie höflich Daniel Widerstand leistet und was für ein Kontrast zur Revolte Jojakims dadurch entsteht). In beiden Fällen führt dies zu einem Geben Gottes – doch das Geben fällt komplett unterschiedlich aus. Gott gab Jojakim in Nebukadnezars Hand (Vers 2). Daniel und seinen Freunden hingegen gab Gott „Kenntnis und Verständnis in jeder Schrift und Weisheit“ (V. 17).

Jojakim sowie Daniel und seine Freunde stehen für zwei Wege, wie man sich Babylon gegenüber verhalten kann. Der Weg Jojakims führt zu Zerstörung und Sklaverei. Der Weg Daniels und seiner Freunde jedoch führt zu Ehre und Erhöhung, was Gott dann in seinem Bemühen nutzt, Babylon zu retten. Das wirft natürlich die Frage auf: welchen Weg wirst du, welchen Weg werde ich wählen im Umgang mit dem endzeitlichen Babylon?

Tu uns den Gefallen und geh mit deinen Knechten! (1. Teil)

Die kurze Episode in 2. Könige 6,1-7 gehört zu den weniger bekannten Geschichten im Alten Testament. Beim schnellen Drüberlesen scheint sie einfach eine simple Wundergeschichte zu sein. Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass da mehr ist.

Und die Söhne der Propheten sagten zu Elisa: Sieh doch, der Raum, wo wir vor dir wohnen, ist zu eng für uns. Lass uns doch an den Jordan gehen und von dort jeder einen Balken holen und uns hier einen Ort herrichten, um dort zu wohnen! Und er sagte: Geht hin! Und einer sagte: Tu uns den Gefallen und geh mit deinen Knechten! Und er sagte: Ich will mitgehen. So ging er mit ihnen. Und sie kamen an den Jordan und hieben die Bäume um. Es geschah aber, als einer einen Balken fällte, da fiel das Eisen ins Wasser. Und er schrie auf und sagte: Ach, mein Herr! Und [dabei] ist es doch geliehen! Der Mann Gottes aber sagte: Wohin ist es gefallen? Und er zeigte ihm die Stelle. Da schnitt er ein [Stück] Holz ab und warf es hinein und brachte das Eisen zum Schwimmen. Und er sagte: Hole es dir heraus! Da streckte er seine Hand aus und nahm es.

Schauen wir uns zuerst die Struktur der Geschichte an. Wenn wir genauer hinschauen, stellen wir fest, dass wir es hier nicht nur mit einer Geschichte zu tun haben, sondern mit zwei. Die erste Geschichte umfasst die Verse 1-4 und behandelt das erste Problem: der Ort, wo die Söhne der Propheten vor Elisa wohnen, ist zu klein. Die zweite Geschichte findet sich in den Versen 5-7 und erzählt von dem zweiten Problem: der Axtkopf von einem der Männer, der Holz schlägt, fällt in den Jordan. Es ist interessant, dass die Männer in der ersten Geschichte vorschlagen, Balken zu holen (V. 2), um das erste Problem zu lösen, während es in der zweiten Geschichte genau dieses Schlagen von Balken (V. 5) ist, was das zweite Problem verursacht. Die erste Geschichte endet damit, dass die Männer Bäume fällen (V. 4). Die zweite endet mit Elisa, der ein Stück Holz abschneidet (V. 6). Interessant ist, dass das in V. 6 benutzte hebräische Wort, das mit „Holz“ übersetzt wird, die Singularform des Wortes ist, das in V. 4 mit „Bäumen“ wiedergegeben wird. Eine weitere terminologische Verbindung zwischen beiden Geschichten ist das Wort „Ort“. Die Söhne der Propheten wollen einen „Ort“ herrichten (V. 2), denn der „Ort“ (V.1) wo sie derzeit wohnen, ist zu klein für sie. Als der Axtkopf in den Jordan fällt, fragt Elisa, wohin er gefallen ist und der Mann zeigt ihm den „Ort“ (V. 6). Wir haben hier also zwei Geschichten, die sich mit zwei Problemen an zwei Orten beschäftigen. Die Frage, die sich stellt, lautet: was haben diese beiden Geschichten, über die offensichtlichen Gemeinsamkeiten hinweg, miteinander zu tun? Was soll dadurch ausgesagt werden?

(Fortsetzung folgt)

Hausaufgabe

Welche Komplikation tritt in der ersten Geschichte auf und welche Bedeutung hat das auftretende Problem für beide Geschichten?

Bist du’s oder bist du’s nicht?

Du erinnerst dich vielleicht daran, dass ich vor einiger Zeit etwas zu Jesus, Petrus und dem Kohlenfeuer in Johannes 18 und 21 gepostet habe. In jenem Post habe ich darauf hingewiesen, dass Jesus Petrus in Joh 21 zurücknimmt an den Ort, wo Petrus in Joh 18 versagt hatte – und ihm die Chance gibt, eine bessere Entscheidung zu treffen. Ich habe auch gesagt, dass Jesus sogar etwas noch Besseres macht: er geht dorthin, wo wir versagt haben, erlebt dieselbe Versuchung wie wir, bleibt aber siegreich. Deswegen kann er unser Erlöser sein. Es ist interessant, dass dies bereits in Joh 18 angedeutet wird.

Achte mal darauf, wie Joh 18 ständig zwischen Jesus und Petrus hin- und herspringt. Diese beiden sind ganz klar die Hauptpersonen in diesem Kapitel. Interessanterweise werden beide in diesem Kapitel mir der gleichen Versuchung konfrontiert, einer Versuchung, bei der es um die Frage nach ihrer Identität geht. Dies ist relativ einfach zu erkennen, wenn man auf die Wiederholungen und Wiederholungen mit Variation in Joh 18 achtet.

Am Beginn von Kapitel 18 wird Jesus von Judas und der Gruppe der Hohenpriesters und der Pharisäer konfrontiert. Die Verse 4-8 beschreiben, was danach passiert:

Jesus nun, der alles wusste, was über ihn kommen würde, ging hinaus und sprach zu ihnen: „Wen sucht ihr?“ Sie antworteten ihm: „Jesus, den Nazoräer.“ Er spricht zu ihnen: „Ich bin es.“ Aber auch Judas, der ihn überlieferte, stand bei ihnen. Als er nun zu ihnen sagte: „Ich bin es“, wichen sie zurück und fielen zu Boden.

Da fragte er sie wieder: „Wen sucht ihr?“ Sie aber sprachen: „Jesus, den Nazoräer.“ Jesus antwortete: „Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr nun mich sucht, so lasst diese gehen!“ (Joh 18,4-8)

Als Jesus mit der Frage nach seiner Identität konfrontiert wird, leugnet er sie nicht, sondern antwortet wahrheitsgemäß: „Ich bin [es].“ Durch diese eigenartige Antwort bezieht er sich ganz offensichtlich auf andere „Ich bin [es]“-Aussagen, die wir im gesamten Johannesevangelium finden und die zeigen, dass Jesus Gott ist (beachte die Anspielung auf 2. Mo 3,14, was von den Juden in Joh 8 erkannt wird und die ihn dafür steinigen wollen). Gleichzeitig haben alle diese Aussagen etwas mit seiner Rolle als Erlöser zu tun.

Vergleichen wir das einmal mit Petrus. Als Jesus in den Hof des Hohenpriesters geführt wird, folgen ihm Petrus und ein anderer Jünger. Beide betreten den Hof, aber der Text konzentriert sich hauptsächlich auf Petrus:

Simon Petrus aber folgte Jesus und ein anderer Jünger. Dieser Jünger aber war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus hinein in den Hof des Hohenpriesters. Petrus aber stand an der Tür draußen. Da ging der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus und sprach mit der Türhüterin und führte Petrus hinein. Da spricht die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist nicht auch du einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sagt: Ich bin’s nicht. Es standen aber die Knechte und die Diener da, die ein Kohlenfeuer gemacht hatten, weil es kalt war, und wärmten sich; Petrus aber stand auch bei ihnen und wärmte sich. (Verse 15-18)

Nachdem er vom Gespräch Jesu mit dem Hohenpriester berichtet hat, kehrt der Autor von Joh 18 zu Petrus zurück:

Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Da sprachen sie zu ihm: „Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern?“ Er leugnete und sprach: „Ich bin’s nicht.“ Es spricht einer von den Knechten des Hohenpriesters, der ein Verwandter dessen war, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: „Sah ich dich nicht in dem Garten bei ihm?“ Da leugnete Petrus wieder; und gleich darauf krähte der Hahn. (Verse 25-27)

So wie Jesus wird auch Petrus mit der Frage nach seiner Identität konfrontiert. Doch anders als Jesus leugnet Petrus seine Identität, indem er lügt: „Ich bin es nicht.“

Das ist ein klassisches Beispiel für Wiederholung mit Variation. Während Jesus mit „Ich bin [es]“ antwortet, sagt Petrus „Ich bin es nicht“. Interessanterweise wird im Text nur zweimal erwähnt, dass Petrus sagt „Ich bin es nicht“, obwohl er Jesus dreimal verleugnet. Das ist ganz bewusst so gemacht, um die Antworten von Jesus und Petrus miteinander zu verbinden, denn Jesus sagt ebenfalls zweimal „Ich bin [es]“.

Worum geht’s hier also? Es geht darum, dass Jesus und Petrus dieselbe Versuchung bezüglich ihrer Identität erleben und dass Jesus dort siegreich bleibt wo Petrus versagt. Während Petrus seine Identität als Jünger Jesu verneint, bekennt Jesus seine wahre Identität als Gott und Erlöser der Welt. Dieses Bekenntnis führte dazu, dass Jesus sein Leben verliert, während Petrus in der Lage ist, sein Leben durch sein Leugnen zu retten. Doch am Ende ist es gerade durch seine Treue zu sich selbst und seiner eigenen Identität bis zum Tod, dass Jesus in der Lage ist, echtes Leben sowohl für Petrus als auch für alle anderen zu erwirken, die ihre eigene Identität verleugnet haben!

Hausaufgabe

Lies 1. Samuel 1,1-3. Warum werden die Söhne Elis in Vers 3 vorgestellt? Was erreicht der Autor damit, dass er sie an diesem Punkt vorstellt und warum ist das von Bedeutung? (Tipp: Schau dir einmal die Namen an, die in diesen drei Versen vorkommen [außer den Namen der Linie Elkanas in Vers 1]. Fällt dir etwas auf?)

 

8. Hinweis: Der Text ist in parallelen Zyklen angeordnet (1. Teil)

Vielleicht erinnerst du dich daran, dass der erste hier vorgestellte Hinweis besagte, dass Erlösung das Hauptthema jedes biblischen Textes ist. Der letzte Hinweis, den ich betrachten möchte, bringt uns zu demselben Thema zurück. Aufmerksamen Bibelleser muss früher oder später auffallen, dass besonders die Geschichten der Bibel in Zyklen angeordnet sind, in denen die Erlösungsgeschichte quasi in Miniaturform immer wieder durchgespielt wird. Das wird schon in den ersten Kapiteln der Bibel deutlich.

Erinnerst du dich noch an die Struktur von 1. Mose 1-11?

A   Schöpfung, göttlicher Segen (1,1-2:3)

       B   Sünde Adams: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (2,4-3,24)

             C   Keine Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Abel (4,1-16)

                   D   Nachkommen des sündigen Sohnes Kain (4,17-26)

                          E   Nachkommen des erwählten Sohnes Set: 10 Generationen (5,1-32)

                                F   Sünde, die zum Gericht führt: Söhne Gottes (6,1-4)

                                      G   Kurze Einführung: Noah, 3 Söhne (6,5-8)

A’   Flut: Umkehrung der Schöpfung, Neuschöpfung, göttlicher Segen (6,9-9,19)

        B’   Sünde Noahs: Nacktheit, sehen/bedecken von Nacktheit, Fluch (9,20-29)

               C’   Nachkommen des jüngeren, gerechten Sohnes Jafet (10,1-5)

                      D’   Nachkommen des sündigen Sohnes Ham (10,6-20)

                          E’   Nachkommen des erwählten Sohnes Sem: 10 Generationen (10,21-32)

                                     F’   Sünde, die zum Gericht führt: Turmbau zu Babel (11,1-9)

                                            G’   Kurze Einführung: Terah, 3 Söhne (11,27-32)

 

Wie wir bereits festgestellt haben ist es recht offensichtlich, dass der Schreiber des 1. Mosebuches sein Material in den ersten elf Kapiteln ganz bewusst in einer Parallelstruktur angeordnet hat. Dadurch wird deutlich, dass die beiden Sequenzen eigentlich die gleiche Geschichte erzählen: Gott erschafft und segnet den Menschen, der Mensch sündigt, die anhaltende Sünde des Menschen führt zu göttlichem Gericht, doch in beiden Sequenzen wird ein Erlöser eingeführt, der das Land verlassen muss, aber später mit denen zurückkehrt, die Gott treu sind. Dieser Zyklus von Exil und Rückkehr in das Land kommt nicht nur hier am Beginn von 1. Mose vor, sondern kann im ganzen Alten und Neuen Testament beobachtet werden. Schau dir nur mal die folgende Liste an:

  • Noah: Exil (Flut) – Rückkehr in das Land
  • Abraham: Exil (Ägypten) – Rückkehr in das Land
  • Jakob: Exil (zu Laban) – Rückkehr in das Land
  • Israel 1/Mose: Exil (Ägypten) – versuchte Rückkehr in das Land
  • Israel 2/Josua: Exil (40 Jahre in der Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Naomi/Ruth/Boas: Exil (Moab) – Rückkehr in das Land
  • David: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Elia: Exil (Bach/Zarpat) – Rückkehr in das Land
  • Elisa: Exil (über dem Jordan) – Rückkehr in das Land
  • Israel 3: Exil (Babylon) – Rückkehr in das Land
  • Jesus: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land
  • Gemeinde: Exil (Wüste) – Rückkehr in das Land

Die Parallelen zwischen diesen Zyklen sind verblüffend. Denken wir nur einmal an die Ähnlichkeiten zwischen der Geschichte Abrahams und der Geschichte Israels, oder den Geschichten Jakobs und Davids. Diese Parallelen sind eindeutig gewollt. Die große Frage ist: Warum kommt dieses Thema des Exils und der Rückkehr in das Land so häufig vor? Die Antwort ist simpel: weil dadurch immer und immer wieder die große Geschichte der Bibel veranschaulicht wird, die ja eine Geschichte des Exils und der Rückkehr in das Land ist! Weil der Mensch gefallen ist, lebt er jetzt im Exil der Sünde. Doch Gott setzt sich mit all seiner Leidenschaft dafür ein, den Menschen aus dem Exil zu befreien und ihn dorthin zurückzubringen, wo er ursprünglich herkam. 1. Mose 1-4 zeigt, wie Gott den Menschen erschuf und ihn in einen Garten im Land Eden setzte. Aufgrund der Sünde musste der Mensch zuerst den Garten (Adam und Eva) und später auch das Land (Kain) verlassen. Der Rest der Bibel beschreibt letztlich, wie Gott versucht, den Menschen zurück in das Land und zurück in den Garten zu bringen, wo er ihn ursprünglich leben lassen wollte.

Wie schafft Gott das? Indem er einen Erlöser erweckt, der sein Volk wieder in das Land zurückbringt. Das sind die Leute, die zu den verschiedenen Zyklen (s.o.) gehören. Viele von ihnen werden als sogenannte „Typen Jesu“ bezeichnet. Das bedeutet, dass ihre Erlebnisse die Erfahrungen Jesu vorausschatten. (Natürlich sind das nicht die einzigen Erlöserfiguren im AT – es gibt noch viele weitere.) Somit ebnen die einander sehr ähnlichen Zyklen im Alten Testament den Weg für Jesus Christus, der denselben Zyklus durchläuft. Das bedeutet, dass das gesamte Alte Testament auf Jesus vorverweist (siehe Lukas 24,27!). Er geht denselben Weg wie die Menschheit und wie sein Volk Israel, doch er geht ihn ohne zu sündigen. Deswegen hat er das Recht, ihr Erlöser zu sein. Die Gemeinde muss dann in seinen Fußspuren folgen. Er ist das Haupt und wir sind der Leib, deswegen muss seine Erfahrung unsere Erfahrung werden. Kein Wunder, dass uns die Bibel dazu aufruft, wie Jesus zu sein!

Hausaufgabe

Schau dir die Erlebnisse von Abraham und Israel an sowie die Geschichten von Jakob und David. Welche Parallelen entdeckst du?

 

7. Hinweis: Der Text baut auf vorherigen Texten auf (1. Teil)

Inzwischen sollte deutlich geworden sein, dass biblische Texte nicht isoliert für sich alleine stehen, sondern immer Teil von etwas Größerem sind. Das ist nicht wirklich überraschend, wenn wir bedenken, dass die Bibel nicht eine wahllose und ungeordnete Ansammlung von Texten, sondern ein gut durchdachtes literarisches Meisterwerk ist, dass eine große Geschichte erzählt, die in 1. Mose 1 anfängt und in Offenbarung 22 ihren triumphalen Abschluss findet. Und wie bei jeder Geschichte, ist es auch in der Bibel schwierig spätere Teile der Geschichte zu verstehen, wenn man die früheren Teile und vor allem den Anfang der Geschichte nicht kennt. Stell dir vor du würdest einen Roman zur Hand nehmen, den du noch nie zuvor gelesen hast und würdest einfach irgendwo, sagen wir in Kapitel 22 anfangen zu lesen. Wie viel würdest du verstehen? Wahrscheinlich nicht besonders viel. Ohne den Hintergrund der ersten 21 Kapitel würde das, was in Kapitel 22 steht wahrscheinlich nicht besonders viel Sinn machen. Die einzige Möglichkeit, um wirklich zu verstehen, was in Kapitel 22 los ist, ist die ersten 21 Kapitel zu kennen. Dasselbe gilt auch für die Bibel. Man kann beispielsweise einen Text im Buch Josua nicht vollends verstehen, wenn man nicht weiß, was in den fünf Büchern Mose passiert. Genausowenig kann man die Briefe von Paulus vollends verstehen, wenn man das Alte Testament nicht kennt. Warum nicht? Weil Paulus, der Autor des Buches Josua und alle anderen Bibelschreiber sich ständig auf vorherige Texte beziehen und auf sie anspielen. Manchmal tun sie das sehr direkt, indem sie einen vorherigen Text zitieren. Oft tun sie es allerdings auf eher subtile Art und Weise, indem sie ihre Texte so schreiben, dass der aufmerksame Leser unweigerlich an vorherige Texte erinnert wird. Dabei spielt erneut die Wiederholung eine entscheidende Rolle. Indem der Autor bestimmte Wörter, Phrasen, Schauplätze, Motive, etc. wiederholt, möchte er den aufmerksamen Leser dazu animieren, sich die wichtige Frage zu stellen: Woran erinnert mich das? Das funktioniert natürlich nur, wenn der Leser die vorherigen Texte kennt und sich dessen bewusst ist, dass die Bibelschreiber die Angewohnheit haben, auf vorherige Texte anzuspielen. Ansonsten werden die Hinweise, die der Autor im Text hinterlassen hat, schlicht übersehen werden.

Das heißt, wenn wir die Bibel richtig verstehen und auslegen wollen, müssen wir dieses Buch gut kennen. Allermindestens sollten wir ein Grundwissen über den Inhalt der Bibel haben. Die beste Möglichkeit sich dieses Wissen einzueignen, ist ganz einfach die Bibel durchzulesen. Je mehr man liest und desto mehr man mit dem Inhalt vertraut ist, desto leichter ist es zu erkennen auf welche Texte ein Bibelschreiber anspielt und wie diese Anspielungen helfen den Ausgangstext besser zu verstehen. Gib nicht auf, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Es braucht etwas Übung und Zeit, aber es lohnt sich!

Fortsetzung folgt.

5. Hinweis: Der Text arbeitet mit Schlüsselbegriffen (2. Teil)

Hier ist eine weitere Geschichte, die zeigt wie wichtig es ist, Schlüsselbegriffe und –phrasen zu erkennen:

2. Beispiel: 1. Könige 13

Die Geschichte in 1. Könige 13 ist eine der weniger bekannten Erzählungen der Bibel. In diesem Kapitel kommt ein Mann Gottes zu Jerobeam, dem König Israels, der zwei goldene Kälber anfertigen und in Bethel und Dan aufstellen ließ, um die Israeliten davon abzuhalten, zur Anbetung den Tempel in Jerusalem aufzusuchen. In 1. Könige 13 steht Jerobeam auf dem Altar in Bethel um zu opfern, als ein Mann Gottes kommt und gegen den Altar weissagt. Natürlich ärgert sich Jerobeam darüber. Er streckt seine Hand aus und befiehlt die Festnahme des Mannes Gottes. Doch bevor irgendjemand diesen ergreifen kann, verdorrt Jerobeams Hand und der Altar spaltet sich entzwei. Jerobeam fleht den Mann Gottes an, für ihn zu beten, was dieser auch tut – und Jerobeams Hand wird geheilt. Daraufhin möchte Jerobeam den Mann nach Hause einladen, um ihn zu beschenken, doch dieser lehnt ab: er erzählt dem König, dass der Herr ihm befohlen hat, kein Brot zu essen oder Wasser zu trinken und auch nicht auf dem gleichen Weg heimzukehren, auf dem er gekommen war. Besonders der zweite Teil dieses Gebots erscheint eigenartig. Warum sollte der Mann nicht denselben Weg zurückgehen? Ein sorgfältiger Blick auf die Geschichte zeigt, dass die Worte „Weg“ und „zurückkehren“ („zurückbringen“, „zurückführen“) mehrmals wiederholt werden, was darauf hindeutet, dass sie Schlüsselbegriffe sind, die für den Sinn der Geschichte entscheidend sind. Achte einmal auf die Wiederholungen:

7 Und der König redete zu dem Mann Gottes: Komm mit mir ins Haus und stärke dich, und ich will dir ein Geschenk geben! 8 Der Mann Gottes aber sagte zum König: <Selbst> wenn du mir die Hälfte deines Hauses gäbest, so würde ich Nicht mit dir hineingehen. Ich werde an diesem Ort kein Brot essen und kein Wasser trinken. 9 Denn das ist mir geboten durch des HERRN Wort: Du sollst kein Brot essen und kein Wasser trinken und nicht den Weg zurückgehen, den du gekommen bist. 10 Und er ging einen andern Weg und nicht wieder den Weg, den er nach Bethel gekommen war. 11 Es wohnte aber ein alter Prophet in Bethel; zu dem kamen seine Söhne und erzählten ihm alles, was der Mann Gottes getan hatte an diesem Tag in Bethel, und die Worte, die er zum König geredet hatte. 12 Und ihr Vater sprach zu ihnen: Wo ist der Weg, den er gezogen ist? Und seine Söhne zeigten ihm den Weg, den der Mann Gottes gezogen war, der von Juda gekommen war. 13 Er aber sprach zu seinen Söhnen: Sattelt mir den Esel! Und als sie ihm den Esel gesattelt hatten, ritt er auf ihm 14 und zog dem Mann Gottes nach und fand ihn unter einer Eiche sitzen und sprach zu ihm: Bist du der Mann Gottes, der von Juda gekommen ist? Er sprach: Ja. 15 Er sprach zu ihm: Komm mit mir heim und iß Brot mit mir! 16 Er aber sprach: Ich kann nicht mit dir umkehren und mit dir kommen; ich will auch nicht Brot essen noch Wasser trinken mit dir an diesem Ort. 17 Denn es ist zu mir geredet worden durch das Wort des HERRN: Du sollst dort weder Brot essen noch Wasser trinken; du sollst nicht den Weg zurückgehen, den du gekommen bist. 18 Er sprach zu ihm: Ich bin auch ein Prophet wie du, und ein Engel hat zu mir geredet auf das Wort des HERRN hin: Führe ihn wieder mit dir heim, daß er Brot esse und Wasser trinke. Er belog ihn aber. 19 Und er führte ihn wieder zurück, daß er Brot aß und Wasser trank in seinem Hause. 20 Und als sie zu Tisch saßen, kam das Wort des HERRN zum Propheten, der ihn zurückgeführt hatte. 21 Und er rief dem Mann Gottes zu, der von Juda gekommen war: So spricht der HERR: Weil du dem Mund des HERRN ungehorsam gewesen bist und nicht gehalten hast das Gebot, das dir der HERR, dein Gott, geboten hat, 22 und umgekehrt bist, Brot gegessen hast und Wasser getrunken an dem Ort, von dem er dir sagte: Du sollst weder Brot essen noch Wasser trinken -, so soll dein Leichnam nicht in deiner Väter Grab kommen.

23 Und nachdem er gegessen und getrunken hatte, sattelte man für ihn den Esel des Propheten, der ihn zurückgeführt hatte. 24 Und als er seines Weges zog, fand ihn ein Löwe auf dem Wege und tötete ihn. Und sein Leichnam blieb auf dem Wege liegen, und der Esel stand neben ihm, und der Löwe stand neben dem Leichnam. 25 Und als Leute vorübergingen, sahen sie den Leichnam auf dem Wege liegen und den Löwen bei dem Leichnam stehen und kamen und sagten es in der Stadt, in der der alte Prophet wohnte. 26 Als das der Prophet hörte, der ihn zurückgeführt hatte, sprach er: Es ist der Mann Gottes, der dem Mund des HERRN ungehorsam gewesen ist. Darum hat ihn der HERR dem Löwen gegeben; der hat ihn zerrissen und getötet nach dem Wort, das ihm der HERR gesagt hat. 27 Und er sprach zu seinen Söhnen: Sattelt mir den Esel! Und als sie ihn gesattelt hatten, 28 zog er hin und fand den Leichnam auf dem Wege liegen und den Esel und den Löwen neben dem Leichnam stehen. Der Löwe hatte nichts gefressen vom Leichnam und den Esel nicht zerrissen. 29 Da hob der Prophet den Leichnam des Mannes Gottes auf und legte ihn auf den Esel und brachte ihn zurück und kam in seine Stadt, um die Totenklage zu halten und ihn zu begraben.

Das Motiv des Weges und des Zurückkehrens/Nicht-Zurückkehrens fällt in dieser Geschichte ganz klar auf. Die Frage ist: Was bedeutet dieses Motiv? Warum sollte der Mann nicht denselben Weg zurückkehren, den er gekommen war? Der Autor lässt uns bis zum Ende im Unklaren, gibt aber dann den entscheidenden Hinweis, indem er die zwei Schlüsselbegriffe noch einmal erwähnt:

33 Aber nach diesem Geschehnis kehrte Jerobeam nicht um von seinem bösen Wege, sondern bestellte wieder Priester für die Höhen aus allem Volk. Wer da wollte, dessen Hand füllte er, und der wurde Priester für die Höhen.

Jetzt beginnt die Geschichte Sinn zu machen. Der Befehl an den Mann Gottes bzgl. seiner Handlungen sind tatsächlich eine Botschaft an Jerobeam (genauso wie die Episode mit der verdorrten Hand auch eine Botschaft an Jerobeam war – dort erscheint das Wort „zurückkehren“ ebenfalls: in deutschen Übersetzungen wird es oft mit „wieder an sich ziehen“ übersetzt, siehe Verse 5 und 6). Beide – der Mann Gottes als auch Jerobeam – sind auf einem Weg: der Mann Gottes im wörtlichen Sinn und Jerobeam im übertragenen Sinn. Jerobeam befindet sich auf einem bösen Weg, von dem ihn Gott abbringen möchte. Er möchte, dass Jerobeam zurückkehrt, aber nicht auf demselben Weg, den er vorher gegangen ist. Deswegen sind die Anweisungen an den Mann Gottes so streng. Er dient eigentlich als ein lebendes Gleichnis für Jerobeam und soll diesem durch seine Handlungen ein Beispiel geben, welchem der König folgen soll. Als der Mann Gottes dem göttlichen Gebot ungehorsam ist und von dem, was er tun soll, abweicht, bleibt er dennoch ein lebendes Gleichnis – wenn auch in negativer Weise: er stellt dar, was Jerobeam getan hat, nämlich den Weg zu verlassen, den er gehen sollte. Deswegen überrascht es auch nicht, dass das Ende des Mannes Gottes auch das Ende Jerobeams erahnen lässt. Sogar in seinem Tod „spricht“ der Mann Gottes immer noch zu Jerobeam: wenn du auf dem Weg, den du nicht gehen sollst, bleibst, dann wirst du so wie ich sterben.

Diese Geschichte verdeutlicht erneut, wie wichtig es ist, Wiederholungen im Text zu bemerken, um dessen Bedeutung besser zu verstehen. Ohne diesen Schritt bleibt die Geschichte in 1. Könige 13 ein Stück weit rätselhaft. Gleichzeitig muss betont werden, dass in diesem Text noch viel mehr zu finden ist, als ich oben geschrieben habe. Weiteres Studium ist notwendig, um ganz zu verstehen, was der Autor sagen möchte. Das Erkennen der Schlüsselbegriffe „Weg“ und „zurückkehren“ ist jedoch ein wichtiger Schritt, der uns hilft, eine der Hauptfragen der Geschichte zu beantworten. Außerdem wird dadurch der Charakter Gottes noch näher beleuchtet. Er ist nicht nur ein Gott, der es ernst meint mit seinem Wort, sondern auch ein Gott, der verzweifelt versucht, einen bösen König zu erreichen und ihn von seinem schlechten Weg abzubringen.

Hausaufgabe (für alle, die noch ein wenig mehr üben möchten)

Schau dir 1. Mose 4,1-16 an. Welcher Schlüsselbegriff kommt siebenmal in dieser Geschichte vor und was bedeutet diese Wiederholung? Wenn du magst, kannst du deine Antwort gerne als Kommentar hier veröffentlichen.